#346 Gott und andere denkende Wesen
January 14, 2016Sehr geehrter Prof. Craig[1],
ich gebe es gleich unumwunden zu: Ich bin Atheist. Ich bin kein Agnostiker. Ich glaube, dass es keinen Gott gibt und meine, dafür auch gute Gründe zu haben. Nun, wo ich das klargestellt habe: Ich habe Ihre Beiträge mit großer Freude gelesen und gehört und ich respektiere die Tatsache, dass Sie den Theismus in ein vernünftiges Gewand kleiden wollen.
Da gibt es allerdings einen Punkt, zu dem hätte ich gerne gewusst, wie Sie darüber denken.
Eines der Argumente, das ich gewöhnlich für den Atheismus anführe, ist folgendes. Eine der grundlegendsten und allgemeinen Vorstellungen von Gott umfasst die folgenden zwei notwendigen Eigenschaften:
1) Gott ist persönlicher Natur. Damit meine ich, Gott ist eine Person mit Bewusstsein, Wissen, Willen, Empfindungsvermögen usf.
2) Gott ist ursprünglich. Damit meine ich, seine Existenz hängt von nichts ab. Er geht logisch und zeitlich allem anderen voraus.
Als Atheist gehe ich davon aus, dass Gott (mindestens) diese beiden Eigenschaften in sich vereinigt. Hat ein Theist eine Vorstellung von Gott, die diese BEIDEN Eigenschaften nicht umfasst, sollte er gefälligst einen anderen Begriff als „Gott“ verwenden, um seine Überzeugungen darzulegen – jedenfalls im Gespräch mit mir.
Meine erste Frage lautet: Sind Sie der Ansicht, meine Beschreibung von Gott gehe – als Minimalbeschreibung gedacht – in Ordnung?
Mein erstes Argument gegen die Existenz Gottes ist sehr einfach: Eine Person kann NIEMALS in diesem Sinn ursprünglich sein. Ich fasse dieses Argument mit einer einfachen Voraussetzung zusammen, die ich für das Weitere „Voraussetzung A“ nennen werde:
Voraussetzung (A): „Ein Geist bedarf eines Gehirns.“
Dieses Gehirn muss freilich nicht notwendig menschlicher, vielleicht nicht einmal biologischer Natur sein, aber es muss eine Art Gehirn sein, das eine Struktur bzw. interagierende Komponenten und einen minimalen Grad an Komplexität aufweist. Ich könnte dies zwar näher erläutern, aber darum geht es mir hier nicht.
Aus allem, was Sie gesagt und geschrieben haben, nehme ich an, dass Sie Voraussetzung (A) leugnen – und das ist für den Moment in Ordnung (ich denke, meine nächste Frage wird Sie zwingen, diese Voraussetzung einzuräumen).
Nun zwei weitere Fragen an Sie:
1) Angenommen, es könnte gezeigt werden, dass Voraussetzung (A) stimmt, wäre das ein Beweis für den Atheismus? Oder könnte man in gewissem Sinn auch sagen, Gott könne ein komplexes und strukturiertes Gehirn besitzen und dennoch im verlangten Sinn ursprünglich sein?
2) Ist nach Ihrer Sichtweise Voraussetzung (A) notwendig falsch, oder ist sie nur manchmal falsch? Mit anderen Worten: Brauchen manche Wesen geistiger Natur – z. B. der menschliche Geist – Gehirne, und Gott wäre einfach die Ausnahme der sonst vollkommen plausiblen Regel?
Ich danke Ihnen im Voraus für die Betrachtung dieser Fragen.
Grüße, Damien
<ul><li>Australia</li></ul>
Dr. craig’s response
A [
Wie erfrischend, eine so durchdachte Frage zu erhalten, Damien! Ich wünschte, Sie hätten Ihr anti-theistisches Argument vollständig ausformuliert, aber ich glaube, ich kann die fehlenden Prämissen ahnen.
Ja, auch ich gehe davon aus, dass Gott die beiden Eigenschaften in sich vereinigt, die Sie erwähnt haben, also Personsein und Ursprünglichkeit. Mein Forschungsschwerpunkt seit über einem Jahrzehnt geht über das, was Sie Gottes Ursprünglichkeit genannt haben. Die Theologen sprechen hier von Gottes „Aseität“ oder Selbstbegründetheit. Daher ist es mir stets eine Freude, darüber im Gespräch zu sein. Ich möchte Ihre zweite Aussage korrigieren, indem ich statt von „logisch und zeitlich“ von „ontologisch und kausal“ spreche. (Es muss also heißen: Gott geht ontologisch und kausal allem anderen voraus). Logische Priorität ist vom Aussagegehalt zu wenig, um Gottes Ursprünglichkeit zu erfassen; zeitlicher Vorrang ist nicht notwendig, da Gott, wenn er zeitlos ist, nicht anderen Dingen „voraus“ ist. Also ja, Ihre Beschreibung von Gott ist – minimalistisch gesehen – völlig in Ordnung.
Warum also kann eine ursprüngliche Wirklichkeit nicht persönlicher Natur sein? Weil (A) „geistige Wesen eines Gehirns bedürfen“? Weshalb sollte (A) stimmen? Mir fällt kein guter Grund ein, (A) im allgemeinen für stimmig zu halten, und auch Sie haben keinen geliefert. Der Begriff „bedürfen“ impliziert ja schon, dass Sie (A) für notwendig halten. Aber wie können Sie wissen, dass die Existenz eines körperlosen Geistes unmöglich ist? Selbst wenn Menschen wesenhaft verkörpert sein müssen – was hier irrelevant ist –, welches Argument können Sie liefern, das zeigte, dass es so etwas wie einen körperlosen Geist nicht geben kann? Könnte man das nicht auch einfach mangelnder Vorstellungskraft zuschreiben?
Damit lehne ich Voraussetzung (A) ab, ja. Wer davon ausgeht, dass körperlose Geistwesen nicht existieren können, setzt den Atheismus schon voraus. Dagegen habe ich viele Argumente zugunsten des Theismus angeführt, die – sollten sie stimmig sein – (A) als Irrtum erweisen. In meinen Vorlesungen des „Defenders Podcast“ zur Lehre vom Menschen habe ich argumentiert, dass (A) selbst im Hinblick auf den Menschen falsch ist, von Gott mal ganz zu schweigen. Doch darum geht es hier nicht. Da ja Sie dieses Argument vorbringen, liegt die Beweislast auf Ihren Schultern – Sie müssten uns Argumente liefern, die dazu führen, dass man (A) für wahr halten kann.
Nun zu Ihren beiden Fragen:
1) Angenommen, es könnte – irgendwie – überzeugend gezeigt werden, dass Voraussetzung (A) stimmt, wäre das Beweis genug für den Atheismus?
Antwort: Ja! Denn (A) ist gleichbedeutend mit der Behauptung: es gibt keinen Gott. Zugegeben: Es gibt so genannte Prozesstheologen, die meinen, Gottes Körper sei das Universum. Doch sie zählen nicht zu den klassischen Theisten, sondern sind dem Panentheismus zuzuzählen.
2) Ist Voraussetzung (A) notwendig falsch, oder ist sie nur manchmal falsch?
Antwort: (A) ist notwendig falsch, denn Gott existiert in jeder möglichen Welt und ist wesenhaft unkörperlich. Es wäre also in keiner denkbaren Welt wahr, dass alle geistigen Wesen naturgemäß oder notwendigerweise einen Körper haben müssen. Es könnte allerdings der Fall sein, dass manche geistigen Wesen verkörpert sein müssen. Viele Philosophen denken, der menschliche Geist müsse notwendig verkörpert sein. Selbst einige christliche Philosophen glauben das, und deshalb halten sie die judeo-christliche Lehre von der Auferstehung des Körpers (entgegen der Sicht, dass lediglich die Seele unsterblich sei) auch für so überzeugend. Ich hoffe, dass Sie sehen: Meine Behauptung, einige geistige Wesen müssen notwendig verkörpert sein, impliziert nicht, dass (A) – als allgemeine Behauptung genommen – stimmt.
Würden Sie zustimmen, dass unter diesen Voraussetzungen Ihr Argument für (A) nicht überzeugt?
(Übers.: I. Carobbio)
Link to the original article in English: /god-and-other-minds
ENDANSWER
[1] Die Überschrift lautet im Englischen "God and Other Minds" und ist eine Anspielung auf das gleichnamige Buch des bedeutenden christlichen Religionsphilosophen Alvin Plantinga (Erstveröffentlichung 1967).
Vgl. Alvin Plantinga: God and Other Minds: A Study of the Rational Justification of Belief in God (Cornell University Press 1990 (Neuauflage). Es gilt als eines der wichtigsten Bücher der Religionsphilosophie im 20. Jahrhundert, welches v.a. in den USA zu einer Erstarkung der religionsphilosophischen Debatte führte. (A.d.L.)
- William Lane Craig
