#260 Gott, Zeit und Schöpfung
January 14, 2016Sehr geehrter Prof. Craig,
Danke für alle Ihre akademische Arbeit zur Verteidigung des Glaubens und Ausbreitung des Reiches Gottes.
Ich bin ein Jugendpastor, der an jedem Sonntagmorgen seinen Studenten die Grundlagen des christlichen Glaubens vermittelt. Ich genieße jede Minute davon, und die Studenten lernen auch dazu und haben Freude daran.
Ich habe versucht, sowohl Ihren "Defenders Podcast" über christliche Lehre als auch andere systematisch-theologische und dogmatische Werke in meinem Unterricht als Quellen zu verwenden, um Arbeitsblätter und Unterrichtsskripte zu entwerfen, die den Studenten helfen, mit den mehr theologischen und philosophischen Fragen zurechtzukommen. Wir haben die Vortragsserie Doctrine of Revelation (Lehre über die Offenbarung) gerade beendet und sind nun bei Woche 4 in Doctrine of God (Lehre über Gott).
In der Vortragsserie „Doctrine of God“ kam ich zu dem Abschnitt über Gottes Beziehung zu Zeit und Ewigkeit und wollte gerne wissen, ob Sie zu einigen Anfragen, die auftauchen, etwas sagen können. Ich stieß auf einen Auszug aus einem gewissen Buch über systematische Theologie, in dem behauptet wird:
„Es ist … beachtenswert, dass es … inkohärent ist, von Gott als ewig vor der Schöpfung und zeitlich nach der Schöpfung zu sprechen. Für einen Theisten verändert die Erschaffung der Welt nicht die Natur Gottes. Die Welt ist nicht ex deo („aus Gott heraus“) erschaffen; das ist Pantheismus. Für den Theismus ist die Welt ex nihilo („aus dem Nichts“) erschaffen. Folglich verändert Gott sich nicht „intrinsisch“, d. h. in seiner Essenz, indem er etwas anderes erschafft. Das Einzige, was sich verändert, ist „extrinsisch“, die Beziehung der Welt zu Ihm. Vor der Schöpfung hatte die Welt keine Beziehung zu Gott, da sie nicht existierte. Bei der Schöpfung und danach wurde Gott das erste Mal zum „Schöpfer“ …Vor der Schöpfung war er Gott, aber nicht Schöpfer. Das heißt, bei der Schöpfung gewann Gott eine neue Beziehung, aber nicht irgendwelche neuen Eigenschaften. Er veränderte sich nicht in Seiner Essenz, sondern in Seinem externalen Handeln ...[Das Argument, das die Zeitlichkeit Gottes verteidigt,] geht davon aus, dass ein Handeln in der Zeit bedeutet, zeitlich zu sein. Es beweist nicht, dass der Handelnde zeitlich ist, sondern nur, dass Seine Handlungen zeitlich sind. Klassische Theisten leugnen nicht, dass Gottes Handlungen zeitlich sind. Sie bestehen nur darauf, dass Gottes Eigenschaften nicht zeitlich sind.“
Aus dem, was ich von Ihnen gehört und gelesen habe, entnehme ich, dass Sie die Position vertreten, Gott sei ohne die Schöpfung ewig und im Anschluss an die Schöpfung zeitlich. Meine Frage lautet: „Ist es nicht möglich, dass Gott ewig bleiben kann, während Seine HANDLUNGEN als zeitlich gesehen werden?“ Wozu annehmen, dass Er, nur weil er handelt, „gänzlich“ räumlich und zeitlich lokalisierbar werden muss?
Ein Beispiel für das, was ich damit sagen will: Eine Person könnte einen Stempel mit einem Datum nehmen und ihn auf ein Stück Papier drücken. Während das gestempelte Datum mit diesem spezifischen Datum fest ist – wir haben einen Zeitpunkt, an dem sich etwas ereignete – ist der Stempelnde nicht notwendigerweise an diese gestempelte Zeit gebunden (wobei ich versuche, emotional beladene Worte wie „darin gefangen“ zu verwenden). Stimmt das?
Ich versuche, das zu verstehen. Warum würde es Gott an die Zeit binden, wenn Er einfach nur in der Zeit handelt? Ist es außerdem nicht sogar möglich oder wahrscheinlich, dass ein Modell göttlicher Hyper-Zeit wirklich existiert (möglicherweise sogar in der Zukunft formuliert wird) und wir einfach zu begrenzt sind, um ein Konzept wie die Ewigkeit ganz zu erfassen?
Hochachtungsvoll,
Michael
<ul><li>United States</li></ul>
Dr. craig’s response
A [
Es freut mich sehr, dass Sie unseren Defenders Podcast hilfreich finden, Michael! Damit rüsten Sie Ihre Studenten sicherlich dafür aus, intensiv über ihren christlichen Glauben nachzudenken.
Die Antwort auf Ihre Frage wird, so denke ich, davon abhängen, welche Sichtweise über das Wesen der Zeit man sich zu eigen macht: eine "zeitliche Sicht" (A-Theorie der Zeit) oder eine "zeitlose Sicht" (B-Theorie der Zeit). Nach der B-Theorie der Zeit gibt es kein denk-unabhängiges zeitliches Werden; alle Ereignisse auf dem Zeitstrahl sind gleichermaßen real, so wie jeder Zentimeter auf einer Messlatte gleichermaßen real ist. Bei dieser Sicht ist es leicht, zu verstehen, wie Gott außerhalb der Zeit existieren kann und Seine Handlungen verschiedenen Zeitpunkten zugeordnet werden können. Oder vielleicht wäre es akkurater zu sagen, dass Gott nur eine zeitlose Handlung mit sehr vielen Facetten vollzieht und deren Effekte zu verschiedenen Zeitpunkten auftreten. Es wäre so, als wenn eine drei-dimensionale Person gleichzeitig Effekte an verschiedenen Orten eines zwei-dimensionalen Flachlandes hervorriefe. Da der ganze vier-dimensionale Raum-Zeit-„Block“ zeitlos mit Gott koexistiert, tritt Gott niemals in eine neue Beziehung zu ihm, und Seine Wirkungen darin müssen nicht durch sukzessive Handlungen Seinerseits hervorgerufen werden.
Nehmen Sie hingegen die A-Theorie der Zeit. Nach dieser Sicht ist das zeitliche Werden real, und Ereignisse in der Zeit sind keineswegs alle ontologisch gleich. Gott kann dann nicht zeitlos zukünftige Ereignisse verursachen, denn sonst würden diese an ihren Zukunftskoordinaten existieren, was sie nach der A-Theorie nicht tun. Ihre Analogie mit dem stempelnden Menschen ist nicht wirklich relevant. Sie besagt letztlich nur, dass jemand ein falsches Datum stempeln kann. Der relevante Punkt ist, dass Gott nicht zeitlos ein Ereignis zu einem zukünftigen Zeitpunkt schaffen kann, ohne dass dieses Ereignis zeitlos zu diesem Datum existiert.
Der Theologe, den Sie zitieren, macht sein Argument sogar zunichte, indem er zugibt, dass Gott bei der Schöpfung in eine neue Beziehung zum Universum tritt. Wenn sich etwas in der Beziehung zu anderen Dingen verändert, dann hat es eine extrinsische Veränderung durchgemacht und muss deshalb innerhalb der Zeit sein. Wenn ich mich beispielsweise in der Beziehung zu meinem Sohn von der Beziehung größer als zur Beziehung kleiner als hin verändere, dann habe ich mich intrinsisch nicht verändert. Dennoch, um eine solche Veränderung zu vollziehen, muss ich innerhalb der Zeit sein. Es gab eine Zeit, in der ich in der einen Beziehung stand und dann eine andere Zeit, in der ich in der anderen Beziehung stand.
Thomas von Aquin erkannte, dass selbst wenn Gott eine solche extrinsische Veränderung durchmachte, dies ausreichend wäre, um Gott zeitlich werden zu lassen. Aquin vermied diese Schlussfolgerung nur, indem er sich die sehr problematische Lehre zu eigen machte, dass zwar die Geschöpfe wirklich mit Gott in Beziehung stehen, Gott jedoch nicht wirklich in Beziehung zu den Geschöpfen stehe (siehe die Diskussion in meinem Buch Time and Eternity).
Somit ist es nicht ganz richtig, zu behaupten, dass “[das Argument, dass die Zeitlichkeit Gottes verteidigt] davon ausgeht, Handeln in der Zeit bedeute zeitlich zu sein“. Es besagt vielmehr, wenn eine A-Theorie der Zeit wahr ist, dann ist das Handeln in der Zeit zeitlich.
Es ist sinnlos zu versuchen, dieses Argument dadurch zu vermeiden, dass man eine höhere Hyper-Zeit postuliert, in der Gott alle Ereignisse in unserer Zeit hervorruft. Denn dann wiederholt sich die ganze Debatte nur wieder auf der Hyper-Ebene. Ist die Hyper-Zeit eine zeitliche Zeit oder eine zeitlose Zeit? Dieselben Schlussfolgerungen würden sich ergeben, und nichts wäre dadurch gewonnen, dass man die ganze Debatte auf eine höhere Ebene verlagerte.
(Übers.: B. Currlin)
Link to the original article in English: /god-time-and-creation1
- William Lane Craig