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#45 Über ein Argument zum leeren Grab Jesu

January 14, 2016
Q

Meine Frage wurde von einer Website angeregt, die versucht, Ihre Aussagen zu entkräften. Gibt es Schriftstücke außerhalb des NT, die auf eine Zeit vor Pfingsten (oder vor Ablauf von 50 Tagen nach Pfingsten) datieren? Kann das untenstehende Zitat überzeugen, wenn man bedenkt, dass die Menschen zur Zeit Jesu ja nicht über die medizinischen Kenntnisse verfügten wie wir heute? Der Autor sagt da beispielsweise:

„Wo es um das bekannte ,leere Grab‘ geht, kramt Craig den alten Hut hervor: Wäre das Grab nicht augenscheinlich leer gewesen, so hätte die Obrigkeit die Verkündigung der Apostel mit dem Hinweis auf den Leichnam ganz leicht zum Schweigen bringen können: ,Da ist euer auferstandener Retter! Schnuppert doch mal!‘ Aber dieser Einwand ist absurd, denn das NT veranschlagt die Zeit zwischen dem Tod Jesu und der Verkündigung der Jünger auf fünfzig Tage, verlegt den Zeitpunkt (des Beginns der Verkündigung) also auf Pfingsten! Nach sieben Wochen, so möchte ich hinzufügen, ist es höchst fraglich, ob man die sterblichen Überreste Jesu noch hätte identifizieren können. Will Craig uns damit sagen, der Sanhedrin hätte sich moderner gerichtsmedizinischer Methoden bedienen können und den verwesenden Leichnam Jesu etwa anhand zahnärztlicher Aufzeichnungen über den Zustand der Zähne identifizieren können? Genauso gut könnte man die siebenwöchige Zeitlücke anführen um zu zeigen, dass die Jünger schlau genug waren, so lange zu warten, bis eine Widerlegung der Auferstehung gar nicht mehr möglich war!“

Bitte entschuldigen Sie die Länge meiner Frage!

Kristina

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Meiner Ansicht nach ist das ein recht schwacher Einwand auf die bekannten Argumente zugunsten des leeren Grabes; die geschichtliche Verlässlichkeit des Berichts vom Begräbnis Jesu durch Joseph von Arimathäa stützt die Tatsache des leeren Grabes.

Der Kern des Argumentes für das leere Grab ist dieser: Ist der Bericht vom Begräbnis stimmig, dann wussten Juden und Christen in Jerusalem ganz genau, wo sich das Grab befand, schließlich waren ja beide Parteien anwesend, als Jesus begraben wurde. In diesem Fall aber müsste das Grab leer gewesen sein, als die Jünger verkündigten, Jesus sei auferstanden.

Warum? Erstens: Die Jünger konnten unmöglich an Jesu Auferstehung geglaubt haben, wenn dessen Leichnam immer noch im Grab gelegen hätte. Es wäre vollkommen „unjüdisch“, um nicht zu sagen: dämlich gewesen, anzunehmen, ein Mann sei auferstanden, selbst wenn sein Leichnam noch im Grab lag. Zweitens: Hätten die Jünger Jesu Auferstehung verkündigt, obgleich dessen Leichnam im Grab lag, es hätte ihnen kein Mensch geglaubt. Es ist aber bemerkenswert: Gerade dort, wo Jesus öffentlich gekreuzigt worden war, nahm der Glaube an die Auferstehung seinen blühenden Ausgang! Hätten die Einwohner Jerusalems gedacht, Jesu Leichnam befinde sich noch im Grab, so hätten nur äußerst wenige Menschen einen solchen Auferstehungsunsinn geglaubt. Und drittens: Selbst wenn sie dies geglaubt hätten, hätte die jüdische Obrigkeit die ganze Sache einfach entkräften können, indem sie auf das Grab Jesu gezeigt, den Leichnam exhumiert und so überzeugend hätte dartun können, dass Jesus eben nicht auferstanden ist.

Genau darauf bezieht sich unser Skeptikus: Als die Jünger die Auferstehung fünfzig Tage danach in Jerusalem verkündigten, war Jesu Leichnam angeblich schon so stark verwest, dass er unmöglich hätte identifiziert werden können. Nun widerspricht das aber den Tatsachen: Zur Identifikation eines Gekreuzigten im Grab eines angesehenen Mitglieds des jüdischen Sanhedrin bedarf man weder eines Gebissbefunds noch der modernen Forensik! Das Wichtigste wird überdies übergangen: Selbst wenn die sterblichen Überreste in Josephs Grab nicht identifizierbar gewesen wären, die Beweislast hätte immer noch auf den Schultern derer gelegen, die behaupteten, es handele sich nicht um Jesu Leichnam, denn genau dorthin hatte Joseph den Leichnam ja legen lassen! Wie ich vorhin gesagt habe: So lange die Einwohner Jerusalems dachten, Jesu Leib liege im Grab, hätte wohl kaum jemand geglaubt, Jesus sei von den Toten auferweckt worden. Um glaubhaft darzulegen, dass es sich bei den sterblichen Überresten nicht um den Leichnam Jesu handelt, hätte die jüdische Obrigkeit mit einer erstaunlichen Geschichte aufwarten müssen – sie hätten erklären müssen, wie plötzlich ein anderer Leichnam in das Grab gekommen ist, in das einer aus ihren eigenen Reihen Jesu Leichnam begraben hatte!

Ein solcher Streit um die Identität der sterblichen Überreste Jesu scheint es aber nie gegeben zu haben. Der strittige Punkt zwischen jüdischen Nichtchristen und jüdischen Christen in Jerusalem war vielmehr die Frage, wie das Grab hatte plötzlich leer sein können (Mt 28,11-15). Hätte sich in Josephs Grab ein Leichnam gefunden, und mag er noch so unidentifizierbar gewesen sein, die jüdische Polemik gegen die christliche Verkündigung der Auferstehung Jesu hätte eine völlig andere Richtung eingeschlagen. Erstaunlicherweise leugnete die jüdische Obrigkeit das leere Grab aber gar nicht, sondern verstrickte sich stattdessen in eine aussichtslose Reihe an Absurditäten, um die Tatsache des leeren Grabes wegzuerklären.

Sehr aufschlussreich: Unser Kritikus nimmt zur Verdeutlichung seines Arguments seine Zuflucht zu Verschwörungstheorien des Deismus aus dem 18. Jh. Er schlägt damit einen Weg ein, den heute kein einziger Historiker oder Bibelwissenschaftler mehr einschlagen würde.

Ich glaube, unter diesen Umständen werden Sie zustimmen können, dass die Forderung nach außerbiblischen Quellen zur Datierung der Auferstehungsverkündigung der Jünger am Punkt vorbeigeht. So bezieht sich eine andere Beweisführung zugunsten des leeren Grabes auf die Existenz vieler früher voneinander unabhängiger Quellen, die eben davon sprechen. Der Bericht von der Grablegung Jesu durch Joseph von Arimathäa bzw. von der Entdeckung des leeren Grabes durch die Frauen entstammt dem Quellenmaterial der Leidensgeschichte des Markus (Leidenssgeschichte = Bericht vom Leiden und Sterben Jesu). Das Markusevangelium ist der früheste der vier Evangelienberichte; dieser „vormarkinische“ Leidensbericht entstammt einer sehr frühen Quelle, die vielleicht auf ein direktes Augenzeugnis zurückgeht. In 1. Korinther 15,3-5 zitiert Paulus eine altchristliche Überlieferung, die er von den ersten Jüngern erhalten hatte, vielleicht anlässlich seiner Reise nach Jerusalem im Jahr 36 (Gal 1,18), wenn nicht noch früher in Damaskus. Diese Überlieferung datiert zurück auf die ersten fünf Jahre nach Jesu Tod im Jahr 30. Auch wenn diese Überlieferung das leere Grab nicht ausdrücklich erwähnt, zeigt der Vergleich dieses Vierzeilers mit den Evangeliumsberichten und den Predigten in der Apostelgeschichte doch: Die dritte Zeile stellt im Grunde eine Zusammenfassung der Geschichte vom leeren Grab dar.

Das ist nicht alles: Es gibt gute Gründe, unabhängige Quellen in den anderen Evangelienberichten und in der Apostelgeschichte zu unterscheiden. Matthäus bedient sich ganz klar aus einer unabhängigen Quelle. So finden sich in seinem Bericht auch die Wachen am Grab – dieses Detail hat nur Matthäus. Auch zeigt die Stelle, wo er vom Aufruhr berichtet, der entstanden war und der unter den „Juden bis zum heutigen Tag verbreitet“ war (Mt 28,15), dass Matthäus seinen Bericht auf eine frühere Überlieferung basiert. Auch Lukas schöpft aus einer eigenen Quelle, denn er erzählt die Geschichte der beiden Jünger, die zum Grab eilen, um den Bericht der Frauen zu überprüfen – ein Detail, das sich bei Markus nicht findet. Dieses Detail kann aber nicht Lukas’ Erfindung sein, denn Johannes berichtet den Vorfall ebenfalls, und ebenso unabhängig. Neben der Unabhängigkeit des Johannes von den anderen drei Evangelienberichten haben wir damit noch einen eigenständigen Bericht vom leeren Grab. Schließlich finden sich auch in den Predigten der Apostelgeschichte indirekte Hinweise auf das leere Grab. So zieht Petrus den starken Gegensatz: „David … ist gestorben und begraben, und sein Grab ist unter uns bis zu diesem Tag“, aber „diesen Jesus hat Gott auferweckt; dafür sind wir alle Zeugen“ (Apg 2,29-32 vgl. 13,36-7).

Historiker bezeichnen es als Erfolg, wenn sie zwei voneinander unabhängige Quellen für dasselbe geschichtliche Ereignis finden, doch im Fall des leeren Grabes haben wir nicht weniger als sechs solcher Berichte, und einige davon gehören zum frühesten Material des Neuen Testaments! Wir haben also sehr starke geschichtliche Gründe für die Behauptung, wonach die Jünger, bevor sie Jerusalem verließen, um nach Galiläa zu gehen, längst vom leeren Grab wussten.

William Lane Craig

(Übers.: I. Carobbio; L: RN)

Link to the original article in English: /on-an-argument-for-the-empty-tomb

- William Lane Craig