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#21 Der Hinduismus und die Moral

January 14, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

in Ihrem Moral-Argument[1] sagen Sie, dass Gottes absolut heiliges Wesen (das unabhängig von der Erschaffung der Welt existiert,) die Grundlage für die Moral darstellt. Ich habe von einem Argument gehört, dem zufolge Gott weder gut noch böse (außerhalb der Schöpfung, einfach "reines Prinzip") ist. Hier ist das Argument; könnten Sie etwas dazu sagen?

Zuerst bestimmt Gott seine Natur näher, in Bezug auf den Menschen; erst DANACH kommen die Gebote Gottes für die Menschen. Wenn es keine Schöpfung, keine Manifestation gibt, sondern nur das Reine Prinzip, kann nicht von einer „spezifischen“ Qualität gesprochen werden (Nirguna), weil das Prinzip in sich selbst ALLE Qualitäten und Potentiale in unendlichem Maße enthält, ohne dass eine davon „realisiert“ wird. Erst bei der Schöpfung oder Manifestation (die eine Willenshandlung ist) werden bestimmte Qualitäten ausgedrückt (Saguna), die dann das Wesen Gottes in Bezug auf den Menschen und das Universum ausmachen. An dieser Bestimmung von Gottes Eigenschaften in Bezug auf den Menschen ist nichts willkürlich, weil die Schöpfung / Manifestation selbst daraus folgt, und der Mensch wäre, was seine moralische Verfassung angeht, nicht so, wie er ist, wenn nicht auch das gesamte Universum der so bestimmten Moral entsprechen würde. In Bezug auf unser Universum oder unseren Existenzzustand kann sein Wesen sehr treffend als „unwandelbar“ beschrieben werden.

Willkürlichkeit (oder Nicht-Willkürlichkeit) der Moral selbst ist eine „Qualität der Bestimmung“, die erst bei der Schöpfung / Manifestation „in die Existenz kommt“ oder „realisiert“ wird. Jenseits der Schöpfung / Manifestation gibt es keine Qualität, weil das Reine Prinzip im komplettesten Sinn der Wörter unbeschreiblich, unausdrücklich, unbestimmt, unendlich, ohne Qualitäten ist (Nirguna, weil er die Reine Qualität selbst ist). Der Verstand ist in unserer individuellen (oder geschaffenen / manifestierten) Existenz verwurzelt, doch was über den Verstand hinausgeht, ist der Geist Gottes in uns oder der Intellekt Gottes, der uns durchdringt. Der Verstand, der ja relativ ist, ist auf das Verständnis durch Kontraste (Dualität) und Exklusivität beschränkt – daher auch die Unterscheidung zwischen Willkürlichkeit und Nicht-Willkürlichkeit oder das Paradoxon des freien Willens und der Vorherbestimmung. Auf der Ebene des Absoluten verblassen diese Unterscheidungen, alle Paradoxa werden aufgelöst und nur die schlichte Singularität des Prinzips bleibt.

Das Töten von Säuglingen, Vergewaltigung usw. sind „mögliche / potentielle“ Handlungen, die aus Sicht des ungeschaffenen / unmanifestierten Prinzips nicht als willkürlich (oder nicht-willkürlich) beschrieben werden können, weil selbst diese „Qualität“ (Willkürlichkeit) oder dieser „Wert“ noch nicht geschaffen / manifestiert worden ist. Die Schöpfung / Manifestation führt zu zwei Dingen: der „Aktualisierung“ einer bestimmten Welt, mit all ihren Gesetzmäßigkeiten, Ereignissen und Wesen, und der Zuweisung deren jeweiliger Werte (Qualitäten). Sie stimmen mit einander überein; wenn das Töten von Säuglingen, Vergewaltigung usw. als gute oder vorteilhafte Handlungen für den Menschen „realisiert“ würden, wären ihnen auch Werte der Tugendhaftigkeit und Wohltätigkeit zugeschrieben worden. Im Falle unseres geschaffenen / manifestierten Zustandes verletzen diese Handlungen, sie tun weh, verursachen Leid und stimmen somit mit den ihnen zugeschriebenen Werten überein, die negativ, abscheulich und böse sind.

Sunil

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Ich nehme stark an, dass Ihnen dieses Argument von jemandem vorgetragen wurde, der an diese Fragen mit einer hinduistischen Sichtweise herangeht.

Man muss sich immer fragen: „Welche Prämisse meines Argumentes streitet der Gesprächspartner ab?" Sonst wird man, vor allem in einem solchen Fall, leicht von all den Worthülsen abgelenkt. Es ist offensichtlich, dass der Gesprächspartner nicht die erste Prämisse des von mir formulierten Moral-Argumentes bestreitet:

P1: Wenn Gott nicht existiert, existieren auch keine moralischen Werte und Pflichten.

Denn er sagt nichts darüber, was mit der Moral wäre, wenn der Atheismus wahr wäre.

Es ist aber offensichtlich, dass er vielmehr die zweite Prämisse abstreitet:

P2: Objektive moralische Werte und Pflichten existieren.

Denn er sagt, dass das, was er „Gott“ nennt, das Höchste Prinzip, jenseits aller Unterscheidungen steht, einschließlich der zwischen Gut und Böse. Unterscheidungen zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch, sind reine Erscheinungsformen als Ergebnis der Betätigung des menschlichen Verstandes, der in Dualitäten und Exklusivität (mit anderen Worten: dem Satz vom Widerspruch!) denken muss.

Ich verstehe, dass das Höchste Prinzip seiner Ansicht nach auch jenseits der Unterscheidung zwischen willkürlich und nicht-willkürlich steht. Doch dadurch bleibt die Objektivität moralischer Werte und Pflichten nicht erhalten. Den Bestimmungen des Höchsten Prinzips ist explanatorisch nichts vorgeordnet, denn aus ihnen ergibt sich ja erst, dass moralische Unterscheidungen auf eine gewisse Weise und keine andere erscheinen sollen. Wenn die Bestimmungen gewollt sind (was meiner Meinung nach inkohärent wäre, da das Höchste Prinzip eine unpersönliche Entität ist; aber das übergehe ich hier), dann ist das ein blinder Wille. Das ist dann lediglich schierer Voluntarismus. Was Ihr Gesprächspartner „Gott" nennt, hat kein Wesen vor seinen Bestimmungen. Es gibt keinen Grund dafür, dass sich das Höchste Prinzip nicht so manifestieren sollte, dass das Töten von Kindern richtig ist, und sie zu lieben falsch ist.

Ich verstehe auch, dass der Mensch gemäß dieser Ansicht, „was seine moralische Verfassung angeht, nicht so wäre, wie er ist, wenn nicht auch das gesamte Universum der so bestimmten Moral entsprechen würde.“ Doch was bleibt, ist, dass kein Grund dafür besteht, dass das Universum und seine Moral so bestimmt werden sollte, wie sie es sind, da das Höchste Prinzip ohne Qualitäten ist. Die Unwandelbarkeit der Erscheinungsform ist irrelevant; was bleibt ist, dass sie eine reine Erscheinungsform ist, sogar wenn sie eine unveränderliche ist.

Wie im klassischen Advaita-Vendanta-Hinduismus auch, lehnt der Gesprächspartner also Prämisse 2 ab.

In diesem Lichte betrachtet ist die Ansicht des Gesprächspartners moralisch skrupellos. Denn laut ihr gibt es keine Handlung, die objektiv böse wäre, noch kann man etwas tun, was objektiv moralisch lobenswert oder gut ist. Deswegen haben wir gute moralische Gründe dafür, das vedantische Gottesbild abzulehnen. Wir können folgendermaßen argumentieren:

3. Wenn der Advaita-Vedanta-Hinduismus wahr ist, existieren keine objektiven moralischen Werte und Pflichten.
4. Objektive moralische Werte und Pflichten existieren.
5. Also ist der Advaita-Vedanta-Hinduismus falsch.

Somit gibt uns genau das Argument, über das wir gerade nachdenken, gute moralische Gründe dafür, die Ansicht dessen, was der Gesprächspartner „Gott“ nennt, abzulehnen.

Ja, bei genauerer Betrachtung ist nach Ansicht Ihres Gesprächspartners auch die Unterscheidung zwischen dem Höchsten Prinzip und der Welt letztendlich eine Illusion. Man darf sich nicht von seiner Verwendung von Wörtern wie „Gott“, „Schöpfung“ und so weiter irreleiten lassen, denn diese Wörter haben in einem pantheistischen Kontext nicht dieselbe Bedeutung wie in einem theistischen Kontext. Somit verpflichtet uns seine Ansicht nicht nur dem moralischen Illusionismus, sondern noch radikaler dem totalen Illusionismus über die Welt, uns selbst, und allem, was wir erfahren! Mir fällt keine unplausiblere Weltanschauung als diese ein.

Ja, die Ansicht Ihres Gesprächspartners widerspricht sich offenkundig selbst. Denn er bestätigt, dass „das Reine Prinzip im komplettesten Sinn der Wörter unbeschreiblich, unausdrücklich, unbestimmt, unendlich, ohne Qualitäten ist“. Doch genau damit beschreibt man das Höchste Prinzip, schreibt ihm gewisse Qualitäten zu! Ja, der Gesprächspartner kann uns irgendwie eine ganze Menge über das Höchste Prinzip sagen. Damit widerspricht er sich offenkundig selbst – eine Lehrstunde, die sich bestimmte irregeleitete christliche Theologen auch zu Herzen nehmen sollten (siehe mein Artikel „Pantheists in Spite of Themselves? Pannenberg, Clayton, and Shults on Divine Infinity“ [2] unter „Scholarly Articles: Christian Doctrines“ auf dieser Seite)!

Hinzu kommt noch, dass seine Ansicht auch auf andere Weise selbstwidersprüchlich ist: Wenn der menschliche Verstand „in unserer individuellen (oder geschaffenen / manifestierten) Existenz verwurzelt ist“ und „ja relativ und auf das Verständnis durch Kontraste (Dualität) und Exklusivität beschränkt ist“, dann kann man dem Verstand nicht zutrauen, dass er uns etwas über das letztendliche Wesen der Realität sagt. Es kann keine rationalen Gründe dafür geben, der Meinung zu sein, dass die Ansicht des Gesprächspartners wahr ist. Denn wenn sie wahr wäre, wäre der Verstand selbst untergraben. Deshalb kann seine Ansicht nicht rational bestätigt werden.

Weitere Kritikpunkte hierzu finden Sie in Robin Collins, „Eastern Religions“, in Reason for the Hope Within, ed. Michael J. Murray (Grand Rapids, Mich.: William B. Eerdmans, 1999), S. 188-92. Cf. Alvin Plantingas Kritik an John Hicks Vorstellung vom unaussprechlichen Realen in Alvin Plantinga, Warranted Christian Belief (Oxford: Oxford University Press, 2000), S. 49-55[3]. Außerdem relevant ist Stuart C. Hackett, Oriental Philosophy: A Westerner’s Guide to Eastern Thought (Madison, Wis.: University of Wisconsin Press, 1979).

William Lane Craig

(Übers.: J. Booker)

Link to the original article in English: /hinduism-and-morality



[1] Das Moral-Argument von W.L. Craig lautet:
Prämisse 1: Wenn es keinen Gott gibt, gibt es keine objektiven Werte und Pflichten.
Prämisse 2: Es gibt aber objektive Werte und Pflichten.
Konklusion: Daher gibt es einen Gott.

Das Argument hat die logische Form "Modus Tollens": P1: Wenn A, dann B. // P2: Nicht-B. // K: Daher nicht-A. Daher ist das Argument logisch gültig.

Es kommt also auf die Prüfung der Wahrheit bzw. Plausibilität der Prämissen an. Eine kurze Darstellung des Moral-Argumentes findet sich hier: /german/Der-neue-Atheismus-und-fuenf-Argumente-fuer-Gottes-Existenz (dort das 3. Argument).
Für eine ausführlichere Darstellung und Begründung der Prämissen sowie eine Antwort auf diverse Einwände, siehe William Lane Craig: "On Guard. Mit Verstand und Präzision den Glauben verteidigen" (Verlag CVMD, 2015), Kapitel 6.
(Anm. d. Übers.)

[2] /pantheists-in-spite-of-themselves

[3] Abschnitt ; das Buch Warranted Christian Belief von Alvin Plantinga soll bald in deutscher Sprache erscheinen (Anm. d. Übers).

- William Lane Craig