#57 Homosexuelle Christen?
January 14, 2016In unserer Sonntagsschulklasse für junge Erwachsene benutzen mein Mann und ich Ihr Buch Hard Questions, Real Answers, um viele der schwierigen Themen anzusprechen, mit denen die Gemeinde heute konfrontiert ist, und mit denen vor allem College-Studenten zu Beginn ihres Studiums zu kämpfen haben. Es hat bereits lebendige Diskussionen in unserer Klasse gegeben, und bei den Schülern setzt in letzter Zeit der Prozess ein, ihren Glauben auf Vernunftbasis zu verstehen, um in der heutigen unbiblischen Kultur die Wahrheit genau und adäquat zu verteidigen.
Wir sind auf große Meinungsverschiedenheiten und allerlei Verwirrung beim Thema Homosexualität gestoßen. Vor allem das Konzept, dass die Bibel homosexuelle Handlungen oder homosexuelles Verhalten verurteilt, aber nicht die homosexuelle Orientierung (denn die Orientierung sei ja ein modernes Konzept), ist kontrovers. Die Aussage „Es ist absolut möglich, homosexuell und ein geisterfüllter Christ zu sein“ aus Ihrem Buch hat auch einiges an Verwirrung gestiftet, da viele glauben, dass Gott keinen Menschen so „erschaffen“ würde, dass dieser homosexuell wird.
Die Hauptfragen, die hieraus entstanden sind, lauten:
1. Ist es an sich schon eine Sünde, sich als homosexuell zu definieren? Wenn ja, wie kann dann die oben zitierte Aussage gültig sein?
2. Bezieht sich dies auf jemanden, der sich selbst als homosexuell ansieht, aber nicht in homosexuelle Handlungen verwickelt ist? Wenn es um das eingangs angesprochene Konzept geht, dass die Handlungen/Verhaltensweisen Sünde sind, und nicht die Orientierung, könnte das Sinn ergeben.
3. Fördert die Bezeichnung eines Menschen als homosexuell eine unbiblische kulturelle Norm, die die Gesellschaft durchdringt?
Es wurde hierzu als Beispiel der Freund eines Sonntagschülers angeführt, der sich selbst nicht als heterosexuell ansieht, aber auch sagt, dass er nicht homosexuell ist. Er kommt aus christlichem Elternhaus und weiß, dass Homosexualität falsch ist, fühlt sich aber nicht zu Frauen hingezogen und glaubt auch nicht, dass sich das ändern wird.
Ein weiterer Gedanke, der mit den obigen zu tun hat, war, dass es unbiblisch sei, zu sagen, dass jemand homosexuell geboren wird, und dass wir alle heterosexuell geschaffen werden. Das hat dann mit der Vorstellung zu tun, dass Homosexualität eine Entscheidung ist. In Ihrem Buch sagen sie aber, dass Genetik und Entscheidungen keine Rolle spielen – das Verhalten ist Sünde. Es mag sich hier um reine Semantik handeln, doch muss dieser Bereich auch angesprochen werden.
Außerdem: Wenn Homosexualität vererbt wird und keine Entscheidung ist, ist es dann vernünftig, zu sagen, dass es eine „Entscheidung“ war, die im Garten Eden getroffen wurde? Ist es letztendlich so, dass wir eine sündige Natur geerbt haben? In Römer 1 heißt es:
„Denn es wird geoffenbart Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, welche die Wahrheit durch Ungerechtigkeit aufhalten, weil das von Gott Erkennbare unter Ihnen offenbar ist, da Gott es ihnen offenbar gemacht hat (...) Darum hat Gott sie auch dahingegeben in die Begierden ihrer Herzen zur Unreinheit, sodass sie ihre eigenen Leiber untereinander entehren (...) Und gleichwie sie Gott nicht der Anerkennung würdigten, hat Gott auch sie dahingegeben in unwürdige Gesinnung ...“
Ist es deshalb nur für diejenigen eine Entscheidung, die Gott kennen, und nicht für diejenigen, die ihn nicht kennen, da ihr Geist seiner Offenbarung verschlossen ist?
Und: Wenn wir uns „homosexueller Christen“ annehmen, die versuchen, ein reines Leben zu führen und mit dieser Sünde zu kämpfen haben, – wie können wir ihnen liebend zur Seite stehen, wenn man glaubt, dass es an sich eine Sünde ist, wenn sie sagen, dass sie homosexuell sind? Ich vergleiche das mit einem Alkoholiker in der Rehabilitation, der jeden Tag, manchmal sogar jede Stunde beten muss, dass das Verlangen zu trinken von ihm genommen würde. Das betrifft dann auch das Problem nicht erhörter Gebete. Wenn man sich selbst für homosexuell hält und durchgehend und innig und durch die Führung des Heiligen Geistes dafür betet, dass Gott es wegnehmen möge, und er entscheidet, sie in diesem Moment nicht oder nie heterosexuell zu machen – wie können wir damit umgehen?
Ich weiß, dass das ein längeres Thema ist. Wir sind mit diesem Thema zum Pastor der Gemeinde gegangen, damit es vor der gesamten Gemeinde angesprochen werden kann und nicht unter den Teppich gekehrt wird. Mein Mann und ich hoffen sehr, dass Sie und Ihre Mitarbeiter die Zeit haben, diese Fragen zu beantworten.
Vielen Dank. Gottes Segen.
Krista
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Dr. craig’s response
A [
Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen und die Mühe machen, College-Studenten zu unterrichten! Dies ist eine entscheidende Zeit in ihrem Leben, und es scheint, als könnten sich Ihre Schüler glücklich schätzen, dass sie Sie und Ihren Mann haben, die sie bei diesen schwierigen Themen anleiten.
Bevor ich zu Ihren drei Fragen komme, lassen Sie mich kurz klarstellen, was ich mit der Aussage „Es ist absolut möglich, homosexuell und ein geisterfüllter Christ zu sein“ meinte. Ich halte Homosexualität für eine Orientierung oder Ausrichtung des sexuellen Verlangens einer Person. Eine heterosexuelle Person fühlt sich sexuell zu Andersgeschlechtlichen hingezogen, eine homosexuelle Person fühlt sich sexuell zu Gleichgeschlechtlichen hingezogen. Mein Satz bedeutet also, dass es möglich ist, sexuell zu Gleichgeschlechtlichen hingezogen und dennoch ein geisterfüllter Christ zu sein.
So verstanden, erscheint mir diese Tatsache ziemlich offensichtlich. Ob das Ergebnis der Erziehung oder der Natur – jemandes sexuelle Neigung ist normalerweise nichts, wofür man sich entscheidet, sondern was man bei sich vorfindet. So mag man eine solche Orientierung also bei sich vorfinden, sich in der Kraft des Heiligen Geistes jedoch weigern, sie auszuleben, da man weiß, dass das Sünde wäre. Das heißt nicht, dass man seine Neigung verheimlichen muss. Man kann offen über seine Situation sprechen, so wie auch jemand, der z. B. mit Voyeurismus zu kämpfen hat, offen über sein Problem sprechen und sich weigern kann, sein Verlangen auszuleben.
Dies bedeutet offensichtlich nicht, dass solche Menschen von Gott so „geschaffen“ wurden, dass sie dieses Verlangen haben. Was ich gesagt habe, wäre kein Widerspruch dazu, dass solches Verlangen das Produkt von jemandes Erziehung sein kann. Wenn bewiesen würde, dass Homosexualität eine biologische Grundlage hat, wäre es meines Erachtens naiv zu sagen, dass Gott nie jemanden mit einer solchen Veranlagung „schaffen“ würde. Gott erschafft die ganze Zeit Menschen mit einem genetischen Defekt (ich selbst habe ein solches genetisch bedingtes Syndrom). Dies gehört einfach im weiteren Sinne zu der Frage, die Philosophen das Problem des Übels nennen, im Besonderen des natürlichen Übels.
Um Ihre Fragen also zu beantworten:
1. Ist es an sich schon eine Sünde, sich als homosexuell zu definieren? Nein, obwohl ich das Wort „definieren“ nicht verwenden würde. Zum Programm der Befürworter der homosexuellen Lebensweise gehört, die sexuelle Orientierung als ein definierendes Merkmal davon zu darzustellen, wer man ist, also als Teil der Identität selbst. In diese Falle sollten wir nicht tappen. Ich würde eher davon sprechen, sich auf bestimmte Art und Weise zu „beschreiben“. Beschreibungen können sich ändern (so werden wir beispielsweise älter und dicker) und müssen daher nicht definieren, wer wir sind.
2. Bezieht sich dies auf jemanden, der sich selbst als homosexuell ansieht, aber nicht in homosexuelle Handlungen verwickelt ist? Richtig. Ich spreche hier von jemandem wie der Person, die bei einem Treffen der Anonymen Alkoholiker aufsteht und sagt: „Ich bin Alkoholiker, aber seit 15 Jahren bin ich – Gott sei Dank – trocken!“
3. Fördert die Bezeichnung eines Menschen als homosexuell eine unbiblische kulturelle Norm, die die Gesellschaft durchdringt?Vielleicht. Es mag vielleicht besser sein, nicht mit solchen Etiketten anzufangen, weil das der Vorstellung förderlich wäre, dass jemandes Verlangen konstitutiv für seine Identität ist. Vielleicht wäre es besser, einfach zu sagen, „Ich kämpfe mit homosexuellem Verlangen“ oder „Ich fühle mich zu Gleichgeschlechtlichen hingezogen.“
Zu Ihren Bemerkungen: Ich stimme dem zu, dass niemand als Homosexueller geboren wird, wie ich den Begriff definiert habe, doch genauso wird nach dieser Definition niemand als Heterosexueller geboren. Ich habe diese Wörter ja nach jemandes sexueller Ausrichtung definiert. Säuglinge und Kleinkinder fühlen sich nicht sexuell zu anderen Personen hingezogen. Dieses Verlangen erwacht später. Passen Sie also auf, dass sie Homo- und Heterosexualität nicht mit Geschlechtern gleichsetzen. Die meisten von uns werden mit klar erkennbarem männlichen oder weiblichen Geschlecht geboren, doch was ihre sexuelle Vorliebe sein wird, wird erst viel später erkennbar. Das stimmt offensichtlich – auch wenn sie eine biologische Grundlage hat. Doch ob unsere Orientierung nun das Ergebnis der Biologie oder der Erziehung ist – worüber wir entscheiden können ist, ob wir unser Verlangen ausleben. Gott gebietet uns, keusch zu leben und unsere sexuelle Aktivität für eine heterosexuelle Ehe zu bewahren. Die Natur-oder-Erziehung-Diskussion ist nicht bloß eine semantische Frage; sie ist eine interessante naturwissenschaftliche Frage über zwei sehr verschiedene Ansichten. Ich behaupte aber, dass unsere Entscheidungen in Bezug auf unsere Lebensweise unabhängig davon die gleichen bleiben.
Wenn Homosexualität eine biologische Grundlage hat, brauchen wir sie – glaube ich – nicht im direkten Sinne dem Sündenfall zuzuschreiben. Sie wäre einfach wie ein Geburtsfehler oder eine genetisch bedingte Krankheit. Interessant ist, dass die meisten Leute, die zu Paulus' Zeiten in homosexuelle Handlungen verwickelt waren, wahrscheinlich Leute waren, die heterosexueller Orientierung waren, da solche Handlungen von bekannten alten Philosophen geduldet wurden. Ob ein Mensch Gott kennt oder nicht – zur Sünde gehört eine Entscheidung, für die die jeweilige Person verantwortlich ist.
Und zu Ihrer letzten Frage: Ich bin nicht der Meinung, dass es Sünde ist, wenn Christen, die sich zu Gleichgeschlechtlichen hingezogen fühlen, sagen, dass sie homosexuell sind. Doch ich stimmte Ihnen dahingehend zu, dass ein solches Etikett vielleicht nicht hilfreich ist und sie vielleicht zur Denkweise ermutigt, dass diese Orientierung zu ihrer Identität gehört.
Was nicht erhörte Gebete angeht: Jeder junge heterosexuelle männliche Christ wird Ihnen sagen, dass er immer wieder dafür gebetet hat, dass Gott ihm dabei helfen möge, die fleischlichen Begierden zu besiegen, und diese Gebete werden ständig nicht erhört! Heiligung ist keine unmittelbare Angelegenheit. Sie erfordert Zeit und Disziplin und dass man seine Augen und seine Gedankenwelt schützt, sich von bestimmten Orten fernhält und sogar darauf achtet, was man anzieht und welche Art von Musik man hört.
Dies erinnert an eine geistliche Disziplin, über die man in den Gemeinden heute kaum mehr spricht: die Abtötung des Fleisches. Paulus sagt, wir sollen die bösen Begierden in uns töten und die fleischlichen Begierden nicht befeuern (Kolosser 3,5). Das ruft vielleicht Bilder der Askese und Selbstkasteiung hervor, doch das ist nicht gemeint. Gemeint ist, dass wir als Christen bewusst etwas tun sollten, um unsere sexuellen Leidenschaften im Zaum zu halten. Das heißt, dass wir darauf achten, welche Filme wir schauen oder welche Magazine wir lesen oder welche TV-Sendungen wir anschauen, und dass wir aktiv Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, um uns vom Sündigen in diesem Bereich abzuhalten, also z.B. einen Filter für unseren Internetzugang installieren. Mit der Zeit können wir heiliger werden, und viele werden bezeugen, dass man selbst seine homosexuelle Orientierung mit Seelsorge und Disziplin größtenteils korrigieren und eine normale heterosexuelle Beziehung in der Ehe genießen kann.
(Übers.: J. Booker; L:RN)
Link to the original article in English: /christian-homosexuals
- William Lane Craig