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#310 Von Transhumanismus, Unsterblichkeit und Zombies

January 14, 2016
Q

Ich schätze das Opfer an Zeit und Kraft, das Sie für Ihre wissenschaftliche Arbeit und Ihre Debatten aufbringen, wirklich sehr. Was noch wichtiger ist, ich bewundere den Mut, mit dem Sie Ihr christliches Zeugnis weitergeben! Es hilft mir zu sehen, dass berühmte Akademiker am Glauben festhalten.

Ich komme zum Punkt. Ich studiere Bioethik und wurde vor kurzem gebeten, einmal über post-humane und trans-humane Perspektiven im Hinblick auf den Tod als ein auszumerzendes Übel nachzudenken. Wenn wir uns die Fortschritte in der Genetik, Nano-Technologie und künstlicher Intelligenz anschauen, könnten wir vermuten, dass wir in der Lage sein werden, das menschliche Leben in den kommenden Jahrzehnten stark zu verlängern. Wäre es Ihnen möglich, etwas zu folgenden Themen zu sagen:
1. Auswirkungen einer Lebensspanne von unbestimmter Länge, d.h.: wenn man nicht stirbt, wie kann man dann in den Himmel kommen?
2. Angenommen, die Forschung in Neurowissenschaften schreitet weiterhin so voran, und wir werden bald in der Lage sein, unser Denkvermögen in ein nicht-biologisches Substrat „hochzuladen“ und jenen Träger unbegrenzt zu bewohnen, was wären die Folgen für einen Christen, der daran glaubt, dass es ewiges Leben nur im Jenseits gibt? und schließlich
3. Allmählich verschmelzen Mensch und Technik immer mehr miteinander, und die Grenzen zwischen dem, was eine menschliche und eine nicht-menschliche Person ausmacht, verschwimmen. Was hat der christliche Glaube zu oder über diese neuen Wesen zu sagen?

Ich danke Ihnen nochmals!

Kyle

<ul><li>United States</li></ul>

Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Kyle, es scheint mir, dass diejenigen, die transhumane Perspektiven übernehmen in der Absicht, Unsterblichkeit zu erlangen, das Problem damit nur auf die lange Bank schieben. Von den Folgen der physikalischen Eschatologie[1] scheinen diese Personen herzlich wenig zu wissen.

Eschatologie (die Lehre von den letzten Dingen) ist nicht mehr länger ausschließlich Gegenstand der Theologie, sondern hat sich etwa im Verlauf des letzten halben Jahrhunderts als neuer Zweig der Kosmologie (der Lehre der großräumigen Struktur und Geschichte des Universums) entwickelt, und zwar als eine Art Spiegelbild der Kosmogonie, jenem Teilbereich der Kosmologie, der sich mit den Ursprüngen des Universums befasst. Es ist ja nicht so, dass die Zukunft des Universums dessen Vergangenheit ähnlich sein wird, weit entfernt. Aber genauso, wie physikalische Kosmogonie in die Vergangenheit zurückschaut, um die Geschichte des Kosmos anhand der Spuren aus der Vergangenheit und der Naturgesetze im Nachhinein zu rekonstruieren, so schaut die physikalische Eschatologie voraus in die Zukunft, um die Zukunft des Kosmos aufgrund gegenwärtiger Bedingungen und Naturgesetze vorauszusagen.

Im Gegensatz zur theologischen Eschatologie zeichnet die physikalische Eschatologie ein sehr düsteres Bild der Zukunft. Die wahrscheinlichste Vorstellung nach aktuellem Stand der Wissenschaft ist, dass das Universum sich ewig weiter ausdehnen wird. Dabei werden die Sterne letztendlich ausbrennen und die Galaxien dunkel werden. Etwa 1015 Jahre nach dem Urknall wird der größte Teil der baryonischen Masse des Universums aus degenerierten Sternobjekten wie braunen oder weißen Zwergsternen, Neutronensternen und schwarzen Löchern bestehen. Die Elementarteilchenphysik geht davon aus, dass in etwa 1037 Jahren die Protonen in Elektronen und Positronen zerfallen werden, die den Weltraum mit einem so extrem dünnen Gas ausfüllen werden, dass der Abstand zwischen zwei Teilchen etwa der Größe der heutigen Galaxie entsprechen wird. In etwa 10100 Jahren, dem Beginn des sog. Dunklen Zeitalters, dürften selbst die Schwarzen Löcher sich verflüchtigt haben. Die Masse des Universums wird dann nichts weiter mehr sein als ein kaltes, dünnes Gas aus Elementarteilchen und Strahlung, das immer dünner wird und sich immer mehr in die unendliche Dunkelheit ausbreitet, ein Universum in Ruinen.

Offensichtlich kann die Transplantation synthetischer Bestandteile in menschliche Wesen unsere endgültige Auslöschung nicht verhindern. Transhumane Unsterblichkeit ist eine leere Hoffnung. Jeder von uns wird am Ende seinem Schöpfer gegenüberstehen.

Wir werden jedoch nicht auf die Auslöschung menschlichen Lebens aus dem Universum warten müssen. Denn aus christlicher Sicht wird Gott das Ende der menschlichen Geschichte und des gegenwärtigen Kosmos zu dem Zeitpunkt herbeiführen, den er dafür für passend hält (Mk. 14,32; Mt. 24,43; 1. Thess. 5,2; Heb. 1,10-12; 2. Petr. 3,10; Offb. 3.3). Er wird es nicht erlauben, dass Ereignisse, die aufgrund gegenwärtiger Trends schon für die verhältnismäßig nahe Zukunft vorausgesagt wurden wie etwa die Auslöschung der menschlichen Rasse, und noch viel weniger Ereignisse in unvorstellbar weit entfernter Zukunft wie z.B. die Auslöschung von Sternen oder Protonenzerfall, eintreten werden. Bevor diese Ereignisse stattfinden können, wird Gott handeln, indem er die menschliche Geschichte beendet und in einen neuen Himmel und eine neue Erde überführt (1. Kor. 15,51-52; 1. Thess. 4,15-17; Offb. 21,1). Wenn Christus wiederkommt, wird er alle transhumanen Wesen, sollte es welche geben, mit den Menschen zusammen mitnehmen.

Was nun die theologische Bedeutung von nicht-natürlichen Teilen in Menschen angeht, fällt es mir schwer, mehr darin zu sehen als eine Person mit einer Prothese, weil ich nicht glaube, dass eine menschliche Person identisch mit ihrem Körper ist. Eine menschliche Person ist eine Seele mit Körper. Solange man die Seele intakt lässt, können körperliche Veränderungen keine endgültige Bedeutung haben. Ich nehme an, die Frage ist die, ob wir nicht eventuell in der Lage sein könnten, so gravierende Veränderungen am bzw. im Körper vorzunehmen, dass dadurch letztendlich die Seele vom Körper getrennt würde. Das wäre dann einfach der Tod jener menschlichen Person. Jeder Organismus, der nach so einer Veränderung weiterleben würde, wäre ein Zombie.

(Übers.: J. Bothner)
Link to the original article in English: /Transhumans-Immortality-and-Zombies



[1] Siehe auch den ausführlicheren Artikel zur physikalischen Eschatologie: W.L. Craig, Das Ende der Welt, /german/Das-Ende-der-Welt (Anm. d. Übers.)

- William Lane Craig