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#309 Wo liegt das leere Grab Jesu?

January 14, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig!

Ich habe einige Ihrer Artikel über die Auferstehung Jesu gelesen und wollte mich zunächst einmal für Ihre großartige Arbeit und alle Ihre Mühen bedanken.

Mir ist jedoch aufgefallen, dass Sie – zumindest in den Arbeiten, die ich gelesen habe – ein bestimmtes Argument offenbar nicht erwähnt haben, das mein Professor für Neues Testament, der nicht an das leere Grab glaubt, einmal als Argument gegen eine körperliche Auferstehung Jesu verwendete, nämlich: Wäre der Ort von Jesu Grablegung den Jüngern bekannt gewesen, wäre dieser Ort im Gedächtnis geblieben und wahrscheinlich eine Art frühe Wallfahrtsstätte geworden. Es gibt jedoch keinen Hinweis auf so etwas, daher ist es unwahrscheinlich, dass die Jünger das Grab kannten, also konnten sie auch nicht wissen, ob das Grab leer war oder nicht.

Was halten Sie davon?

Vielen Dank!

Simon

<ul><li>Germany</li></ul>

Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Ich glaube, wir sind uns darin einig, dass Jesu Grab, wenn es in Jerusalem bekannt gewesen wäre und seine Knochen dort weiterhin gelegen hätten, mit Sicherheit eine Art früher Wallfahrtsort für alle weiterbestehenden Jesusbewegungen geworden wäre. Natürlich würden diese Bewegungen sich stark von der Jesusbewegung, die tatsächlich nach seinem Tod existierte, unterscheiden, denn letztere gründete sich ja auf den Glauben an seine Auferstehung. Vielleicht hätten Jesu Bewunderer seiner als eines jüdischen Märtyrers gedacht, dessen Grab man nach seinem Tod verehrt.

Die Tatsache, dass das nicht geschehen ist, sollte uns nicht in Zweifel daran stürzen, dass der Ort seiner Grablegung bekannt war, denn wir haben einen starken Hinweis auf die Historizität von Jesu Bestattung in einem Grab von Joseph von Arimathäa. Dieser Hinweis, den ich in meinen Veröffentlichungen bereits dargelegt habe, hat die breite Mehrheit der Wissenschaftler von der Historizität von Jesu Beerdigung überzeugt. Die oben erwähnte Tatsache sollte in uns eher Zweifel daran wecken, dass seine Knochen dort noch weiterhin gelegen haben. Wenn das Grab leer war, hätte der Ort des Grabes nicht die religiöse Bedeutung wie beispielsweise die Gräber jüdischer Könige oder Märtyrer.

Sicher könnte man nun einwenden, dass Jesu leeres Grab doch einige Bedeutung hätte als der Ort, an dem seine Auferstehung geschah. Das ist richtig, aber wir haben auch keinen Grund anzunehmen, dass man diesen Ort im Gedächtnis der Kirche in Jerusalem nicht als solchen wertgeschätzt hat. Ganz im Gegenteil, wir können mit gutem Grund annehmen, dass das Grab, das in der heutigen Grabeskirche in Jerusalem liegt, tatsächlich das wirkliche Grab ist, in dem Joseph Jesus von Nazareth beigesetzt hat.

Die Geschichte der Entdeckung dieses Grabes ist faszinierend. Konstantin, der 324 n. Chr. als erster christlicher Herrscher an die Macht kam, war eifrig darauf bedacht, das Christentum zu fördern. Er war z.B. verantwortlich für die Einberufung des Konzils von Nizäa im Jahre 325, bei dem das Bekenntnis von Nizäa verkündigt wurde. Er gewährte seiner Mutter Helena unbegrenzten Zugang zur kaiserlichen Schatzkammer, um Reliquien judäisch-christlicher Traditionen aufzufinden. In den Jahren 326-328 unternahm Helena, die damals in den Siebzigern war, eine Reise nach Palästina. Nach ihrer Ankunft in Jerusalem stellte sie Nachforschungen über den Ort von Jesu Grablegung an. Die Einheimischen zeigten ihr eine Stelle, an der über ein Jahrhundert lang ein Aphrodite-Tempel stand. Eusebius berichtet, dass Konstantin befahl, den Tempel niederzureißen, nachdem er das gehört hatte.

"Der Eifer des Herrschers ging noch weiter: er ließ außerdem das Baumaterial aus dem zerstörten Tempel, sowohl Steine als auch Holz, abtransportieren und so weit wie möglich von der Stelle entfernt entsorgen. Auch dieser Anordnung wurde umgehend Folge geleistet. Aber selbst das war dem Herrscher noch nicht genug: von heiligem Eifer erfüllt, ordnete er außerdem an, den Grund und Boden selbst ziemlich tief abzugraben. Die Erde, die von den fauligen Verunreinigungen der Dämonenverehrung verseucht war, sollte zu einem weit entfernten Platz transportiert werden. Auch das wurde unverzüglich ausgeführt. Sobald nun die ursprüngliche Oberfläche unter der Erdschicht hervorkam, entdeckte man sofort und entgegen allen Erwartungen das ehrwürdige und geheiligte Monument der Auferstehung unseres Erlösers. Damals wurde diese heiligste Höhle tatsächlich zum getreuen Abbild seiner Rückkehr ins Leben, denn auch sie kam wieder ans Licht, nachdem sie dort in der Dunkelheit begraben gelegen hatte, lieferte allen anwesenden Zeugen einen klaren und sichtbaren Beweis der Wunder, die sich an diesem Ort abgespielt hatten, und gab dadurch ein klareres Zeugnis der Auferstehung des Erlösers, als eine Stimme es jemals hätte tun können."

In Bezug auf den Ort des Grabes Jesu haben wir hier eine sehr alte Überlieferung. Es gab eine Erinnerung an ein Grab Jesu, das sich schon vor dem Bau des heidnischen Tempels an dieser Stelle befunden hatte. Die Genauigkeit dieser Erinnerung wird durch die Tatsache wahrscheinlich, dass der betreffende Ort sich erstens innerhalb der übriggebliebenen Mauern von Jerusalem befand, obwohl das Neue Testament sagt, dass der Ort sich außerhalb der Mauern befand. Man kannte die genaue Lage der Stadtmauern vor 70, also vor der Zerstörung Jerusalems, nicht, daher wurde auch niemandem bewusst, dass die gefundene Grabstätte sich in Wirklichkeit außerhalb der zur Zeit von Jesu Tod existierenden Mauern befand. Zweitens wurde diese Erinnerung durch die Tatsache bestätigt, dass man nach der Ausgrabung an dieser Stelle – siehe da! - tatsächlich ein Grab fand!

Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass die frühe Kirche in Jerusalem sich wirklich ein Gedächtnis des Ortes von Jesu Grablegung bewahrt hat und dass jener Ort heute noch bekannt ist. Würde man im Gegensatz dazu daran festhalten, dass die frühe Kirche in Jerusalem den Ort von Jesu Grablegung nicht kannte, kämen wir nicht umhin zu sagen, dass die Geschichte von Jesu Begräbnis und das leere Grab Legenden sind, die sich später entwickelten, was wiederum den vielfältigen Hinweisen auf die frühe Datierung dieser beiden Überlieferungen widerspricht.

(Übers.: J. Bothner)

Link to the original article in English: /Local-Knowledge-of-Jesus-Empty-Tomb

- William Lane Craig