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#159 Ist das ontologische Argument eine petitio principii?

November 01, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

als Christ möchte ich Ihnen zuerst für Ihre Arbeit danken! Es ist ausgesprochen erfrischend, in unserer pluralistischen, säkularen Welt eine so solide Verteidigung des Christentums zu sehen! Meine Frage betrifft das modale ontologische Argument von Plantinga, das Sie benutzen. Plantinga definiert ein maximal exzellentes Wesen als ein Wesen mit den Eigenschaften der Allmacht, der Allwissenheit usw. und ein maximal großes Wesen als ein Wesen, das in allen möglichen Welten existiert. Wenn wir nun G für die Proposition „Ein maximal großes Wesen existiert“ setzen, reduziert sich Plantingas Argument in der Modallogik wie folgt. Für Leser, die nicht mit den modalen Operatoren vertraut sind: „◊“ bedeutet „es ist möglich, dass“ und „□“ bedeutet „es ist notwendig, dass“.

(1) ◊□G [Prämisse] [Übers.: Es ist möglich, dass es notwendig ist, dass ein maximal großes Wesen [mgW] existiert.]
(2) ◊□G → □G [Axiom S5] [1] [Übers.: Wenn es möglich ist, dass es notwendig ist, dass ein mgW existiert, dann ist es notwendig, dass ein mgW existiert.]
(3) □G [1, 2] [Übers.: Also ist es notwendig, dass ein mgW existiert.]
(4) □G → G [Axiom S5] [Übers.: Wenn es notwendig ist, dass ein mgW existiert, dann existiert ein mgW.]
(5) G [3, 4] [Übers.: Also existiert ein mgW.]

(1) [„Es ist möglich, dass es notwendig ist, dass ein maximal großes Wesen existiert.“]
scheint bescheiden genug. Doch als ich dieses Argument genauer erforschte, stellte ich fest, dass die Folgerung auch in der anderen Richtung verläuft. Mit anderen Worten:

□G → ◊□G ist durch das Axiom S5 ebenfalls wahr. Somit beinhaltet dies, dass ◊□G ↔ □G. Da (1) und (3) logisch äquivalent sind, reduziert sich das Argument auf:

1. □G [Prämisse] [Übers.: Es ist notwendig, dass ein mgW existiert.]
2. □G → G [Axiom S5] [Übers.: Wenn es notwendig ist, dass mgW existiert, dann existiert ein mgW.]
3. G [1, 2] [Übers.: Ein mgW existiert.]

Darin liegt aber nicht viel Aussagekraft, da niemand die erste Prämisse akzeptieren wird, wenn er nicht die Schlussfolgerung akzeptiert! Sobald klar ist, dass „Es ist möglich, dass es notwendig ist“ dasselbe ist wie „es ist notwendig“, verliert das Argument seine Überzeugungskraft, denn es gibt offenbar keinen Weg, den Atheisten davon zu überzeugen, dass Gott notwendig existiert. Tatsächlich würde er Einwände gegen eine solche Vorstellung erheben, da es kein logischer Widerspruch ist zu sagen: „Gott existiert nicht.“

Ich schätze das modale ontologische Argument wirklich, aber durch diesen Einwand finde ich es jetzt unhaltbar. Gibt es irgendeinen Weg, dieses Problem zu lösen?

Danke und Gottes Segen,

PB

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Die Frage, ob wir unabhängige Belege haben, die erste Prämisse des ontologischen Arguments zu glauben, ist gewiss die entscheidende Frage für den Vertreter des Arguments. Diese Prämisse stellt fest, dass es möglich ist, dass ein maximal großes Wesen existiert, wobei „maximale Größe“ als die Eigenschaft verstanden wird, in jeder möglichen Welt maximale Exzellenz zu haben. Die Frage lautet also, ob maximale Größe vielleicht exemplifiziert ist.

PB, ich denke, ich kann Ihr Problem mit dem Argument lösen. Erstens ist Ihre Rekonstruktion des Arguments falsch. Dies ist offensichtlich, weil Sie mit der kontingenten Schlussfolgerung (5) schließen: „Ein maximal großes Wesen existiert.“ Aber das ontologische Argument beabsichtigt zu zeigen, dass ein maximal großes Wesen existiert, dessen Existenz notwendig ist. Sie hätten in der Rekonstruktion des Arguments bei Schritt (3) enden sollen: □G.

Zweitens verwechseln Sie Notwendigkeit de re mit Notwendigkeit de dicto. Notwendigkeit de re ist die Notwendigkeit einer Sache (res); Notwendigkeit de dicto ist die Notwendigkeit einer Aussage (dictum). Die erste Prämisse des ontologischen Arguments erklärt, dass eine bestimmte Aussage möglich ist, nämlich die Aussage, dass ein maximal großes Wesen existiert oder dass maximale Größe exemplifiziert ist. Es ist nicht die Aussage: „Es ist möglich, dass es notwendig ist, dass ein maximal großes Wesen existiert.“ Diese Aussage schließt die Iteration zweier Modalitäten von de dicto ein. Wenn wir G für die Proposition „Ein maximal großes Wesen existiert“ setzen, sollte die erste Prämisse als ◊G symbolisiert werden.

Drittens verwechseln Sie logische Äquivalenz mit Synonymie. Zu sagen, dass „möglicherweise ein maximal großes Wesen existiert“, ist tatsächlich logisch äquivalent mit der Aussage, dass es „möglicherweise notwendig ist, dass ein maximal exzellentes Wesen existiert“. Aber diese Aussagen bedeuten nicht dasselbe. Es ist die Bedeutung einer Aussage, die für ihren epistemischen Status für uns relevant ist, nicht was aus der Aussage logisch folgt. Eine Aussage mag uns wahr erscheinen, obwohl ihre logischen Implikationen uns gar nicht bewusst sind. Es ist deshalb ein Fehler zu sagen, „dass ‚möglicherweise notwendig‘ dasselbe ist wie ‚notwendig‘“, wenn Sie mit „ist“ „bedeutet“ meinen. Und so ist es auch ein Fehler zu denken, dass weil ◊□G ↔ □G, die erste Prämisse des Arguments sich zu □G „reduziert“. Es ist keine Frage der Reduktion sondern der Deduktion! Der ganze Punkt des ontologischen Arguments ist zu zeigen, dass man sich, indem man die Möglichkeit der Existenz eines maximal großen Wesens behauptet, an seine aktuale Existenz gebunden hat. Es liegt in der Natur eines deduktiven Arguments, dass die Schlussfolgerung in den Prämissen impliziert – sozusagen in ihnen versteckt – ist und darauf wartet, durch die logischen Regeln der Inferenz explizit gemacht zu werden. Man glaubt typischerweise, dass ◊□G, ohne zuerst zu glauben, dass □G; zumindest muss man nicht zuerst glauben, dass □G, und dann auf dieser Basis folgern, dass ◊□G. Die eigenen modalen Intuitionen mögen die Annahme stützen, dass ◊□G, und dann mag man erkennen, dass dies mit □G logisch äquivalent ist und somit zu dem Schluss führt, dass □G; und so kommt man zu dem Glauben, dass ein maximal großes Wesen existiert.

Kurz gesagt: Die logische Äquivalenz der Schlussfolgerung des ontologischen Arguments mit ihrer ersten Prämisse zeigt nur, dass es ein gültiges deduktives Argument ist, nicht dass es den Fehlschluss der petitio principii begeht (also nur behauptet, was es eigentlich noch beweisen müsste).

Was die Erwiderung des Atheisten betrifft, dass es nicht widersprüchlich ist zu sagen „Gott existiert nicht“, ist dies irrelevant, denn das Argument ist als eine logische Möglichkeit/Notwendigkeit im weiteren Sinne (also als metaphysische Möglichkeit/Notwendigkeit) formuliert, nicht als eine logische Möglichkeit/Notwendigkeit im engeren Sinne. Es ist nicht widersprüchlich zu behaupten: „Der Premierminister ist eine Primzahl“, d.h. dies ist zwar logisch möglich im engeren Sinne, aber das zeigt kaum, dass eine solche Behauptung im relevanten Sinn möglicherweise wahr ist (dass es eine mögliche Welt gibt, in der diese Behauptung wahr ist). Der Atheist muss vertreten, dass die Idee maximaler Größe logisch inkohärent im weiteren Sinne ist (also metaphysisch unmöglich ist), wie die Idee eines verheirateten Junggesellen. Aber die Idee maximaler Größe erscheint vollkommen kohärent und somit möglich – woraus folgt, dass maximale Größe exemplifiziert ist!

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/does-the-ontological-argument-beg-the-question

Anmerkungen

[1] Zu den verschiedenen Systemen der Modallogik (S1, S2, S3, S4, S5 etc.) siehe kurz: https://de.wikipedia.org/wiki/Modallogik#Verschiedene_Systeme_der_Modallogik (Anm. d. Übers.)

- William Lane Craig