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#106 Ist Gott aktual unendlich?

July 12, 2016
Q

Frage 1:

Sehr geehrter Herr Craig,

ich diskutiere oft über die Existenz Gottes; dabei verwende ich regelmäßig das kalām-kosmologische Argument. Bei der zweiten Prämisse („Das Universum hatte einen Anfang“) kommt oft der Einwand eines möglicherweise vergangen-ewigen Universums. Diesen Einwand beantworte ich meist, indem ich einfach den Unterschied zwischen aktualen und potentiellen Unendlichkeiten erkläre. Nun ist es recht einfach, zu zeigen, dass es keine aktual unendlichen Reihen geben kann, aber dann kommt oft die Gegenfrage: „Wie kann Gott dann unendlich sein, wenn aktuale Unendlichkeiten nicht existieren können?“ Ich gebe mein Bestes, um diese Frage zu beantworten, aber das scheint mir nie so zu gelingen, wie ich es möchte. Ich sage gewöhnlich, dass aktuale Unendlichkeiten im physischen Universum nicht existieren; Gott ist aktual unendlich, transzendiert aber das physische Universum und ist nicht darin oder dadurch gebunden.
Eine Antwort Ihrerseits würde ich sehr zu schätzen wissen.

Russ

Frage 2:

Wenn nach Ihrer Argumentation aktuale Unendlichkeiten nicht existieren, stimmen Sie dann nicht zu, dass Gott eine unendliche Menge von Dingen weiß?

Es ist klar, dass es eine zwar kaum ermessliche, aber doch nur endliche Anzahl von Tatsachen im Universum gibt, die er alle weiß, aber was ist mit seinen eigenen Gedanken? Gibt es nicht innerhalb der Dreieinigkeit eine unendliche Menge von Gedanken in seinem eigenen Denken?

Alan

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Dr. craig’s response


A [

Ich würde Ihre Frage anders beantworten, Russ. Ob etwas physikalisch ist oder nicht, scheint mir für die Frage seiner Quantität irrelevant zu sein, solange die Dinge beziffert oder gezählt werden können. So ist es zum Beispiel völlig einleuchtend zu fragen, ob es eine aktual unendliche Zahl von Engeln oder eine aktual unendliche Zahl von Seelen gibt. Dinge müssen nicht physisch sein, um zählbar zu sein. (Mathematisch gibt es auch nicht-zählbare Unendlichkeiten, aber diese kommen hier nicht ins Spiel.)

Der Schlüssel zu Ihrer Frage liegt vielmehr darin zu verstehen, dass der mathematische Begriff einer aktualen Unendlichkeit ein quantitatives Konzept ist. Er betrifft eine Ansammlung definiter und diskreter Elemente, die Teil der Ansammlung sind. Doch wenn Theologen von der Unendlichkeit Gottes sprechen, benutzen sie das Wort nicht in einem mathematischen Sinn, um eine Gesamtheit einer unendlichen Zahl von Elementen zu bezeichnen. Gottes Unendlichkeit ist sozusagen eine qualitative und keine quantitative. Das bedeutet, dass Gott metaphysisch notwendig, moralisch vollkommen, allmächtig, allwissend, ewig usw. ist.

Im Grunde ist „Unendlichkeit“ einfach eine Art Oberbegriff, der benutzt wird, um alle superlativen Eigenschaften Gottes abzudecken. Wenn man alle diese Attribute abzieht, bleibt eigentlich kein bestimmtes Attribut übrig, das man „Unendlichkeit“ nennen könnte. Doch keines dieser Attribute muss eine unendliche Anzahl von Dingen beinhalten. Um Ihr Beispiel zu nehmen, Alan: Allwissenheit muss nicht die Kenntnis einer unendlichen Zahl von – sagen wir – Propositionen einschließen, und schon gar keine unendliche Zahl von Gedanken; und wir müssen uns Allmacht auch nicht so vorstellen, dass sie die Fähigkeit einschließen würde, eine unendliche Zahl von Handlungen auszuführen.[1] Wenn wir Allwissenheit als die Kenntnis ausschließlich wahrer und aller wahren Propositionen definieren, sprechen wir vom Umfang des Wissens Gottes, nicht vom Modus seines Wissens. Der Modus des Wissens Gottes wird traditionell als nicht-propositional verstanden. Gott hat eine einzige, ungeteilte Intuition der Wirklichkeit, die wir endlichen Wissenden in einzelne Informationseinheiten aufbrechen, die man Propositionen nennt. Somit ist die Zahl der Propositionen bestenfalls potentiell unendlich. In ähnlicher Weise wird Allmacht nicht im Sinne von Quanten der Macht definiert, die Gott besitzt, oder im Sinne einer Zahl von Handlungen, die Gott ausführen kann, sondern als Seine Fähigkeit, Sachverhalte zu verwirklichen oder in die Realität zu bringen. Somit setzt sie keine aktuale Unendlichkeit von Dingen voraus. Deshalb gibt es keinen Grund zu denken, dass Gott derjenigen Art von quantitativer Analyse unterliegen würde, wie der Einwand sie vermuten lässt.

Wenn man leugnet, dass Gott im quantitativen Sinn aktual unendlich ist, setzt das also in keiner Weise voraus, dass Gott endlich wäre. Diese Schlussfolgerung lässt sich nicht ziehen, da Unendlichkeit im quantitativen Sinn auf Gott vielleicht einfach nicht anwendbar ist.

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/is-god-actually-infinite

Anmerkungen

[1] Siehe William Alston, „Does God Have Beliefs?“ Religious Studies 22 (1986): 287-306; Thomas P. Flint und Alfred J. Freddoso, „Maximal Power,“ in: The Existence and Nature of God, hrsg. von Alfred J. Freddoso (Notre Dame 1983), S. 81-113.

- William Lane Craig