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#116 Moralbegründung ohne Gott? Zum Dialog mit Shelly Kagan

July 12, 2016
Q

Hallo Herr Prof. Craig,

was Ihre kürzliche Debatte mit Shelly Kagan (zur Frage: „Ist Gott eine notwendige Voraussetzung für Moral?“) betrifft, empfinde ich, dass Sie nicht genug Zeit für eine Erwiderung hatten, als Kagan sagte: „Moralische Pflichten sind diejenigen Regeln, denen vollkommen rationale Menschen als der Art und Weise, eine Gesellschaft zu regieren, zustimmen würden“, d.h. Rationalität ist eine Grundlage oder ein Maßstab für Moral.

Was ist so falsch an dieser Auffassung? Sind wir uns nicht einig, dass normale Menschen rational sein (z.B. an notwendige Wahrheiten glauben) SOLLTEN, selbst wenn Gott nicht existieren würde? Wenn ja, warum können wir über Moral nicht dasselbe sagen?

Ich würde es wirklich schätzen, wenn Sie diese Frage beantworten könnten. Danke!

Alexander

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Dr. craig’s response


A [

Zeitgenössische Moral-Argumente

Ich habe kurz auf Prof. Kagans Auffassung geantwortet, Alexander, aber ich habe diesen Punkt nicht weiter verfolgt, weil die Gastgeber beim Veritas Forum mir klar gesagt hatten, dass sie nicht an einer erbitterten Debatte, sondern an einem freundlichen Dialog interessiert waren, der für nicht-gläubige Studenten an der Columbia eine freundliche und einladende Atmosphäre schaffen würde. Es ging einfach darum, in einem angenehmen, ansprechenden Rahmen die Themen klar auf den Tisch zu legen, und ich denke, das haben wir getan.

Übrigens: Das Seltsame an der von Kagan verteidigten Auffassung ist, dass dies überhaupt nicht seine Auffassung ist! Er ist ein radikaler Konsequentialist, der behauptet, dass der moralische Wert unseres Handelns allein durch die Konsequenzen unseres Handelns bestimmt wird. Er glaubt, dass wir moralisch zu jeglicher Tat verpflichtet sind – was immer das sein mag –, wenn sie schlussendlich zu dem insgesamt besten Ergebnis führt, wobei das Beste im Sinne des menschlichen Gedeihens definiert wird. Wenn die Folterung und Vergewaltigung eines kleinen Mädchen am Ende zu einem größeren menschlichen Wohlergehen führt, dann ist man moralisch verpflichtet, so zu handeln. Kagan gibt zu, dass diese Art von Konsequentialismus nicht nur von Ethikern weithin abgelehnt wird, sondern auch ungeheuer unglaubwürdig ist. Ich vermute, das ist der Grund für seine Entscheidung, seine tatsächliche Auffassung in unserem Dialog nicht zu artikulieren und zu verteidigen, sondern eine Position einzunehmen, die er selbst als falsch betrachtet, nämlich die Auffassung, dass ein moralisches Handeln immer das ist, was man nach der einmütigen Auffassung von idealerweise rationalen Menschen tun sollte.

In unserem Dialog habe ich argumentiert, dass objektive moralische Werte und Pflichten in Gott und Seinen Geboten begründet sind. Um also Ihre Frage „Sind wir uns nicht einig, dass normale Menschen auch dann rational sein SOLLTEN, wenn Gott nicht existieren würde?“ zu beantworten: Wenn Sie mit „sollte“ „moralisch verpflichtet“ meinen, dann sehe ich im Atheismus überhaupt keinen Grund zu denken, dass Menschen eine moralische Pflicht haben, rational zu sein. Es gibt, vom Standpunkt des Naturalismus, keinen Grund zu denken, dass die relativ weit entwickelten Primaten auf diesem Planeten eine moralische Verpflichtung hätten, rational zu sein.

Zeitgenössische Moral-Argumente – Die Probleme bei Kagans vorgegebener Auffassung

In der Frage, was an Kagans vorgegebener Auffassung falsch ist, müssen wir die klare Unterscheidung zwischen moralischer Epistemologie und moralischer Ontologie, die ich ständig betone, in Erinnerung behalten. In der moralischen Epistemologie geht es darum, wie wir zur Kenntnis des Guten gelangen; in der moralischen Ontologie geht es darum, wie das Gute in der Wirklichkeit begründet wird. Wenn die Auffassung, die Prof. Kagan zu vertreten vorgab, für meine Argumentation für Gott als Grundlage der Moral relevant sein soll, darf sie nicht einfach als Vorschrift dafür genannt werden, wie wir zur Kenntnis unserer moralischen Pflichten gelangen. Das ist nicht die Frage, mit der wir es zu tun haben, und der Theist könnte zustimmen, dass die Frage: „Wie würden vollkommen rationale Personen in dieser Situation handeln?“ ein verlässlicher Wegweiser sein könnte, um die eigenen moralischen Pflichten zu erkennen.

Kagan muss vielmehr so verstanden werden, dass unsere moralischen Pflichten in Wirklichkeit dadurch bestimmt werden, wie wir nach der Auffassung von idealerweise rationalen Menschen in einer bestimmten Situation handeln sollten. Aber dann drängt sich die Frage auf, die ich in unserem Dialog stellte: Warum sollte man so etwas denken? Warum sollte man denken, dass wenn man ein Komitee vollkommen rationaler Menschen zusammenstellen könnte und sie alle sich einig wären, dass man irgendeine Tat A tun sollte, dies eine moralische Verpflichtung darstellen würde, A zu tun. Als Grundlage für objektive moralische Werte und Pflichten erscheint diese Erklärung völlig willkürlich.

Prof. Kagan hat in seinem Buch The Limits of Morality (Oxford 1989; dt. etwa "Die Grenzen der Ethik", bislang nicht übersetzt, A.d.Üb.) sehr viel über die Notwendigkeit solider Erklärungen in der Moraltheorie zu sagen. Er behauptet zu Recht, dass „wir von unserer Moraltheorie unter anderem erwarten, dass sie uns hilft zu verstehen, wie es überhaupt eine moralische Ebene geben kann und inwiefern sie einen objektiven Status hat“ (S. 13). Er insistiert: „Diese Notwendigkeit der Erklärung in der Moraltheorie kann gar nicht genug betont werden... Solange wir keine kohärente Erklärung für unsere moralischen Prinzipien haben, haben wir letztlich keine ausreichende Grundlage, sie für wahr zu halten“ (ibid.). Er nimmt den Einwand vorweg, dass alle Erklärungen irgendwo enden müssen. „Vielleicht ist das so“, antwortet er, „aber auch das gäbe uns nicht das Recht, auf einer oberflächlichen Ebene auf Erklärungen zu verzichten“ (S. 14). In Ermangelung einer angemessenen Erklärung, sagt er, sind unsere moralischen Prinzipien „nicht frei von diesem Makel der Willkür“, der eine ad hoc-Einkaufsliste moralischer Prinzipien kennzeichnet (S. 13).

Zeitgenössische Moral-Argumente – Die explanatorische Unzulänglichkeit der vorgegebenen Auffassung von Kagan

Wie ich in unserem Dialog sagte, scheint Kagans vorgegebene Auffassung von genau dieser Art von Willkür gekennzeichnet zu sein, denn sie verzichtet auf einer oberflächlichen Ebene auf eine Erklärung. Was wir wissen wollen ist, warum die Entscheidungen eines solchen idealen Komitees irgendeinen objektiven Status haben sollten, tatsächliche moralische Werte und Pflichten zu begründen. Ich kann keinen Grund erkennen zu denken, dass dies die tatsächliche Grundlage für objektive moralische Werte und Pflichten ist.

Da es nun aber keine vollkommen rationalen Menschen gibt, wie kann seine vorgegebene Erklärung tatsächlich moralische Werte und Pflichte begründen? Es gibt kein solches ideales Komitee; es existiert nicht und hat nie irgendetwas erwogen oder beschlossen. Wie können dann tatsächlich objektive moralische Werte und Pflichte in einer solchen Nicht-Realität begründet werden? (Würde Kagans vorgegebene Auffassung Moral in den Entscheidungen tatsächlicher Menschen begründen, wäre dies nur eine Bestätigung dafür, dass moralische Werte und Pflichten nicht objektiv sind. Sie werden von Menschen gebildet oder festgesetzt. Aber dann würden moralische Werte und Pflichten nicht unabhängig davon gültig und bindend sein, ob irgendjemand an sie glaubt oder nicht.) Die Frage, wie solche idealen Personen sich verhalten würden, könnte – um es noch einmal zu sagen – ein hilfreicher Wegweiser sein, um unsere moralischen Pflichten zu erkennen (wie die Frage: „Was würde Jesus tun?“), aber eine Nicht-Realität kann nicht die ontologische Grundlage für irgendeine Realität sein.

Beachten Sie schließlich, dass der vorgegebenen Auffassung von Kagan eine Annahme zugrunde liegt, die massive Fragen aufzuwerfen droht; sie nimmt nämlich an, dass alle vollkommen rationalen Menschen sich einig sein würden, was unsere moralischen Pflichten sind! Damit wird einfach angenommen, dass diejenigen, die Kagan als moralische Minimalisten bezeichnet – wie Nihilisten, Egoisten und Liberalisten –, alle irrational sind. Aber dann muss er zeigen, warum der atheistische moralische Nihilist sich irrt, wenn er denkt, dass objektive moralische Werte und Pflichten ohne Gott nicht existieren. Sonst weicht er der Frage aus. Solange es rational ist zu behaupten, wie ich argumentiert habe, dass objektive moralische Werte und Pflichten ohne Gott nicht existieren, können Minimalisten aus dem idealen Komitee nicht ausgeschlossen werden, und so wird das Komitee nicht übereinstimmen können, dass wir irgendwelche moralischen Pflichten hätten, irgendetwas zu tun. Anders ausgedrückt ist dann, um es mit einem denkwürdigen Ausspruch von Dostojewski zu sagen, alles erlaubt.

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/contemporary-moral-arguments

- William Lane Craig