#151 Molinismus und Evangelisation
November 01, 2016Sehr geehrter Prof. Craig,
mein Dank gilt Ihnen und all den guten Leuten bei Reasonable Faith. Ich bin Pastor, und Ihre Veröffentlichungen sind für mich (und damit für die Menschen, denen ich diene) ein Segen, weil sie meine Theologie und Philosophie weiterentwickeln.
Meine Frage betrifft die Evangelisation unter dem Aspekt des mittleren Wissens. Sie sagten in einem Ihrer Podcasts (und ich entschuldige mich, falls ich Ihre Aussage hier falsch wiedergebe), dass Gottes mittleres Wissen uns tiefe Zuversicht geben sollte, wenn wir evangelisieren, indem wir wissen, dass Gott es in seiner Vorsehung gefügt hat, dass diejenigen Menschen, die tatsächlich auf das Evangelium antworten würden, zu den Personen gehören werden, denen wir die Botschaft weitersagen. Dem stimme ich zu!
Allerdings gibt uns das, so denke ich, keinen wirklichen Ansporn zu evangelisieren. Denn wenn ich nicht hingehe und die schwierige Aufgabe der Evangelisation leiste, kann ich in dem Wissen getrost sein, dass diejenigen, denen ich das Evangelium nicht bringe, durch Gottes Vorsehung diesen Platz eingenommen haben, weil Er wusste, dass sie nicht auf das Evangelium antworten würden, selbst wenn sie es gehört hätten. Es scheint, dass jemand aus Bequemlichkeit nicht evangelisieren und ein gutes Gewissen darüber haben könnte, ungeachtet der Tatsache, dass die Bibel uns gebietet, es zu tun (was dieselbe Kritik ist, die zu diesem Thema gegen viele Calvinisten erhoben wird: „Wenn Errettung nur durch Gottes Erwählung geschieht, dann brauche ich nicht zu evangelisieren.“).
Obwohl ich also zustimme, dass die Perspektive des mittleren Wissens eine Ermutigung für uns bedeutet, wenn wir evangelisieren, scheint sie eine Art praktische „Freistellung“ von der Evangelisation zu bieten, wenn wir uns dieser Verantwortung entziehen. Das ist natürlich kein Argument gegen das mittlere Wissen, sondern nur eine Schwierigkeit für mich.
Ich würde jede Einsicht schätzen, die Sie in dieser Frage geben können.
Brandon
Dr. craig’s response
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Schön, von Ihnen zu hören, Pastor Brandon! Danke für Ihren Dienst an der Herde des Herrn! Es freut mich sehr, dass Sie das Material von Reasonable Faith.org in Ihrem Dienst hilfreich finden.
Ihre Frage habe ich tatsächlich in einer Reihe von Artikeln im Austausch mit dem Philosophen William Hasker erörtert, die auf dieser Webseite unter „Scholarly Articles: Christian Particularism“ zur Verfügung stehen. Vielleicht haben Sie schon „'No Other Name': A Middle Knowledge Perspective on the Exclusivity of Salvation Through Christ“ gelesen. Wenn ja, wäre als nächstes „Should Peter Go to the Mission Field?“ zu lesen, was eine Antwort auf Haskers Artikel in Faith und Philosophie 8 (1991, S. 380-89) ist. Wenn es Sie wirklich interessiert, lesen Sie anschließend „Does the Balance Between Saved und Lost Depend on Our Obedience to Christ's Great Commission?“. Und dann möchten Sie sich vielleicht „Should Peter Get A New Philosophical Advisor?“ ansehen, eine Antwort auf eine weitere Kritik von dem unermüdlichen Hasker in Philosophia Christi. Glücklicherweise sind alle diese Texte kurz.
Was ich behaupte ist, dass der Molinismus eine angemessene und positive Perspektive anstelle der negativen, schuldbeladenen Perspektive bietet, die besagt: Wenn ich nicht hingehe, werden Menschen in die Hölle kommen, die sonst gerettet worden wären. Bei näherer Betrachtung ist diese Perspektive wirklich furchtbar: Dass Gott durch den historischen Umstand meines Ungehorsams Menschen zur Hölle verdammen würde. Gewiss würde Gott nicht zulassen, dass ihre Errettung oder Verdammnis von dem Maß des Gehorsams abhängt, mit dem ich auf den Ruf zur Evangelisation antworte! Außerdem, glaube ich, ist eine so negative Motivation sehr schlecht für die Seele, denn sie führt eher zu Schuldgefühlen und Groll gegen Gott als zu einem Dienst aus Freude. Der Anlass zur Evangelisation braucht nicht und sollte auch nicht negativ sein.
Die positive Motivation zur Evangelisierung besteht darin, dass ich das Mittel sein kann, denjenigen Menschen das Heil zu bringen, denen ich durch Gottes Vorsehung begegne. Paulus drückt es so aus: „Wir sind Botschafter Christi, und Gott gebraucht uns, um durch uns zu sprechen.“ Was für ein Privileg! Ich stimme zu, dass der Calvinist dieselbe positive Motivation haben kann und sollte. Und dies genügt als Motivation. Wir sollten nicht versuchen, bequeme Menschen durch ein schlechtes Gewissen zur Evangelisation zu bewegen (obwohl solche Menschen sich natürlich des Ungehorsams schuldig machen, was schlimm genug ist!).
Aber daraus folgt nicht, wie Sie sagen, dass
"wenn ich nicht hingehe und die schwierige Aufgabe der Evangelisation leiste, ich in dem Wissen getrost sein kann, dass diejenigen, denen ich das Evangelium nicht bringe, durch Gottes Vorsehung diesen Platz eingenommen haben, weil Er wusste, dass sie nicht auf das Evangelium antworten würden, selbst wenn sie es hören würden."
Beachten Sie zuerst den feinen Unterschied, dass Sie eine indikativische Bedingung formuliert haben, keine konjunktivische (kontrafaktische) Bedingung. Sie sprechen über jemand, der tatsächlich nicht hingeht und sich dann denkt, dass die Menschen, mit denen er nicht über Christus sprach, verloren sind und nicht geantwortet hätten, wenn er mit ihnen gesprochen hätte. Aber diese Argumentation ist verfehlt. Die bloße Tatsache, dass er ihnen das Evangelium nicht mitgeteilt hat, schließt nicht ein, dass es auch kein anderer tat! Gott könnte dafür gesorgt haben, dass eine andere Person das von ihm ausgeschlagene Privileg bekommt, ihnen das Heil zu bringen. Außerdem könnte es sein, dass Gott, wenn er gehorsam gewesen und hingegangen wäre, ihn dazu gebraucht hätte, sie zur Errettung zu führen, oder – noch besser – weitere andere Menschen geschaffen hätte, die noch empfänglicher für seine Botschaft gewesen wären, sodass sogar noch mehr Menschen errettet worden wären!
Ich denke, was Sie wirklich wissen wollen, ist
"Wenn ich hingehe und die schwierige Aufgabe der Evangelisation leiste, wird es dann Menschen geben, die errettet werden, die aber nicht errettet worden wären, wenn ich nicht hingegangen wäre?"
Die Antwort auf diese Frage ist, dass es durchaus solche Menschen geben könnte. Denn wenn Sie nicht hingehen, könnte es sein, dass Gott sie nicht erschaffen hätte. Obwohl sie also nicht infolge Ihres Ungehorsams verloren gegangen wären, wären sie andererseits aber auch nicht errettet worden, weil sie gar nicht erst existiert hätten. Es könnte durchaus sein, dass wenn Sie hingehen und das Evangelium weitergeben, Menschen errettet werden, die sonst nicht errettet worden wären. Das ist gewiss ein zusätzlicher Ansporn zur Evangelisation!
(Übers.: M. Wilczek)
Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/Molinismus-and-evangelism
- William Lane Craig