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#225 Das “Abschlachten” der Kanaaniter – erneut betrachtet

November 01, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

Sie werden zunehmend bekannt als “der Apologet, der Genozid und Kindestötung im Alten Testament rechtfertigt”, hauptsächlich aufgrund Ihrer Antwort auf die Frage der Woche #16, in der es um die Abschlachtung der Kanaaniter ging.[1]

Viele Menschen scheinen emotional zu reagieren, ohne sich mit den Details Ihrer Argumente auseinanderzusetzen und ohne ihre eigenen moralischen Begründungen für ihre Empörung zu liefern.

Jedoch habe ich neulich gehört, dass die alttestamentlichen Berichte über diese Morde eine übertriebene Sprache verwendet hätten. Dies wurde auf einer Apologetikkonferenz erwähnt, die ich kürzlich besucht habe, und mir wurde gesagt, dass dies selbst in Paul Copans neuem Buch stehe (was ich bisher jedoch noch nicht lesen konnte).

Insbesondere wird gesagt, dass die Redeweise “Tötung aller Frauen und Kinder” typisch und kulturell “übertrieben” sei, und dass es nicht notwendig ist, den Text so zu interpretieren, als seien sie alle *wirklich* geschlachtet worden.

Sie verteidigen jedoch einen wörtlicheren Bericht: dass Gott die Tötung der Frauen und jungen Kinder angeordnet habe.

Wie haben Sie sicher gestellt, dass Sie da nicht falsch liegen? Oder, um es anders auszudrücken, wäre der Verweis auf eine kulturell bedingt übertriebene Redeweise nicht eine Gelegenheit, nicht mehr die Sicht verteidigen zu müssen, dass Gott die Massenermordung von Frauen und Kindern angeordnet hat?

Das ist eine komplizierte Sache und ein gefühlsbeladenes Thema, aber ich würde gerne wissen, was Sie insbesondere zu den Berichten über die “übertriebene Sprache” meinen.

Nochmals vielen Dank,

Peter

  • United Kingdom

Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Ich habe diese Arten von Reaktionen auch schon gesehen, Peter, und ich finde sie enttäuschend, denn sie verzichten darauf, intellektuell mit der schwierigen Frage, die durch solche Geschichten aufgeworfen wird, zu ringen. Emotionale Ausbrüche nehmen den Platz rationaler Diskussion ein und lassen uns mit keinerlei tieferem Verständnis für die Fragen zurück als wir es zuvor hatten.

Ich empfinde es als Ironie, dass Atheisten so oft solche Empörung über Gottes Anweisungen zum Ausdruck bringen, da es im Naturalismus keinerlei Grundlage für die Annahme gibt, dass überhaupt objektive moralische Werte und Pflichten existieren, und somit auch keinerlei Basis dafür, die Tötung der Kanaaniter als falsch zu betrachten. Wie Doug Wilson richtig über die Tötung der Kanaaniter aus naturalistischer Sicht sagte: „Dem Universum ist das egal.“ So können die Nicht-Theisten höchstens behaupten, dass biblische Theisten eine Art Inkonsistenz zeigen, wenn sie einerseits die Güte Gottes und andererseits die Historizität der Eroberung Kanaans bestätigen. Es ist ein internes Problem für biblische Theisten, das kaum Anlass für moralische Empörung auf Seiten der Nicht-Theisten bietet. Wenn es bei der theistischen Sicht tatsächlich eine Inkonsistenz gibt, dann werden wir einfach die Historizität der Erzählungen aufgeben müssen, indem wir sie entweder als Legenden betrachten oder ansonsten als Israels Fehlinterpretationen von Gottes Willen. Die Existenz Gottes und die Solidität des Moral-Argumentes für Seine Existenz kommen dabei nicht einmal ins Spiel.

Das Thema von Gottes Befehl zur Zerstörung der Kanaaniter war der Gegenstand eines sehr interessanten Austausches bei der Sitzung der Evangelical Philosophical Society[2] letzten November beim Treffen der Society for Biblical Literature in Atlanta. Matt Flannagan verteidigte die Anschauung, die Paul Copan in seinem Buch Is God a Moral Monster? vorstellt, nämlich dass solche Befehle Übertreibungen darstellen, die für Berichte aus dem Alten Nahen Osten über militärische Eroberungen typisch seien. Wenn Paul damit recht hat, dann verschwindet das gesamte Problem offensichtlich ganz einfach. Aber diese Antwort scheint mir dem biblischen Text nicht gerecht zu werden, der auszusagen scheint, wenn die israelischen Soldaten auf kanaanitische Frauen und Kinder treffen, sollten sie diese töten (vgl. Samuels Tadel von Saul in 1 Sam 15,10-16).

Der alttestamentliche Wissenschaftler Richard Hess verfolgte in seinem Artikel eine andere Linie: Er deutet die Befehle wörtlich, aber denkt, dass keine Frauen und Kinder wirklich getötet wurden. Alle Kämpfe fanden mit militärischen Außenposten und Soldaten statt, wo Frauen und Kinder nicht anwesend gewesen sind. Es ist in der Tat ein auffallendes Merkmal dieser Erzählungen, dass es keinerlei Bericht darüber gibt, dass Frauen oder Kinder wirklich von jemandem getötet worden sind. Dennoch bleibt, selbst wenn Hess recht hat, die ethische Frage, wie Gott solche Dinge anordnen konnte, auch wenn die Befehle nicht wirklich ausgeführt wurden. Ob wirklich jemand getötet wurde, ist irrelevant für die ethische Frage, wie die Geschichte von Abraham und Isaak illustriert.

So bin ich selbst, wenn Copan recht hat, immer noch bereit, in den sauren Apfel zu beißen und die schwierigere Frage anzugehen, wie ein all-gütiger, all-liebender Gott solche schrecklichen Befehle anordnen konnte. Meine Argumentation in der Frage der Woche #16 lautet: Gott hat das moralische Recht, solche Befehle zu geben, und er hat damit niemandem unrecht getan. Ich möchte diejenigen, die meine Antwort verwerfen, herausfordern zu erklären, wem Gott denn unrecht getan hat und weshalb wir so denken sollten. Wie ich erklärt habe, sind die plausibelsten Kandidaten dafür ironischerweise die Soldaten selbst, aber ich denke, dass ausreichende Gründe geliefert werden können, weshalb ihnen eine solch grausame Aufgabe gegeben wurde.

Es gibt jedoch einen wichtigen Aspekt meiner Antwort, den ich verändern würde. Als Ergebnis einer genaueren Betrachtung des biblischen Textes kam ich zu der Bewertung, dass Gottes Gebot an Israel nicht primär lautete, die Kanaaniter auszulöschen, sondern sie aus dem Land zu vertreiben. Es war das Land, das in den Augen der alten Völker des Nahen Ostens höchste Bedeutung hatte (und heute noch hat!). Die kanaanitischen Stammesreiche, die das Land besetzten, sollten als Nationalstaaten zerstört werden, nicht als Individuen. Das Gericht Gottes über diese Stammesgruppen, die bis zu diesem Zeitpunkt so unglaublich verdorben geworden waren, bestand darin, dass sie ihres Landes beraubt wurden. Kanaan wurde Israel übergeben, das Gott aus Ägypten gebracht hatte. Wenn die kanaanitischen Stämme, als sie die Armeen Israels sahen, einfach beschlossen hätten zu fliehen, wäre überhaupt niemand getötet worden. Es gab keinen Befehl, die kanaanitischen Völker zu verfolgen und ihnen nachzujagen.

Deshalb ist es völlig irreführend, Gottes Befehl an Israel als einen Befehl zum Genozid zu charakterisieren. Es war vielmehr zuerst und vor allem ein Befehl, die Stämme aus dem Land auszutreiben und es in Besitz zu nehmen. Nur diejenigen, die zurückblieben, sollten völlig ausgelöscht werden. Es mag sein, dass überhaupt keine Nicht-Kämpfer getötet wurden. Dies würde erklären, weshalb es keinerlei Berichte über die Tötung von Frauen und Kinder gibt, so wie ich sie mir lebhaft vorgestellt hatte. Solche Szenarien mögen niemals stattgefunden haben, da es die Soldaten waren, die blieben, um zu kämpfen. Das ist auch der Grund, weshalb es zahlreiche kanaanitische Völker nach der Eroberung des Landes gab, wie der biblische Bericht bezeugt.

Niemand musste in dieser ganzen Angelegenheit sterben. Natürlich beeinflusst diese Tatsache nicht die moralische Frage bezüglich des Gebotes, das Gott gab, wie ich oben erklärt habe. Aber ich bleibe bei meiner vorherigen Antwort auf die Frage, wie Gott die Tötung jedes Kanaaniters geboten haben könnte, der versuchte, im Land zurückzubleiben.

(Übers.: B. Currlin)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/the-slaughter-of-the-canaanites-re-visited

Anmerkungen

[1] Deutsche Übersetzung siehe: "Die Abschlachtung der Kanaaniter", Frage der Woche # 16, http://www.reasonablefaith.org/german/qa16

[2] Vgl. die Leitseite der Evangelical Philosophical Society: http://www.epsociety.org. Die Jahrestagung findet jedes Jahr im November statt (abwechselnd in San Diego/California, Atlanta/Georgia und San Antonio/Texas). (Anm. d. Übers.)

- William Lane Craig