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#224 Deismus und Offenbarungsreligion

November 01, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich bin ein Katholik aus Karachi, Pakistan und wohne gegenwärtig in ________ . Ich habe in den letzten etwa 10 Jahren sehr viel gelesen, zumeist über vergleichende Religionswissenschaft, Geschichte, Wissenschaft und das Themengebiet Okkultismus / Freimaurertum / internationales Bankwesen usw. Vor kurzem habe ich mich insbesondere einigen konkreten Argumenten aus der naturalistischen Ecke zugewandt, einschließlich dem sogenannten Konflikt zwischen Wissenschaft / Religion / Evolution, und ich habe diesbezüglich ziemlich viel gelesen.

Um zu meiner Frage zu kommen: Etliche aus der Elite meiner Heimatstadt Karachi lassen sich in diesen Tagen stark durch Richard Dawkins beeinflussen (ich nicht). Ich bin hingegen mehr an den stärker philosophischen und rationalen Argumenten interessiert, und lese daher eher, was beispielsweise Daniel Dennett zu sagen hat. Meine Frage betrifft darum den DEISMUS. Ich habe zuvor darüber gehört, und ich habe dies auch in der Debatte zwischen Daniel Dennett und Ihnen gehört. Er sagt, dass diese Entität über Raum und Zeit „höchstens ein deistischer Gott“ sei. So möchte ich also Folgendes verstehen: Es gab in der Vergangenheit dazu schon Überlegungen. Spinoza hatte vor ein paar hundert Jahren von einem unpersönlichen Gott gesprochen, und auch andere haben Vermutungen hinsichtlich eines unpersönlichen Gottes angestellt. Hier sind nun meine Fragen. Zunächst möchte ich die deistische Sicht besser verstehen, und habe dann ein paar Fragen dazu:

Was genau meinen Deisten, wenn sie davon reden, Gott sei unpersönlich und deistisch? (Was ist für Deisten die stärkste Begründung dafür, weshalb sich Gott nicht in unser Universum einmischt?). Ich hoffe, ihre Seite zu verstehen. So hoffe ich, dass Sie – unabhängig von Ihrer eigenen Meinung dazu – zunächst mal in die Rolle eines Deisten schlüpfen und so antworten, als ob ein Deist selbst für einen unpersönlichen Gott argumentiert.

Was ist Ihr bestes Argument, warum Gott sich in diese Welt einmischen könnte und es tut? (Meine Frage bezieht sich nicht so sehr auf historische Nachweise. Ich bin mit den historischen Belegen für die Existenz Jesu, seinen Tod und seine Auferstehung, mit den außerbiblischen Belegen wie von Josephus und anderen wie Tacitus usw. vertraut. Diesen Teil der Argumentation brauchen Sie meinetwegen also nicht nochmal zu wiederholen). Also ohne unbedingt näher auf die historischen Fakten einzugehen, (was Sie natürlich tun können, sollte es erforderlich sein): gibt es ein rationales Argument, weshalb Gott ins Universum eingreifen kann und will? Gibt es etwas in Raum oder Zeit oder sonst etwas (einschließlich seiner zeitlosen Natur oder unwandelbaren Natur, wie ein Deist es ausdrücken würde), was, nach Überzeugung eines Deisten, Gott davon abhalten würde, sich einzumischen, und wozu Sie aber eine bessere Begründung haben, weshalb dieser Grund nicht zutrifft?

Ich hoffe also aufrichtig, dass Sie die deistische Perspektive zunächst so stark wie möglich darstellen können – (schließlich glauben ja eine Reihe von Philosophen, dass Gott so ist) –, und dieser dann Ihre eigenen Anschauungen entgegensetzen.

Ich danke Ihnen sehr herzlich und schätze Ihre Bemühungen um rationale Argumente auf dieser Webseite wirklich sehr!

Mit freundlichen Grüßen,

Abdon

  • Pakistan

Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Danke für Ihr tapferes Bekenntnis zu Christus in einem sehr feindseligen Teil der Welt, Abdon! Sehr gerne nehme ich Ihre Frage auf.

(a) Ich habe im Verlauf meiner Arbeit über die Historizität der Auferstehung Jesu ausführlich in den Werken der deistischen Denker Englands, Frankreichs und Deutschlands gelesen und sie dadurch recht gut kennengelernt. Wenn ich, wie Sie mich bitten, in die Rolle eines Deisten schlüpfen soll und an seiner Stelle antworten soll, dann würde ich Folgendes sagen:

„Abdon, woher haben Sie die Idee, dass wir Deisten an einen unpersönlichen Gott glauben? Wen haben Sie da gelesen? Es stimmt, dass Spinoza in seiner Ethica „Gott“ als Synonym für die „Natur“ betrachtet (Deus sive natura). Aber sein Werk sollte nicht als repräsentativ für den Deismus, sondern für den Pantheismus gelten. Zu Spinozas deistischer Phase, siehe vielmehr seinen Tractatus theologico-politicus, das die Auffassung einer persönlichen Gottheit vertritt. Wir Deisten unterscheiden uns nicht von traditionellen Monotheisten in unserer Vorstellung von Gott als einem persönlichen, vollkommen guten, transzendenten Schöpfer und Designer des Universums. Viele von uns glauben sogar, dass die Menschheit Gott gegenüber moralisch verantwortlich sei. Was wir ablehnen, sind die Ansprüche der Offenbarungsreligion, im Gegensatz zu den Ansprüchen der natürlichen Religion. So freuen wir uns, wenn jemand wie William Lane Craig mit den Argumenten der natürlichen Theologie gegen die Atheisten und Agnostiker seiner Zeit antritt. Wo wir ihn als fehlgeleitet betrachten, geht es um seine Akzeptanz christlicher Ansprüche bezüglich der göttlichen Offenbarung in Jesus Christus oder in der Bibel.

Bezüglich der Frage, weshalb wir denken, dass der Gott der Natur nicht in diese Welt eingreift, haben wir verschiedene Argumente geliefert (von denen Craig einige hilfreich in seinem Buch Reasonable Faith untersucht hat). Spinoza dachte, dass die Naturgesetze Ausdruck der göttlichen Natur seien und somit wohl nicht anders sein können, als sie sind, wodurch er Wunder ausschloss. Gleicherweise hat der respektable Voltaire die Naturgesetze als mathematische Notwendigkeiten und unverletzbare Wahrheiten betrachtet, sodass Gott nicht in die Natur eingreifen könne. David Hume hat eine bescheidenere Linie vertreten: Kein Ereignis könne jemals als wundersames Eingreifen identifiziert werden, denn in jedem Einzelfall eines angeblichen Wunders spricht viel mehr für die durchgängige Gültigkeit des Naturgesetzes als dafür, dass dieses Wunder tatsächlich stattgefunden hat. Es gibt viele solcher Argumente, aber offen gesagt denke ich, dass unser Skeptizismus gegenüber der Offenbarungsreligion weithin auf eine Art Müdigkeit gegenüber der für die Offenbarungsreligion typischen Gewalt und Intoleranz zurückzuführen ist, und ebenso auf eine zugrunde liegende Ungläubigkeit gegenüber Behauptungen, die mit einer Sicht der Welt als geschlossenem kausalen System, wie es die moderne Wissenschaft beschreibt, nicht vereinbar sind. – Soweit die Antwort eines fiktiven Deisten.

(b) Wie Sie zweifellos wissen, bin ich diesen deistischen Behauptungen gegenüber skeptisch. Solange Gott der transzendente Schöpfer und Designer des Universums ist, wie Deisten selbst zugeben, scheint es keinen guten Grund zu geben, weshalb Gott nicht kausal im Universum handeln könne. Wie der australische Philosoph Peter Slezak in unserer Debatte bemerkte: „Für einen Gott, der fähig ist, das ganze Universum zu erschaffen, wäre eine gelegentliche Auferstehung ein Kinderspiel!“

Was der deistischen Kritik an Wundern zugrunde liegt, ist die ungeeignete Definition von Wundern als „Verletzungen der Naturgesetze“. Da Naturgesetze nur über natürliche Ursachen regieren, machen sie keinerlei Voraussagen darüber, was geschehen wird, wenn ein übernatürlicher Akteur in die Reihe natürlicher Ursachen eingreift. Wunder sollten deshalb nicht als Verletzungen der Naturgesetze, sondern vielmehr als unter den Bedingungen natürlicher Ursachen unmögliche Ereignisse betrachtet werden, d. h. als Ereignisse, die nicht stattfinden könnten, wenn es nur die natürlichen Ursachen gäbe, die zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort wirken. Wenn ein transzendenter Gott existiert, der ursprünglich das Universum erschuf, dann gibt es keinen Grund, weshalb Er nicht so handeln könnte, um weitere Effekte zustande zu bringen, die natürlicherweise unmöglich sind. (Was göttliche Zeitlosigkeit und Unveränderbarkeit betrifft, so schreibe ich Gott keine dieser beiden Eigenschaften ohne Einschränkung zu; und selbst der Theist, der dies tut, kann immer noch göttliche Interventionen akzeptieren, wenn er die sogenannte B-Theorie der Zeit übernimmt, gemäß der alle Ereignisse auf der Zeitlinie gleichermaßen real und somit Gott gegenwärtig sind.)

Was Humes’ Argument gegen die Identifikation von Wundern betrifft, so lebte Hume vor der Entwicklung der Wahrscheinlichkeitsrechnung und konnte somit nicht alle Faktoren miteinbeziehen, die erforderlich sind, um die Wahrscheinlichkeit eines angeblich wunderhaften Ereignisses zu berechnen, insbesondere die Wahrscheinlichkeit, dass wir die Beweislage haben, die wir haben, wenn das Ereignis nicht stattgefunden hätte. (Mehr dazu im Kapitel über Wunder in meinem Buch Reasonable Faith, 3. Aufl.)). Was den recht verständlichen Überdruss an religiöser Gewalt und Intoleranz betrifft, so handelt es sich dabei um emotionale Faktoren, die irrelevant dafür sind, ob beispielsweise Jesus von Nazareth von den Toten auferstand oder ob Mohammed oder Joseph Smith göttliche Offenbarungen empfingen. Solche Behauptungen müssen eigenständig einer Beurteilung unterzogen werden.

Daher ist es, denke ich, offensichtlich: Wenn ein transzendenter Schöpfer – an den die Deisten ja glauben – existiert, dann kann dieser auch in die Abfolge natürlicher Ursachen eingreifen. Aber welche Gründe hätte er, einzugreifen? Warum würde er eingreifen? Nun, vermutlich, um uns Informationen mitzuteilen, die zu speziell sind, um sie uns durch Seine Offenbarung in der Natur allein zu vermitteln. Dies wäre insbesondere notwendig, wenn es einen Heilsplan gibt, den wir kennen und als ein Heilmittel für unsere moralische Schuldhaftigkeit gegenüber Gott empfangen müssen. Aus christlicher Sicht zielt Gottes Intervention sogar nicht nur einfach darauf ab, uns mehr Informationen mitzuteilen, sondern wirklich etwas zu tun: Christi Tod am Kreuz ist das sühnende Opfer für die Sünde der Menschheit, und ermöglicht dadurch unsere geistliche und moralische Wiederherstellung. Wenn Gott nicht etwas täte, wenn Er sich einfach nur zurücklehnte und nichts täte, wie die Deisten es sich vorstellen, dann wären wir alle verdammt.

So müssen wir nun die Frage stellen, hat Gott so in die Welt eingegriffen? Einige haben argumentiert, dass die Evolution biologischer Komplexität und insbesondere intelligenten Lebens auf diesem Planeten in einer relativ so kurzen Zeit nicht angemessen durch naturalistische Mechanismen allein erklärbar sei und deshalb göttliche Interventionen nötig macht. Oder man kann „vorspulen“, wie ich es üblicherweise tue, und spezifische Ansprüche der göttliche Offenbarung auf ihre Glaubwürdigkeit hin überprüfen. Wie Sie vielleicht wissen, bin ich überzeugt, dass die Behauptungen Jesu, wer er selbst war, dadurch gerechtfertigt sind, dass Gott ihn aus den Toten auferweckte, ein Ereignis, für das wir überraschend gute historische Belege haben. So denke ich, dass Gott nicht der gleichgültige, untätige Gott des Deismus ist. Vielmehr ist Er der Gott Israels, der sich selbst der Menschheit in der Geschichte des jüdischen Volkes offenbart hat, was in der Person und dem Heilswerk Jesu seinen Höhepunkt fand.

(Übers.: B. Currlin)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/deism-and-revealed-religion

- William Lane Craig