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#150 Wie kann ich verhindern, vom Glauben abzufallen?

November 01, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

zunächst will ich einfach sagen, dass ich Ihre Arbeit sehr schätze und dass Sie mir damit schon oft geholfen haben. Nun, meine Frage betrifft das geistliche Scheitern. Ich habe Ihren kürzlichen Reasonable-Faith-Podcast zu diesem Thema gehört. Sie sprachen über ehemalige Christen, die ihren Glauben verloren hatten. Ich will es offen sagen: Seit ich angefangen habe zu zweifeln, hat mein geistliches Leben darunter gelitten, und ich habe das Gefühl, dass ich denselben Weg eingeschlagen habe wie diese ehemaligen Christen. Seit ich angefangen habe, immer mehr Apologetik zu studieren, bin ich intellektuell stolz oder überheblich geworden. Jedenfalls hätte ich gern einen Rat, wie ich es schaffen kann, nicht vom Glauben abzufallen.

Mit freundlichen Grüßen,

Christopher

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Glaubensfragen

Ich denke, der hoffnungsvollste Aspekt Ihrer Frage, Christopher, ist die Ehrlichkeit, mit der Sie Ihren intellektuellen Stolz und Ihre Überheblichkeit eingestehen und erkennen, dass es gerade Faktoren dieser Art und nicht rein intellektuelle Dinge sind, die die größte Gefahr für unsere Standhaftigkeit im Glauben darstellen. Die Bibel warnt uns: „Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade“ (Jakobus 4,6). Wie schrecklich wäre es, feststellen zu müssen, dass Gott uns tatsächlich widersteht, weil wir stolz und hochmütig sind! Eine meiner größten Sorgen als Christ ist, dass ich irgendwie vom Glauben abfallen und so Christus verraten könnte. Es wäre der Gipfel der Torheit und Anmaßung zu meinen, dass dies nicht geschehen könnte. Denken wir nur an das, was Judas passierte. Es ist erstaunlich, dass ein Mann, der zu den ursprünglichen zwölf Jüngern gehörte und jahrelang in solcher Nähe zu Jesus gelebt hatte, sich am Ende gegen ihn wandte. Ist es dann verwunderlich, dass auch wir in ähnlicher Weise vom Glauben abfallen und Christus verraten könnten? Paulus spricht von mehreren ihm bekannten Personen, die den Glauben verlassen hatten (1. Tim 1,20; 2. Tim 2,17; 4,10). Er warnt: „Daher, wer zu stehen meint, sehe zu, dass er nicht falle“ (1. Kor 10,12). Paulus schloss sich selbst in diese Warnung ein: „...damit ich nicht, nachdem ich anderen gepredigt, selbst verwerflich werde“ (1. Kor 9,27). Wenn ein Mann vom geistlichen Format und der Hingabe eines Paulus diese Gefahr ernst nahm, wie viel mehr sollten wir es tun? Paulus ermahnt uns: „Prüft euch, ob ihr im Glauben seid, untersucht euch!“ (2. Kor 13,5).

Glaubensfragen – Wichtige Leitlinien, um im Glauben stark zu bleiben

Wie können wir es nun vermeiden, vom Glauben abzufallen? Ich denke nicht, dass es da ein einfaches Rezept gibt, aber in 2. Petrus 1,5-11 finden wir einige wichtige Leitlinien:

„(5) So wendet alle Mühe daran und erweist in eurem Glauben Tugend und in der Tugend Erkenntnis

(6) und in der Erkenntnis Mäßigkeit und in der Mäßigkeit Geduld und in der Geduld Frömmigkeit

(7) und in der Frömmigkeit brüderliche Liebe und in der brüderlichen Liebe die Liebe zu allen Menschen.

(8) Denn wenn dies alles reichlich bei euch ist, wird's euch nicht faul und unfruchtbar sein lassen in der Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus.

(9) Wer dies aber nicht hat, der ist blind und tappt im Dunkeln und hat vergessen, dass er rein geworden ist von seinen früheren Sünden.

(10) Darum, liebe Brüder, bemüht euch desto mehr, eure Berufung und Erwählung festzumachen. Denn wenn ihr dies tut, werdet ihr nicht straucheln,

(11) und so wird euch reichlich gewährt werden der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilands Jesus Christus.ˮ

Beachten Sie die Verheißung, die hier enthalten ist: „Wenn ihr diese Dinge tut, werdet ihr niCHT straucheln.“ Was für eine herrliche Zusage! Das ist genau das, wonach wir suchen, und deshalb müssen wir genau auf den Text achten. Das Überraschende an den Bedingungen dieser Verheißung ist, dass sie primär moralischer und geistlicher Art sind, und nicht primär intellektueller Art. Es wird uns geraten, unseren Glauben durch sieben Charaktereigenschaften zu ergänzen:

Glaube +

Tugend
Erkenntnis
Mäßigkeit
Geduld
Frömmigkeit
Bruderliebe
Liebe

Außerdem sollen wir diese Charakterbildung mit äußerstem Eifer verfolgen: „Wendet alle Mühe daran...“ Das muss absichtlich geschehen; es passiert nicht einfach von selbst.

Was sind das nun für Eigenschaften? Ich würde Ihnen nahelegen, sie in der Bibel zu studieren.

Tugend bedeutet moralische Exzellenz. Wir sollen gute Menschen werden, die Gottes Heiligkeit widerspiegeln.

Erkenntnis schließt ein solides Verständnis der christlichen Lehre ein. Dies gehört zur geistlichen Reife, wie Paulus betont: „Denn wir sollen nicht mehr Unmündige sein, hin- und hergeworfen und umhergetrieben von jedem Wind der Lehre“ (Epheser 4,11). Dies ist die einzige intellektuelle Eigenschaft in der Liste.

Mäßigkeit (oder Enthaltsamkeit) setzt Selbstbeherrschung voraus, wozu die Fähigkeit gehört, die eigenen Begierden, Launen, Worte und Wünsche zu kontrollieren. Wir alle wissen, wie leicht es geschehen kann, dass wir uns von unseren Leidenschaften mitreißen lassen, statt sie unter Kontrolle zu halten! Doch so wie ein Athlet beim Training in jeder Hinsicht Selbstbeherrschung übt, so sollen wir unsere Leidenschaften unter Kontrolle bringen (1. Kor 9,5).

Geduld bedeutet Ausdauer; es geht darum, einen langen Atem zu haben, trotz aller Hochs und Tiefs in unserem Leben. Wir müssen Langstreckenläufer sein, nicht nur Sprinter, sonst werden wir ausbrennen.

Frömmigkeit setzt voraus, dass wir unserem Leben eine geistliche Orientierung geben, statt eine materialistische, konsumorientierte Mentalität zu haben, die auf weltliche Güter Wert legt und sich darauf konzentriert (1. Tim 6,6-11).

Bruderliebe umfasst aufrichtige Zuneigung und Fürsorge für Mitchristen (Röm 12,10; 1. Joh 3,16-20a). Sind sie uns wirklich als Personen wichtig oder sind sie für uns nur Mittel zu eigenen Zwecken?

Liebe schließlich wird in 1. Korinther 13,4-7 beschrieben. Wir sollten danach trachten, dieser Beschreibung, die Paulus hier gibt, zu entsprechen. Wenn wir uns eifrig bemühen, diese Art von Charakter in uns selbst zu entfalten, dann gilt uns die Zusage, dass wir in der Erkenntnis Christi nicht ineffektiv oder fruchtlos sein werden.

Glaubensfragen – Die Frucht des Geistes fördert unsere geistliche Entwicklung

Nun mag uns diese Aufgabe so gewaltig erscheinen, dass sie uns eher erdrückt, als uns zu trösten! Wie können wir, die wir so schwach und fehlerhaft sind, solche Charaktereigenschaften in uns selbst verwirklichen? Das mag hoffnungslos erscheinen.

Nun, es ist sehr interessant, diese Liste von Charaktereigenschaften mit der Aufzählung über die Früchte des Heiligen Geistes in unserem Leben zu vergleichen, die Paulus uns gibt (Gal 5,22-23)! Paulus sagt, die Frucht des Geist ist:

Liebe
Freude
Friede
Geduld
Freundlichkeit
Güte
Treue
Sanftmut
Keuschheit (Enthaltsamkeit).

Hier sind einige derselben Charaktermerkmale, von denen gesagt wird, dass sie das Werk des Heiligen Geistes sind, wenn wir Ihm ergeben sind: Liebe, Freundlichkeit, Güte, Enthaltsamkeit. Beachten Sie auch, dass Treue und Sanftmut sich zu Enthaltsamkeit verbinden. Und da diese Eigenschaften die Frucht des Geistes sind, können wir sie einfach erhalten, indem wir eine geistliche Ausrichtung haben oder gottesfürchtig leben. Indem wir also mit dem Heiligen Geist erfüllt sind, das heißt, indem wir Ihm folgen und von Ihm bevollmächtigt werden, wird Er die Frucht dieser Eigenschaften in unserem Leben hervorbringen. Wir sind nicht bloß auf uns selbst gestellt, sodass wir es aus eigener Anstrengung bewältigen müssten. Der Schlüssel zur Charakterbildung liegt vielmehr in der Erfüllung mit dem Heiligen Geist.

Interessanterweise scheint Erkenntnis die einzige Ausnahme zu sein. Da geht es um die Erkenntnis Gottes und göttlicher Wahrheiten, primär durch das Studium seines Wortes. Doch während wir danach trachten, Erkenntnis zu erlangen, was können wir tun, um der Sünde des intellektuellen Stolzes zu widerstehen?

Erstens müssen wir das Primat der Liebe über die Erkenntnis in Gottes Ökonomie erkennen. Sokrates sagte, er wäre der weiseste Mann in Athen, weil er wusste, dass er nichts wusste! Der Apostel Paulus vertrat im Blick auf die griechischen Gnostiker, die die Wichtigkeit der Erkenntnis propagierten, eine ähnliche Auffassung. „Die Erkenntnis“, warnte er, „bläht auf, die Liebe aber erbaut. Wenn jemand meint, er habe etwas erkannt, so hat er noch nicht erkannt, wie man erkennen soll; wenn aber jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt“ (1. Kor 8,1b-3). Wenn wir also meinen, wir wären so klug, dass wir schon alles über Gott begriffen hätten, dann, so sagt Paulus, wissen wir in Wirklichkeit gar nichts. Wir sind nur aufgeblähte intellektuelle Wichtigtuer. Wer dagegen Gott liebt, der ist ein Mensch, der wahrhaftig zur Erkenntnis Gottes gekommen ist. Das hat niederschmetternde Folgen für unsere stolzen intellektuellen Errungenschaften. Es bedeutet nämlich, dass das einfachste Kind Gottes, das in der Liebe lebt, in Gottes Augen weiser ist als der brillanteste Bertrand Russell, den die Welt je gesehen hat.

Zweitens müssen wir die Gebrechlichkeit und Endlichkeit unseres menschlichen Wissens erkennen. Ich kann aufrichtig bezeugen, dass ich mich umso unwissender fühle, je mehr ich lerne. Das weitere Studium dient nur dazu, uns die endlosen Perspektiven des Wissens – sogar in unserem eigenen Fachgebiet – bewusst zu machen, über die wir rein gar nichts wissen. Mir kommt da etwas in den Sinn, das Isaac Newton einmal sagte, als er über seine Entdeckungen nachdachte, die er in seiner bedeutenden Abhandlung über Physik, Principia mathematica, dargelegt hatte. Er sagte, er fühle sich „wie ein Junge, der am Strand spielt und seine Freude daran hat, einen noch glatteren Kieselstein oder eine noch schönere Muschel als sonst zu finden, während der große Ozean der Wahrheit völlig unentdeckt vor mir liegt.“

Drittens schließlich möchte ich einen Rat von Hugo von Sankt Viktor weitergeben, der in seinem Didascalion (1125) schrieb:

„Nun ist Demut der Anfang des Studiums. Zwar sind die Lektionen der Demut zahlreich, aber die drei folgenden sind für den Studenten von besonderer Wichtigkeit: Erstens, dass er keinem Wissen und keiner Schrift mit Verachtung begegnet; zweitens, dass er sich bei keinem Menschen schämt, von ihm zu lernen; und drittens, dass er, wenn er selbst Bildung erlangt hat, nicht auf alle anderen herabsieht.ˮ

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/questions-of-faith

- William Lane Craig