#78 Persönliches Glaubenszeugnis
July 12, 2016Sehr geehrter Prof. Craig,
ich habe vor kurzem Ihren Defenders-Podcast angehört, in dem Sie Ihre Zuhörer sehr dazu ermutigen, ein persönliches Glaubenszeugnis als apologetisches Werkzeug im Gespräch mit Ungläubigen zu formulieren.
In meinen 10 Jahren als Nachfolger Jesu habe ich beobachtet, dass viele dieser „persönlichen Zeugnisse“ – die von Evangelikalen dermaßen hochgehalten werden – kontraproduktiv für das Verbreiten des Evangeliums sind.
Sie werden oft missbraucht, um über alles und jedes zu reden.
Ich höre in diesen Zeugnissen alle möglichen verstörenden Dinge wie „Gott hat mir dies oder jenes gesagt“. Manchmal hört man auch: „Ich war so ein kaputter Mensch, bis Gott mir dieses und jenes sagte, und jetzt ist mein Leben super. Er hat auch für dich einen wunderbaren Plan. Sprich dieses Gebet nach, und du wirst errettet.“
Oft stellen diese Zeugnisse den gesamten Inhalt des Gesprächs mit Ungläubigen dar, ohne dass das Leben, der Tod und die Auferstehung Jesu Christi auch nur erwähnt wurden.
Ich weiß, ich übertreibe ein wenig, aber ich finde, in den meisten „persönlichen Zeugnissen“ ist viel albernes Zeug enthalten. Besonders krass ist das bei „Word of Faith“ und anderen sogenannten christlichen Bewegungen.
Ich habe hierzu also folgende Fragen:
- Sind wir nach der Schrift verpflichtet, ein persönliches Zeugnis zu haben?
- Welchem Zweck dient es?
- Wie sollte es aufgebaut sein?
- Sind auch Sie wegen der modernen Evangelikalen frustriert, die derlei kontraproduktive Zeugnisse geben?
Danke, dass Sie sich mit meiner Frage beschäftigen.
Ihr Dienst und Ihre Arbeit sind eine große Bereicherung in meinem Wandel als Botschafter Christi.
In Ihm
Ryan
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Dr. craig’s response
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Persönliches Glaubenszeugnis
Ich nehme an, ich hatte bisher noch keine solch negativen Erfahrungen mit persönlichen Zeugnissen wie Sie, Ryan. Das liegt vielleicht daran, dass ich solche bisher vor allem im Rahmen von Aktivitäten gehört habe, die von Campus für Christus gesponsert waren. Dort bekommt man ja Hilfestellungen beim Formulieren eines persönlichen Glaubenszeugnisses. In unserer Defenders-Klasse haben auch wir den Teilnehmern solche Richtlinien gegeben, nach denen sie ihre Geschichte davon erstellen können, wie sie Christus kennengelernt haben. Denjenigen, die ihr Zeugnis im Unterricht dann gegeben haben, haben wir auch unser Feedback angeboten. Ich muss sagen, dass es einfach faszinierend war, die persönlichen Zeugnisse der Leute zu hören, wie sie zum Glauben an Jesus kamen. Die enorme Vielfalt an Wegen, auf denen Menschen zum Glauben kommen, ist einfach überwältigend. Ich staune oft darüber, dass Menschen, die alles im Griff zu haben scheinen, doch aus einem unglaublichen Hintergrund kommen und sagenhafte Erlebnisse hatten, die sie zu Jesus führten. Es bringt mein Herz zum Jubeln, wenn ich die Vielfalt des Leibes Christi sehe und all die wunderbaren Wege, auf denen der Herr wirkt, um die Menschen zu sich zu ziehen.
Ich wüsste nicht, dass die Schrift uns dazu auffordert, persönliche Glaubenszeugnisse zu formulieren. Aber wir lesen schon von Paulus, dass er sein Zeugnis davon, wie er auf der Straße nach Damaskus zum Glauben kam, mehrmals weitergibt. Noch Jahre später erzählte er den Menschen von diesem Erlebnis.
Was den Zweck des Zeugnisweitergebens angeht: Wir sollen Salz und Licht in einer dunklen Welt sein, und der interessanteste Weg, das zu sein, liegt darin, anderen aus dem eigenen Leben zu erzählen. Wie ich finde, springen die Leute mehr auf jemandes persönliche Geschichte an als auf Argumente. Sie wollen wissen, wie das, was Sie glauben, Ihr Leben beeinflusst hat, welchen Unterschied es für Sie macht. Einer der Vorteile davon, ihre persönliche Geschichte weiterzugeben, ist der, dass es oft Leute gibt, die sich mit einem Teil Ihres Lebens identifizieren, der sie mit in Ihre Geschichte hineinnimmt. Ich betrachte das persönliche Zeugnis also als ein Schlüsselelement in der Evangelisation. Es hilft Menschen, einen persönlichen Anknüpfungspunkt zur Botschaft des Evangeliums zu finden.
Hier also ein Muster, dem man folgen kann: Schreiben Sie auf, wie Sie zu Christus gefunden haben, und zwar so, dass Sie das in ca. drei Minuten vortragen können. Drei Hauptteile sollten dazugehören: Zunächst eine Beschreibung Ihres Lebens, bevor Sie zum Glauben kamen. Wenn Sie natürlich als kleines Kind zum Glauben kamen, wird dieser Teil weniger bedeutend sein, als wenn Sie später den Herrn fanden. Doch viele Menschen, die in christlichen Elternhäusern aufgewachsen sind, können sich dann mit Ihren Bemühungen identifizieren, zum eigenen Glauben durchzudringen, und nicht den Ihrer Eltern einfach zu übernehmen. Erzählen Sie dann, wie Sie Christ geworden sind. Gehen Sie ins Detail. Was haben Sie genau getan? Ein Mensch, der Ihr Zeugnis hört, sollte danach wissen, was er tun muss, wenn er sein Leben Jesus übergeben will. Beim Weitergeben dieses Teils versuche ich normalerweise, den Inhalt der Evangeliumsbotschaft wiederzugeben, die mir weitergegeben wurde und auf die ich reagierte. Die Botschaft von Jesu Tod und Auferstehung kann also auch zu Ihrem Zeugnis gehören. Und beschreiben Sie schließlich ein wenig, wie sich Ihr Leben verändert hat, seitdem Sie Christ geworden sind. Was bedeutet Ihnen Jesus heute? Welchen Unterschied macht es, ein Christ zu sein – verglichen mit Ihrem alten Leben? Wenn Sie Ihr Zeugnis aufgeschrieben haben, lernen Sie es auswendig, sodass Sie jemandem Ihre Geschichte auf Knopfdruck erzählen können, sollten Sie danach gefragt werden.
Persönliches Glaubenszeugnis – wie Sie Ihr Zeugnis anfertigen
Hier nun eine Veranschaulichung dessen, wovon ich spreche – lassen Sie mich meine eigene Geschichte davon erzählen, wie ich zum Glauben an Jesus kam:
Ich war zwar in einem ordentlichen und liebevollen Umfeld aufgewachsen, aber wir waren keine Familie, die in die Kirche ging, geschweige denn christlich war. Doch im Teenager-Alter fing ich an, mir die großen Fragen des Lebens zu stellen: „Wer bin ich? Warum bin ich hier? Wohin gehe ich?“ Auf der Suche nach Antworten begann ich, eine große Kirche in unserer Gemeinde zu besuchen. Doch statt Antworten fand ich nur einen geselligen Country Club, wo man anstelle des Mitgliedsbeitrags eben jede Woche einen Dollar in die Kollekte warf. Die anderen High-School-Schüler, die in der Jugendgruppe waren und sich sonntags als Christen ausgaben, lebten für den Rest der Woche für ihren eigentlichen Gott, die Beliebtheit. Sie schienen bereit, alles dafür zu tun, beliebt zu sein.
Das nagte sehr an mir. „Sie geben sich als Christen aus, aber ich führe ein besseres Leben als die“, dachte ich bei mir. „Aber ich fühle mich innerlich so leer. Die müssen sich genauso leer fühlen, nur geben sie vor, etwas zu sein, was sie nicht sind. Das sind doch alle nur Heuchler!“ So nahm ich der institutionellen Kirche und den dazugehörigen Leuten gegenüber mit der Zeit eine sehr verbitterte Haltung ein.
Schon bald hatte ich auch anderen Leuten gegenüber diese Haltung. „Niemand ist wirklich echt“, dachte ich mir. „Die sind doch alle falsch, setzen in der Welt eine Maske auf, während der eigentliche Mensch tief drinnen kauert und Angst hat, herauszukommen und echt zu sein.“ Und so verspürte ich irgendwann Wut und Groll gegenüber Menschen im Allgemeinen. Ich verachtete meine Mitmenschen, wollte nichts mit ihnen zu tun haben. „Ich brauche keine Menschen“, dachte ich bei mir, und stürzte mich in mein Studium. Ich war, ganz offen gesagt, auf dem besten Weg, ein junger Einzelgänger zu werden.
Und dennoch wusste ich – wenn ich ehrlich war und mich selbst betrachtete –, dass ich tief im Inneren sehr wohl lieben und von anderen geliebt werden wollte. An diesem Punkt erkannte ich, dass ich genauso aufgesetzt war wie die anderen. Ich war es doch, der vorgab, niemanden zu brauchen, obwohl ich tief im Inneren wusste, dass ich das sehr wohl tat. So richtete ich dann meinen Zorn und meinen Hass wegen meiner eigenen Heuchelei und Falschheit auf mich selbst.
Ich weiß nicht, ob Sie wissen, wie das ist. Aber diese innere Wut und Verzweiflung fressen einen innerlich auf und machen jeden Tag zu einer Qual, zu einem Tag, den es zu überstehen gilt. Ich sah keinen Zweck im Leben; nichts war von wirklicher Bedeutung.
Eines Tages, als ich mich besonders mies fühlte, ging ich auf meiner High-School in die Deutschstunde und setzte mich hinter ein Mädchen, die eine von denen war, die einfach immer so glücklich sind, dass einem fast schon übel davon wird. Ich tippte sie an der Schulter an, sie drehte sich um, und ich fragte sie knurrend: „Sandy, warum bist du eigentlich immer so glücklich?“
„Weil ich errettet bin, Bill!“
Ich war fassungslos. Solche Wörter hatte ich noch nie gehört.
„Du bist was?“, fragte ich.
„Ich kenne Jesus als meinen persönlichen Erretter“, erklärte sie.
„Ich gehe in die Kirche“, sagte ich unbeholfen.
„Das reicht nicht, Bill“, sagte sie. „Du musst ihn wirklich in deinem Herzen leben lassen.“
Das war die Höhe! „Wieso würde er denn sowas tun wollen?“, verlangte ich zu wissen.
„Weil er dich liebt, Bill.“
Das traf mich wie ein Blitz. Hier saß ich nun, voller Wut und Hass, und sie sagt, es gebe jemanden, der mich liebt. Und zwar niemand Geringeren als den Gott des Universums! Das haute mich einfach um. Der Gedanke, dass der Gott des Universums mich, Bill Craig, lieben sollte, dieses Würmchen da unten auf diesem Staubkorn eines Planeten namens Erde! Ich konnte es einfach nicht fassen.
Das löste bei mir die schmerzhafteste Zeit des In-mich-Gehens aus, die ich jemals durchgemacht habe. Ich besorgte mir ein Neues Testament und las es von der ersten bis zur letzten Seite. Und dabei zog mich dieser Jesus von Nazareth komplett in seinen Bann. In seiner Lehre steckte eine Weisheit, die ich davor noch nie gesehen hatte und in seinem Leben eine Authentizität, die nicht zu jenen Leuten in meiner Kirche passte, die von sich behaupteten, ihm nachzufolgen. Ich wusste, ich durfte das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.
Durch das Lesen des Neuen Testaments entdeckte ich, was mein Problem war. Mein eigenes moralisches Versagen – in Gedanken, Wort und Tat – hatte mich moralisch schuldig vor Gott gemacht und mich geistlich von ihm getrennt. Deswegen kam mir Gott so unwirklich vor. Aber die Gute Nachricht war, dass Gott seinen Sohn Jesus Christus in die Welt gesandt hatte, um die Todesstrafe für meine Sünden zu bezahlen, wodurch er Gottes Liebe und Vergebung freisetzte, die mich begnadigte und reinigte und die Beziehung zu Gott wiederherstellte, für die ich bestimmt war.
In der Zwischenzeit stellte Sandy mir andere Christen auf der High-School vor. Solchen Leuten war ich davor noch nie begegnet! Was auch immer sie über Jesus sagten: Es war nicht zu leugnen, dass sie auf einer Realitätsebene lebten, von deren Existenz ich nicht einmal zu träumen wagte, und es gab ihrem Leben tiefen Sinn und Freude, nach denen ich mich so sehr sehnte.
Lange Rede, kurzer Sinn: meine spirituelle Suche dauerte noch sechs Monate. Ich ging zu christlichen Veranstaltungen, las christliche Bücher und suchte Gott im Gebet. Schließlich war ich eines Nachts mit meinem Latein am Ende, und ich schrie zu Gott. Ich schrie all die Wut und Bitterkeit, die sich in mir aufgestaut hatten, heraus, und gleichzeitig verspürte ich diese riesige Freude, die in mir immer größer wurde, wie ein Luftballon, den man aufbläst, bis er fast platzt! Ich weiß noch, wie ich nach draußen eilte, es war eine klare Sommernacht, und man konnte die Milchstraße am ganzen Himmel sehen. Und als ich zu den Sternen aufblickte, dachte ich bei mir: „Gott! Ich kenne Gott jetzt!“
Dieser Moment veränderte mein ganzes Leben. Während jener sechs Monate hatte ich genug über das Evangelium nachgedacht, um zu erkennen, dass ich, wenn es wirklich die Wahrheit ist – die Wahrheit –, nichts anderes tun konnte, als mein ganzes Leben darin zu investieren, diese wunderbare Botschaft unter die Menschen zu bringen.
Für viele Christen ist die größte Veränderung, wenn sie zum Glauben kommen, die Liebe oder die Freude oder der Friede, den bzw. die sie dadurch bekommen. All das war für mich auch sehr aufregend. Doch wenn Sie mich fragen würden, was die größte Veränderung ist, die Christus in meinem Leben bewirkt hat, würde ich ohne zu zögern sagen: „Der Sinn!“ Ich kannte die Dunkelheit, die Verzweiflung eines Lebens ohne Gott. Gott zu kennen, verlieh meinem Leben plötzlich ewige Bedeutung. Jetzt hatten die Dinge, die ich tat, ewigen Sinn. Das Leben war nicht mehr belanglos. Jetzt konnte ich jeden Tag als einen weiteren erleben, an dem ich mit ihm gehe.
Persönliches Glaubenszeugnis – die Auswirkungen des Zeugnisses
Die Auswirkungen dieses Zeugnisses waren bisher bemerkenswert. Vor ungefähr einem Jahr waren wir zusammen mit einigen anderen christlichen Philosophen auf einer Philosophie-Konferenz an der Universität Fudan in Schanghai. Am letzten Tag der Konferenz bat mich der Moderator ganz unerwartet, zu erzählen, wie ich Christ geworden war. Es war eine Steilvorlage! Ich gab also sofort mein persönliches Glaubenszeugnis weiter. Als ich fertig war, konnte man erkennen, dass die Studenten sehr bewegt waren. Vor ein paar Monaten bekam ich dann diese E-Mail:
"Hallo aus Schanghai! Wir haben uns letztes Jahr gesehen, als Sie hier an der Universität Fudan gesprochen haben. Seit dem Symposium letztes Jahr sind hier einige erstaunliche Dinge passiert. Wir konnten einigen der interessierten Studenten aus den Vorlesungen nachgehen. Einige der Leute, die Ihre letzte Vorlesung besucht haben, sind danach zum Glauben gekommen. Ich hoffe, Gott wird Sie und Ihre Kollegen auf großartige Art und Weise verwenden, um sein Werk hier in China voranzutreiben."
Persönliche Glaubenszeugnisse und kontraproduktiv? Nie im Leben! Natürlich kann es kontraproduktive Zeugnisse geben – Zeugnisse, die sehr langatmig und ausufernd, vage oder unvollständig, oder einfach nur abgedreht sind (im Leib Jesu gibt's wirklich alles!). Doch lassen Sie sich von derlei Negativbeispielen nicht davon abschrecken, das Richtige gut zu tun: die Geschichte weiterzugeben, wie Gott gehandelt hat, um Sie zum Glauben an sich zu ziehen. Ein gutes Zeugnis gibt Gott die Ehre und verweist den Zuhörer auf Christus, und den erhöht es, nicht einen selbst. Wie ich finde, ist das Weitergeben des persönlichen Glaubenszeugnisses zusammen mit dem Evangelium und Belegen für dessen Wahrheit ein mächtiges Zeugnis von Jesu Realität und macht das Evangelium für Menschen, die heute suchen, sehr attraktiv.
(Übers.: J. Booker)
Link to the original article in English: /personal-testimony-of-faith
- William Lane Craig