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#222 Das Moral-Argument für Gottes Existenz

July 12, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

meiner Meinung nach haben Sie sich in der Debatte mit Sam Harris[1] neulich sehr gut gehalten. Sie haben ihn nicht nur in seiner Argumentation „geschlagen“, sondern er hat sich selbst geschlagen, indem er behauptete, dass Sie nicht einmal mit ihm auf der Bühne gewesen seien!

Dennoch beunruhigt mich etwas an Ihrer "Divine Command"- Theorie[2]. Es lässt sich in zwei Fragen fassen, eine einfache und eine komplexere:

1) Einfache Frage: Wenn der christliche Glaube sich als falsch erwiese, und der Islam als wahr, würden Sie dann einfach ihre gegenwärtigen moralischen Glaubensüberzeugungen fallen lassen und diejenigen des Islams übernehmen, weil sie feststellten, dass sie „den falschen Gott hatten“? Gäbe es nicht einen Teil in Ihnen, der vielleicht gegen Allah rebellierte, wenn Sie mit bestimmten Szenarien bezüglich der Beurteilungen über kreatürliches Wohlergehen konfrontiert wären?

2) Kompliziertere Frage: Sie sagen, Gott sei das Gute, oder dass Gutheit aus Gottes Natur fließe. Diese Aussage soll die Hörner des Euthyphron-Dilemmas spalten: dass Gott sich weder äußeren Moralmaßstäben anpasst, noch sie subjektiv aus einer Laune heraus entscheidet.

Moral-Argument für Gott – Verschiebt die Identifizierung des „Guten“ als Gottes Natur nicht einfach das Euthyphron-Problem um einen Schritt nach hinten?

Ich bin jedoch ernsthaft durch den Gedanken beunruhigt, dass dies das Problem nur ein Stück nach hinten verschiebt, denn wir können dann die Frage stellen:

Ist Gutheit „gut“, weil sie sich in Gottes Natur befindet, oder ist Gott „gut“, weil seine Natur notwendigerweise dem Guten entspricht?

Oder lassen Sie uns das als Bedingungssätze formulieren, aus denen wir wählen können:

A) Wenn (X) ein Teil von Gottes Natur ist, dann ist (X) gut.

Oder:

B) Wenn (X) gut ist, dann ist (X) ein Teil von Gottes Natur.

Diese Auswahl an Behauptungen, “A” und “B”, scheinen verschiedene Möglichkeiten zu eröffnen, wenn es um modale Logik geht:

Nehmen wir “A”: Wenn etwas zufällig in Gottes Natur liegt, dann müssen wir es als “gut” bezeichnen. Das Problem ist, wir können uns verschiedene mögliche Welten vorstellen, wo Gott völlig verschiedene Dinge wertschätzt und eine andere moralische Natur besitzt. Wir könnten uns eine Welt vorstellen, wo, freiheraus gesagt, der Fragesteller, der behauptete, homosexuelle Liebe sei gut … recht hat! Oder, wie meine erste Frage, wir könnten uns einen Gott islamischer Natur vorstellen, einen, der sagt, „Vergewaltigung ist in Ordnung“.

In dieser Hinsicht können wir uns vorstellen, dass es so viele verschiedene mögliche Moralvorstellungen gibt, die Gott innehaben könnte, wie Karten in einem Spiel, und wir wären eben mit einer speziellen „moralischen“ Karte „bedient worden“. Gottes moralische Werte hätte ein „Kreuzkönig“ im Vergleich zum „Pikass“ oder der „Herz-Sechs“ sein können, (um eine Analogie aufzustellen), und wir leben eben zufällig in einer Welt, wo unser Gott die Natur einer „Karo-Drei“ innehat.

Wenn wir “A” annehmen, dann müssen wir einfach sagen, egal, in welcher möglichen Welt wir uns wiederfinden, die reine Tatsache, dass Gottes moralische Werte einfach zufällig bestimmter Art sind, bedeutet, dass sie “das Gute” sind. Wir würden dies von Gott sagen, egal, wie sich seine moralische Natur aktual (und spezifisch) zeigen würde. Potenziell könnten Sie dies sogar sagen, je nach der Antwort, die Sie auf die erste Frage geben?

Wie garantieren wir also, dass etwas wahrhaftig “gut” ist, wenn es völlig davon abhängig ist, dass wir einfach in einer möglichen Welt “aufwachen”, wo sich Gottes Natur in die eine, statt in die andere Richtung bewegt?

Was “B” betrifft, würde dies beinhalten, dass “Gutheit” selbst-existent ist, unabhängig von Gott, und dass Gottes moralische Natur sich nicht verändern kann, da er notwendigerweise darin “eingeschlossen” ist, diese äußeren, notwendigen Wahrheiten widerzuspiegeln.

Wenn wir also “B” übernehmen, haben wir nicht das Problem, dass Gottes moralische Natur frei sei, zu variieren – und dass wir sie einfach als „gut“ bezeichnen, weil dies die Art und Weise ist, wie die Dinge in der Welt nun mal sind. Wir würden bei einem Gott landen, dessen moralische Natur notwendigerweise auf eine bestimmt Art festgelegt ist.

Das Beunruhigende ist, das ist einfach deshalb so, weil seine Natur einem Maßstab entspricht, der ihn zunächst einmal gar nicht erforderlich macht … und vielleicht von einer Art “Wissenschaft” (natürlich einer besseren als der von Sam Harris) entdeckt werden könnte? D.h. das Euthyphron-Argument wäre darin erfolgreich zu zeigen, dass das Gute unabhängig von Gott ist.

Ich hoffe, das ergab Sinn. Es ist eine wirkliche Kopfnuss, und sie hält mich momentan davon zurück, die "Divine Command"-Theorie zu übernehmen.

Nochmals vielen Dank für Ihre brillante Arbeit, Prof. Craig!

Peter

<ul><li>United Kingdom</li></ul>

Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Moral-Argument für Gott

Schön, von Ihnen zu hören, Peter! Ich freue mich darauf, Sie im Oktober während meines Besuches im Vereinigten Königreich zu treffen.

Lassen Sie uns zuerst auf Ihre einfachere Frage eingehen. Sie fragen: „Wenn der christliche Glaube sich als falsch erwiese, und der Islam als wahr, würden Sie dann ihre gegenwärtigen moralischen Überzeugungen einfach fallen lassen und diejenigen des Islams übernehmen, weil Sie feststellten, dass Sie den ‚falschen Gott hatten‘?“

Diese Frage ist, so meine ich, falsch formuliert. Die bedeutsame Frage lautet nicht, was ich unter den vorgestellten Umständen tun würde, sondern, was ich tun sollte. Was ich tun würde, ist eine autobiografische Tatsache über die Psychologie meiner Persönlichkeit, welche von geringem philosophischem Interesse ist. Außerdem wäre es anmaßend für mich, Voraussagen darüber zu treffen, was ich unter anderen Umständen tun würde. (Denken Sie an den Apostel Petrus in der Nacht, als Jesus verraten wurde?). Es ist vielmehr von Interesse, was ich unter den vorgestellten Umständen tun sollte. So formuliert, ist die Antwort auf die Frage eindeutig: Wenn der Islam sich als wahr erwiese und der christliche Glaube als falsch, dann wäre der Islam die Wahrheit, und somit sollte ich natürlich an ihn glauben. Dieselbe Antwort würde sich einem Atheisten darbieten: Wenn sich der Atheismus als falsch erwiese und der Islam als wahr, sollte man dann den Geboten Allahs gehorchen? Natürlich, denn dann ist der Islam die Wahrheit und man hat wirklich diese moralischen Verpflichtungen, egal, wie schwer es für einen wäre, diese zu schultern.

Lassen Sie uns nun zu Ihrer zweiten Frage kommen: „Ist Gutheit ‚gut‘, weil sie sich in Gottes Natur befindet, oder ist Gott ‚gut‘, weil seine Natur notwendigerweise dem Guten entspricht?“ Wiederum denke ich, dass sich die Formulierung dieser Frage dadurch verbessern ließe, dass man bestimmte Eigenschaften, wie Mitgefühl, Fairness, Großzügigkeit usw., auswählt und fragt: „Sind diese Eigenschaften gut, weil man sie in Gottes Natur findet, oder sind sie auch ganz unabhängig von Gott gut?“ Die Antwort auf diese Frage liegt auf der Hand: die theistische Sicht ist die, dass diese Eigenschaften gut sind, weil sie sich in Gottes Natur befinden. Die Alternative, (dass Gott gut ist, weil seine Natur dem Guten entspricht), ist wiederum nur Platonismus, den wir bereits an anderer Stelle abgelehnt haben (siehe meine dreigliedrige Kritik gegen den Platonismus in dem Aufsatz „Why are some Platonists so insouciant?“[3])

Was also soll das Problem für den klassischen Theisten darstellen?

Der Einwand lautet, dass wir uns verschiedene mögliche Welten vorstellen können, in denen Gottes moralischer Charakter anders ist. Aber, Peter, das ist nicht das Modell, das ich verteidige! Bei den meisten Versionen der "Divine Command"-Theorie besitzt Gott Seine moralischen Eigenschaften essenziell (das bedeutet es in der Tat genau, wenn man sagt, sie sind Teil Seiner Natur!). Somit gibt es keine mögliche Welt, in der Gott nicht freundlich, unparteilich, gnädig, liebend usw. ist. Somit glaube ich nicht, es sei möglich, dass Allah Gott ist, da Allah nicht all-liebend und unparteilich ist.

Moral-Argument für Gott – Gottes moralische Eigenschaften sind ein essenzieller Teil Seiner Natur.

Ihre Kartensatz-Analogie setzt voraus, dass Gottes moralische Eigenschaften kontingente Eigenschaften Gottes sind. Aber der klassische Theismus hält diese Eigenschaften für essenzielle Eigenschaften Gottes. So ist es grundlegend falsch zu sagen, dass Gottes moralische Eigenschaften „einfach zufällig so sind“.

Lassen Sie uns auch eine Minute über die Alternative B nachdenken. Warum annehmen, dass der Inhalt des Guten in jeder möglichen Welt derselbe ist? Wie steht es mit Welten, in denen das Gute unterschiedliche moralische Eigenschaften umfasst? Und warum annehmen, dass Gott notwendigerweise darin eingeschlossen ist, das Gute widerzuspiegeln? Warum könnte es dieser Ansicht nach nicht auch kontingent sein, dass Gott gut ist? Ich denke, Sie sagen richtig, dass es solche Welten nicht gibt. Der Inhalt des Guten ist dafür essenziell, und Gott ist notwendigerweise gut, somit könnte er nicht anders als das Gute widerzuspiegeln. Ich stimme zu; aber warum steht dann dem klassischen Theisten keine ähnliche Antwort zur Verfügung? Der einzige Unterschied zwischen dem Platonisten und dem klassischen Theisten ist in dieser Beziehung, dass der Theist das Gute mit Gott selbst identifiziert. Genauso wie das Gute nicht hätte anders sein können, so hätte Gott nicht anders sein können.

Ich denke, dass dieser Einwand wirklich auf die Behauptung abzielt, dass es irgendwie willkürlich sei, Gottes Natur als das Gute anzunehmen. Aber jede Theorie des moralischen Realismus muss einen Erklärungsendpunkt haben, an dem man das ultimativ Gute erreicht. Jeder, der eine moralische Theorie zur Sprache bringt, ist berechtigt, was immer er will als seinen ultimativen Erklärungsendpunkt zu identifizieren. Die Frage wird dann allerdings lauten, ist der ultimative Erklärungsendpunkt durch eine plausible moralische Theorie postuliert? Im Falle des Theismus ist es, wie ich denke, höchst plausibel, Gott als den ultimativen Erklärungsendpunkt zu nehmen. Denn die Vorstellung von Gott beinhaltet schon in sich die Vorstellung eines notwendigen, metaphysisch ultimativen Wesens, eines, das außerdem der Anbetung würdig ist. In der Tat ist Er das größte vorstellbare Wesen, und es ist größer, das Gute zu sein, als es lediglich widerzuspiegeln. Somit ist der Endpunkt für den Theisten im Gegensatz, sagen wir, zu dem des Humanisten, keineswegs willkürlich oder voreilig.

(Übers.: B. Currlin)

Link to the original article in English: /moral-argument-for-god

Anmerkungen

[1] Ein Video zu der Debatte zwischen W.L. Craig und Sam Harris über das Thema „Is the Foundation of Morality Natural or Supernatural?“ (Ist die Grundlage der Moral natürlich oder übernatürlich?) findet sich hier: /media/craig-vs-harris-notre-dame (Anm. d. Übers.)

[2] Die "Divine Command"-Theorie (dt. etwa Theorie des göttlichen Befehls) ist eine metaethische Theorie. Metaethik befasst sich mit der Natur der Moral (also z.B. mit Fragen wie „Gibt es überhaupt objektiv gültige Werte und Pflichten oder nicht?“ „Ist die Moral natürlichen oder übernatürlichen Ursprungs?“ etc.), nicht mit dem Für und Wider einzelner moralischer Richtlinien (z.B „Ist Abtreibung zu erlauben?“).

Nach der "Divine Command"-Theorie gibt es objektiv gültige Werte und Pflichten; objektive Werte basieren auf dem Wesen Gottes, objektive Pflichten auf dem Willen Gottes.

Gottes Wesen als vollkommen heilig, gerecht und gut ist der Standard, an dem letztlich alle menschlichen Handlungen und Entscheidungen zu messen sind. (Gott ist liebend, großzügig, gerecht, treu, freundlich etc.). Gottes Wesen ist somit der Maßstab für alle objektiven Werte.

Gott drückt seinen Willen für die Menschen ferner in konkreten Geboten aus, die dann die Basis für unsere Pflichten sind, z.B. „Du sollst nicht lügen“, „Du sollst nicht stehlen“ etc.

(Ob es solche Werte und Pflichten gibt oder nicht gibt, ist primär eine ontologische Frage, betrifft also die moralische Ontologie. Sie ist zunächst unabhängig davon, wie Menschen diese Werte und Pflichten erkennen können, sei es durch Gewissen, Vernunft oder Offenbarung etc. Die Frage der Erkennbarkeit moralischer Werte und Pflichten ist eine Frage moralischer Epistemologie.) Vgl. in deutscher Sprache den Artikel „Können wir ohne Gott gut sein?“ /german/Konnen-wir-ohne-Gott-gut-sein sowie den Vortrag von William Lane Craig in deutscher Sprache über das Thema „Gut ohne Gott? Über die Grundlage der Moral“ https://www.youtube.com/watch?v=YqrV9671D5w vom 30.10.2015 in München. (Anm. d. Übers.)

[3] Der Aufsatz „Why are some Platonists so Insouciant?“ (dt. etwa: „Warum sind einige Platoniker so unbekümmert?“) ist hier einsehbar: /why-are-some-platonists-so-insouciant. (A.d.Übers.)

- William Lane Craig