#231 Sich von Paulus abgestoßen fühlen?
November 01, 2016Sehr geehrter Prof. Craig,
ich kann kaum glauben, dass ich an Sie mit dieser Frage herantrete.
Ich habe viele Jahre damit verbracht, den christlichen Glauben zu umgehen und dennoch aufrichtig nach Wahrheit gesucht. Ich habe Buddhismus und wissenschaftliche Philosophie studiert und hatte mit Okkultismus zu tun.
Der Grund, weshalb ich bereit war, an diesen Orten nach Wahrheit zu suchen, während ich den christlichen Glauben vermied, war, dass ich den christlichen Glauben an Paulus als unvernünftig empfand.
Erst ganz kürzlich habe ich eine Ihrer Vorlesungen angeschaut und war emotional auf eine Art und Weise bewegt, wie ich es nicht geahnt hätte. Erstens: Ich verstand, wie der christliche Glaube vernünftig sein könnte, und zweitens: Ich fühlte, dass die Wahrheit, die Sie lehrten, irgendwie die wirkliche Wahrheit war, gegenüber der meine anderen nur wie Schatten erschienen. Ich fühle mich jetzt von Jesus gerufen – aber ich fühle mich weiterhin von Paulus abgestoßen.
Ich erkenne viele Gründe, an Jesus zu glauben, aber sehr wenige, um der Erfahrung des Paulus zu trauen. An Jesus zu glauben, erscheint begründet, aber zu glauben, dass Paulus sich nicht selbst getäuscht hat, erscheint schwerer zu rechtfertigen, insbesondere, wenn Paulus anscheinend Jesus widerspricht und sich den Aposteln widersetzt.
Meine Frage lautet: Ist es möglich, Christ zu sein, ohne an Paulus und seinen Dogmenbeitrag zu glauben? Bliebe die wesentliche christliche Lehre der Kirche erhalten, wenn wir den Beitrag des Paulus verwerfen?
Wenn nicht: Wie kann man ein solches Maß an begründeten Glauben an Paulus haben, dass man das notwendige Vertrauen besitzt, seine Interpretation von Jesus zu akzeptieren?
Danke für Ihre Hilfe!
Anthony
Dr. craig’s response
A [
Wunderbar zu lesen, wie Gott in Ihrem Leben wirkt, Antony! Ich erinnere mich, wie ich als nicht-christlicher Teenager, als ich das erste Mal die Evangelien über das Leben und die Lehren Jesu las, ebenfalls spürte, dass dies die wirkliche Wahrheit war und wie ich nicht mehr von ihr (bzw. von ihm) loskam. Nachdem ich Christ wurde, lernte ich, dass dies die Überführungskraft von Gottes Heiligem Geist in meinem Leben war, der mich zu sich Selbst zog. Sie tun gut daran, Seinen Ruf zu beachten.
Aber Sie haben ein Problem mit dem Apostel Paulus! Und so fragen Sie sich, ob man ein Christ werden kann, ohne an Paulus oder seinen Beitrag zum Dogma zu glauben.
Nun, auf einer Ebene ist die Antwort auf Ihre Frage einfach: Natürlich ist es möglich, ein Christ zu sein, ohne an Paulus und seinen Beitrag zum Dogma zu glauben! Man denke schließlich an all die Christen, die vor der Abfassung oder weiten Verbreitung der Paulusbriefe lebten. Oder denken wir an jemanden heute, der keine Bibel in seiner eigenen Sprache besitzt, aber über Kurzwelle eine Radiosendung über die Evangelien hört oder einen Jesus-Film in seinem Dorf sieht und der sein Vertrauen auf Christus setzt. Solche Personen sind offensichtlich Christen, ohne Jünger des Paulus zu sein.
Doch diese Antwort ist zweifellos zu einfach. Was Sie wissen wollen ist, ob jemand wie Sie selbst, der die Paulusbriefe gelesen hat, nicht an ihn oder seinen Beitrag zur Lehre glauben muss. Das ist eine schwierigere Frage, insbesondere, da Sie mir nicht mitteilen, worin denn Ihre Probleme mit Paulus bestehen.
Um es jedoch als Erstes zu sagen, Sie müssen gewiss nicht an Paulus glauben, um ein Christ zu sein. Paulus selbst hätte auf diesem Punkt bestanden. Beispielsweise sagte er, als er den Christen in Korinth schrieb:
“Denn es ist mir bekannt geworden über euch, liebe Brüder, durch die Leute der Chloë, dass Streit unter euch ist. Ich meine aber dies, dass unter euch der eine sagt: Ich gehöre zu Paulus, der andere: Ich zu Apollos, der dritte: Ich zu Kephas, der vierte: Ich zu Christus. Wie? Ist Christus etwa zerteilt? Ist denn Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft? Ich danke Gott, dass ich niemand unter euch getauft habe außer Krispus und Gajus, damit nicht jemand sagen kann, ihr wäret auf meinen Namen getauft.“ (1 Kor 1,11-15).
Paulus hatte offensichtlich kein Interesse daran, eine Paulusnachfolge in Gang zu setzen! Später erklärt er in demselben Brief, wie seine Bekehrten aus Korinth ihn sehen sollten:
“Wer ist nun Apollos? Wer ist Paulus? Diener sind sie, durch die ihr gläubig geworden seid, und das, wie es der Herr einem jeden gegeben hat: Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, aber Gott hat das Gedeihen gegeben.” (1 Kor 3,5-7)
Somit müssen Sie nicht an Paulus glauben, um Jesus zu folgen.
Ja, Sie müssen Paulus nicht einmal mögen! Es gab andere Christen in der frühen Kirche, wie Johannes Markus und Barnabas und selbst Petrus, die manchmal nicht einer Meinung mit Paulus waren und mit ihm stritten. Aber man denke daran, Paulus legte den Aposteln Petrus, Jakobus und Johannes die Botschaft vor, die er unter den Heiden predigte, und sie billigten seine Lehre (Galater 2,7-9). Gewiss gibt es Abschnitte in seinen Briefen, wo Paulus als anmaßend herüberkommen kann. Wenn man zum Beispiel seinen Brief an Philemon liest, kann man nicht umhin, zu empfinden, dass er diesem Mann wirklich die Daumenschrauben anlegt. Aber dann darf man nicht vergessen, dass Paulus einen entlaufenen Sklaven, der durch seinen Dienst Christ wurde, zu Philemon zurückschickt, der ein Helfer des Paulus war und den Paulus als einen Bruder liebt, und dass Philemon unter dem Gesetz alles Recht hat, diesen unglaublich mutigen Mann zu bestrafen, und man muss mit Paulus etwas nachsichtig sein, dass er gegenüber Philemon Druck ausübt, dem Onesimus zu vergeben. Man kann auch nicht umhin, zusammenzuzucken, wenn Paulus den Korinthern erzählt, er habe „härter gearbeitet“ als jeder andere der Apostel (1 Kor 15,10), selbst, wenn das wahr ist. Aber wiederum, man übe mit ihm Nachsicht: Korinth war zu dieser Zeit mit reisenden Pseudo-Aposteln verseucht, die anfochten, dass Paulus ein echter Apostel sei und drohten, sein Werk, das er in Korinth in Gang gebracht hatte, zu zerstören (2 Kor 12,11-13). Er musste seine Qualifikationen verteidigen, obwohl er sich selbst für einen Narren hielt, als er dies tat.
Je länger ich Christ bin, desto mehr komme ich dazu, den Apostel Paulus zu bewundern. Das war ein Mann von herausragendem Intellekt, der es sowohl mit jüdischen Theologen als auch den griechischen Philosophen seiner Tage aufnehmen konnte, und der in seinem Mut und seiner Standhaftigkeit und Hingabe niemals nachließ. Man lese einfach einmal den Bericht des Lukas über seinen Dienst in der Apostelgeschichte. Paulus selbst schrieb über das, was er im Laufe seines Dienstes innerhalb der mediterranen Welt ausgehalten hatte:
“Von den Juden habe ich fünfmal erhalten vierzig Geißelhiebe weniger einen; ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer. Ich bin oft gereist, ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr unter Juden, in Gefahr unter Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern, in Mühe und Arbeit, in viel Wachen, in Hunger und Durst, in viel Fasten, in Frost und Blöße; und außer all dem noch das, was täglich auf mich einstürmt, und die Sorge für alle Gemeinden.“ (2 Kor 11,24-28)
Ich kann mir nicht einmal vorstellen, was dieser Mann durchgemacht hat. Sein Körper muss eine Masse von vernarbtem Gewebe gewesen sein. Schließlich starb er als Märtyrer in Rom. Wer bin ich, einen solchen Mann zu kritisieren? Ich bin durch seine Hingabe und seine Liebe zu dem Herrn Jesus gedemütigt und überführt.
Noch kann ich mir vorstellen, weshalb Sie denken, dass Paulus sich selbst getäuscht haben mag. Sind Sie mit seinem Bericht über seine Bekehrung vertraut? Er ist wirklich ziemlich erstaunlich, wenn man aus dem Abstand betrachtet darüber nachdenkt. Saulus von Tarsus (wie er in seinen vorchristlichen Tagen genannt wurde) war ein Pharisäer! Menschen fragen manchmal, weshalb die jüdischen Führer keine Nachfolger Jesu wurden. Sie übersehen dabei das berühmteste Beispiel eines Mannes, der das tat. Er war sogar von den jüdischen Behörden in Jerusalem angestellt gewesen, Juden zu verfolgen, die Jesus nachfolgten. Er hielt die Mäntel der Menschen, die Stephanus in Jerusalem zu Tode steinigten. Er war auch dafür verantwortlich, dass Menschen aus ihren Häusern gezerrt und sogar in den Tod geschickt wurden, weil sie Jesus als ihrem Messias folgten! Und dann verließ er alles und wurde ein christlicher Missionar, weil er eines Tages, als er nach Damaskus unterwegs war, um dort Christen gefangen zu nehmen, eine Erscheinung Jesu sah (1 Kor 9,1; Gal 1,13-17).
Die Auferstehungserscheinung Jesu des Paulus ist vermutlich die historisch am besten bezeugte aller Auferstehungserscheinungen. Wir haben darüber drei Berichte in der Apostelgeschichte des Lukas, wie auch vielfache Bezüge darauf in unbestreitbar echten paulinischen Briefen. Es ist historisch sicher, wenn überhaupt irgendetwas es ist, dass ein solches Ereignis stattgefunden hat. Wenn man es also als nicht-wahrhaftig abtun will, dann muss man seine Erfahrung in psychologischer Terminologie als eine Art Halluzination oder Vision wegerklären. Aber solche Erklärungen sind problembeladen. (Vgl. Jesus’ Resurrection: Fact or Figment [IVP, 2000], ein [englischsprachiges] Buch, das meine Debatte mit Gerd Lüdemann beinhaltet, der versucht, das Erlebnis des Paulus als eine durch Schuld verursachte Halluzination zu erklären.) Kurz gesagt denke ich, dass die Person, welche die Wahrhaftigkeit von Paulus Erfahrung leugnet, in der Defensive ist.
Aber stellen wir das Leben des Paulus beiseite und lassen Sie uns Fragen bezüglich seines Dogmenbeitrags stellen. Nochmals, in einem Sinne müssen Sie nicht an den besonderen Lehrbeitrag des Paulus glauben, um ein Christ zu sein, denn die zentralen Lehren des christlichen Glaubens sind auch an anderer Stelle im Neuen Testament zu finden: in den Evangelien, dem theologisch reichen Buch der Hebräer und den anderen Briefen. Die Kernlehren des christlichen Glaubens waren nichts, was sich nur bei Paulus findet. Wirklich, es gibt nicht sehr viel, was Sie glauben MÜSSEN, um ein Christ zu sein. Wesentliche Lehren würden Dinge beinhalten wie die Existenz eines heiligen, liebenden, allmächtigen Gottes; Ihre Sündhaftigkeit vor einem solchen Gott und die Notwendigkeit seiner Vergebung und moralischen Reinigung; die Göttlichkeit und Menschlichkeit Jesu, sein Sühnetod für unsere Sünden, und seine Auferstehung vom Tod; und die Notwendigkeit persönlicher Umkehr und Glaubens, um zu Gottes Gnade Zugang zu bekommen. Keine dieser Lehren ist eine paulinische Eigenheit.
Wenn ich über Ihren Brief nachdenke, Anthony, mache ich mir Sorgen, dass Sie vielleicht den Eindruck haben, als würden bestimmte paulinische Lehren, wie die Göttlichkeit Christi, nicht an anderen Stellen des Neuen Testamentes gelehrt. Das ist einfach nicht wahr (vgl. z. B. Joh 1,1-3; 20,28; Heb 1,6; 1 Joh 5,20). Lesen Sie auch, was ich über das Selbstverständnis Jesu in den relevanten Kapiteln von On Guard. Mit Verstand und Präzision den Glauben verteidigen (Verlag CVMD 2015) oder Reasonable Faith. Christian Truth and Apologetics, Crossway (3. Aufl. 2008, bislang nur auf Englisch) zu sagen habe. Die neutestamentlichen Christen, die, denken Sie daran, monotheistische Juden waren, empfingen ihre Lehre über die Göttlichkeit Christi durch die Lehren Jesu selbst.
Somit kann ich einfach nicht ergründen, was genau an Paulus Sie dazu führt, seine Dogmenlehre zu verwerfen. Vielleicht haben Sie diese Lehre nicht richtig verstanden. Einige Menschen fühlen sich beispielsweise durch Paulus‘ Erwählungslehre in Römer 9 abgestoßen. Aber ich bin überzeugt, dass sie die Absicht des Paulus mit dieser Passage missverstanden haben, welche darin besteht, den Umfang von Gottes Erwählung über die Juden hinaus auf alle auszuweiten, die Glauben an Christus Jesus haben. Deshalb kann er sagen: „Ein jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird errettet werden“ (Röm 10,11).
So würde ich Sie ermutigen, eine Biografie über Paulus zu lesen und weiterhin seine Gedanken zu studieren, anstatt ihn aufzugeben. Ich denke, dass man nicht nur einen begründeten Glauben an die Lehre des Paulus haben kann, sondern sich darüber hinaus an den Einblicken in das Leben dieses wahren Genies und diesen mutigen Dieners Jesu Christi erfreuen kann.
(Übers.: B. Currlin)
Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/repelled-by-paul
- William Lane Craig