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#148 Gibt es Kausalität auch außerhalb von Raum und Zeit?

November 01, 2016
Q

Frage 1:

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich habe eine Frage über die Ursache des Universums. Wir Christen sehen in Gott die Ursache und Erklärung der natürlichen Welt, aber Atheisten entgegnen mir oft, dass man Kausalität nicht auf das Universum selbst anwenden kann. Weil das Universum ganz Zeit und Raum ist und Kausalität Zeit und Raum voraussetzt, kann das Universum keine Ursache haben.

Deshalb wird es sinnlos, nach einer Ursache oder Erklärung des Universums zu fragen.

Wie können wir also sagen, dass Gott das Universum verursacht hat oder der ausreichende Grund für die kontingente Existenz des Universums ist, wenn man Kausalität außerhalb von Zeit nicht anwenden kann, oder besser gesagt, wenn man Kausalität nicht auf Zeit und Raum selbst anwenden kann?

Könnten Sie da heraushelfen? Verlangt der ganze Begriff der Kausalität tatsächlich die Existenz der Raumzeit?

Gottes Segen

Janey

Frage 2:

Der Begriff der Kausalität scheint Zeit vorauszusetzen. Aber wenn die Zeit zu existieren begann, wie kann es dann angebracht sein zu sagen, dass die Zeit (oder Raumzeit) eine Ursache braucht?

John

Frage 3:

Um der Frage auszuweichen, wie alles aus nichts entstehen konnte (wenn es nicht von Gott geschaffen wurde), kehren viele Nicht-Theisten die Beweislast um und fragen uns, wer denn Gott erschuf. Auch wenn ich weiß, dass Nicht-Theisten auch unseren Einwand adäquat beantworten müssen, was wäre eine adäquate Antwort auf deren Einwand? Danke!

Andrew

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Ich muss gestehen, dass ich ratlos bin, warum Atheisten denken sollten, dass Kausalität Zeit und Raum oder zumindest Zeit voraussetzt. Janey und John, Sie müssen Ihre Gesprächspartner fragen, was sie mit „Kausalität“ meinen und welchen Grund sie für die Annahme haben, dass Kausalität Zeit und Raum voraussetzt. Da sie diejenigen sind, die den Einwand erheben, lassen Sie sie ihre eigene Beweislast schultern. Schließlich liegt es nicht einfach auf der Hand, dass Kausalität Zeit und Raum voraussetzt. Fragen Sie sie also nach ihrem Argument.

Sie könnten auch ein Gedankenexperiment machen. Fragen Sie sie, warum eine zeitlose Größe – sagen wir, eine Zahl – in ihrer Existenz nicht zeitlos von einer anderen zeitlosen Größe abhängig sein könnte. Warum ist das unmöglich? Warum kann Gott nicht eine Zahl zeitlos in Existenz halten? Das wäre klar eine asymmetrische Kausalbeziehung. Warum ist das unmöglich?

Vielleicht sagen Ihre Gesprächspartner, dass Ursachen immer ihrer Wirkung zeitlich vorausgehen. Aber dann fragen Sie sie, ob sie denken, dass simultane Kausalbeziehungen unmöglich sind. Warum können Ursache und Wirkung nicht in derselben Zeit in einer asymmetrischen Abhängigkeitsbeziehung existieren? Nehmen wir das Beispiel eines schweren Kronleuchters, der an einer Kette von der Decke hängt. Die Decke und die Kette halten den Kronleuchter; der Kronleuchter und die Kette tragen nicht die Decke!

Tatsächlich könnten Sie sie fragen, ob nicht jede Kausalität am Ende simultan ist. Sagen wir, dass U = Ursache und W = Wirkung ist. Wenn U vor dem Zeitpunkt verschwinden würde, zu dem W hervorgerufen wird, würde W dann nichtsdestotrotz in Existenz kommen? Gewiss nicht! Aber wenn Zeit kontinuierlich ist, und U vor W liegt, dann wird es immer ein Zeitintervall zwischen dem Verschwinden von U und dem Erscheinen von W geben, ganz gleich wie nahe das Verschwinden von U dem Erscheinen von W liegt. Dann aber scheint völlig rätselhaft, warum oder wie W in dem Moment ins Sein kam, als es erschien, denn es gibt in diesem Moment keine Ursache, die es hervorruft.

Vielleicht sagen Ihre atheistischen Freunde, dass selbst simultane Kausalität Zeit voraussetzt. Ja, die Ursache und die Wirkung treten zu derselben Zeit auf. Aber warum könnte eine solche Kausalabhängigkeit denn nicht zeitlos existieren? Bei einer simultanen Kausalität existieren die Ursache und die Wirkung koinzident. Aber in einem zeitlosen Zustand können zwei Dinge in einer Abhängigkeitsbeziehung koinzident existieren. Wenn simultane Kausalität also möglich ist, sehe ich keinen Grund anzunehmen, dass zeitlose Kausalität unmöglich wäre. Zumindest würden wir ein Argument dafür brauchen, dass sie unmöglich wäre.

So oder so: Selbst wenn Zeit eine Vorbedingung für Kausalität ist, warum sollte dies Gott als Ursache des Universums ausschließen? Viele christliche Philosophen und Theologen, vielleicht heute die Mehrheit, denken, dass Gott in einer unendlichen vergangenen Zeit existiert hat und das physische Universum vor einer endlichen Zeit erschaffen hat. Dies war auch Isaak Newtons Auffassung. Er hielt die absolute Zeit einfach für Gottes Dauer, die von Ewigkeit zu Ewigkeit ist. Fragen Sie Ihre Freunde, warum sie Newtons Auffassung für falsch halten.

Wenn Ihre Gesprächspartner sagen, Janey, dass „es nur im Universum Zeit und Raum gibt“, dann fragen Sie sie, woher sie das wissen. Vielleicht existierte Gott vor Seiner Erschaffung des Universums. Begehen sie vielleicht den Fehlschluss der "petitio principii", also etwas zu unterstellen, was noch zu beweisen wäre, indem sie einfach davon ausgehen, dass das Universum alles ist, was es gibt? Wenn sie sagen, dass Zeit nicht ohne Raum existieren kann, dann weisen Sie sie darauf hin, dass schon eine Sequenz mentaler Ereignisse – sukzessiv ablaufende Gedanken – ausreichend ist, um eine vorher/nachher-Sequenz und somit Zeit zu generieren. Wenn Gott einen Bewusstseinsstrom hat, dann würde Zeit vor dem Beginn des Universums existieren. Wo liegt also das Problem?

Angenommen, Ihre Gesprächspartner sagen, dass Gott der Schöpfer der Zeit sein muss, wenn Er existiert.[1] Sie könnten sagen, dass Gott von Ewigkeit her Zeit erschafft, so wie ein Kronleuchter von Ewigkeit her an der Decke hängen könnte; oder Sie könnten sagen, wie ich es vertrete, dass Gott ohne das (nicht vor dem!) Universum zeitlos ist und dass Zeit in dem Moment ins Sein kommt, in dem Er das Universum erschafft. In diesem Fall sind wir wieder bei der simultanen Kausalität: Gottes Erschaffung des Universums ist simultan mit dem Ins-Sein-Kommen des Universums (was könnte offensichtlicher sein?). Wo liegt also das Problem?

Vielleicht werden Ihre Freunde sagen, dass ein zeitloses Wesen nicht etwas in der Zeit verursachen kann. Aber dann können Sie sagen, dass Gott vielleicht in dem Augenblick temporal wurde, als Er das Universum erschuf. Er ist zeitlos ohne das Universum und in der Zeit mit dem Universum. Fordern Sie sie auf, Ihnen irgendeine Inkohärenz in dieser Idee zu zeigen.

Tatsächlich sollten Sie an dieser Stelle das Blatt wenden und ihnen die Frage stellen, wie die Zeit ohne jegliche kausale Bedingungen in Existenz kommen konnte. Das ist wahrlich bizarr. Warum haben Zeit und das Universum überhaupt angefangen zu existieren? Wie konnten sie in Abwesenheit jeglicher Kausalbedingungen zu existieren beginnen?

Nun zu Ihrer Frage, Andrew: Wenn Nicht-Theisten der Frage ausweichen, wie alles aus dem Nichts entstanden sein kann, und Sie stattdessen fragen, wer denn Gott geschaffen hat, Andrew, dann weisen Sie sie darauf hin, dass Gott nie anfing zu existieren und daher keine Ursache braucht. Und im Übrigen: Wenn sie denken, dass Gott eine Ursache haben muss, geben sie damit nicht zu, was sie zuerst verneint haben, nämlich dass Kausalität schließlich doch außerhalb von Raum und Zeit anwendbar ist?

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/causation-and-spacetime

Anmerkungen

[1] Die Frage wäre dann, wie es eine Zeit "vor" der Erschaffung der Zeit geben konnte. (Anm. d. Übers.)

- William Lane Craig