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#160 Gab es eine Sonnenfinsternis zur Zeit der Kreuzigung Jesu?

November 01, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich muss Ihnen sagen, dass Ihre Arbeiten einem jungen Mann Hoffnung und ewiges Leben gebracht haben, der mit großer Beharrlichkeit nach der Wahrheit suchte und tatsächlich die Argumente beider Seiten erwogen hat, bevor er eine Entscheidung traf.

Meine Frage: Die Bibel berichtet, dass es während der Kreuzigung Jesu draußen dunkel wurde. Ich erinnere mich, dass ich gelesen habe (und ich versuche mich zu erinnern, wo), dass es externe Quellen gab, die von einer Sonnenfinsternis fast genau zur Zeit der Kreuzigung berichteten, sodass es während der hellen Stunden des Tages dunkel wurde. Wenn das wahr wäre, wäre das doch ein ENORMES Argument für die Verteidigung des Christentums und der Zuverlässigkeit der Evangelien. Ich wäre sehr dankbar, wenn Sie etwas Licht auf diese Frage werfen könnten.

Steve

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Ob ich Licht auf die Finsternis werfen kann? Ich kann ein paar Worte zu dieser faszinierenden Frage sagen. In dem Bericht des Markusevangeliums über die Kreuzigung Jesu lesen wir: „Und in der sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde“ (Markus 15,33). Dieses Detail gehört zur Überlieferung der Passionsgeschichte, auf die Markus zurückgegriffen hat und ist, da das Markusevangelium das früheste unserer Evangelien ist, eine sehr frühe Überlieferung, die es verdient, ernst genommen zu werden.

Gibt es bestätigende außerbiblische Hinweise für diese Tatsache? Hier beginnt eine faszinierende und klar artikulierte historische Kette. In seiner Chronik etwa aus dem Jahr 800 n.Chr. zitiert der byzantinische Chronist Georgios Synkellos einen Abschnitt aus einem verschollenen Buch mit dem Titel Weltchronik, das um 220 n.Chr. von dem Kirchenvater Julius Africanus verfasst worden war, der wiederum davon berichtet, dass der römische Historiker Thallus, der eine Geschichte über den Nahen Osten verfasste, im dritten Buch seiner – ebenfalls verschollenen – Geschichte die Finsternis zum Zeitpunkt des Todes Christi wegzuerklären versucht, indem er sie einer Sonnenfinsternis zuschreibt. Wir sollten nicht allzu besorgt darüber sein, dass diese Kette von Zitaten aus nun verlorenen Quellen stammt, denn in vielen Fällen kennen wir die Texte antiker Autoren nur durch solche Zitate, und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Synkellos oder Africanus aus den ihnen bekannten Werken von Thallus nicht akkurat zitiert hätten. Bedauerlich ist, dass Africanus die Worte von Thallus nicht wirklich zitiert, sodass wir sozusagen im Dunkeln tappen in der Frage, was er tatsächlich sagte. Hier ist der Abschnitt aus Africanus, den Synkellos wiedergibt:

"Über die ganze Welt kam eine sehr beängstigende Finsternis; und ein Erdbeben ließ Felsen zerbersten, und viele Mauern in Judäa und anderen Distrikten stürzten ein. Diese Finsternis bezeichnet Thallus im dritten Buch seiner Geschichte – wie mir scheint, ohne Begründung – als Sonnenfinsternis. Denn die Hebräer feiern das Passah am 14. Tag des Mondkalenders, und die Passion unseres Erlösers fällt auf den Tag vor dem Passah; doch eine Sonnenfinsternis tritt nur ein, wenn der Mond unter der Sonne steht. Und es kann zu keiner anderen Zeit geschehen sein als in dem Zeitraum zwischen dem ersten Tag des Neumondes und dem letzten Tag des alten Mondes, das heißt an ihrem Übergang: Wie sollte nun eine Sonnenfinsternis geschehen sein, wenn der Mond der Sonne fast diametral gegenüber stand? Lassen wir diese Meinung aber stehen; lassen wir die Mehrheit bei dieser Meinung; und lassen wir dieses Omen von der Welt für eine Sonnenfinsternis gehalten werden, so wie andere Omen nur für das Auge als Omen erscheinen. Phlegon berichtet, dass es in der Zeit von Kaiser Tiberius bei Vollmond eine volle Sonnenfinsternis von der sechsten bis zur neunten Stunde gab – offenkundig die Finsternis, von der wir sprechen. Aber inwiefern erklärt eine Sonnenfinsternis ein Erdbeben, das Zerbersten von Felsen und die Auferstehung der Toten und eine so großen Erschütterung im Universum? Gewiss ist seit langem kein solches Ereignis aufgezeichnet worden. Es war vielmehr eine von Gott hervorgerufene Finsternis, weil der Herr da gerade zu leiden hatte."

Africanus, der Thallus auch zu anderen Themen zitiert, wird von Synkellos angeführt, um zu zeigen, dass Thallus‘ Erklärung der Dunkelheit als Sonnenfinsternis ein Irrtum war. Er weist darauf hin, dass eine solche Erklärung unsinnig ist, weil das Passah immer zur Zeit des Vollmondes gehalten wird und der Vollmond nicht zwischen die Erde und die Sonne treten kann. Nach Africanus muss die Erklärung also sein, dass die Dunkelheit übernatürlich war.

Bezog Thallus sich nun tatsächlich auf die Kreuzigung Jesu und die begleitende Finsternis? Einige haben vermutet, dass Thallus nur von einer Sonnenfinsternis sprach, die um diese Zeit stattfand und die Africanus aber auf die Finsternis bezog, von der die Evangelien berichten. Der Zusammenhang zwischen der Sonnenfinsternis und der Finsternis bei der Kreuzigung Jesu wurde also nicht von Thallus selbst, sondern von Africanus hergestellt. Eine Bestätigung dieser Auffassung könnte man in dem Zitat von Phlegon sehen, von dem es heißt, dass er eine Sonnenfinsternis während der Regierungszeit von Tiberius erwähnte, doch soweit uns durch andere Zitate aus Phlegons Werken bekannt ist, bezog das Zitat sich nicht auf die Finsternis bei der Kreuzigung Jesu.

Mir scheint jedoch, dass dieses Argument aus zwei Gründen kein Gewicht hat. Erstens zitiert Africanus Phlegon nicht in der Absicht, die Finsternis zum Zeitpunkt der Kreuzigung zu bestätigen. So wie ich ihn lese, verstehe ich den Grund für das Zitat von Phlegon darin, dass es jemanden veranschaulichen soll, der dumm genug ist zuzustimmen, dass eine Sonnenfinsternis wie von Thallus vermutet zum Zeitpunkt eines Vollmondes auftreten kann. Africanus hat die Erklärung von Thallus als unsinnig verworfen, sagt aber dann, dass er um des Argumentes willen einräumen wird, dass Thallus‘ Erklärung richtig sei. Schließlich sagt Phlegon, dass während der Herrschaft von Tiberius eine Sonnenfinsternis bei Vollmond eintrat. Und selbst wenn wir einräumen würden, dass die Dunkelheit auf einer Sonnenfinsternis beruhte – na und? Das gleichzeitige Auftreten einer Sonnenfinsternis mit einem Erdbeben, dem Zerbersten von Felsen und der Auferstehung von Toten und so weiter verlangt dennoch eine übernatürliche Erklärung.

Gegen diese Rekonstruktion des Arguments von Africanus könnte man vorbringen, dass Africanus kein tatsächliches Auftreten einer Sonnenfinsternis einräumt, sondern eines „nur für das Auge“, also eine Art optischer Illusion. Mir scheint jedoch, dass dieses Zugeständnis die Hauptaussage des Arguments nicht wirklich ändert; der Punkt bleibt, dass es ex hypothesi für Menschen so aussah, als wäre eine Sonnenfinsternis zur Zeit des Vollmondes aufgetreten, und Phlegon zeigt, dass einige Leute so etwas tatsächlich berichtet haben.

Zweitens zeigt der Ausdruck „offenkundig diejenige, von der wir sprechen“, dass Africanus selbst die von Phlegon erwähnte Sonnenfinsternis mit der vermuteten Finsternis zum Zeitpunkt der Kreuzigung identifizierte. Hätte Phlegon selbst sie damit identifiziert, dann wäre von Africanus‘ Seite keine solche Vermutung nötig gewesen.

Dies steht in einem markanten Gegensatz zu dem Verweis auf Thallus. Dort berichtet Africanus nicht, dass nach Aussage von Thallus während der Herrschaft von Tiberius eine Sonnenfinsternis auftrat, die wir mit derjenigen Finsternis in Verbindung bringen könnten, die in die Zeit der Kreuzigung Jesu fiel. Stattdessen sagt Africanus nach dem Hinweis auf die Finsternis, die während der Kreuzigung auftrat, dass Thallus (unsinnigerweise) diese Finsternis als Sonnenfinsternis bezeichnete. Offenbar bot Thallus eine natürliche Erklärung für die Finsternis an, die – wie behauptet worden war – in die Zeit der Kreuzigung Jesu fiel. Anders als Phlegon scheint Thallus auf eine spezielle christliche Behauptung einzugehen.

Falls Thallus nun lange nach den Evangelien schrieb, wäre nichts davon besonders aufregend. Schließlich haben wir zum Beispiel in den apokryphen Evangelien ausführliche Darstellungen zu den Evangelienberichten, und bei den frühen Kirchenvätern wie bei Justinus dem Märtyrer finden wir Spuren früher antichristlicher Polemik. Solche Überlegungen zu den Evangelienberichten, da sie später und abgeleitet sind, tragen nicht nennenswert zur historischen Glaubwürdigkeit der Evangelienberichte bei.

Falls Thallus seine Geschichte dagegen vor den Evangelien schrieb, wird sein Zeugnis in der Tat sehr interessant. Die Datierung seines Werkes ist ungewiss, aber die meisten Gelehrten datieren Thallus‘ Geschichte in die Mitte des ersten Jahrhunderts, also etwa um 50 nach Christus, nur 20 Jahre nach der Kreuzigung Jesu im Jahr 30 nach Christus. Im Gegensatz dazu datieren die meisten Wissenschaftler das Markusevangelium auf etwa 66 bis 70 nach Christus.

Wenn dies richtig ist, dann liefert Thallus entweder eine unabhängige außerbiblische Bestätigung für die Finsternis am Mittag, was die Wahrscheinlichkeit ihrer Historizität erhöht, oder Thallus antwortet auf die Passionsgeschichte, die die Christen zu seiner Zeit erzählten, was den frühen Zeitpunkt dieser christlichen Überlieferung der Passionsgeschichte bestätigt. So oder so reagiert Thallus zweifellos auf eine christliche Interpretation des Ereignisses, da er eine alternative Erklärung für das Ereignis zu bieten versucht. Aufgrund seiner Vertrautheit mit den Geschehnissen im Nahen Osten könnte man argumentieren, dass Thallus das Auftreten des Ereignisses einfach geleugnet hätte, wenn er von dem Ereignis noch nie gehört hätte. Weil er das nicht tut, bestätigt er die Historizität der Finsternis am Mittag. Doch vielleicht war das einfache Wegerklären die leichtere Antwort (Thallus erklärt Omen an anderer Stelle auf naturalistische Weise). In diesem Fall ist das, was Thallus liefert, keine unabhängige Bestätigung der Evangelienberichte, sondern ein Beleg für die Ursprünglichkeit der Überlieferung der Passionsgeschichte, auf die Markus zurückgegriffen hat – eine Schlussfolgerung von nicht geringer Bedeutung, denn je früher die Überlieferung ist, desto eher ist sie historisch glaubwürdig.

Wenn wir natürlich aus anderen Gründen – wie den verschiedenen Beweislinien, die nahelegen, dass die Apostelgeschichte vor 60 nach Christus geschrieben wurde und das Lukasevangelium vor der Apostelgeschichte und das Markusevangelium vor Lukas – die konventionelle Datierung der Evangelien ablehnen, wozu ich neige, dann haben wir schon in den Evangelien selbst Zeitgenossen von Thallus. Doch nach der konventionellen Datierung ist es ziemlich verblüffend, dass die früheren Hinweise auf die Kreuzigung Jesu nicht von den christlichen Evangelisten stammen, sondern von einem heidnischen römischen Historiker.

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/thallus-on-the-darkness-at-noon

- William Lane Craig