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#122 Theorie der Sühne als stellvertretende Strafe

July 12, 2016
Q

Hallo Herr Prof. Craig,

zuerst möchte ich Ihnen für die unglaubliche Arbeit danken, die Sie in Ihren Dienst investiert haben. Diese Webseite, Ihre Bücher, Vorträge und Debatten haben mein Leben völlig verändert und mir so viel Zuversicht vermittelt, wenn es um Evangelisation geht. Ein großes Dankeschön an Sie und all diejenigen, die ehrenamtlich mithelfen.

Meine Frage bezieht sich auf die Sühne. Ganz grundsätzlich habe ich Schwierigkeiten, die Gerechtigkeit der Sühne durch stellvertretende Strafe zu verstehen.

Wenn ich derjenige bin, der die Sünde begangen hat, und Gott stattdessen Jesus bestraft, wurde dann wirklich der Gerechtigkeit Genüge getan?

Ich kann das besser verstehen, wenn ich es als eine Schuld betrachte, die bezahlt werden muss; Jesus tritt für mich ein und kauft mich frei.

Aber die Analogie eines Gerichtssaals hört sich für mich einfach nicht richtig an.

Sagen wir, ein Mann hat meine Familie ermordet. Ich bringe ihn vor Gericht und der Richter sagt: „Ach, wissen Sie was, ich werde die Todesstrafe über meinen vollkommenen Sohn verhängen statt über diesen Mörder.“

Ich bin sicher, der Mörder wäre glücklich, freigekommen zu sein, aber wo ist da die Gerechtigkeit? Ich wäre entsetzt.

Ich hoffe, Sie werden ein wenig Licht auf das Thema werfen können.

Wenn die Bibel sagt: „Er, der von keiner Sünde wusste, wurde zur Sünde gemacht“, ist damit ein tatsächliches Ereignis gemeint?

Es macht mich ziemlich verlegen, dass ich eine so essentielle Lehre immer noch nicht erfasst habe.

Danke für jede Hilfe, die Sie geben können!

Tony

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Die Lehre von der Sühne gehört zu den Bereichen der christlichen Theologie, bei denen eine sorgfältige philosophische Analyse besonders nötig ist. Falls übrigens einer von Ihnen, die dies lesen, eine Doktorarbeit in Philosophie in Erwägung zieht, wäre das ein großartiges Thema für eine Dissertation! Eine Veröffentlichung Ihrer Arbeit ist Ihnen fast sicher, wenn man bedenkt, wie zentral und philosophisch schwach entwickelt eine Lehre der stellvertretenden Sühne ist.

Für Leser, die mit dieser Lehre nicht vertraut sind, lassen Sie mich einfach feststellen, dass die Theorie der Sühne als stellvertretende Strafe besagt, dass Christus durch sein Sterben am Kreuz die Strafe für die Sünde auf sich nahm, die wir verdienen, sodass die Forderungen der Gerechtigkeit Gottes erfüllt sind und uns vergeben und unsere Schuld weggenommen werden kann. Wie Sie richtig erklären, Tony, unterscheidet sich die Theorie einer stellvertretenden Strafe (Sühnopfertheorie) von einer Satisfaktionstheorie der Sühne, wie sie von Theologen wie Anselm von Canterbury vertreten wurde. Nach dieser Theorie stehen wir aufgrund unserer Sünde tief in der Schuld vor Gott – etwa, dass wir ihm die Ehre geben müssen, die ihm gebührt –, die wir nicht bezahlen können. Deshalb bezahlte Christus unsere Schuld (und mehr!) für uns, sodass wir befreit werden. Die Satisfaktionstheorie enthält zwar Elemente, die wahr sind, kann aber nicht die ganze Geschichte sein, denn die moralischen Elemente der Gerechtigkeit und Bestrafung fehlen in der Geschichte. Eine umfassende Lehre von der Sühne muss – so scheint mir – die Strafaspekte einschließen.

Leider gehört die Sühne nicht zu meinen Forschungsgebieten, deshalb werden meine Bemerkungen dazu bestenfalls skizzenhaft sein. Meine Hoffnung ist, dass sie andere veranlassen werden, sich mit dieser wichtigen Lehre zu befassen und weiter darüber nachzudenken.

Das zentrale Problem bei der Straftheorie, wie Sie aufzeigen, besteht darin zu verstehen, wie die Bestrafung einer anderen Person anstelle des Straftäters die Forderungen der Gerechtigkeit erfüllen kann. Tatsächlich könnten wir sogar sagen, dass es falsch wäre, irgendeine unschuldige Person für die Verbrechen zu bestrafen, die ich begangen habe!

Mir scheint jedoch, dass wir in anderen Bereichen des menschlichen Lebens diese Praxis anerkennen. Ich erinnere mich, wie ich einmal einem Geschäftsmann das Evangelium mitteilte. Als ich erklärte, dass Christus starb, um die Strafe für unsere Sünden zu bezahlen, antwortete er: „Oh ja, das ist eine Zurechnung von Strafe.“ Ich war verblüfft, da ich nie erwartet hätte, dass dieses theologische Konzept einem nicht-christlichen Geschäftsmann vertraut sein könnte. Als ich ihn fragte, woher er diese Idee kannte, erwiderte er: „Oh, wir sprechen im Versicherungswesen ständig von Zurechnung.“ Er erklärte mir, dass bestimmte Arten von Versicherungspolicen so verfasst sind, dass zum Beispiel, wenn ein anderer mein Auto fährt und in einen Unfall verwickelt wird, die Verantwortung mir und nicht dem Fahrer zugerechnet wird. Selbst wenn der Fahrer sich skrupellos verhielt, werde ich zur Rechenschaft gezogen; es ist so, als hätte ich es getan.

Nun liegt darin eine Parallele zur stellvertretenden Sühne. Normalerweise wäre ich für die Missetaten verantwortlich, die ich begangen habe. Aber durch meinen Glauben an Christus bin ich sozusagen durch seine göttliche Versicherungspolice abgedeckt, durch die er die Haftung für meine Taten übernimmt. Meine Sünde wird ihm angerechnet und er zahlt die Strafe dafür. Die Forderungen der Gerechtigkeit sind erfüllt, so wie es auch bei weltlichen Angelegenheiten ist, wenn jemand die Strafe für etwas zahlt, das ihm angerechnet wird. Diese Transaktion ist genauso real wie diejenigen, die in der Versicherungsindustrie regelmäßig vorkommen.

Ich denke, Ihre Version der Gerichtsanalogie ist etwas verzerrt. Was darin völlig fehlt, sind die Elemente der Reue und Buße seitens des Straftäters und die Freiwilligkeit des Opfers des Sohnes sowie die Tatsache, dass wir alle in den Schuhen des Mörders stecken. Sie müssen auch sehr sorgfältig beachten, dass das, wonach Sie suchen, wirklich Gerechtigkeit ist und nicht einfach Vergeltung. Das ist ein großer Unterschied! Die genauere Analogie ist, dass der Mörder in der Geschichte sein Verbrechen aufrichtig bereut hat und dass Sie, da Sie selbst einmal in seiner Lage waren, wollen, dass der Richter ihm vergibt. Aber der Richter ist verpflichtet, dafür zu sorgen, dass die Forderungen der Gerechtigkeit erfüllt werden. Deshalb erklärt sich der Richter freiwillig bereit, sich die Verantwortung für das Verbrechen zuschreiben zu lassen, sodass er anstelle des Mörders sterben wird. Ich denke, Sie stimmen zu, dass wenn eine solche Zurechnung möglich ist, der Gerechtigkeit Genüge getan wird, auch wenn keine Vergeltung vollzogen wird. Die eigentliche Frage ist also die der Zurechnung.

Was ich gern sehen würde ist, dass einige christliche Philosophen sich ernsthaft und eingehend mit diesem Konzept der Zurechnung auseinandersetzen, seine Funktionsweise in Rechtsangelegenheiten untersuchen und eine moralische und theologische Anwendung vornehmen. Wer hätte Interesse?

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: /penal-theory-of-the-atonement

- William Lane Craig