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#112 Dreieinigkeit und Inkarnation

July 12, 2016
Q

Frage 1:

Sehr geehrter Prof. Craig,

zunächst möchte ich sagen, dass Ihr Apologetik-Podcast inzwischen zu meinem Tagesablauf gehört. Ich nutze einen Teil meiner Mittagspause (etwa 45 Minuten) dazu, auf meinem iPod mitzuhören und mir Notizen zu machen.

Als ich die Reihe über die Lehre von Christus hörte, die ich übrigens inzwischen abgeschlossen habe, hat mich nur eine einzige Frage fast umgehauen und ich hoffte inständig, dass einer im Kurs sie fragen würde! Sie erörterten eine plausible Theorie darüber, wie sich die Tatsache, dass die Dreieinigkeit aus drei Personen besteht, damit vereinbaren lässt, dass Jesus ganz Gott und ganz Mensch war; denn dies könnte das Problem einer 4. Person in der Gottheit aufwerfen. Dann fuhren Sie fort zu erörtern, dass es möglich ist, dass alle Attribute des Logos im Unterbewusstsein Jesu gehalten wurden. Was ist mit dem Attribut der Allgegenwart? Allgegenwart hat genauso wenig die Eigenschaft, bewusst oder unbewusst zu sein, wie die Farbe meiner Haare so ist, wie sie ist, ob ich es nun weiß oder nicht.

Kurz gesagt: Wie vereinbaren Sie das göttliche Attribut der Allgegenwart in dem Logos mit dem begrenzten physischen Leib Jesu?

Aaron

Frage 2:

Guten Tag Herr Prof. Craig,

danke für Ihren Dienst. Ihre Schriften und Ihr Vorbild sind eine echte Inspiration.

Ich habe die Dreieinigkeit studiert und habe eine Frage darüber, wie die Dreieinigkeit und die Inkarnation zueinander in Beziehung stehen. So wie ich es verstehe, wurde bei der Inkarnation eine menschliche Natur hinzugefügt und mit der ewigen göttlichen Natur des Sohnes vereint. Nach meinem Verständnis der Trinität ist die göttliche Natur eins – eine Einheit, in der die drei göttlichen Personen existieren. Die Frage lautet also: Wenn die göttliche Natur des Sohnes mit einer menschlichen Natur vereinigt wird, wirkt sich das nicht auch auf die göttliche Natur des Vaters und des Geistes aus, da sie dieselbe ungeteilte göttliche Natur mit dem Sohn gemeinsam haben? Ich habe Schwierigkeiten zu verstehen, wie die Verbindung von zwei Naturen in Christus sich nur auf den Sohn beschränken kann, ohne in irgendeiner Weise die göttliche Natur in den anderen beiden Personen zu „verfälschen“. Es stimmt: Die Person Christi ist vom Vater und vom Geist verschieden, aber alle drei haben die eine göttliche Natur gemeinsam, die nun auch die menschliche Natur Christi einzuschließen scheint.

Ich hoffe, dass diese Frage klar ist. Der Versuch, die Dreieinigkeit zu verstehen, kann manchmal verwirrend sein. Danke für jede Hilfestellung, die Sie mir zu dieser Frage geben können.

Clark in der Bronx

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Wie Sie beide erkennen, sind die Lehren von der Dreieinigkeit und der Inkarnation auf sehr interessante Weise eng miteinander verbunden. Gehen wir zuerst auf Ihre Frage ein, Clark. Ja, Gottes Natur ist sowohl in dem Sinne eins, dass es eine Essenz Gottes gibt, die aus bestimmten Eigenschaften besteht, die alle Mitglieder der Trinität gemeinsam haben, wie Aseität, Notwendigkeit, Ewigkeit, Allmacht, Allwissenheit, usw., als auch in dem Sinne, dass es nur eine konkrete Größe gibt, die Gott ist (siehe die letzte Frage der Woche 111[1] über das Thema individueller Naturen). Ich denke, dass die Personen der Dreieinigkeit, die voneinander verschieden sind, auch kontingente Eigenschaften haben, die nicht alle drei Personen gemeinsam haben. Zum Beispiel hat nur der Sohn die Eigenschaft, eine menschliche wie auch eine göttliche Natur zu haben.

Ihre Frage lautet nun, wie der Sohn eine menschliche Natur annehmen kann, ohne dass dies Auswirkungen auf die Natur der anderen beiden Personen hat. Ich gehe davon aus, dass Sie denken: Wenn der Sohn inkarniert ist, folgt daraus, dass auch der Vater und der Geist inkarniert sein müssen, da sie alle dieselbe Natur gemeinsam haben. Ich denke, die irrtümliche Annahme hinter Ihrer Frage ist, dass es die Natur und nicht die Person des Sohnes ist, die inkarniert wird. Die Lehre von der Inkarnation besagt nicht, dass die göttliche Natur des Sohnes irgendwie eine menschliche Natur annahm. Die Behauptung lautet vielmehr, dass die zweite Person der Trinität, die eine göttliche Natur hat, zusätzlich zu ihrer göttlichen Natur auch eine menschliche Natur annahm. Sie sollten sich die Inkarnation also nicht als irgendeine Art der Verschmelzung der zwei Naturen vorstellen; die klassische Formulierung lautet tatsächlich, dass die Naturen in der Inkarnation unverändert und verschieden bleiben. Sie sind nur in dem Sinne vereint, dass es eine Person gibt, die an einem Zeitpunkt beide Naturen annimmt.

Es ist also ziemlich verfehlt zu sagen, dass „die eine göttliche Natur ... nun die menschliche Natur Christi einzuschließen scheint.“ Im Gegenteil, die Naturen bleiben selbst beim Sohn verschieden. Das zeigt sich daran, dass die Tatsache, dass der Sohn eine menschliche Natur hat, eine kontingente Tatsache über ihn ist; in möglichen Welten, in denen Gott völlig von einer Schöpfung absieht, hat die zweite Person der Trinität keine menschliche Natur. Sein Menschsein kann also nicht Teil seiner göttlichen Natur oder Essenz sein.

Da weder der Vater noch der Geist einen menschlichen Körper angenommen haben, haben sie keine menschlichen Naturen zusätzlich zur göttlichen Natur. Nur der Sohn wurde Fleisch und nahm so eine menschliche Natur an.

Um nun auf Ihre Frage zu antworten, Aaron, so war es in dem Podcast mein Ziel, eine der Bibel gemäße und logisch kohärente Erklärung der Inkarnation zu finden, die Christus zwei volle Naturen zuschreibt, eine menschliche und eine göttliche, aber keine zwei Personen in Christus postuliert, eine menschliche Person und eine göttliche Person (das wäre die Irrlehre des sogenannten Nestorianismus). Ich tue dies, indem ich postuliere, dass die Seele des Jesus von Nazareth der göttliche Logos war. Um eine solche Erklärung biblisch adäquat zu machen, unterscheide ich auf theologisch signifikante Weise zwischen dem bewussten Leben Jesu und seinem Unterbewusstsein während seines irdischen Aufenthaltes (seinem sogenannten Zustand der Erniedrigung).

Nun möchten Sie wissen, wie eine solche Erklärung mit der Allgegenwart des Logos während seines Zustands der Erniedrigung umgeht. Wenn Sie sich die Apologetik-Podcasts zur Lehre von Gott anhören, werden Sie feststellen, dass ich, wenn es um die Allgegenwart geht, dieses Attribut nicht so verstehe, dass Gott wie ein Äther im Raum ausgebreitet wäre, sondern so, dass Gott jeden Punkt im Raum kennt und an jedem Punkt im Raum kausal aktiv ist. Dies kann auch für den Logos während seines Zustands der Erniedrigung gelten. Es war nur nicht Teil des bewussten Lebens Jesu.

Ich vermute, Ihre Schwierigkeit liegt darin, dass Sie sich die Inkarnation irgendwie so vorstellen, als würde der Logos auf die Größe eines menschlichen Körpers schrumpfen. Doch dann begehen Sie denselben Fehler wie Clark: sich die Inkarnation als etwas vorzustellen, dass die göttliche Natur tut, und nicht als etwas, das eine göttliche Person tut. Der Logos nimmt einen menschlichen Körper als den seinen an; aber er hört nicht auf, jeden Punkt im Raum zu kennen und an jedem Punkt im Raum kausal aktiv zu sein.

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: /trinity-and-incarnation

Anmerkungen

[1] Vgl. /german/qa111

- William Lane Craig