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#75 Monotheletismus

July 12, 2016
Q

Hallo Herr Prof. Craig!

Ich habe Ihr Buch Philosophical Foundation for a Christian Worldview[1] gelesen. Leider wurde meine Frage nicht behandelt, als ich vor zehn Jahren im Seminary meinen Master of Divinity machte. Durch Ihre Erklärung habe ich mich schon, wenn auch nur zögerlich, etwas mehr von Ihrer Position des Monotheletismus überzeugen lassen (S. 611). Der Monotheletismus wird immer mit dem Monophysitismus zusammen betrachtet. Soweit ich es verstehe, folgt der Monotheletismus nicht notwendigerweise aus dem Monophysitismus. Das Dritte Konzil von Konstantinopel verurteilte sowohl den Monophysitismus als auch den Monotheletismus als häretisch. (Erkennen die meisten Evangelikalen dieses ökumenische Konzil an?) Prof. Dr. Norman Geisler bezeichnet den Monotheletismus ebenfalls als häretisch (Systematic Theology Band 2: God, Creation [Grand Rapids, MI: BethanyHouse, 2003], S. 296). Meine Frage ist also: Beunruhigt es Sie nicht, dass manche Evangelikale Sie wegen Ihrer Überzeugung bezüglich des Monotheletismus als Häretiker betrachten? Ich bin von Ihrer Erklärung eher überzeugt und möchte nicht auch für einen Häretiker gehalten werden, weil ich diesen Standpunkt einnehme.

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Kein ernsthafter Christ möchte als Häretiker bezeichnet werden. Doch wir Protestanten erkennen allein die Schrift als unsere letztgültige Glaubensregel an (das reformatorische Prinzip von sola scriptura). Deshalb messen wir auch die Beschlüsse eines ökumenischen Konzils an der Schrift. Zwar widerspricht man ihnen nur sehr zögerlich, doch da wir ihnen keine göttliche Autorität zuschreiben, halten wir es für denkbar, dass man sich an der einen oder anderen Stelle geirrt hat. Ich bin der Meinung, dass die Kirche mit der Verurteilung der monotheletischen Lehre als mit dem christlichen Glauben unvereinbar einen Schritt zu weit gegangen ist.

Was ist Monotheletismus überhaupt? Er ist die Lehre, dass der inkarnierte Christus nur ein Willensvermögen hat. Im Gegensatz hierzu lehrt der Dyotheletismus, dass der inkarnierte Christus zwei Willensvermögen hat – eines in Verbindung mit seiner menschlichen Natur (sein menschlicher Wille) und eines in Verbindung mit seiner göttlichen Natur (sein göttlicher Wille). Das Dritte Konzil von Konstantinopel verurteilte den Monotheletismus und verkündete, dass der Glaube an die zwei Willensvermögen Jesu für Christen obligatorisch sei. Ich nehme an, dass die meisten evangelikalen Christen sich mit den Lippen zum Dritten Konzil und dem Dyotheletismus bekennen würden, darüber aber nicht ernsthaft nachgedacht haben.

Einige wenige unter uns betrachten den Monotheletismus allerdings mindestens als zulässige, wenn nicht gar wahre Option für einen bibelorientierten Christen. Auf dem Konzil dachte man anscheinend folgendermaßen: Christus einen menschlichen Willen abzusprechen, würde implizieren, dass er keine vollständige menschliche Natur hatte und somit nicht wahrer Mensch war. Um die Unversehrtheit der menschlichen Natur Christi zu wahren, verkündete das Konzil daher den Dyotheletismus als für den orthodoxen christlichen Glauben zwingende Lehre. Nun, die Besorgnis des Konzils um die wahre Menschlichkeit des inkarnierten Christus ist lobenswert und wichtig. Die christliche Lehre der Inkarnation erfordert es nämlich tatsächlich, dass Christus wahrhaft menschlich und wahrhaft göttlich ist. Aber warum sollte man meinen, dass es Christi menschliche Natur zurückstutzt, wenn er nur einen Willen hat?

Was man auf dem Konzil voraussetzte und vielen zweifelhaft erscheint, ist, dass das Willensvermögen zu jemandes Natur gehört, und nicht zur Person. Deswegen meinte man auf dem Konzil, dass Christi Natur keine echte, vollständig menschliche Natur war, wenn ihr das Willensvermögen fehlte. Ich dagegen finde es beinahe offensichtlich, dass der Wille das Vermögen einer Person ist. Personen sind es, die den freien Willen haben und diesen ausüben, um sich für A oder B zu entscheiden. Wenn Christi menschliche Natur ihren eigenen Willen hätte und Christus, wie das Konzil bekräftigte, somit buchstäblich zwei Willen hatte, dann wären es zwei Personen – eine menschliche und eine göttliche. Doch das ist die als Nestorianismus bekannte Häresie, die Christi Person entzwei teilt. Ich kann nicht verstehen, wie Christus eine menschliche Natur mit eigenem Willen haben könnte, der sich vom Willen der zweiten Person der Trinität unterscheidet, und dabei keine Person sein kann.

Die Frage ist dann also, ob Christus einen Willen, aber zwei Naturen haben kann. Oder wenn er einen einzigen Willen hat, impliziert das nicht die Häresie namens Monophysitismus – die Lehre, dass Christus eine einzige Natur hat? Auf dem Konzil von Chalcedon verurteilte die Kirche den Monophysitismus und verkündete den Dyophysitismus – die Lehre, dass Christus zwei Naturen hat: eine menschliche und eine göttliche. Die Frage ist nicht, wie Sie meinen, ob der Monotheletismus notwendigerweise aus dem Monophysitismus folgt – es scheint offensichtlich, dass das so ist, denn wenn der inkarnierte Christus nur eine Person und eine Natur hat, woher käme dann der zweite Wille? –, sondern ob der Monophysitismus notwendigerweise aus dem Monotheletismus folgt, wie man auf dem Konzil dachte.

Ich denke nicht. Im Kapitel über die Inkarnation in Philosophical Foundations for a Christian Worldview führe ich ein mögliches Modell der Inkarnation an, nach dem die menschliche Natur Christi durch ihre Vereinigung mit der zweiten Person der Trinität komplett wird. Da es in Christus nur eine Person gibt, gibt es dort auch nur ein Willensvermögen, und dieses Vermögen dient sowohl der Menschlichkeit als auch der Göttlichkeit Christi und übt seinen Willen sowohl durch die menschliche wie auch die göttliche Natur aus. Christus hat also zwei vollständige Naturen, aber nur einen Willen, genauso wie eine einzelne Person. Schließlich ist er ja auch eine Person.

Ich denke also – auch wenn ich Dekreten ökumenischer Konzilien ungern widerspreche – dass die Gefahr, dem Nestorianismus zu verfallen, viel größer ist, als die Gefahr dem Monophysitismus zu verfallen. Ich denke, wir können Monotheliten sein, ohne Monophysiten zu sein und ohne uns und der Bibel zu widersprechen.

(Übers.: J. Booker)

Link to the original article in English: /monotheletism

Anmerkungen

[1] Downers Grove, Illinois: Inter-Varsity Press, 2003.

- William Lane Craig