#104 Tipps für die körperliche Fitness
July 12, 2016Frage 1:
Sehr geehrter Prof. Craig,
wenn ich Sie so sehe, Ihre Schriften lese und im Lauf der Jahre sogar einige Ihrer Kurse besucht habe, kann ich nicht umhin, Sie zu fragen, ob Sie irgendeinen Rat für die körperliche Dimension der Pflege und Förderung des Geistes haben. Anders ausgedrückt: Wenn ich Sie mit anderen Wissenschaftlern vergleiche, sehe ich bei Ihnen eine Gelassenheit des Denkens, eine Gewissenhaftigkeit im Achten auf Ihre körperliche Gesundheit und eine Klarheit und Disziplin, die ich mir bei einem Menschen mit geringer körperlicher Leistungsfähigkeit kaum vorstellen kann.
Sie haben einige hervorragende Ratschläge für diejenigen genannt, die in Ihre Fußstapfen treten möchten, aber wenn ich versuche, meine akademischen Interessen mit derselben Beharrlichkeit zu verfolgen, merke ich, dass mir die Energie dazu fehlt. Nehmen Sie täglich Vitamine ein? Gehen Sie täglich laufen? Nutzen Sie Meditation/Gebet, um Ihr Denken zur Ruhe zu bringen? Ernähren Sie sich ausgewogen? Oder ist das alles reine Willenskraft?
Gottes Segen,
Peter
Frage 2:
Sehr geehrter Prof. Craig,
ich habe Sie einmal beiläufig erwähnen hören, dass Sie seit einiger Zeit an einer neuromuskulären Erkrankung leiden, die Ihre Gliedmaße in Mitleidenschaft zieht. Auch habe ich Sie sagen hören, dass Sie den Eindruck haben, dass Gott diese Krankheit benutzt hat, um Ihnen zu helfen, große Dinge in Ihrem Leben zu verwirklichen. Ich habe die Hoffnung, dass Sie vielleicht nichts dagegen hätten, die Art Ihrer Erkrankung zu nennen und auch mitzuteilen, wie Gott diese Krankheit auf Ihrem Weg der Nachfolge gebraucht hat.
Danke, und setzen Sie Ihre gute Arbeit fort.
Matt
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Dr. craig’s response
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Gelegentlich greife ich gern eine solche persönliche Frage auf, um zur Ermutigung etwas aus meiner eigenen Lebenserfahrung zu erzählen. Tatsächlich sind Jan und ich nur zu gern bereit, jedem, der danach fragt, einen persönlichen Rat zu geben!
Paulus sagt: „Die leibliche Übung ist zu wenigem nütze“ (1. Tim 4,8). Beachten Sie nun, dass Paulus nicht sagte, dass körperliche Übung keinen Wert hätte, sondern nur, dass sie im Vergleich zur Frömmigkeit, die eine Verheißung nicht nur für das irdische, sondern auch für das zukünftige Leben hat, geringen Wert hat. Außerdem leben wir in einer Gesellschaft, in der viele den ganzen Tag sitzen, und die sich enorm von der Gesellschaft unterscheidet, in der Paulus lebte und arbeitete. Ein großer Teil des alltäglichen Lebens der Menschen damals bestand aus dem, was wir „Ausgleichssport“ nennen würden. Denken Sie nur daran, wie Jesus durch ganz Palästina wanderte! Die Menschen in jener Zeit waren keine solchen Bewegungsmuffel, wie wir es heute oft sind.
Schauen Sie sich um: Es ist so schwer, in Form zu bleiben. Man sagt, sobald wir 35 Jahre alt sind, verlieren wir jedes Jahr ein Pfund Muskelmasse und legen eineinhalb Pfund Fett zu. Das scheint offensichtlich zuzutreffen. Außerdem nehmen Menschen meines Alters oft unglaublich viele Medikamente, um körperliche Probleme zu lösen. Ich bin sicher, dass die meisten von ihnen lieber keine Blutverdünner, Cholesterinsenker, Pillen zur Gewichtsreduktion, usw. nehmen würden.
2003 brachte der Mayo Clinic Health Letter folgenden beunruhigenden Bericht über „Körperliche Bewegung und Ihre Gesundheit“:
„1996 hatten über 60% der Amerikaner keine regelmäßige körperliche Bewegung, trotz aller Anregungen durch staatliche Stellen und Organisationen, die über die Rolle der körperlichen Betätigung zur Prävention von Erkrankungen berichtet hatten. Ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung treibt sogar überhaupt nie Sport. Das war das Jahr, in dem die amerikanische Gesundheitsbehörde konkrete Empfehlungen für körperliche Bewegung herausgebracht hatte.
Der Jahresbericht der amerikanischen Gesundheitsbehörde 1996 empfahl ein Minimum von 30 Minuten mäßig intensiver Bewegung an den meisten oder allen Wochentagen. Bei mäßig intensiven Betätigungen sollte die Atmung so sein, dass man ein Gespräch fortsetzen kann, wenn auch mit etwas Mühe. Dieser Empfehlung lag eine umfangreiche Datenerhebung zugrunde, die auf die vielen Vorteile körperlicher Aktivitäten hinwies. Sie tragen unter anderem dazu bei:
• das Risiko eines vorzeitigen Todes besonders durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu reduzieren
• das Risiko zu reduzieren, an Diabetes oder Darmkrebs zu erkranken
• das Risiko eines Bluthochdrucks zu reduzieren oder einen bereits erhöhten Blutdruck zu senken
• das psychologische Wohlergehen zu fördern und Depression und Angst zu verringern
• ein angemessenes Körpergewicht zu halten
• gesunde Muskeln, Knochen und Gelenke aufzubauen und zu erhalten
• die körperliche Kraft älterer Erwachsener zu verbessern und ihre Fähigkeit zu erhalten, sich sturzfrei zu bewegen
Dann folgte 2001 ein weiterer Alarm der Gesundheitsbehörde – Übergewicht und Fettleibigkeit hatten in den Vereinigten Staaten epidemische Ausmaße erreicht. 61 Prozent der Erwachsenen waren übergewichtig oder fettleibig.
Dann veröffentlichte die National Academy of Sciences 2002 ihre Empfehlungen. Berücksichtigt man die Körpergröße vieler Amerikaner und ihre Bewegungsgewohnheiten – oder ihre mangelnde körperliche Bewegung – dann sind nach dem Bericht der Akademie 30 Minuten mäßig intensiver Bewegung nicht ausreichend, um ein gesundes Körpergewicht zu behalten oder Gewichtszunahme zu verhindern. Die Akademie, die ihre Ergebnisse aus einer internen Datenbank bezog, empfahl, die Zeit mäßiger Aktivitäten auf eine Stunde pro Tag zu erhöhen, um eine Gewichtszunahme zu vermeiden und den gesundheitlichen Nutzen zu erhöhen.“
Können Sie sich das vorstellen? Eine Stunde am Tag!
Das ist nun eine echte Herausforderung für diejenigen von uns, die nicht gerade eine sportliche Ader haben. Meine Einstellung zu sportlicher Betätigung lässt sich durch diesen Witz prägnant zusammenfassen: „Wenn ich einen Drang nach sportlicher Betätigung verspüre, lege ich mich einfach hin, bis es vorüber ist!“
Doch es war die oben von Matt erwähnte neuromuskuläre Erkrankung, die mich veranlasste, auf körperliche Bewegung zu achten. Ich leide, wie meine Mutter und mein Bruder, an dem Charcot-Marie-Tooth Syndrom, eine Erbkrankheit, bei der die Myelinschicht der Nerven an den Unterarmen und Beinen langsam abgebaut wird, was zu einer progressiven Muskelatrophie führt. Manche Personen, die an diesem Syndrom leiden, sind stark behindert, aber bei mir ist der Verlauf gemäßigt, sodass vor allem meine Hände und seit einigen Jahren meine Waden betroffen sind. Es bedeutet im Grunde, dass ich auf Bowling und Ähnliches verzichten muss – nicht der Rede wert, meint meine Frau Jan! Aber es war mir bewusst, dass die Symptome mit der Zeit stärker werden würden, (obwohl ich sagen muss, dass meine Mutter jetzt 87 Jahre alt und immer noch rüstig ist), und das hat mich angespornt, mich darum zu bemühen, fit zu bleiben und meine Muskulatur zu stärken, um die Auswirkungen der unausweichlichen Atrophie so weit wie nur möglich abzuwenden.
Ich habe mir also die Disziplin auferlegt, an sechs Tagen in der Woche Sport zu treiben. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Einsicht, dass man den eigenen Lebensstil ändert und nicht nur ein vorübergehendes Training absolviert. Es geht um lebenslange Bewegung! Man muss die Zeit der körperlichen Aktivität zur Gewohnheit machen, sodass sie einfach Teil des Alltags wird und man sich nicht jedes Mal dazu aufraffen muss. Ich treibe also jeden Morgen außer sonntags nach meiner Zeit des persönlichen Gebets und Bibellesens etwa eine Stunde Sport.
Seltsamerweise ist ein besonders großer – vielleicht der größte – Nutzen solcher anstrengenden Übungen, wie in dem Brief der Mayo-Klinik erwähnt, ein psychologischer. Man fühlt sich einfach wohl in seiner Haut. Es vermittelt ein Gefühl des Selbstvertrauens und des Wohlseins, wenn man den Muskeltonus des eigenen Körpers spürt. Man hat das Gefühl, man könnte es mit der ganzen Welt aufnehmen.
Ein wirklich hervorragendes Programm, das ich empfehlen würde, ist das Buch Body for Life von Bill Phillips. Es kombiniert ein sehr vernünftiges Gewichtstraining mit aerobischen Übungen. Es ist wirklich praktikabel, ausgewogen, kann zuhause durchgeführt werden und liefert echte Ergebnisse. (Eines der „nachher“-Fotos in seinen Büchern gefällt mir nicht, aber es hat mich wirklich belustigt, als kürzlich ein Blogger meine Statur als „athletisch“ bezeichnete! Ha! – ich, mit meinem CMT-Syndrom!) Ich mache an drei Tagen in der Woche ein Gewichtstraining und jogge oder mache Stepptraining auf der Treppe an weiteren drei Tagen pro Woche. Ich würde Sie ermutigen, ein paar freie Gewichte zu kaufen, sodass Sie zuhause trainieren können und sich nicht dazu aufraffen müssen, ein Fitness-Studio aufzusuchen.
Nun gehört zu einem regelmäßigen Training auch eine gesunde Ernährung. Ich habe das große Glück, mit einer Frau verheiratet zu sein, die viel Wert auf eine gesunde Küche legt. Wir ernähren uns proteinreich und essen reichlich Fisch. Wir versuchen, ein Verhältnis von 3:4 bei Kohlenhydraten und Proteinen zu erreichen. Das lässt sich erzielen, indem man etwa eine Handvoll kohlenhydratreiche Kost mit einer Handvoll proteinreicher Nahrung kombiniert. Wir essen nicht viel Zucker und Jan kocht mit natürlichen Zutaten (Sie sollten mal ihre hausgemachten Buchweizen-Pfannkuchen probieren, mit echtem Ahornsirup und Erdbeeren!) Wir nehmen keine Vitamine, weil das nicht nötig ist, wenn man sich richtig ernährt.
In den letzten Jahren habe ich festgestellt, dass es nützlich ist, nach dem Mittagessen gelegentlich ein Nickerchen zu machen. Mir ist das zwar ein wenig peinlich, aber als wir in Frankreich lebten, habe ich gemerkt, dass eine zweistündige Mittagspause dort normal ist, weil die Leute nach dem Mittagessen ein Schläfchen machen. Das erfrischt einen wirklich! Ich halte mich besonders dann an diesen Rhythmus, wenn ich als Sprecher auf Reisen bin, weil ich bei der abendlichen Vorlesung oder Debatte wirklich wach und konzentriert sein muss. Zuhause ist es unterschiedlich, je nachdem ob ich merke, dass ich langsam eindöse, während ich eine trockene Abhandlung über abstrakte Objekte oder Referenztheorien zu lesen versuche!
Das CMT-Syndrom hatte noch andere als körperliche Auswirkungen auf mich. Als Kind an dieser Erkrankung zu leiden war hart, weil andere Kinder sich über meine Art zu gehen lustig machten. Wenn wir im Sportunterricht Leichtathletikteams bilden sollten, wurde ich immer als einer der letzten gewählt. (Warum Lehrer Kinder diesem beschämenden Ritual aussetzen, ist mir unbegreiflich!) Da ich in körperlichen Dingen nicht erfolgreich sein konnte, stürzte ich mich auf intellektuelle und akademische Herausforderungen, bei denen ich merkte, dass ich Erfolg haben konnte. Diese Krankheit zu haben hat mich sehr zielorientiert werden lassen und mir die Entschlossenheit gegeben, denen, die mich verspotteten, zu zeigen, dass ich Erfolg haben konnte. Seit ich Christ geworden bin, habe ich erkannt, dass diese Art von Antrieb die falsche Motivation ist, aber die Zielorientierung und der Wunsch, erfolgreich zu sein, bleiben Teil meiner Persönlichkeit. Mein CMT ist nun wie ein alter Freund, mein „Stachel im Fleisch“, den Gott dazu benutzt hat, mich zu formen und auf seinen Dienst vorzubereiten, und für den ich ihm dankbar bin.
(Übers.: M. Wilczek)
Link to the original article in English: /maintaining-physical-stamina
- William Lane Craig