back
05 / 06

#66 Warum Gott eine Person ist

July 12, 2016
Q

Frage #1:

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich habe gerade Ihren Artikel in Christianity Today[1] über die Argumente für die Existenz Gottes gelesen, doch eine Frage ragt als unbeantwortet heraus: Warum muss es einen PERSONALEN Gott geben, und was meinen Sie überhaupt mit „personal“? Kann dies durch natürliche Theologie und natürlich-theologische Methoden gestützt werden? Platons „Gutes“ ist schließlich keine Person.

Die Tatsache, dass der Kosmos durch den Urknall von einem vereinigten generativen Prinzip kommt (über das wir nicht viel wissen können), scheint mir gar nichts dahingehend zu beweisen, dass Gott ein personaler Gott ist. Bitte lassen Sie mich wissen, wohin ich mich wenden kann, damit ich Antworten auf diese Fragen bekomme.

Viele Grüße

Pete

Frage #2:

Hallo,

ich bin Rogers atheistischer Freund aus Frage 65[2].

Sie behaupten: „Gott bestimmt etwas, weil er gut ist.“ Nach welchem Maßstab nennen Sie Gott gut? Ist Gott gut, weil gut sein heißt, so zu sein wie Gott? Oder ist Gott gut, weil er alle guten Eigenschaften hat?

Die Beweislast liegt auf Ihren Schultern. Sie müssen beweisen, dass die erste Option das Gute nicht zu einer willkürlichen Angelegenheit macht, weil Sie derjenige sind, der behauptet, dass Moral eine objektive Grundlage hat, wenn Gott existiert. Ich bin nicht der Meinung, dass Moral auf etwas Objektivem beruht. Das müsste ein logischer Grund sein, der sich nicht auf emotionale Werte beruft.

Wenn Sie sagen möchten, dass Gottes Charakter essentiell ist und dass sein Charakter als Paradigma für das Gute dient, NUR um zu zeigen, dass das Euthyphron-Dilemma kein Dilemma ist, dann tun Sie das meinetwegen. Doch wenn Sie behaupten möchten, dass Moral eine objektive Grundlage hat, wenn Gott existiert, dann müssen Sie Ihre Behauptung ohne Zirkelschluss beweisen.

Vielen Dank, dass Sie versucht haben, die Frage meines Freundes zu beantworten!

Brandon

  • - country not specified

Dr. craig’s response


A [

Persönlicher Gott

Ich stimmte Ihnen zu, Pete: Zu zeigen, dass jemandes letzte Erklärung personal ist, ist ein enorm wichtiges Element in einer erfolgreichen kumulativen Argumentation für die Existenz Gottes. Mit „personal“ meine ich ausgestattet mit Rationalität, Selbstbewusstheit und Willen – die üblichen Qualitäten, die man mit einer Person verbindet.

Es fällt auf, dass aus allen Argumenten, die ich in meinem Christianity-Today-Artikel zusammengefasst habe, die Existenz eines personalen Wesens folgt. Wenn auch nur eines dieser Argumente erfolgreich ist, dann hat der natürliche Theologe erfolgreich bewiesen, dass seine letztendliche Erklärung personal ist.

Die Personalität der letzten Erklärung ist beim teleologischen Argument am offensichtlichsten, denn es führt zu einem intelligenten Designer des Kosmos. Dieses Argument gibt einem genau das, wonach man gesucht hat.

Doch auch bei den anderen Argumenten wird die Personalität der letzten Erklärung indirekt aufgezeigt. Beim kosmologischen Argument wird Ihnen auffallen, wenn Sie den CT-Artikel noch einmal lesen, dass ich sogar das Argument für die Personalität der Ursache des Universums angegeben habe:

"Denn eine externe Ursache des Universums muss über Raum und Zeit hinausgehen und kann daher nicht physisch oder materiell sein. Und es gibt nur zwei Arten von Dingen, auf die diese Beschreibung passt: entweder abstrakte Objekte, wie Zahlen, oder ein intelligentes Geistwesen. Doch abstrakte Objekte sind kausal ohnmächtig. Die Zahl 7 beispielsweise verursacht nichts. Daraus folgt also, dass die Erklärung des Universums ein externes, transzendentes, personales Geistwesen ist, das das Universum geschaffen hat – womit man meistens „Gott“ meint."

Ein personaler Gott – warum es eine Akteurskausalität braucht.

Die Ursache des Universums muss ein außerweltliches Wesen sein, das über Raum und Zeit hinausgeht, und ist daher entweder ein körperloses Geistwesen oder ein abstraktes Objekt. Letzteres kann sie nicht sein, deswegen muss sie Ersteres sein. Das heißt, dieses Wesen ist personal.

Beim kalam-kosmologischen Argument gilt genau die gleiche Argumentation in Bezug auf die Ursache für den Ursprung des Universums. Außerdem gibt es noch ein Argument für die Personalität der ersten Ursache, das ich nicht im Artikel erwähnt habe. Es rührt von der Eigenheit einer temporalen Wirkung, die von einer ewigen Ursache kommt. Wie ich auch im Buch Reasonable Faith[3] erkläre:

"Wir sind zur Konklusion gekommen, dass der Anfang des Universums die Wirkung einer Erstursache war. . . . Nun ist das überaus merkwürdig. Die Ursache ist in gewissem Sinne ewig, und doch ist die Wirkung, die sie hervorruft, nicht ewig, sondern sie begann vor einer endlichen Zeit zu existieren. Wie kann das sein? Wenn die notwendigen und ausreichenden Bedingungen für die Erzielung der Wirkung ewig sind, warum ist dann nicht die Wirkung ewig? Wie können all die kausalen Bedingungen, die für die Erzielung der Wirkung ausreichend sind, durchgehend existent sein, die Wirkung hingegen nicht zusammen mit der Ursache existent sein? Wie kann die Ursache ohne die Wirkung existieren?

. . . Es scheint nur einen Weg aus diesem Dilemma zu geben: Zu sagen, dass die Ursache des Anfangs des Universums ein personaler Akteur ist, der sich freiwillig dazu entscheidet, ein Universum in der Zeit zu erschaffen. Philosophen nennen diese Art von Verursachung „Akteurskausalität“, und da der Akteur freien Willen hat, kann er neue Wirkungen initiieren, indem er aus freien Stücken Bedingungen herbeiführt, die davor nicht da waren. So könnte beispielsweise ein Mann, der schon ewig durchgehend sitzt, freiwillig aufstehen; so resultiert eine temporale Wirkung aus einem ewig existierenden Akteur. Genauso hätte ein Schöpfer mit freiem Willen vor einer endlichen Zeit die Welt ins Dasein bringen können. So könnte der Schöpfer durchgehend und ewig existieren, sich aber dazu entscheiden, die Welt in der Zeit zu erschaffen. „Sich entscheiden“ heißt nicht unbedingt, dass der Schöpfer seine Entscheidung zu erschaffen irgendwann ändert, sondern dass er freiwillig und ewig beabsichtigt, eine Welt mit einem Anfang zu erschaffen. Durch das Ausüben seiner kausalen Macht führt er es also herbei, dass eine Welt mit einem Anfang entsteht. Die Ursache ist also ewig, aber die Wirkung nicht. So ist es also möglich, dass das temporale Universum aus einer ewigen Ursache entstehen konnte: durch den freien Willen eines persönlichen Schöpfers."

Personaler Gott – warum Gott personal sein muss

Beim Moral-Argument ist das Gotteskonzept, um das es in dem Argument geht, das eines personalen Wesens, da moralische Werte, wenn sie existieren, in Personen wohnen, nicht in leblosen Dingen, und da nur ein persönliches Wesen die Quelle einer moralischen Pflicht sein kann, und zwar indem es uns Befehle erteilt. Daran scheitert Platons nichtpersonale Form des Guten. Gerechtigkeit selbst beispielsweise ist nicht gerecht; sie ist ja nur ein abstraktes Objekt. Und sie kann uns auch nicht Befehle erteilen, gerecht zu sein. Christliche Theologen wie Augustinus haben Platons ethische Theorie weiterentwickelt, indem sie Platons Gutes als Gott selbst identifizierten.

Und schließlich: Das ontologische Argument erfordert, dass Gott, das maximal große Wesen, ein personales Wesen ist, und zwar nicht nur, weil Personalität von den Eigenschaften impliziert wird, aus denen maximale Exzellenz besteht, also z. B. Allwissenheit, Allmacht und moralische Vollkommenheit, sondern auch weil Personalität selbst eine großmachende Eigenschaft ist, die das größte vorstellbare Wesen haben muss.

Wie Sie sehen, steht der natürliche Theologe also sehr gut da, wenn es darum geht, die Personalität seiner letzten Erklärung zu zeigen.

Personaler Gott – das Euthyphron-Dilemma bezwingen

Nun zu Brandons Frage. Zur Erinnerung – die Version des moralischen Arguments, die ich im CT-Artikel angeführt habe, ist folgende:

1. Wenn Gott nicht existiert, existieren auch keine objektiv gültigen moralischen Werte und Pflichten.

2. Objektiv gültige moralische Werte und Pflichten existieren.

3. Also existiert Gott.

Wie im Artikel angemerkt, kontern Nicht-Theisten das Moral-Argument oft mit einem Dilemma, das beweisen soll, dass moralische Werte unabhängig von Gott sind. Das sogenannte Euthyphron-Dilemma stellt die Behauptung auf, dass moralische Werte entweder unabhängig von Gott sind (wenn er sie bestimmt, weil sie gut sind) oder dass sie willkürlich sind (wenn sie gut sind, nur weil Gott sie bestimmt). Da sie nicht willkürlich sind, müssen sie unabhängig von Gott sein. Die Logik des Euthyphron-Dilemmas ist die folgende:

1. A oder B.
2. Nicht-B.
3. Also A.

Dies ist das Argument des Nicht-Theisten; es liegt an ihm, zu beweisen, dass die beiden Prämissen wahr sind. Um das Argument zu besiegen, muss der Theist nur eine dritte Alternative bieten, sodass wir anstelle von Prämisse (1) die Alternative (1') haben:

1.' A oder B oder C.

Doch jetzt folgt aus (2) nicht mehr „Also A“. Nein, um an seinem Argument festzuhalten, muss der Nicht-Theist nun Folgendes beweisen:

2.' Nicht-B und nicht-C.

Sie, Brandon, müssen also ein Argument für (2') anführen – ein Argument für nicht-C, um genau zu sein. Es reicht nicht aus, zum Theisten zu sagen: „Was ist Ihr Beweis für C?“ Der Theist hat keine Beweislast dafür zu tragen, dass C wahr ist; er muss nur eine Alternative zu A oder B anbieten. Sobald der Theist das getan hat, ist er seine gesamte Verantwortung los. Es liegt nun an Ihnen, C zu widerlegen, wenn Sie an (2') festhalten und so den Theisten zwingen wollen, A anzunehmen.

In anderen Kontexten würden Sie sicherlich erkennen, wo die Beweislast liegt. Sehen Sie sich mein obiges Argument für die Personalität der Ursache des Universums an, die das kosmologische Argument aufzeigt. Das Argument hat auch die Form eines Dilemmas:

1. Entweder ist die Ursache des Universums ein abstraktes Objekt, oder die Ursache des Universums ist ein körperloses Geistwesen.
2. Die Ursache des Universums ist kein abstraktes Objekt.
3. Also ist die Ursache des Universums ein körperloses Geistwesen.

Der Nicht-Theist, der dem Argument widerspricht, wird versuchen, Prämisse (1) zu widerlegen, indem er eine unpersonale Alternative C als Ursache des Universums ins Spiel bringt. Es wäre sehr unangebracht von mir, dann zu erwidern: „Aber was ist Ihr Beleg für C? Sie haben nicht bewiesen, dass C wahr ist.“ Der Nicht-Theist würde mit Kopfschütteln entgegnen: „Tut mir leid, aber es liegt an Ihnen, zu beweisen, dass meine Alternative C falsch ist. Sie behaupten doch, dass die Ursache des Universums personal ist. Ich sage bloß, dass Sie das noch nicht bewiesen haben, weil Sie C nicht widerlegt haben.“

Sie befinden sich mit Ihrem Dilemma genau im selben Boot. Der klassische Theist hat zu Ihren A oder B eine Alternative genannt. Wenn Sie also beweisen wollen, dass moralische Werte, wenn sie existieren, unabhängig von Gott sind, dann müssen Sie belegen, warum die vom klassischen Theismus angeführte Alternative C scheitert.

Ich denke, Sie erkennen nun, dass das Euthyphron-Dilemma scheitert, doch Sie versuchen, dieses Ergebnis folgendermaßen kleinzureden:

"Wenn Sie sagen möchten, dass Gottes Charakter essentiell ist und dass sein Charakter als Paradigma für das Gute dient, NUR um zu zeigen, dass das Euthyphron-Dilemma kein Dilemma ist, dann tun Sie das meinetwegen."

Ja, mehr als das möchte ich in der Tat nicht zeigen. Und diese Schlussfolgerung stellt einen richtigen Fortschritt dar, weil Ihre ursprüngliche Behauptung in Frage 65, wie Sie sicher noch wissen, die folgende war:

"Ich habe noch immer keine gute Antwort auf dieses Dilemma gefunden: . . . Es ist kein falsches Dilemma. . . . Craig definiert Gott als vollkommen und sagt dann, dass Gott vollkommen sein muss, weil das die Definition Gottes ist. Das ist ein Zirkelschluss."

Nun, ich denke, Sie erkennen, dass das Euthyphron-Dilemma in der Tat ein falsches Dilemma ist, da C möglich ist, und dass es keinen Zirkelschluss in der Argumentation gibt, weil der Theist nicht versucht, C zu belegen, sondern einfach als eine Alternative zu A und B anführt. Jetzt haben Sie also eine gute Antwort auf dieses Dilemma gefunden.

Und dieses Ergebnis ist enorm bedeutend, Brandon, denn das Euthyphron-Dilemma ist, wie ich schon sagte, eine der gängigsten nicht-theistischen Antworten auf das Moral-Argument. Mit dem Scheitern dieses Dilemmas fällt einer der Haupteinwände gegen Prämisse (1) meines ursprünglichen Moral-Arguments, nämlich

1. Wenn Gott nicht existiert, existieren auch keine objektiv gültigen moralischen Werte und Pflichten.

weg.

Zu meiner Überraschung habe ich festgestellt, dass Sie in Ihrer aktuellen Frage mit Prämisse (1) übereinstimmen. Prämisse (2), also

2. Objektiv gültige moralische Werte und Pflichten existieren.

ist es, der Sie wirklich widersprechen. Sie sagen nämlich:

"Ich bin nicht der Meinung, dass Moral auf etwas Objektivem beruht. Das müsste ein logischer Grund sein, der sich nicht auf emotionale Werte beruft."

Sie stimmen (1) also zu, widersprechen (2) aber. Doch hier, Brandon, fällt es mir schwer zu glauben, dass Sie mehr tun, als lediglich ein Lippenbekenntnis für Ihr Abstreiten der zweiten Prämisse abzulegen. Ich weiß nicht, ob Sie eine Freundin haben – wenn ja, glauben Sie wirklich, es wäre Ihnen aus moralischer Sicht gestattet, sie mit einem Schraubenzieher anzugreifen und sie zu verstümmeln und zu töten? Sind Sie wirklich der Meinung, dass eine solche Tat moralisch unbedeutend ist – ja, auf derselben Ebene steht wie sie zu lieben? (Wenn ja, würde ich Ihnen raten, sie nicht diese Diskussion lesen zu lassen.)

Personaler Gott – die Vernünftigkeit, an objektiven moralischen Werten festzuhalten

In unserer moralischen Erfahrung nehmen wir ein Reich objektiv existierender moralischer Werte und Pflichten wahr, und wir haben keinen guten Grund, die Zuverlässigkeit all dieser Erfahrungen anzuzweifeln. Wie Louise Antony in unserer Diskussion in God and Ethics (Nathan King and Robert Garcia (Hg.), Lanham, Md: Rowman & Littlefield, 2008) richtig sagt, wird jedes Argument für moralischen Nihilismus auf Prämissen basieren, die weniger offensichtlich sind als die Realität objektiver moralischer Werte und Pflichten selbst. Deswegen bestreitet weder sie noch sonst einer der Philosophen, gegen die ich zu diesem Thema debattiert habe, Prämisse (2) des Moral-Arguments.

Natürlich haben Sie damit recht, dass der christliche Ethiker, der eine theistisch begründete Ethiktheorie aufstellen will, wesentlich mehr zu diesen Themen zu sagen hat – so wie Sie ja auch drei weitere Fragen in Ihrem zweiten Absatz stellen. Ich gehe im Buch Philosophical Foundations for a Christian Worldview (InterVarsity Press 2003) im Teil über die Güte Gottes[4] auf diese Fragen ein. Aber das würde hier zu weit führen. Hier möchten wir lediglich die Prämissen (1) und (2) des Moral-Arguments stützen. Sie stimmen Prämisse (1) zu, und Ihr Abstreiten von (2) verträgt sich nicht mit unserer moralischen Erfahrung. Ohne Argument lässt sich die Zuverlässigkeit dieser Erfahrung nicht abstreiten. Daher halte ich das Moral-Argument nach wie vor für ziemlich überzeugend.

(Übers.: J. Booker; L:RN)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/personal-god


Anmerkungen

[1] Siehe http://www.christianitytoday.com/ct/2008/july/13.22.html (nur teilweise lesbar ohne Abonnement).
Eine Übersetzung des Gesamtartikels ist hier verfügbar: http://www.reasonablefaith.org/german/Gott-ist-noch-nicht-tot

[2] http://www.reasonablefaith.org/german/qa65

[3] William Lane Craig: Reasonable Faith. Christian Truth and Apologetics. Wheaton/Il. 2008: Crossway (3. Aufl), S. 153f.

[4] Vgl. J.P. Moreland und William Lane Craig: Philosophical Foundations for a Christian Worldview, InterVarsity Press 2003, S. 529 (Kap. 26: The Coherence of Theism (II), Unterpunkt 5 "Goodness"). (A.d.Ü.)

- William Lane Craig