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#367 Wie seriös ist die Forschung über den historischen Jesus?

July 12, 2016
Q

Sehr geehrter Herr Prof. Craig,

zunächst einmal möchte ich Ihnen im Namen der anderen Christen für Ihre Arbeit danken. Es macht mir großen Spaß, Ihre Debatten online zu sehen und Ihre Bücher zu lesen.

Und jetzt zu meiner Frage; sie betrifft die Erforschung des Neuen Testaments. In Ihrer Argumentation über die Auferstehung Jesu behaupten Sie, dass die allermeisten Historiker des Neuen Testaments folgendes als Fakten akzeptieren:

1. Den Tod Jesu.

2. Das leere Grab.

3. Die Erscheinungen des auferstandenen Jesus.

4. Den anschließenden Glauben der Jünger an den Auferstandenen.

Mir ist bekannt, dass Gary Habermas eine Bibliographie zu diesem Thema zusammengestellt hat, die das, was Sie sagen, bestätigt.

Nun höre ich oft als Gegenargument, dass es zwar in dieser Disziplin auch Skeptiker gibt, aber dass es ganz logisch ist, dass die meisten Historiker, die sich mit dem Neuen Testament befassen, dem Christentum zuneigen, weil doch niemand sich mit etwas befassen würde, das er für absurd oder auch nur uninteressant hält – und die Neutestamentler verdienen sich damit ja sogar ihren Lebensunterhalt!

Das aber – so heißt es – bedeutet, dass die Tatsache, dass die meisten Neutestamentler die von Ihnen genannten vier Fakten akzeptieren, im Grunde kein Argument ist, da ihre Arbeit bzw. Meinung von vornherein eine Schlagseite in eine bestimmte Richtung hat.

Könnten Sie dazu etwas sagen?

Danke.

Jasper

  • Germany

Dr. craig’s response


A [

Die Stimmen, die versuchen, die Mehrheitsmeinung unter den Neutestamentlern zu bestimmten Themen als Beispiel für christliche Voreingenommenheit abzutun, zeigen damit nur, welch naive Auffassung sie von der Erforschung des historischen Jesus haben. Es ist zwar zweifellos richtig, dass es unter den Neutestamentlern (anders als in diversen säkularen Disziplinen) überdurchschnittlich viele Christen gibt, aber wenn man deswegen die Ergebnisse dieser Forschung als tendenziös abtut, macht man es sich definitiv zu einfach.

Tatsache ist, dass historisch gesehen die Neutestamentler ein unglaublich skeptischer Verein gewesen sind. Es gibt keinen einzigen Abschnitt in den Evangelien, der nicht der härtesten Kritik unterzogen worden wäre. R.T. France, ein britischer Neutestamentler, schreibt:

„Was ihren literarischen und historischen Charakter betrifft, haben wir gute Gründe, die Evangelien ernsthaft als Informationsquellen über das Leben und die Lehre Jesu und damit über die historischen Ursprünge des Christentums zu betrachten. Althistoriker merken manchmal an, dass die Skepsis, mit der Neutestamentler ihren Quellen gegenübertreten, viel größer ist als das, was man in jedem anderen Zweig der Alten Geschichte für angemessen erachten würde. Viele Althistoriker würden sich glücklich schätzen, gleich vier so fundierte Berichte zur Verfügung zu haben, die nur ein, zwei Generationen nach den beschriebenen Ereignissen niedergeschrieben wurden und von denen so viele und so alte Manuskripte erhalten sind. … Ab einem gewissen Punkt wird die Entscheidung, wie weit ein Wissenschaftler bereit ist, den Bericht, den [die Evangelien] bieten, zu akzeptieren, mehr davon beeinflusst, wie offen er gegenüber einem supranaturalistischen Weltbild ist, als von in engerem Sinne historischen Überlegungen.“[1]

Jasper, gerade als Deutscher sollten Sie um diese Problematik wissen. Die deutsche Theologie, die zweihundert Jahre lang der Motor der sog. Historisch-kritischen Theologie war, ist traditionell von einer enormen Skepsis gegenüber den neutestamentlichen Berichten über das Leben Jesu geprägt gewesen. Die Leben-Jesu-Forschung stand lange unter dem übermächtigen Einfluss von David Friedrich Strauß, dessen Buch Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet (1835), das u.a. durch David Humes Ablehnung der Möglichkeit von Wundern motiviert war, den Ton für die moderne historische Jesus-Forschung angab. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gingen manche Theologen, wie Bruno Baur, so weit, zu behaupten, dass Jesus von Nazareth nie existiert habe. Dieser Skeptizismus hielt bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts an; von besonderem Einfluss war dabei die Arbeit Rudolf Bultmanns, der behauptete, dass die Jesus-Überlieferungen so von mythologischen Elementen überformt seien, dass man das, was wir mit Sicherheit über den historischen Jesus wissen, auf einer größeren Karteikarte unterbringen könne. Es versteht sich von selbst, dass dieser Skeptizismus auch die Ereignisse um die Auferstehung Jesu betraf, wie sein Begräbnis und das leere Grab.

Die 1950-er Jahre brachten den Niedergang dieses alten skeptischen Paradigmas. Eine der wichtigsten Entwicklungen in der Erforschung des historischen Jesus war die sogenannte „Wiederentdeckung des jüdischen Jesus“. Immer mehr Forscher erkannten, dass man Jesus und die Evangelien nicht auf dem Hintergrund der antiken heidnischen Mythologie zu sehen hatte, sondern auf dem des Judentums im Palästina des 1. Jahrhunderts. Heute gibt es unter jüdischen Historikern ein großes Interesse an Jesus als einem der Ihren. Diese Wiederentdeckung des Juden Jesus hat zu einer Neubewertung der historischen Glaubwürdigkeit der Evangelien geführt und zum Niedergang der heidnischen Mythologie als relevanter Kategorie für die Leben-Jesu-Forschung.

Diese neue Anerkennung der historischen Glaubwürdigkeit der Evangelien als Quellen für das Leben Jesu erstreckt sich auch auf das von deutschen Theologen so genannte „Geschick Jesu“ – also das, was nach der Kreuzigung mit Jesus geschah. Im Gegensatz zu Neutestamentlern der Generation Bultmanns und früher halten die heutigen Neutestamentler (darunter auch jüdische Wissenschaftler) die Historizität der Grablegung Jesu durch ein Mitglied des jüdischen Sanhedrin (dessen Namen wir sogar kennen!) und der Entdeckung des leeren Grabes durch mehrere Frauen, die Jesus nachfolgten, für plausibel. Außerdem herrscht heute eine fast einhellige Übereinstimmung darüber, dass die ersten Jünger Jesu diesen nach seinem Tod als lebendige Person sahen und erlebten und plötzlich zu dem ernsthaften Glauben kamen, dass er von den Toten auferstanden war.

Solch eine Revolution in der Forschung und solch eine Einmütigkeit kann man nicht einfach auf das Konto christlicher Voreingenommenheit verbuchen. Vergessen wir hier nicht, dass ein Forscher auch dann, wenn er persönlich Christ ist, nicht automatisch zu dem Ergebnis kommt, dass es hinreichende Belege für bestimmte in den Evangelien berichtete Ereignisse gibt. Auch wenn ich z.B. den festen Glauben habe, dass Jesus in Bethlehem geboren wurde, bedeutet dies nicht zwingend, dass diese Geburt in Bethlehem (geschweige denn die Jungfrauengeburt!) historisch bewiesen werden kann. Ähnlich kann man durchaus glauben, dass Jesus von den Toten auferstanden ist, und trotzdem der Meinung sein, dass sein Begräbnis und das leere Grab nicht historisch nachgewiesen werden können. Die Tatsache, dass heute die große Mehrheit der Neutestamentler der Meinung ist, dass diese Fakten (im Gegensatz zu den Geburtsgeschichten Jesu) mit hinreichender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen werden können, sagt einiges über die Qualität der Indizien aus. Wenn die Wissenschaftler hier tatsächlich voreingenommen wären, dann müssten Tod und Auferstehung Jesu einerseits und seine Geburt andererseits als gleichermaßen nachgewiesen gelten.

Was das Thema „Voreingenommenheit“ angeht: Wie aus dem obigen Zitat von France erhellt, hat eher andersherum die Vorliebe zahlreicher Neutestamentler für den Naturalismus sie gegen die Historizität verschiedener Ereignisse in den Evangelien voreingenommen gemacht. (Vgl. dazu z.B. meinen Artikel „Denkvoraussetzungen und Anmaßungen des ‚Jesus-Seminars‘“[2] oder die Frage der vergangenen Woche (#366) zu der Bewertung der Überlieferung zum Begräbnis Jesu und zum leeren Grab durch John Dominic Crossan.[3]) Wenn dies stimmt, dann wird (hoffentlich) gerade andersherum die Freiheit christlicher Historiker und Neutestamentler von solchen einseitigen naturalistischen Vorfestlegungen diese in ihrer Analyse der Faktenlage objektiver machen. Dies wäre nur folgerichtig, denn die Grablegung Jesu und sogar die Entdeckung des leeren Grabes sind in sich keine übernatürlichen oder wunderbaren Ereignisse, sondern ganz natürliche Dinge. Erst wenn es um ihre Erklärung geht, werden die Gelehrten mit dem Gespenst des Supranaturalismus konfrontiert, und ich habe nirgends behauptet, dass die meisten Neutestamentler eine übernatürliche Erklärung dieser Fakten vertreten, sondern lediglich, dass sie das Begräbnis Jesu, das leere Grab, die Erscheinungen Jesu nach seinem Tod und den Ursprung des Glaubens der Jünger an seine Auferstehung als historisch anerkennen. Es kann gut sein, dass die Mehrheit der Neutestamentler, ob sie nun Christen oder Nichtchristen sind, der Meinung ist, dass die Deutung dieser Fakten nicht in ihrem Zuständigkeitsbereich liegt.

Und schließlich sollten wir bei all dem nicht vergessen, dass es die Fakten- und Indizienlage ist, die die meisten Gelehrten überzeugt hat. Es geht hier nicht darum, die Anzahl der Gelehrten zu zählen, die der eigenen Sicht zustimmen, sondern die historischen Belege für die genannten vier Fakten zu evaluieren. Der Hinweis auf die Mehrheitsmeinung ist nicht in erster Linie als Argument gedacht, sondern als die Feststellung: „Ich bin nicht der Einzige, der diese Argumente überzeugend findet; die Mehrheit der Fachhistoriker tut dies auch.“ Der Versuch, ihre Ergebnisse als tendenziös abzutun, läuft letztlich ins Leere, denn es sind immer noch die Fakten, und nicht die Vorurteile des Historikers,[4] die darüber entscheiden, ob etwas als historisch anzusehen ist oder nicht.

(Übers.: Dr. F. Lux)

Link to the original article in English: www.reasonablefaith.org/discounting-historical-jesus-scholarship

Anmerkungen

[1] R.T. France, „The Gospels as Historical Sources for Jesus, the Founder of Christianity”, in: Truth 1 (1985), S. 86.

[2] Link zur deutschen Übersetzung: http://www.reasonablefaith.org/german/Denkvoraussetzungen-und-Anmassungen-des-Jesus-Seminars. (Das Jesus-Seminar ist eine Vereinigung in den USA, deren Vertreter der historischen Glaubwürdigkeit der Evangelien sehr skeptisch gegenüberstehen, A.d.Übers.).

[3] Vgl. http://www.reasonablefaith.org/german/qa366

[4] Siehe das Kapitel über die Objektivität der Geschichte in meinem Buch: W.L. Craig, Reasonable Faith, 3rd ed. (Wheaton,Ill.: Crossway, 2008). Das Problem der mangelnden Neutralität ist ein häufiges Thema in der Geschichtsphilosophie und keine Besonderheit der Arbeit des Neutestamentlers.

- William Lane Craig