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#125 Göttliche Ewigkeit und intra-trinitarische Beziehungen

July 12, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

nachdem ich Ihr populärwissenschaftliches Buch „Time & Eternity“ gelesen hatte, war ich von diesem Thema so fasziniert, dass ich mir die Video-Präsentation besorgte. Danach bestellte ich „God, Time and Eternity“, „The Metaphysics of Relativity“ und die beiden Bücher „Tenseless Theory of Time“ und „Tensed Theory of Time“.

Damit war der Feldzug noch nicht zu Ende, denn ich fuhr fort und kaufte „Einstein, Relativity, and Absolute Simultaneity“, „Time, Tense and Reference“, „Time, Reality and Transcendence in Rational Perspective“ und eine ganze Reihe anderer begleitender Materialien, um mehr als nur oberflächliche Kenntnisse über die Relativitätstheorie, die A-Theorie und die B-Theorie der Zeit, die Realität und Kenntnis zeitlicher Fakten, Quantenmechanik usw. zu erlangen.

Ich bin absolut fasziniert von Ihrer Schlussfolgerung, dass Gott vor der Schöpfung zeitlos und nach der Schöpfung in der Zeit ist. Außerdem hat die neo-Lorentzianische Lösung, um Argumente für Zeitlosigkeit anhand der speziellen Relativitätstheorie zu widerlegen oder zu entkräften, einen ganz neuen Feldzug angetreten (dasselbe gilt für Präsentismus, usw.) Es gibt wenig Material von konservativen theistischen Verfassern, das sich wirklich kohärent und auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft mit diesen Fragen auseinandersetzt (abgesehen von DeWeese). Eigentlich ist das Gegenteil der Fall.

Ob es nun Gott und die Zeit ist, das kalām-kosmologische Argument, der Molinismus oder „vernunftgemäßer Glaube“ – ich habe Ihrem Dienst viel zu verdanken, weil er für meine eigene Berufung eine zentrale Bedeutung hat und mir auch dabei hilft, Abiturienten und Studienanfänger auf die intellektuellen, moralischen und emotionalen Herausforderungen vorzubereiten, die ihnen bevorstehen. Es ist bedauerlich, dass die Kirchen und Gemeinden diese Themen weithin ignorieren oder, schlimmer noch, wenig anspruchsvolle Materialien fördern, die nur die Illusion stärken, dass Glaube und Vernunft voneinander getrennt seien oder dass das Lesen von Materialien wie die von Reasonable Faith nur eine intellektuelle Überheblichkeit zur Folge hätte. Zu einem apologetischen/evangelistischen Dienst berufen zu sein kann mehr als Einsamkeit bedeuten – es kann sogar Anfeindungen mit sich bringen. Ihr Dienst hilft bei der Einsamkeit oder bei den Anfeindungen, die man bei einem Pastor erfährt, der die Relevanz der Apologetik einfach nicht erkennt.

Nach dieser Einleitung habe ich nun in der Tat eine Frage an Sie, die sich aus dem Zusammenhang von Argumenten gegen eine zeitlose Gottheit ergibt. Genau gesagt ergibt sie sich aus einem Argument, das sich mit der logischen Kohärenz eines „persönlichen“, zeitlosen (unveränderlichen, vollkommenen) Gottes beschäftigt. Historisch gesehen sind Argumente, die Personhaftigkeit auf funktionale Weise definieren, bekanntermaßen leicht zu widerlegen, indem man die vorgeschlagenen Kriterien auf eine Person anwendet, die sich in einem Koma befindet, schläft oder auch nur tagträumt. Außerdem wird oft angenommen, dass entweder „Zeitlosigkeit“ oder „Zeitlichkeit“ essentielle Eigenschaften sind, während es sich in Wirklichkeit um zufällige oder kontingente Eigenschaften handelt.

Es gibt jedoch eine Antwort auf ein bestimmtes Argument, das ich nicht so recht zu erschließen weiß. Das Argument lautet, dass Gott nicht sowohl persönlich (vollkommen, unwandelbar) und in der Zeit sein kann, weil ein zeitloser Gott keine interpersonellen Beziehungen eingehen kann. Die von Ihnen und anderen vorgeschlagene Antwort ist, dass die Dreifaltigkeit dieses Kriterium durch die Beziehung innerhalb der Gottheit offensichtlich erfüllt – ob Gott nun zeitlos oder zeitlich ist, was die richtige und logische Antwort zu sein scheint.

Wenn Gott jedoch im Sinne der traditionellen Definition zeitlos ist (d.h. im Sinne von Boethius, Thomas von Aquin, Leftow, Stump und Kretzmann), wie ist es dann möglich, dass die spezifischen Personen in der Gottheit interpersonelle Beziehungen haben? Das heißt, wenn sie zeitlos sind und jede Person der Dreifaltigkeit alles auf einmal weiß und will – setzt man die traditionelle Definition voraus –, was gibt es dann, um miteinander in Beziehung zu sein? Um eine schrecklich anthropomorphe Anschauung zu verwenden: Wenn ich weiß, was Sie wollen, und alles exakt so mache wie Sie und alles wünsche, was Sie wünschen, was haben wir dann, um darüber zu sprechen? Wie können wir einander zum Lachen bringen? Gewiss können wir in Beziehung sein, aber vielleicht in einem Übermaß, das an Langeweile grenzt.

So ähnlich ist es bei Gottes Kenntnis der Zukunft, einschließlich zukünftiger Kontingenzen und Kontrafakte. Offenbar drängt sich dieselbe Frage auf – wenn ich alles weiß, was Sie denken (unter der Annahme, dass es einen Gedankenstrom gibt [der sequentiell sein kann, aber nicht notwendig in der Zeit sein muss], wenn Zeit relational ist), wie kann es dann eine Beziehung geben? Es ist, als gäbe es ein Zuviel an Beziehung. Das heißt, man kann dies als das Problem der Allwissenheit und der trinitarischen interpersonellen Beziehung bezeichnen.

Keith

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Dr. craig’s response


A [

Danke, Keith, für die ermutigenden Worte! Ich sehe, dass auch Sie vom „Zeitbazillus“ angesteckt wurden! Viele meiner Studenten und Kollegen in Talbot hat es ähnlich erwischt, und es erstaunt mich zu sehen, wie auch in meinem Apologetikkurs für Laien ständig Fragen über die Zeit angeschnitten werden. Nach dem Gottesbegriff halte ich den Begriff der Zeit für das faszinierendste und bewusstseinserweiterndste Thema, mit dem man sich befassen kann!

Vielleicht war es nur ein Versehen, aber Sie haben meine Sicht der göttlichen Ewigkeit falsch wiedergegeben, die besagt, dass Gott ohne die Schöpfung zeitlos und mit (oder seit dem Moment) der Schöpfung zeitlich ist. Um es noch einmal zu sagen, bin ich nicht der Auffassung, dass Gott ohne die Schöpfung unwandelbar ist, sondern vielmehr, dass Er änderungslos ist. Änderungslosigkeit ist eine de facto – keine modale – Eigenschaft; das heißt, etwas kann tatsächlich änderungslos sein, obwohl es die Fähigkeit oder Macht hat, sich zu ändern. Da ich denke, dass Gott sich tatsächlich ändert, indem er das Universum erschafft, betrachte ich Seine Änderungslosigkeit ohne die Schöpfung nur als kontingente Eigenschaft, die Er im Augenblick der Schöpfung ablegt.

Ihre Frage lautet nun, wie die drei Personen der Dreifaltigkeit sowohl personhaft als auch zeitlos sein können. Die einfache Antwort wäre zu sagen: „Einfach indem sie änderungslos sind!“ Nach einem relationalen Zeitverständnis gibt es in einem solchen änderungslosen Zustand kein früher und später und somit keine Zeit. Aber was Sie eigentlich fragen ist, ob persönliche Beziehungen änderungslos sein können. Nun, warum nicht? Nach der klassischen Lehre der Perichorese ist den drei Personen der Dreifaltigkeit Liebe, Wissen und Wille gemeinsam. Nehmen wir die Liebe. Warum können zwei Personen einander nicht änderungslos lieben? Ich finde dies begrifflich überhaupt nicht schwierig. Ich sehe einfach keine Schwierigkeit darin, dass es zwischen zwei sich nicht ändernden Personen eine bedingungslose, positive Wertschätzung und sogar emotionale Verbundenheit geben kann. Noch einmal: es erfordert keine Zeit, etwas zu wissen. Zwei Personen könnten einander also innig und gründlich kennen, ohne sich zu ändern. Und nehmen wir den Willen: Zwei sich nicht ändernde Personen können auf änderungslose Weise dasselbe wollen. Änderung scheint einfach nicht notwendig zu sein, damit zwei Personen in der Art und Weise in Beziehung stehen, wie die Perichorese es verlangt.

Mir scheint, dass Ihr eigentlicher Stolperstein, wie Ihnen bewusst zu sein scheint, auf einem überzogen anthropomorphen Gottesbegriff beruht, das heißt, Sie stellen sich Gott in endlichen, menschlichen Begriffen vor (oder, wie es ein britischer Journalist kürzlich formulierte, als eine Art Kumpel). In der von mir beschriebenen Art und Weise mit etwas endlich Gutem verbunden zu sein wäre gewiss nicht erfüllend und vielleicht sogar quälend. Aber Gott ist unendliche Güte und Liebe. Daher kann Er, und nur Er allein, unsere tiefste Sehnsucht für immer stillen und nie langweilig werden. Er ist unerschöpflich in Seiner Größe und deshalb das angemessene Objekt Seiner eigenen Wünsche. Somit ist es undenkbar, dass der Vater sich je über den Sohn langweilen würde! Sie brauchen nicht zu reden oder einander Witze zu erzählen, um sich zu unterhalten.

Worauf Sie also, wie mir scheint, tatsächlich gestolpert sind, ist ein Argument für Gottes unendliche Größe aufgrund göttlicher Zeitlosigkeit und Änderungslosigkeit.

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/divine-eternity-and-intra-trinitarian-relations

- William Lane Craig