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#152 Was bedeutet es, eine Beziehung zu Gott zu haben?

November 01, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich bin ein Philosophiestudent, der als Christ aufgewachsen war. Im Zuge meines Studiums hatte ich meinen Glauben verloren, als ich erkannte, dass ich meinen Glauben als Kind angenommen hatte, ohne darüber nachzudenken. Wie viele andere in meinem Alter gab ich meine Weltanschauung auf und machte mich auf die Suche nach Antworten. Die Suche nahm rasch einen intellektuellen Charakter an und führte mich schließlich zu den Freuden der Philosophie (die ich, wie ich froh sagen kann, zu meiner beruflichen Laufbahn gemacht habe); und nachdem ich gute Philosophie und gute Apologetik kennen gelernt hatte, wurden meine Zweifel über das Christentum intellektuell ausgeräumt.

Doch obwohl ich nun wieder anerkenne, dass Gott existiert und dass Christus von den Toten auferweckt wurde, habe ich überhaupt keine Vorstellung, was es bedeutet, eine Beziehung zu Gott zu haben; dieses Konzept ist mir völlig rätselhaft. Was heißt es, Gott zu vertrauen? Und wozu? Warum mit Gott reden? Was würde man sagen? Was würde man hören? Was wird von mir erwartet und was sollte ich von Gott erwarten? Sind solche Gespräche mit einer einzigartigen Erfahrung verbunden oder sollte man auch dann beten, wenn man das Gefühl hat, dass niemand zuhört?

Schlimmer noch ist aber das Gefühl, dass es nicht Liebe ist, die mich motiviert, sondern Erwartung. Das heißt, ich bin in der Gemeinde aufgewachsen und mir wurde vermittelt, dass eine Beziehung zu Gott einfach damit einhergeht, gläubig zu sein. Jetzt glaube ich, also wird von mir erwartet, eine Beziehung zu Gott zu beginnen; gäbe es diese Erwartung nicht, fühlte ich mich nicht dazu veranlasst, eine Beziehung zu Gott zu pflegen.

Das, was die Bibel über diese Angelegenheit sagt, scheint mysteriös oder stützt sich zu stark auf eine Analogie zu menschlichen Beziehungen (z.B. gilt die Analogie Vater-Sohn nur bis zu einem bestimmten Punkt, wenn man Gottes Verborgenheit und das Zulassen des Leids bedenkt). Und was den Tod Christi betrifft, muss ich zugeben, dass ich Schwierigkeiten habe, für Sein Opfer dankbar zu sein, da viele Teile der Rechtfertigungsgeschichte in einer Spannung zu meinem intuitiven Verständnis von Gerechtigkeit stehen (z.B. stellvertretende Sühne).

Mir ist klar, dass dies keine gut formulierten Fragen sind, aber das zeigt einfach, dass ich in dieser Sache verwirrt bin. Jede Antwort wäre sehr willkommen.

Danke,

Mark

P.S. Das Buch „Philosophical Foundations for a Christian Worldview“ hat mich zur Philosophie gebracht. Also auch dafür vielen Dank.

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Es war so ermutigend, Ihren Brief zu erhalten, Mark, und von Ihrer Rückkehr zum christlichen Glauben zu erfahren! Ich hoffe, dass Sie tief aus dem Brunnen von Alvin Plantinga schöpfen, besonders aus seinem Buch Warranted Christian Belief (Oxford University Press 2000; deutsche Übersetzung: Gewährleisteter Christlicher Glaube, de Gruyter Verlag, 2015), welches sehr viel Material enthält, das für Ihre Frage relevant ist, besonders seine Erörterung über religiöse Empfindungen.

Als ich Ihre Frage las, konnte ich nicht anders als mich zu fragen, ob Sie vielleicht in der Situation eines Menschen sind, der intellektuell zum Glauben an eine christliche Weltanschauung gekommen ist, aber noch nicht zu einer rettenden Beziehung zu Gott gelangt ist. Verzeihen Sie, wenn ich mich irre, aber da ich Ihre Geschichte nicht kenne, kann ich nur vermuten, woran es liegen könnte.

Eines meiner Bedenken bei meiner Art von Dienst, der sich auf die Wahrheit der christlichen Weltanschauung und auf Argumente für diese Wahrheit konzentriert, ist, dass Menschen vielleicht nicht erkennen, dass es beim christlichen Glauben nicht darum geht, eine Denkweise zu ändern und eine neue Weltanschauung anzunehmen. Es geht darum, in eine neue Beziehung zu kommen und ein neuer Mensch zu werden. Das übersehen wir leicht, wenn wir so darauf konzentriert sind, propositionale Wahrheit zu verteidigen.

Im christlichen Glauben geht es darum, in eine rettende Beziehung zu Gott zu kommen. Natürlich stehen wir alle in gewisser Weise mit Gott in Beziehung, zum Beispiel als Geschöpf zum Schöpfer, aber der christliche Glaube betont, dass wir uns auf einer persönlichen Ebene nicht natürlicherweise in der rechten Beziehung zu Gott befinden. Stattdessen sind wir durch die Sünde (das moralisch Böse), die unser Leben durchdringt, geistlich von Gott entfremdet. Unsere moralische Verpflichtung gegenüber Gott, gegenüber anderen Menschen und gegen uns selbst erfüllen wir nicht: Wir haben getan, was wir nicht hätten tun sollen, und wir haben nicht getan, was wir hätten tun sollen. Die Folge ist, dass wir vor einem heiligen Gott und unter Seinem gerechten Urteil moralisch schuldig sind. Unsere persönliche Beziehung zu Gott wurde dadurch zerbrochen. Wie ein Vater und ein Sohn, die durch die Rebellion des Sohnes einander entfremdet sind, so sind wir von Gott entfremdet. Gott erschuf uns nicht, um in einer Beziehung der Verurteilung zu uns zu stehen, sondern in einer Beziehung der willkommenen Annahme; und wir wurden auch nicht dazu erschaffen, in einer Beziehung der Gleichgültigkeit oder sogar Feindseligkeit zu Gott zu stehen, sondern in einer Beziehung der Liebe und Anbetung. Ich denke, Sie können also sehen, wie zerbrochen und entstellt unsere Beziehung zu Gott ist. Statt Freundschaft gibt es da Entfremdung und Feindschaft. Das ist gemeint, wenn es heißt, dass eine persönliche Beziehung zu Gott fehlt.

Deshalb hat Gott sich aufgemacht, die persönliche Beziehung zu Ihm wiederherzustellen, zu der Er uns erschaffen hatte. Da wir nach der Bibel durch unseren sündigen Zustand geistlich tot sind – das heißt, da uns die rechte Beziehung zu Gott fehlt und wir machtlos sind, etwas daran zu ändern – muss Gott selbst uns geistlich beleben, um uns zur rechten Beziehung zu Ihm wiederherzustellen. Die Bibel nennt das Erneuerung oder „Regeneration“ (in der Volksfrömmigkeit spricht man davon, „wiedergeboren“ zu werden, was genau der Bedeutung von „regenerieren“ entspricht). Dies geschieht durch das Wirken des Heiligen Geistes als Antwort darauf, dass ein Mensch seinen Glauben auf Christus setzt, um errettet zu werden.

Nun ist „Glaube“, wie der Reformator Martin Luther betonte, ein vielschichtiges Wort. Auf der grundlegenden Ebene gehört zum Glauben das, was Luther notitia nannte, was einfach die Kenntnis oder das Verständnis einer Proposition bedeutet. Dann folgt das, was er assensus nannte, was eine Zustimmung zu der fraglichen Proposition ist. Schließlich folgt fiducia, was das Vertrauen zu der jeweiligen Person oder Sache ist. Der rettende Glaube umfasst alle drei. Zuerst geht es darum, die großen Tatsachen des Evangeliums zu verstehen, unter anderem, dass Gott existiert; dass ich vor Gott moralisch schuldig bin; dass Gott Seinen Sohn Jesus Christus sandte, um für mich zu sterben, um mich mit Ihm zu versöhnen; dass Vergebung und moralische Reinigung durch Christus möglich sind, und so weiter. Dann ist notwendig, dass ich diese Tatsachen nicht nur verstehe, sondern glaube. Und schließlich muss ich mein Vertrauen auf Christus als meinen persönlichen Retter und Herrn setzen, um von der Sünde und der Trennung von Gott gerettet zu werden.

„Was heißt es, Gott zu vertrauen? Und wozu?“ Es bedeutet, dass Sie Ihr Leben, Ihr Wohlergehen, ganz in Seine Hände legen und sich auf Ihn und nur auf Ihn verlassen, um errettet zu werden. Es bedeutet, sich von ganzem Herzen zu entscheiden, Christus nachzufolgen und sein Jünger zu sein, um von Ihm zu der Art von Person umgestaltet zu werden, zu der Er Sie geschaffen hat. Es bedeutet, zu Gott zu sagen: „Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe. Ich gehöre nicht mehr mir selbst; ich bin Dein, um zu sein und zu tun, was Du willst.“

Wenn Sie eine solche Hingabe an Christus vollziehen, wird der Heilige Geist Sie geistlich regenerieren und zu der rechten Beziehung zu Gott wiederherstellen, die für Sie vorgesehen war. Nicht nur das, sondern auf geheimnisvolle Weise wird Gottes Geist tatsächlich in Ihnen wohnen; und indem wir uns Ihm täglich hingeben, wird Er unseren Charakter umgestalten, sodass wir Christus ähnlicher werden, und unsere Wege nach Gottes Vorsehung lenken.

Wie diese neue Beziehung in der Erfahrung zum Ausdruck kommt, variiert von Person zu Person und im Lauf der Zeit. Manchmal spürt man Gottes Gegenwart in sehr realer Weise; zu anderen Zeiten ist man sich ihrer kaum bewusst; aber man lebt im Glauben, nicht im Schauen. Zumindest sollten Sie eine Gewissheit der Erlösung erleben, ein Bewusstsein, in der rechten Beziehung zu Gott zu stehen als Sein Kind, das Vergebung und Wiederherstellung erfahren hat. Indem Sie in der Kraft des Heiligen Geistes leben, sollten Sie Freude, Frieden, Liebe und andere Dinge erfahren, die der Heilige Geist im Leben eines regenerierten Menschen wirkt, der Christus hingegeben ist.

„Warum mit Gott reden?“ Weil Sie Ihn lieben! (Das wäre so, als würden Sie fragen, warum Sie mit Ihrer Frau reden sollen!) Natürlich brauchen Sie nicht laut zu reden, da Er Ihre Gedanken liest. Und natürlich brauchen Sie Ihm keine Informationen mitzuteilen, da Er alles weiß. Aber Sie sollten mit Ihrem himmlischen Vater kommunizieren. „Was würde man sagen?“ Sagen Sie Ihm, dass Sie Ihn lieben; sagen Sie Ihm, wie dankbar Sie sind, dass Er Sie errettet hat; preisen Sie Ihn für das, was Er in Ihrem Leben getan hat und tut; bitten Sie Ihn, Sie zu leiten, Sie zu stärken und Ihnen zu helfen, Versuchungen zu widerstehen.

„Sollte man auch dann beten, wenn man das Gefühl hat, dass niemand zuhört?“ Mit Gott reden – oder beten – sollten Sie unabhängig davon, ob Sie Seine Gegenwart spüren oder nicht. Es ist ein Teil Ihres Glaubenslebens. „Was würde man hören?“ Manche Menschen behaupten, fast akustisch wahrnehmbar von Gott zu hören, aber meistens „spricht“ Er durch die inspirierten Schriften zu uns, die gesammelt und in der Bibel überliefert wurden. Wenn Sie die Bibel nachdenkend lesen, werden Sie manchmal feststellen, dass ein Abschnitt Sie auf neue Weise stark anspricht, sodass er Sie vielleicht überführt oder ermutigt oder inspiriert oder leitet. Wir sollten damit rechnen, dass Gott auf diese Weise zu uns spricht, durch Sein Wort.

„Was wird von mir erwartet und was sollte ich von Gott erwarten?“ Die Antwort zum ersten Teil Ihrer Frage lautet: Alles! Betrachten Sie das Gleichnis von den einfachen Dienern (Lukas 17,7-10). Jesus sagt: „Wenn ihr alles getan habt, was Gott euch befohlen hat, dann sagt: 'Wir sind Diener, weiter nichts; wir haben nur getan, was uns aufgetragen war.'“ Wir sollen Gott geben, was Ihm gebührt – nämlich alles, was wir haben und sind. Wir sollen ganz selbstverständlich Gott völlig hingegeben und mit dem Heiligen Geist erfüllt sein.

Die Antwort zum zweiten Teil Ihrer Frage lautet: Gott verleiht uns in der Stellung, die wir in Christus haben, Vergebung der Sünden, ewiges Leben, Annahme als Söhne und die Bereitstellung unbegrenzter Hilfe und Kraft für unser Leben als Christen. Außerdem gibt Er uns, indem wir vom Heiligen Geist erfüllt sind, die Erfahrung der Frucht des Geistes: Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung; und das Ergebnis der Gerechtigkeit im Glauben ist Glückseligkeit. Glückseligkeit ist eine Begleiterscheinung der Heiligkeit, indem Gottes Gerechtigkeit in uns verwirklicht wird.

Wenn Sie sich nicht dazu veranlasst fühlen, eine Beziehung zu Gott zu pflegen, Mark, könnte es daran liegen, dass Sie noch kein regenerierter Christ sind. Vielleicht sind Sie im Glauben nur bis zum assensus gekommen, haben aber noch nicht die fiducia erreicht. Ihre Liebe zu Gott ist noch nicht entfacht, und deshalb ist Ihr Herz Ihm gegenüber kalt. Jesus sagte, dass der Mensch, dem viel vergeben wurde, viel liebt. Ich ermutige Sie, über Ihre eigene Sündhaftigkeit nachzudenken und darüber, wie viel Gott Ihnen vergeben hat (oder vergeben wird) und was es Christus gekostet hat, Ihre Erlösung zu ermöglichen – er war bereit, für Sie zu sterben! Um dies schätzen zu können, müssen Sie nicht irgendeine spezifische Theorie der Sühne im Sinn haben. Welche Theorie der Sühne Sie auch immer annehmen, die Tatsache bleibt, dass Jesus für Sie und zu Ihrer Erlösung an das Kreuz ging – ein Opfer, das schon auf rein menschlicher Ebene kaum zu ermessen ist.

Wenn Sie noch kein regenerierter Christ sind, dann ermutige ich Sie, sich in einem Augenblick des Alleinseins an Gott zu wenden und ein Gebet der Lebenshingabe zu sprechen, wie dieses:

„Gott, ich brauche Dich wirklich. Ich erkenne, dass ich sündig und erbärmlich bin und Deine Vergebung brauche. Ich glaube, dass Jesus am Kreuz starb, um mich von meinen Sünden zu erretten. Und nun öffne ich, so gut ich es nur kann, die Tür meines Lebens und lade dich ein, hereinzukommen und mein Erlöser und Herr zu sein. Vergib mir meine Sünden, nimm den Thron meines Lebens ein und mache mich zu dem Menschen, der ich nach Deiner Absicht sein soll. Ich gebe mich dir hin.ˮ

Beginnen Sie dann, als ein geistlich neugeborener Mensch die Nahrung aufzunehmen, die Ihnen gegeben wird durch Gottes Wort, durch Besuch von Gottesdiensten, durch gemeinsamen Lobpreis mit inhaltsreichen und theologisch soliden Liedern, durch Gebet, durch Beichte und Wiederherstellung, indem Sie anderen Menschen Ihren Glauben weitersagen, und durch andere geistliche Übungen.

Es genügt nicht, die Wahrheit der christlichen Weltanschauung nur zu glauben. Unsere Beziehung zu Gott muss wiederhergestellt und geheilt werden. Das geschieht nur durch das regenerierende Werk des Heiligen Geistes, der uns zuteilwird als Antwort auf Vertrauen und Hingabe an Gott.

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/what-does-it-mean-to-have-relationship-with-god

- William Lane Craig