#205 Widerlegt der Szientismus sich selbst?
September 29, 2015Sehr geehrter Prof. Craig,
Wie würden Sie auf dieses Argument antworten, das besagt, dass der Szientismus sich nicht selbst widerlegt:
„Bisher war der Szientismus immer erfolgreich; sämtliche supranaturalistischen Erklärungen, die unsere Vorfahren anführten, wurden durch naturalistische Erklärungen ersetzt. Nie hat eine supranaturalistische Erklärung eine naturalistische abgelöst. Die Voraussagen des Szientismus wurden später immer durch Evidenz direkt bestätigt, was ein gutes induktives Argument für den Szientismus ergibt. Craig hat also Unrecht, wenn er sagt, dass der Szientismus sich nicht wissenschaftlich beweisen lässt, weil der Erfolg des Szientismus und seine Aneignung durch Wissenschaftler als Beweis seiner Wahrheit dient.“
Die Person, die ich zitiert habe, ist ein Freund von mir, der im Grunde den Szientismus selbst als wissenschaftliche Theorie behandelt und argumentiert, er sei induktiv bestätigt und belegt. Demzufolge behauptet er, dass der Szientismus sich nicht selbst widerlegt. Er geht auch davon aus, dass diese Strategie auf den Evidentialismus anwendbar ist (was ich herausfand, als ich versuchte, ihm die reformierte Epistemologie zu erklären). Er verwirft auch Ihr anderes Argument gegen den Szientismus, demzufolge Wissenschaft weder mathematische Wahrheit begründen kann (weil er in Fragen der Mathematik und Logik ein Empirist ist), noch Moral (er ist Nihilist) oder Ästhetik (auch darin ist er Nihilist). Am meisten beunruhigt mich, dass andere selbsternannte Empiristen im Internet ähnliche Argumente verbreiten. Wie sollte ich solche Behauptungen beantworten?
Danke.
Neel
<ul><li>United States</li></ul>
Dr. craig’s response
A [
Neel, Ihr Freund verwechselt Szientismus (eine epistemologische These) mit Naturalismus (eine ontologische These). Szientismus ist die Auffassung, dass wir nur das glauben sollten, was sich wissenschaftlich beweisen lässt. Mit anderen Worten ist Wissenschaft die einzige Wissensquelle und der alleinige Maßstab von Wahrheit. Naturalismus ist die Auffassung, dass physische Ereignisse nur physische Ursachen haben. Mit anderen Worten : es gibt keine Wunder; es gibt keine übernatürlichen Ursachen.
Diese Thesen sind offenkundig verschieden. Jemand könnte neben der Wissenschaft auch andere Wissensquellen akzeptieren, wie zum Beispiel rationale Intuition, und dennoch ein Naturalist sein. Ähnlich könnte jemand eine Epistemologie des Szientismus vertreten und doch ein Nicht-Naturalist sein. Der verstorbene W. V. O. Quine zum Beispiel, der die Auffassung vertrat, dass die Naturwissenschaft unsere einzige elementare Wissensquelle sei, gestand frei heraus: „Wenn ich einen indirekten erklärenden Nutzen darin sähe, Sensibilia, Possibilia, Geister, einen Schöpfer zu postulieren, würde ich ihnen mit Freuden auch einen wissenschaftlichen Status zuerkennen, auf derselben Ebene wie solche ausgesprochen wissenschaftlichen Postulate wie Quarks und schwarze Löcher.“[1] Somit impliziert weder der Szientismus den Naturalismus, noch der Naturalismus den Szientismus.
Wenn wir die Frage des Naturalismus nun für einen Moment beiseite legen, welche Probleme gibt es beim Szientismus? Es gibt zwei, die besonders bedeutsam sind. Erstens ist der Szientismus als Wissenstheorie zu restriktiv. Würden wir ihn annehmen, wären wir gezwungen, große Teile dessen aufzugeben, was die meisten von uns als Bereiche menschlichen Wissens verstehen. Für den Bereich moralischer und ästhetischer Wahrheit räumt Ihr Freund dies ein. Nach seiner Auffassung gibt es nichts Gutes oder Schlechtes, Richtiges oder Falsches, Schönes oder Hässliches. Aber ist es plausibel zu meinen, dass es keine ästhetische oder moralische Wahrheit gibt? Geht man von dieser Auffassung Ihres Freundes aus, dann ist nichts Falsches daran, ein kleines Mädchen zu Tode zu foltern. Warum sollten wir einfach aufgrund einer epistemologischen Restrikion eine solche Schlussfolgerung akzeptieren? Ist dies nicht eher ein Hinweis, dass wir die Rahmen unserer Theorie erweitern müssen, sodass sie auch andere Formen des Wissens einschließt? Ihr Freund sagt, dass er logische und mathematische Wahrheiten als rein empirische Wahrheiten behandeln wird. Viel Glück! Wahrheitswerte wie „Wenn Aussage p Aussage q impliziert, und p gegeben ist, dann q“ oder „2 + 2 = 4“ sind allem Anschein nach notwendige Wahrheiten und keine auf rein empirischer Beobachtung basierenden Generalisierungen. Und was ist mit der Wissenschaft selbst? Durch die ganze Wissenschaft ziehen sich Vermutungen, die sich nicht wissenschaftlich beweisen lassen, sodass eine Epistemologie des Szientismus die Wissenschaft selbst zerstören würde. Das Prinzip der Induktion zum Beispiel lässt sich nicht wissenschaftlich begründen. Die Tatsache, dass in der Vergangenheit auf A immer B folgte, bietet noch keine Rechtfertigung für die Schlussfolgerung, dass auf das nächste A wieder B folgen wird. Denn wir könnten am Beginn einer chaotischen Serie von As und Bs stehen, deren Anfangssegment die Anordnung ABABAB hat. Der Versuch, „ein gutes induktives Argument für den Szientismus“ zu liefern, ist also aussichtslos, da dabei die Gültigkeit induktiver Schlussfolgerungen vorausgesetzt wird.
Zweitens, Szientismus ist selbst-widerlegend. Der Szientismus sagt, dass wir keine Aussage glauben sollten, die nicht wissenschaftlich bewiesen werden kann. Aber was ist mit dieser Aussage selbst? Sie lässt sich nicht wissenschaftlich beweisen. Deshalb sollten wir sie nicht glauben. Der Szientismus widerlegt sich somit selbst. Das Argument, das Ihr Freund für den Szientismus anführt, ist kein Argument für den Szientismus, sondern eines für den Naturalismus. Er argumentiert, dass die Vermutung, in der Welt seien nur natürliche Ursachen wirksam, außerordentliche Erfolge gezeigt hat, im Gegensatz zu der Vermutung, dass es auch übernatürliche Ursachen gibt. Das ist für die epistemologische Frage, mit der wir uns beschäftigen, nicht relevant. Es ist bestenfalls ein Argument gegen Wunder. Eigentlich ist es sogar noch viel schwächer: Es ist bestenfalls ein Argument für den methodischen Naturalismus, das heißt für die Auffassung, dass wir in der Naturwissenschaft von der Annahme ausgehen sollten, dass alle physischen Ereignisse nur natürliche Ursachen haben. Der methodische Naturalist bracht kein metaphysischer Naturalist zu sein, das heißt, er braucht nicht zu leugnen, dass Wunder geschehen oder dass übernatürliche Dinge existieren. Er behauptet nur, dass sie nicht Gegenstand der Wissenschaft sind. Wissenschaft ist nur die Suche nach natürlichen Ursachen von oder Erklärungen für Phänomene. Diese methodologische These ist eine, der sehr viele, wenn nicht alle, christlichen Wissenschaftler zustimmen. Das Argument Ihres Freundes hat also tatsächlich nicht viel zu sagen.
Wie Michael Rea in seinem scharfsinnigen Buch World without Design (Clarendon Press, 2002) gezeigt hat, ist die einzig vertretbare Form des epistemologischen Naturalismus (oder Szientismus) die, dass es eine methodische Entscheidung ist, einem Forschungsansatz zu folgen, der die Naturwissenschaften für die einzige elementare Quelle des Wissens hält. Als solche kann sie nicht begründet werden. Sie stellt nur die persönliche Entscheidung des Naturalisten dar, einen bestimmten Forschungsansatz zu wählen. Jeder andere könnte mit gleichem Recht einen anderen Forschungsansatz wählen, der neben den Naturwissenschaften vielleicht zusätzliche Wissensquellen akzeptiert.
Eine letzte Anmerkung zum Argument Ihres Freundes für den Naturalismus: Natürlich wurde keine naturalistische Erklärung je durch eine supranaturalistische abgelöst! Dafür sorgt die Wissenschaft durch ihre Annahme des methodischen Naturalismus, der verhindert, dass übernatürliche Erklärungen überhaupt zum Pool aktueller Erklärungsoptionen gehören. Das macht es unmöglich, dass eine supranaturalistische Erklärung eine naturalistische ablöst! Nur für Theoretiker, die bereit sind, die Annahme des methodischen Naturalismus in Frage zu stellen, wie die Schöpfungswissenschaftler oder die Vertreter des Intelligent Design, besteht die Möglichkeit, dass eine naturalistische Erklärung einer supranaturalistischen Erklärung weichen könnte. Sie argumentieren, dass dies bei der biologischen Komplexität der Fall sein sollte. Aber weil sie mit einem Wissenschaftskonzept außerhalb des Mainstreams arbeiten (sie lehnen nämlich den methodischen Naturalismus ab), ist es höchst unwahrscheinlich, dass ihre Auffassung je zur paradigmatischen Auffassung der Wissenschaft werden wird, ungeachtet wie viele Beweise oder Indizien es auch dafür geben mag.
Ich stelle ferner fest, dass es in fast zweitausend Jahren keiner naturalistischen Erklärung gelungen ist, die Auferstehung Jesu zu widerlegen – der Inbegriff einer supranaturalistischen Erklärung für die Tatsachen dessen, was mit Jesus von Nazareth geschah.
(Übers.: M. Wilczek)
Link to the original article in English: /is-scientism-self-refuting
[1] W. V. Quine, “Naturalism; or, Living within One’s Means,” Dialectica 49, 1995, S. 252.
- William Lane Craig
