#257 Wie kann ich wissen, dass ich tot bin?
January 14, 2016Die Frage, die mir irgendwie immer wieder im Kopf herumgeht, lautet: „Wie wissen wir, dass wir tot sind?“
Denn wenn wir einfach aufhörten zu existieren, wie würden wir es dann wissen? Das Bewusstsein scheint die Vorstellung zu unterlaufen, dass wir, wenn wir sterben, überhaupt nicht mehr existieren. Ich wollte einfach Ihre Meinung zu dieser Frage hören. Wie würden Sie darauf antworten?
Jorge
<ul><li>United States</li></ul>
Dr. craig’s response
A [
Jorge, Ihre Frage ist so herrlich verrückt, dass ich nicht widerstehen konnte, mich an sie heranzuwagen.
Beachten Sie, dass Sie das Tot sein mit dem Aufhören unserer Existenz gleichgesetzt haben. Doch dann läge es ja auf der Hand, dass Sie, wenn Sie aufhörten zu existieren, es nicht wissen könnten. Das ist deshalb der Fall, weil die Behauptung „ich weiß, dass ich nicht existiere“ impliziert, dass Sie existieren, da Sie ja die Person sind, die behauptet, um diese Tatsache zu wissen. Während es also schlüssig ist zu sagen, „ich weiß, dass ich lebe“, wäre es selbstreferenziell inkohärent zu sagen, „ich weiß, dass ich tot bin“.
Diese Asymmetrie spielt eine bedeutende Rolle in der Berufung auf das anthropische Prinzip als Antwort auf das Argument für einen kosmischen Designer, welches sich auf die Feinabstimmung ("Finetuning") des Universums gründet. Einige haben gesagt, dass wir über die Beobachtung der Feinabstimmung des Universums auf intelligente, interaktive Agenten nicht überrascht sein sollten. Denn wäre es nicht feinabgestimmt, dann wären wir nicht hier, um darüber überrascht zu sein.
Diese Antwort ist konfus. Es ist wahr, dass wir nicht überrascht sein sollten, dass wir nicht beobachten, dass wir nicht leben, denn, wenn wir nicht lebten, dann könnten wir darüber nicht überrascht sein. Aber daraus folgt nicht, dass wir deshalb nicht überrascht sein sollten, dass wir beobachten, dass wir leben, angesichts der unvorstellbaren Unwahrscheinlichkeit der Feinabstimmung, welche die Voraussetzung für unsere Existenz ist.
Deshalb waren Befürworter des anthropischen Prinzips gezwungen, auf die metaphysische Vermutung der Viele-Welten-Hypothese zurückzugreifen: Es existiert ein Weltenensemble von Universen, und nur in denjenigen, die auf Leben feinabgestimmt sind, gibt es Beobachter. Deshalb sollten wir nicht überrascht sein, dass wir tatsächlich beobachten, dass wir lebendig sind, da Welten, die nicht feinabgestimmt sind, Welten sind, in denen niemand lebendig ist und die deshalb nicht beobachtbar sind. An diesem Punkt steht die Debatte über die Feinabstimmung heute. Über meine Vorbehalte gegenüber der Durchführbarkeit der Viele-Welten-Hypothese als einer Erklärung für die Feinabstimmung können Sie in meinen Veröffentlichungen wie Reasonable Faith[1] oder meiner Debatte mit Lawrence Krauss[2] nachlesen.
Schließlich ist es noch wichtig zu erwähnen, dass aus christlicher Sicht der Tod nicht mit dem Aufhören der Existenz gleichzusetzen ist und es deshalb möglich ist zu wissen, dass Sie tot sind. Der Tod ist lediglich die Trennung unserer Seele von unserem Körper, und während des Zwischenstadiums zwischen Tod und endgültiger Auferstehung werden die Seelen derer, die zu Christus gehören, bewusste, segensreiche Gemeinschaft mit Ihm erleben, während sie auf die Auferstehung des Leibes warten (2 Kor 5,1-10). Sie sind sich deshalb ihres Zustandes voll bewusst.
William Lane Craig
(Übers.: B. Currlin).
Link to the original article in English: /knowing-that-you-are-dead
[1] William Lane Craig: Reasonable Faith. Crossway 2008 (3. Auflage). Siehe auch den Aufsatz /german/Hat-das-Multiversum-Gott-ersetzt
[2] Siehe www.reasonablefaith.org/debate-transcripts
- William Lane Craig