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#149 Der Wert des Menschen und die Größe des Universums

November 1, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

mein Name ist Jenny und ich bin 29 Jahre alt. Seit etwa 5 Jahren bin ich wiedergeborene Christin. Vor diesem Anfang einer persönlichen Beziehung zu Gott hatte ich allerdings auch nie an Gottes Existenz gezweifelt. Ich hatte aber nicht genug Informationen darüber, wer Gott ist. Durch die innerliche Freude, die ich erfahre, sowie durch ein paar Argumente für Gottes Existenz {welche stärker sind als gegenteilige Argumente}, weiß ich gewiss, dass er der ist, der er zu sein behauptet. Aber mir ist auch das ständige Auf und Ab bewusst, das wir durchmachen und das auf unserem Glaubensweg notwendig ist. Meine Frage ist diese: Kürzlich habe ich begonnen, die dreiteilige Buchreihe von Lee Strobel mit Argumenten für den Glauben zu lesen. („Der Fall Jesusˮ, „Glaube im Kreuzverhörˮ und „Indizien für einen Schöpfer“). Zur Zeit lese ich „Indizien für einen Schöpfer“. Fantastisch! Aber ich habe Schwierigkeiten mit Gottes Größe und Fähigkeiten. Das ist seltsam, weil ich früher immer wusste, dass er seine Schöpfung liebt, und jetzt, wo ich einen ersten Einblick in den Beweis seiner Erschaffung des Universums habe, fühle ich mich fast so klein und unbedeutend, dass es mir jetzt schwer fällt zu verstehen, wie er uns lieben kann. Ich suche einfach einen Weg, beides zusammenzubringen... Ihn als Schöpfer von uns klitzekleinen winzigen Staubkörnchen[1] und Ihn als unseren liebenden Vater, der uns so sehr liebt, wie er es behauptet. Ich weiß, dass er uns liebt, und ich weiß, wie groß er als unser Schöpfer ist. Es fällt mir schwer, die Größe Gottes zu erfassen und gleichzeitig nicht zu gering vom Menschen zu denken. Können Sie mir helfen? Ich bin sicher, dass Sie irgendwann schon auf diese Frage gestoßen sind. Für mich ist es das erste Mal.

Danke,

Jenny

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Danke für Ihre Frage, Jenny! Ich musste lächeln, als ich Ihre originelle Beschreibung von Menschen als „klitzekleinen winzigen Brillen“ las – das klang nach sehr dünnen Augengläsern!

Aber im Ernst, Ihre Frage ist eine gute und eine, die auch die biblischen Verfasser beschäftigte. Der Psalmist sagte:

Wenn ich den Himmel betrachte und das Werk deiner Hände sehe –

den Mond und die Sterne, die du an ihren Platz gestellt hast –,

wie klein und unbedeutend ist da der Mensch

und doch denkst du an ihn und sorgst für ihn! (Psalm 8,4-5).

Das Aufkommen der modernen Astronomie im zwanzigsten Jahrhundert hat die unvorstellbare Winzigkeit des Menschen im Vergleich zum Universum noch deutlicher gemacht. Als der Psalmist zu den Sternen hinaufsah und seine eigene Bedeutungslosigkeit spürte, hatte er keine Ahnung, dass er nur Sterne innerhalb unserer eigenen Galaxie sehen konnte, während es darüber hinaus, für das bloße Auge unsichtbar, Milliarden und Abermilliarden weiterer Galaxien in unermesslichen Entfernungen gibt.

Als nicht-christlicher Teenager mit einem lebhaften Interesse an Astronomie verstand ich die äußerste Bedeutungslosigkeit des Menschen, physikalisch gesprochen. Deshalb war ich völlig überrascht, als Sandy Tiffan (siehe Frage #62) mir sagte: „Gott liebt dich, Bill“; der Gedanke überstieg einfach mein Vorstellungsvermögen. Dass Gott mich lieben konnte, diesen Wurm auf einem Staubteilchen im Sonnensystem namens Planet Erde, war ein so verblüffender und wunderbarer Gedanke, dass ich der Sache auf den Grund gehen musste. Ich bin zu der Auffassung gelangt, dass die scheinbare Trivialität des Menschen – weit davon entfernt, den Atheismus zu bestätigen, wie Frank Zindler es in unserer Debatte in Willow Creek behauptete – nur dazu dient, Gottes erstaunliche Liebe und Herablassung zu verdeutlichen und die christliche Lehre vom Menschen als dem imago dei (Ebenbild Gottes) zu unterstreichen.

Sehen Sie, die Bibel lehrt, dass Menschen Gottes Ebenbild hier auf der Erde sind (1. Mose 1,26). Natürlich nicht physisch, da Gott keinen Körper hat; aber wir sind Seine Stellvertreter auf diesem Planeten und wurden mit der Verwaltung der Erde betraut. Damit geht einher, dass wir wie Gott Personen sind, moralisch Handelnde, die sich ihrer selbst bewusst sind und sich damit von allem unterscheiden, was sonst zur physikalischen Ordnung gehört. Als Personen haben wir nicht nur einen extrinsischen Wert, sondern auch einen intrinsischen (siehe Frage #137, Punkt 5). Und das bedeutet, wie der große Philosophiehistoriker Frederick Copleston bemerkte, dass ein einzelner Mensch mehr wert ist als das gesamte materielle Universum zusammengenommen.[2] Was für ein unfassbarer Gedanke! Und doch ist es offenkundig wahr, da Staub, Strahlung, dunkle Energie, leuchtende Materie und so weiter keinen intrinsischen moralischen Wert haben. Im Atheismus ist es, wie ich meine, plausibel, dass dies alles ist, was wir sind, sodass auch wir ohne jeden Wert sind. Aber im biblischen Theismus ist die physikalische Größe einer Sache einfach überhaupt kein Maßstab für ihren moralischen Wert.

So kann der Psalmist weiter sagen:

Denn du hast ihn nur wenig geringer als Gott gemacht
und ihn mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt.
Du hast ihn über alles gesetzt, was du erschaffen hast,
und ihm Vollmacht über alles gegeben. (Psalm 8,5-6; Neues Leben).

Da wir Gottes Ebenbild sind, spiegeln wir als Personen Gottes Selbst wider.

Der französische Philosoph Blaise Pascal gab uns den Rat, auf ein Gleichgewicht zwischen der Schwachheit und Erbärmlichkeit des Menschen und seiner Größe zu achten, damit wir Menschen nicht in die Verzweiflung führen. Pascal erklärte, dass das Universum mich zwar physisch wie eine Mücke verschlingen mag, dass ich aber nichtsdestoweniger gedanklich das Universum umfassen oder begreifen kann. Auch das ist eine Folge der Tatsache, dass wir Gottes Ebenbild sind.

Fügen wir dieser Mischung die Tatsache hinzu, dass Gott die Rettungsaktion der Inkarnation aufwandte, um uns aus unserer eigenen moralischen Torheit und unserem Ruin zu retten, wird Gottes Liebe nur noch erstaunlicher. Jeder einzelne Mensch ist eine Person, für die Christus starb und die deshalb unermesslich wertvoll ist. Wenn wir also daran denken, wie unbedeutend wir physikalisch sind, sollte dies uns veranlassen, Gott zu preisen. In einem Kirchenlied heißt es:

1. Du großer Gott, wenn ich die Welt betrachte,

die Du geschaffen durch Dein Allmachtswort,

wenn ich auf alle jene Wesen achte,

die Du regierst und nährest fort und fort,

REFRAIN:

Dann jauchzt mein Herz Dir, großer Herrscher, zu:

Wie groß bist Du! Wie groß bist Du!

Dann jauchzt mein Herz Dir, großer Herrscher, zu:

Wie groß bist Du! Wie groß bist Du!

2. Blick ich empor zu jenen lichten Welten
und seh der Sterne unzählbare Schar,
wie Sonn und Mond im lichten Äther zelten,
gleich goldnen Schiffen hehr und wunderbar, (REFRAIN)

3. Und seh ich Jesus auf der Erde wandeln

in Knechtsgestalt, voll Lieb und großer Huld,

wenn ich im Geiste seh Sein göttlich Handeln,

am Kreuz bezahlen vieler Sünder Schuld. (REFRAIN)

Jemand, der etwas von moderner Astronomie versteht, kann diesen Hymnus mit noch tieferem Verständnis und größerer Wertschätzung singen, gerade weil er dieses Wissen hat. Die Inkarnation und das Kreuz haben ihren Sinn im Licht der Lehre des imago dei.

Jenny, Sie sind also nicht unbedeutend. Sie sind Gottes Ebenbild und deshalb wertvoller und wichtiger als alles andere im physikalischen Universum, und darüber hinaus eine Person, die Gott so sehr liebt, dass Er menschliche Gestalt annahm und blutend starb, um Sie zu retten.

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: /mans-worth-and-the-size-of-the-universe

Anmerkungen

[1] Im Englischen steht hier nicht „ specks“ (Staubkörnchen), sondern „spectacles“, also Brillen; aber Jenny meinte wohl „specks“ - vermutlich ein Tippfehler durch Autokorrektur. (Anm. d. Übers.)

[2] Vgl. auch Frage der Woche #371: "Was ist der Mensch schon?" /german/qa371 (Anm. d. Übers.)

- William Lane Craig