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#129 Ein jüdischer Mann zieht Jesus in Betracht

July 12, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich ziehe zur Zeit in Erwägung, Christ zu werden.

Ich bin in einer jüdischen Familie aufgewachsen. Meine Eltern waren beide Holocaust-Überlebende und sie starben beide, als ich noch sehr jung war.

Mein Vater war sehr religiös, und ich erinnere mich mit inniger Zuneigung an ihn und seine Weisheit. Er hat G-tt wahrhaftig geliebt.

Ich habe drei Fragen:

1) Ist es nach der Lehre des Christentums so, dass jüdische Menschen nach dem Tod Zugang zur Gnade des Herrn haben? Mein Vater war ein guter Mensch, aber als Jude hat er Christus nicht angenommen. Was geschieht also nach der christlichen Lehre (und vielleicht gibt es dazu gar keine einheitliche Lehre, sondern verschiedene Sichtweisen) mit Menschen wie ihm in dem zukünftigen Leben?

2) Wenn ich Christ werde, werden die Mitglieder meiner Kirche mich völlig als solchen akzeptieren oder werden sie mich immer noch als einen Juden betrachten?

3) Es gibt viele christliche Denominationen. Wie sollte man vorgehen, um zu entscheiden, welche die richtige ist?

Danke, Prof. Craig. Ich habe Ihre mutigen Debatten (auf YouTube) gegen Rabbi Singer und Christopher Hitchens gesehen. Ich schätze Ihre fundierten Kenntnisse in Philosophie und Logik (das waren meine Hauptfächer im Studium).

Übrigens ist eine der besten Erklärungen der Dreifaltigkeit, die ich gelesen habe, diejenige von C. S. Lewis. Ich bin sicher, dass sie Ihnen vertraut ist.

Mit besten Wünschen

Robert

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Ich freue mich sehr zu hören, dass Sie in Betracht ziehen, Ihren Glauben auf Christus zu setzen, Robert! Ich werde mein Bestes tun, Ihre Fragen klar zu beantworten.

Ihre erste Frage bedarf, so scheint mir, einer anderen Formulierung, um nicht zu einem Missverständnis zu führen. Wörtlich aufgefasst lautet die Antwort auf 1): „Ja, natürlich!“ Jesus war ein Jude und fast alle frühen Christen vor der Mission unter den Nicht-Juden durch Paulus waren Juden. Meine Frau Jan und ich sind diesen Sommer gerade aus Israel zurückgekehrt, wo wir vielen jüdischen Nachfolgern Jesu begegnet sind. Diese Leute sind durch und durch jüdisch und ziehen es vor, sich „messianische Juden“ statt Christen zu nennen, weil sie sich mit ihrem jüdischen Erbe identifizieren. Es versteht sich von selbst, dass diese Leute nach dem Tod Zugang zu Gottes Gnade haben, zusammen mit allen, die auf Jesus Christus vertrauen, um gerettet zu werden.

Aber das würde an Ihrer eigentlichen Frage vorbeigehen. Was Sie wirklich fragen ist, ob ein treuer Jude, der seinen Glauben nicht auf Jesus Christus gesetzt hat, dennoch nach dem Tod Gottes Erlösung empfangen kann. Darauf antworte ich: Das kommt darauf an!

Als historische Religion hat das Christentum sich seit seinen ersten Anfängen in Israel zunehmend in der ganzen Welt ausgebreitet. Zweifellos lebten zur Zeit Christi viele Juden, die aufgrund der geografischen Entfernung die Gute Nachricht über den Messias Jesus nie hörten, bevor sie starben. Deshalb lebten solche Menschen, obwohl sie nach dem Kommen Christi lebten, immer noch unter dem Alten Bund und werden als solche beurteilt. In ihrem Fall, wie im Fall treuer Juden im Alten Testament, kann ihnen der Sühnetod Christi zugerechnet werden, ohne dass sie Christus bewusst kennen.

Andererseits könnten die Verfasser des Neuen Testaments gar nicht deutlicher machen, dass ein Mensch, der das Evangelium von Jesus Christus hört und es ablehnt, damit Gott ablehnt. Johannes betont nachdrücklich: „Jeder, der den Sohn leugnet, hat auch den Vater nicht; wer den Sohn bekennt, hat auch den Vater“ (1. Johannes 2,23). Vielleicht möchten Sie in diesem Zusammenhang den Brief von Paulus an die Römer lesen. Paulus erklärt sehr ausführlich, dass die Frage, ob man Jude oder Nicht-Jude ist, keine Konsequenzen hat, wenn es um die Erlösung geht. Vor Gott haben wir alle den gleichen Stand, das heißt, wir sind alle schuldig und des Todes würdig und werden alle nur durch Seine Gnade gerechtfertigt. Niemand, ob Jude oder Nicht-Jude, hat ein Leben geführt, das gut genug wäre, um es zu verdienen, in den Himmel zu kommen.

Die schwierige Frage lautet also: Was bedeutet es, das Evangelium von Christus zu hören? Einige Darstellungen des Evangeliums können so verdreht und entstellt sein – zum Beispiel die Art von synkretistisch-christlichem Heidentum, das in vielen lateinamerikanischen Kontexten als Christentum verstanden wurde –, dass es gar keine wirklichen Darstellungen des Evangeliums waren. Wer in einem solchen Fall diese Karikatur Christi ablehnt, lehnt gar nicht wirklich Christus ab und wird daher auch nicht dafür zur Rechenschaft gezogen werden, ob er seinen Glauben auf Christus gesetzt hat.

Was Ihren Vater betrifft, wird die Frage sein, ob er ein genaues Verständnis des Evangeliums hatte oder nicht. Wenn ja und wenn er nicht in den Augenblicken seines Sterbens zum Glauben kam (was niemand ausschließen kann), dann hat er, indem er die Entscheidung traf, Christus abzulehnen, Gott abgewiesen. Es gibt keine Grundlage für die Annahme, dass Menschen nach dem Tod eine weitere Chance erhalten (Hebräer 9,27). Doch wenn er ein verzerrtes Bild von Christus hatte, geprägt durch antisemitische Nazis, welche Juden als untermenschliche „Christusmörder“ anprangerten, sodass er nicht wirklich Christus ablehnte, dann hat er vielleicht unter dem alten Bund Erlösung gefunden. Nur Gott kennt sein Herz genau.

Ihre zweite Frage ist überraschend! Warum sollten Sie nicht vielmehr wollen, dass die Mitglieder Ihrer Gemeinde Sie als jüdisch betrachten? Viele von ihnen werden zweifellos neidisch auf Ihr jüdisches Erbe sein und wünschen, dass auch sie jüdisch wären. Sie können ein Jude sein, der an Jesus glaubt. Falls Sie besorgt sind, dass Sie an die alttestamentlichen Zeremonialgesetze gebunden sein könnten, machen Sie sich keine Sorgen! Als Nachfolger Jesu wird man nicht von Ihnen erwarten, alle alttestamentlichen Speisegesetze zu befolgen und sich an die Unterscheidung zwischen rein und unrein zu halten. Man wird Sie ähnlich betrachten wie den Apostel Paulus, der diese Gesetze als vorübergehenden Vormund betrachtete, bis Christus kam. Ich bin ganz gewiss, dass Sie Mitgläubige finden werden, die sich über Ihren Glauben an Christus freuen.

Was Ihre dritte Frage betrifft, suchen Sie sich eine Gemeinde, in der die Bibel jeden Sonntag treu dargelegt wird und die Menschen den Herrn kennen. Sekundäre konfessionelle Lehren sind einfach nicht so wichtig. Natürlich sollten Sie kein Mitglied einer Gemeinde werden, deren Lehre Anforderungen enthält, die Sie nicht mit gutem Gewissen befolgen können. Achten Sie aber vor allem auf eine solide biblische Verkündigung von der Kanzel, wenn Sie nach einem Ort der Anbetung suchen. Ein gutes Buch in diesem Zusammenhang ist Know the Truth von Bruce Milne, das die Lehren verschiedener christlicher Denominationen darstellt.

Möge Gott Sie weiter zu sich ziehen und zu Seinem Sohn, dem Messias Jesus!

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: /a-jewish-man-considers-jesus

- William Lane Craig