#120 Ratschläge für die Ehe
July 12, 2016Sehr geehrter Prof. Craig,
in absehbarer Zukunft gehe ich eine Ehe ein und möchte Sie gern um Ihren Rat bitten, bevor es so weit ist. Können wir bestimmte Fehler vermeiden? Wäre es hilfreich, einen Pastor zu einer vorehelichen Beratung aufzusuchen? Gibt es einige hilfreiche Tipps, die Sie aus christlicher Perspektive oder aus Ihrer eigenen Erfahrung geben können?
Ich danke Ihnen im Voraus!
Zareen
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Dr. craig’s response
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Jan und ich kommen gerade aus Texas zurück, wo ich das Vorrecht hatte, unseren Sohn John und seine Verlobte Christine zu trauen; so scheint Ihre Frage zu einem recht treffenden Zeitpunkt zu kommen! Jan und ich sind immer gern bereit, einen Rat zu geben, wenn man uns darum bittet; lassen Sie mich also einige Gedanken mitteilen, von denen ich hoffe, dass sie hilfreich für Sie sind.
Als ich heiratete, dachte ich, dass es sich bei den unvermeidlichen Anpassungen, die nach allgemeiner Auffassung zu erwarten sind, um Kleinigkeiten handelte: Ein Partner drückt die Zahnpasta von der Mitte der Tube aus, der andere tut es vom Ende der Tube her; oder der eine ist adrett und ordentlich, während der andere überall schmutzige Kleidungsstücke herumliegen lässt, und so weiter. Solche Anpassungen bieten viel Stoff für Witze. Ich hatte keine Ahnung, dass die wahren Anpassungen in der Ehe viel ernster und tiefer sind.
Die eigentlichen Anpassungen in der Ehe entstehen aus den tiefen inneren Brüchen, die jeder in die Beziehung mitbringt. Selbst die psychologisch sehr Gesunden unter uns bringen eine Fülle an Erfahrungen mit, die bis in die Kindheit reichen und auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlichem Maß Narben hinterlassen haben: geringes Selbstwertgefühl, Insensibilität, Minderwertigkeitskomplexe, Getriebenheit, Misstrauen, Unsicherheit, Jähzorn, und so weiter und so fort. Da inzwischen so viele Menschen aus zerrütteten Verhältnissen und dysfunktionalen Familien kommen, werden solche Probleme bei den Frischvermählten heute sogar noch zunehmen.
Ich habe gehört, dass die Ehe mit zwei großen Flüssen verglichen wird, die an irgendeinem Punkt zusammenfließen. An der Mündungsstelle wird es eine Zeitlang Turbulenzen und Strudel geben. Aber weiter flussabwärts werden die beiden Ströme später wirklich vereint und fließen ruhig weiter. Dieser Vergleich ist passend. Man braucht fünf bis acht Jahre, um die Anpassungsphase zu durchlaufen, bevor man eine friedliche, harmonische Beziehung erreicht. Ich will Sie nicht entmutigen, sondern Ihnen eher die Augen für das öffnen, was vor Ihnen liegt, damit Sie – wenn es soweit ist – nicht aufgeben, sondern zueinander sagen: „Wir können das, mit Gottes Hilfe, durchstehen, um die Ehebeziehung zu finden, die Gott für uns im Sinn hat!“ Die ersten Ehejahre, die nach Hollywood-Vorstellungen idyllisch sein sollen, sind – wenn man richtig damit umgeht – gewöhnlich die schwierigsten, und die späteren Jahre sind die besten.
Welchen Rat kann ich Ihnen also geben, damit Sie erfolgreich durch diese Phase kommen und eine glückliche, gesunde Beziehung entwickeln? Lassen Sie mich mehrere Punkte nennen:
1. Seien Sie entschlossen, dass eine Scheidung nicht in Frage kommt. Denken Sie daran, dass Gott nach Aussage der Bibel Scheidungen hasst. Ehescheidung ist Sünde und muss daher mit aller Kraft vermieden werden. Deshalb wird keiner von Ihnen beiden kneifen, auch wenn die Dinge noch so schwer werden. Sie werden einen Weg finden. Sie werden alles Nötige tun, um Ihre Probleme zu lösen. Persönlich werden Sie der Mann Gottes oder die Frau Gottes sein, zu der Sie berufen sind, ganz gleich was Ihr Ehepartner tut. Sie sind entschlossen, nach Heiligung zu streben statt nach Glück (obwohl Sie wissen, dass Heiligkeit in Wirklichkeit das Geheimnis des Glücks ist!) und deshalb den Schmerz ertragen, statt nach einem einfachen Ausweg zu suchen. Das Paradoxe ist, dass Sie, indem Sie den schwierigeren Weg der beständigen Hingabe wählen, die Chancen für die Entwicklung einer glücklichen Ehebeziehung enorm erhöhen, denn Sie geben Ihrem Ehepartner die Art von Sicherheit, in der die Liebe aufblühen kann.
2. Mit Ihrem Kinderwunsch warten. Die ersten Jahre der Ehe sind schwierig genug, auch ohne zusätzliche Komplikationen durch Kinder. Sobald Kinder hinzukommen, ist die Aufmerksamkeit der Ehefrau zwangsläufig geteilt und enormer Stress kommt auf beide Ehepartner zu. Verbringen Sie zuerst mehrere Ehejahre damit, einander kennen zu lernen, an Schwierigkeiten in der Beziehung zu arbeiten, gemeinsam schöne Dinge zu unternehmen, und sich an der innigen Liebesbeziehung nur zwischen Ihnen beiden zu freuen. Meine Frau Jan und ich haben zehn Jahre gewartet, bis wir unser erstes Kind Charity bekamen, sodass ich die Gelegenheit hatte, mein Studium abzuschließen, uns eine finanzielle Grundlage zu schaffen, einige Wurzeln zu schlagen und unsere Liebesbeziehung zu genießen und zu entfalten, bis wir wirklich bereit waren, die Verantwortung einer Elternschaft zu übernehmen. Ein wichtiges Kriterium ist hier, dass wenn die Ehefrau unbedingt sofort Kinder haben möchte, der Ehemann auf ihren Wunsch eingehen sollte, Mutter zu werden, statt ihr dies vorzuenthalten; ihre Entscheidung sollte den Ausschlag geben. Doch wenn Sie sich beide einigen können, noch zu warten, wird das die Dinge wahrscheinlich leichter machen.
3. Bringen Sie Probleme ehrlich zur Sprache. Wenn wir ein frischverheiratetes Paar treffen, schockiert Jan sie manchmal mit der Bemerkung: „Nun, wir hoffen, Sie beide streiten viel!“ (Was sie gewöhnlich tun.) Auseinandersetzungen mit Ihrem Ehepartner sind emotional sehr zermürbend und schmerzhaft, und doch sind sie das notwendige Mittel, damit Probleme gelöst werden und Sie beide eins werden. Wirklich in Gefahr ist nicht das Ehepaar, das streitet, sondern Ehepartner, die die Dinge nicht zur Sprache bringen. Um den Schmerz zu vermeiden, ist es leichter, die Dinge unter den Teppich zu kehren und möglichst zu vergessen. Doch dann werden die Probleme nicht gelöst, sodass Bitterkeit und Groll unterschwellig wachsen können, bis die Ehe vergiftet wird. Lassen Sie das nicht zu. Kratzen Sie allen Mut zusammen, seien Sie entschlossen, die Verletzung zu ertragen, und sprechen Sie die Dinge klar und deutlich an. Bitte verstehen Sie, dass ich, wenn ich von „Streit“ spreche, nicht von physischer Gewalt und Beschimpfungen spreche. Ich meine Auseinandersetzung. Und wenn Sie diskutieren, sollten Sie es mit Selbstbeherrschung tun, sodass Sie sich fair streiten. Achten Sie darauf, Ihren Ehepartner nie zu beschimpfen oder etwas zu sagen, das verletzen soll – Dinge, die Sie hinterher bereuen. Das ist mit Liebe nicht zu vereinbaren. Behalten Sie vielmehr selbst in der Hitze des Streits in Erinnerung, dass die Diskussion dazu dient, das Problem zu lösen, nicht den anderen mit geschickten Seitenhieben zu verletzen. Fragen Sie sich immer wieder „Wie können wir das lösen?“, statt wie Sie die Diskussion für sich entscheiden können. Sie gewinnen, wenn Sie das Problem lösen und aus der Diskussion mit einem Partner hervorgehen, der Sie liebt und nicht durch Ihre verletzenden Bemerkungen emotional angeschlagen ist.
4. Nehmen Sie Eheberatung in Anspruch. Ein erfahrener Berater kann Dinge bei Ihnen wahrnehmen, für die Sie selbst einfach blind sind, sodass sie Ihnen selbst gar nicht bewusst sind. Das kann Ihnen wirklich die Augen öffnen! Er kann Ihnen als Paar helfen, Strategien zur Stärkung Ihrer Beziehung zu finden, Probleme durchzuarbeiten und mit Ihren Kindern umzugehen. Beratung in Anspruch zu nehmen sollte Ihnen nie peinlich sein. Ganz im Gegenteil zeigt es Ihrem Ehepartner, wie ernst es Ihnen ist, Ihre Beziehung zu stärken, und wie sehr Sie bereit sind, den unteren Weg zu gehen und sich zu ändern, wenn es nötig ist. Nachdem dies gesagt ist, rate ich Ihnen zur Vorsicht vor schlechten Beratern. Wenn Ihr Berater Ihnen keine aufschlussreichen, tiefgreifenden Einsichten über Sie selbst, Ihren Ehepartner und Ihre Beziehung geben kann, wenn die Sitzungen sich ohne irgendeinen Nutzen hinziehen, dann steigen Sie aus und suchen Sie sich einen anderen Berater! Erkundigen Sie sich, wer in Ihrer Umgebung wirklich gut ist, und verschwenden Sie nicht Zeit und Geld mit einem schlechten Berater.
5. Tun Sie Schritte, die dazu beitragen, die Innigkeit Ihrer Beziehung zu fördern
Ehefrauen: Sie müssen sich bewusst machen, was die Nummer 1 unter den Bedürfnissen Ihres Mannes in der Ehe ist – das, was er sich am meisten von Ihnen wünscht: Sex! Ja, oft und begeistert: Sex! Wenn Sie das tun, werden Sie wirklich einen glücklichen Ehemann an Ihrer Seite haben. Leider stoßen wir hier auf einen enormen Trennfaktor (Sie wissen schon – die Sache mit Venus und Mars). Ein Mann erreicht eine innige Nähe zu der Frau, die er liebt, durch Geschlechtsverkehr; aber eine Frau betrachtet innige Nähe als Voraussetzung für Geschlechtsverkehr. Wenn Sie also eine emotionale Distanz zu Ihrem Ehegatten spüren, was tun Sie? Es scheint, als steckten Sie in einer Sackgasse. Wenn Sie sich in einer solchen Situation befinden, gebe ich Ihnen den Rat, dass die Ehefrau diejenige sein sollte, die nachgibt und sich den Annäherungsversuchen ihres Mannes öffnet. Sonst benutzen Sie Sex als Waffe: Sie sagen im Grunde: „Zuerst erfüllst du meine emotionalen Bedürfnisse, oder ich werde dir Sex vorenthalten.“ Das ist manipulativ und lieblos. Eine Weile nach dem Sex können Sie ihn dann auf die Dinge ansprechen, die aus Ihrer Sicht eine emotionale Distanz zwischen Ihnen geschaffen haben, und sie zu lösen versuchen.
Ehemänner: Was Sie betrifft, müssen Sie in Erinnerung behalten, worum Sie Ihre Frau bitten, wenn Sie Geschlechtsverkehr mit ihr haben möchten: Sie bitten sie, Ihnen zu erlauben, buchstäblich in ihren Körper hineinzukommen. Man kann sich kaum einen Akt vorstellen, der mehr Verletzbarkeit und Hingabe bedeutet als dies. Deshalb müssen Sie alles tun, was Ihnen möglich ist, um eine Beziehung der innigen Nähe und des Vertrauen zu entwickeln, die Ihre Frau dazu befähigt, sich Ihnen gern hinzugeben. Wie können Sie das tun? Romantik? Gewiss; aber hier stoßen wir auf einen weiteren Trennfaktor. Wenn ich als Mann an Romantik denke, denke ich an ein Candlelight-Dinner, leise Musik, einen Strandspaziergang im Mondlicht. Aber für meine Frau sind das nur Äußerlichkeiten. Nichts davon entspricht aus ihrer Sicht dem Wesen der Romantik. Für sie bedeutet Romantik: mit ihr sprechen! Ja, nehmen Sie sich einfach die Zeit, mit ihr zu sprechen und auf diese Weise eine emotionale Verbindung herzustellen. Das bedeutet, dass Sie sich – sagen wir – eine halbe Stunde am Tag Zeit nehmen, einfach mit ihr zu sprechen. Das Problem ist, dass auch das wieder zu einer Sache werden kann, die man zu tun hat, zu einer weiteren Äußerlichkeit. Entscheidend ist, dass Sie während dieser Zeit eine emotionale Verbindung zueinander herstellen.
Ich habe gelernt, dass es in der Ehe in Wirklichkeit um das Sein geht, nicht um das Tun. Sie können alles richtig machen, was in den Ehehandbüchern vorgeschlagen wird, und trotzdem nicht zusammen „sein“. Was ist „sein“? Es bedeutet, die eigenen unsichtbaren Verteidigungsmauern herunterzulassen, die wir um uns errichtet haben, um nicht verletzt zu werden. Es bedeutet, durchlässige Grenzen für den eigenen Partner zu haben. Weniger metaphorisch gesprochen geht es um Verletzbarkeit und Transparenz in der Beziehung zueinander. Diese Art von Beziehung zu Ihrer Frau bewirkt eine emotionale Nähe, die innige Vertrautheit wachsen lässt.
Woher wissen wir nun – angesichts unserer blinden Flecken und unserem starken Hang, uns selbst etwas vorzumachen und Entschuldigungen vorzuschieben –, ob wir einfach nur „tun“ statt zu „sein“? Nun, zum einen kann Ihr Ehepartner es Ihnen sagen! Aber ein Barometer, das Sie benutzen können, um das selbst zu messen, besteht darin, Ihre Gefühle zu prüfen und zu sehen, ob Sie Groll darüber empfinden, dass Sie so viel Mühe in Ihre Ehe stecken. Wenn Sie Groll empfinden, ist das ein sicheres Zeichen, dass Sie nur tun, statt zu sein.
Sie beide: Der vielleicht größte Feind einer erfolgreichen Ehe ist „wachsende Getrenntheit“. Das heißt, Sie fangen schließlich an, zwei getrennte Leben zu führen, und driften so immer weiter auseinander. Das ist besonders gefährlich, wenn die Frau unabhängig von ihrem Mann eine Karriere macht. Man beginnt, in zwei verschiedenen Welten zu leben. Obwohl es politisch inkorrekt ist, würde ich Ihre Frau daher ermutigen, keine unabhängige Laufbahn einzuschlagen, sondern Hausfrau zu sein oder partnerschaftlich mit Ihnen an einer gemeinsamen Sache zu arbeiten. Dann können Sie einen so viel größeren Teil Ihres Lebens miteinander teilen, statt unabhängige Karrieren zu verfolgen.
Ich hoffe, ich habe Ihnen nicht zu viel zugemutet, Zareen, aber Sie haben gefragt! Ich wünsche Ihnen und Ihrer zukünftigen Frau eine wunderbare christuszentrierte Ehe, die Gott sehr gebrauchen wird, um sein Reich auszubreiten!
(Übers.: M. Wilczek)
Link to the original article in English: /marriage-advice
- William Lane Craig