#44 Das Euthyphron-Dilemma
January 14, 2016Danke für alles, was Sie in Ihrem Dienst am Herrn und seiner Kirche tun! Da es von so großem Wert für uns ist, wage ich zu behaupten, es ist auch für Gott von großem Wert!
Ich habe mich gefragt, ob Sie die Zeit erübrigen könnten, mit bei einem Problem zu helfen. Es geht um das Euthyphron-Dilemma. Wie Sie wissen, lautet dieses Dilemma etwa so:
„Ist das Gute gut, weil Gott es gutheißt, oder heißt Gott es gut, weil es gut ist?
Als Theist wird man das Gute nicht deshalb gut nennen, weil Gott es gutheißt, denn dann wäre die Moral ja der Willkür unterworfen (nennen wir dies Position A).
Der Theist wird aber auch nicht sagen, Gott heiße es gut, weil es eben gut ist, denn das hieße dann, es gibt einen höheren Maßstab für das Gute als Gott (nennen wir dies Position B).
Der Theist versucht, den beiden Hörnern des Dilemmas, also Position A und B, zu entgehen, indem er sagt, Gott ist notwendig gut – die Quelle bzw. der Maßstab des Guten liegt in Gottes Wesen selbst. Auf der einen Seite entkommt er Position B, da das Gute nun statt außerhalb Gottes zu stehen Teil seines Wesens ist (und seine Existenz Gott verdankt). Auf der anderen Seite entkommt er Position A, da Gottes Wille nicht willkürlich ist, sondern dieser nach einem bestimmten moralischen Maßstab handelt (z.B. ist Gott in seinem Wesen notwendig gut).
Es scheint mir nun, der Atheist kann das Dilemma für sich umformulieren:
„Ist Gottes Wesen gut, weil Gott nun mal gut ist, oder ist es deshalb gut, weil es sich nach einem äußeren Maßstab des Guten orientiert?“
Mir scheint, die Antwort auf dieses neuformulierte Dilemma muss die Behauptung enthalten, Gottes Wesen könne gar nicht anders als gut sein – es ist nicht von ungefähr so, wie es ist. Ich bin mir nun nicht sicher, was eine solche Aussage bedeuten soll, denn wenn wir keine Vorstellung vom Guten außerhalb Gottes haben, scheint das nicht viel zu bedeuten, wenn es Gottes Wesen nicht irgendwie beschränkt. Ich vermute, die Vorstellung möglicher Welten könnte hier eine Rolle spielen, bin aber nicht sicher, inwiefern oder weshalb. Mein Vorschlag für ein Argument klingt etwa so:
1) Gott ist per definitionem das größte vorstellbare Wesen.
2) Das bedeutet, sein Sein ist metaphysisch notwendig und er ist moralisch vollkommen.
3) Daher muss er (nach Punkt 2) in allen möglichen Welten existieren.
4) Wenn moralische Werte objektiv sind, dann muss man unter moralischer Vollkommenheit einen einzigartigen, höchsten Moralstandard sehen (zumindest muss er dahin tendieren).
5) Aus 1), 3) u. 4) folgt: Gott eignet dasselbe moralische Wesen in allen möglichen Welten.
6) Daher ist Gottes Wesen weder deshalb gut, weil er eben so ist, wie er ist, noch weil er sich nach einem äußeren Gütekriterium orientiert.
Das wäre die Antwort auf das neuformulierte Dilemma.
Das klingt so weit noch in Ordnung für mich. Was aber 4) angeht, bin ich nicht überzeugt. Vielleicht habe ich mich da aber auch zu weit hineingesteigert und beginne langsam, Unsinn zu reden. Wenn ich noch länger darüber nachdenke, dreht sich alles im Kreis. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie diese Sache in einfachen Worten klarstellen würden.
James
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Dr. craig’s response
A [
James, ich glaube, Ihre Antwort bewegt sich in gerader Richtung hin aufs Ziel! Ihr Argument bedarf vielleicht einer kleinen „Nachjustierung“.
Wenn der Atheist in Ihrer zweiten Formulierung des Dilemmas fragt: „Ist Gottes Wesen gut, weil Gott selbst gut ist, oder ist es deshalb gut, weil es sich nach einem äußeren Maßstab des Guten orientiert?“ – so ist die 2. Position dieses Dilemmas nichts Neues: Es ist immer noch Position 2 aus dem 1. Dilemma, wonach Gott eine Sache lobt, weil sie gut ist, doch diese Ansicht haben wir bereits abgewiesen.
Es fragt sich also, ob wir jetzt bei der 1. Position des Dilemmas festsitzen. Wenn der Atheist mit „nun mal so ist“ meint, Gottes moralisches Wesen sei eine kontingente Eigenschaft Gottes, eine Eigenschaft also, die er nicht zwingend haben müsste, dann lautet die Antwort klar nein. Gottes moralischer Charakter ist ihm wesentlich; darum haben wir auch gesagt, er sei Teil seines Wesens. Wenn man sagt, ein bestimmtes Merkmal ist Gott wesenseigen, dann sagt man damit, es kann keine Welt geben, in der Gott dieses Merkmal fehlte. Gott ist nicht von ungefähr liebevoll, freundlich, gerecht usw. Er ist vielmehr von seinem Wesen her so.
Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen „was diese Aussage bedeuten soll, denn wenn wir keine Vorstellung vom Guten außerhalb Gottes haben, denn bedeute diese Aussage nicht viel“. Hier wird die Moralontologie mit der Moralsemantik vermischt. Wir beschäftigen uns mit der Moralontologie, also dem Fundament, das in Wirklichkeit den moralischen Werten zugrunde liegt. Die moralische Semantik, also die Bedeutung der Begriffe über die Moral, geht uns hier wenig an. Der Theist räumt gerne ein, dass wir eine gute Vorstellung moralischer Begrifflichkeiten wie der von „gut“, „böse“, „richtig“ usw. haben, ohne Gott explizit zu erwähnen. Es ist daher durchaus von Aussagekraft, wenn wir sagen, Gott sei wesenhaft gut. Allzu oft führen die Gegner des Moralarguments fehlgeleitete Angriffe ins Feld, indem sie die Moralontologie mit der Moralsemantik vermengen oder öfter noch mit Moralepistemologie (der Frage also, wie wir das Gute erkennen können).
Wenn man sich fragt: Weshalb ist gerade Gott Musterbeispiel und Maßstab des sittlich Guten, so denke ich, Sie haben mit der ersten Prämisse richtig geantwortet: Gott ist das größte Wesen, das man sich vorstellen kann, und es ist größer, Musterbeispiel und Maßstab des Guten zu sein, als sich danach zu richten. Auch Ihre zweite Prämisse stimmt, wonach Gott als Fundament notwendiger sittlicher Wahrheiten dient, d.h. als Fundament moralischer Wahrheiten, die in allen möglichen Welten zutreffen. Was Sie mit ihrer Prämisse (4) meinen, erschließt sich mir nicht ganz, aber ich glaube, der Satz ist für Ihr Argument nicht notwendig. Es reicht zu sagen, dass moralische Werte (zumindest die meisten) nicht willkürlich sind, sondern in jeder möglichen Welt sind, was sie sind. Dann ist Gott die Grundlage für diese Werte in jeder denkbaren Welt. Meines Erachtens ist die Sache damit geklärt. Fern also davon, Unsinn zu reden, scheint mir, Sie haben uns direkt auf die richtige Antwort gestoßen!
(Übers.: I. Carobbio)
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- William Lane Craig