#55 Häufen die Verdammten in der Hölle weitere Strafen an?
January 14, 2016Sehr geehrter Prof. Craig,
Ein Artikel aus Ihrer Datenbank lässt mir keine Ruhe. Ich finde Ihre Erklärungen über das Sündigen im Jenseits und dessen vermeintliche Folgen sonderbar – sowohl wegen des Grabens, der zwischen Leben und Tod klafft, als auch angesichts der im jüdisch-christlichen Denken zum Ausdruck kommenden Endgültigkeit des Jüngsten Gerichts.
In Ihrem Artikel “Wie kann Christus der einzige Weg zu Gott sein?”[1] behaupten Sie, dass alle in die Hölle Verdammten dort weiter sündigen. Das erscheint mir in dreierlei Hinsicht falsch:
1. Sünde scheint eine irdische Prädisposition zu sein, also keine, die in der Ewigkeit weiterbesteht. Das griechische „harmatia“ bedeutet so viel wie „das Ziel verfehlen“. Wenn wir daher als Christen glauben, dass dieses „Ziel“ Gott oder vollkommene Gerechtigkeit ist, dann heißt das doch, dass es im Leben nach dem Tod entweder absolut erreicht oder aber absolut verfehlt ist, oder nicht? Wenn wir nämlich die Möglichkeit einräumen, dass ein Mensch im Jenseits weiter „sein Ziel verfehlt“, dann müssen wir auch das Gegenteil annehmen, also dass die Erlösten irgendwie weiter „ihr Ziel erreichen“, sei dieses nun Gott oder vollkommene Gerechtigkeit. Ich bin mir zwar bewusst, dass unsere Erkenntnis Gottes durch alle Ewigkeit fortschreiten wird (wie Paulus sagt), betrachte das aber nicht als ein den Verdammten entgegengesetztes Privileg, denn auch deren Erkennen Gottes dürfte weder misslingen noch nachlassen.
2. Die Vorstellung, in alle Ewigkeit weiter zu sündigen, erscheint auch unangemessen, wenn wir eine Analogie betrachten. Ist ein Krimineller rechtskräftig verurteilt, kommt er ins Gefängnis. Nehmen wir an, er bekommt lebenslänglich ohne Bewährung. Selbst wenn er dann während seiner Haft abscheuliche Taten begeht, z.B. aus Verzweiflung einen Mann bei einem Streit tötet, hat sein Verhalten, so würde man meinen, keinerlei Einfluss mehr auf das bereits über ihn gefällte Urteil. Es gibt natürlich Fälle, in denen einem Häftling für ein neues Vergehen noch zusätzlich 100 Jahre Haft „aufgebrummt“ werden. Wir wissen aber alle, dass es sich dabei um eine reine Formalität handelt, da er sowieso nicht mehr aus dem Gefängnis rauskommt. Er kann nicht auf eine vorzeitige Entlassung hoffen.
3. Die Idee des unaufhörlichen Weitersündigens findet in der Schrift keine wirkliche Bestätigung. Ihre Unangemessenheit beruht eigentlich auf der Möglichkeit, die diese Idee impliziert. Ist Sünde nämlich das, wofür ein Mensch in der Ewigkeit gerichtet wird, wobei seine Abkehr von Christus die Gesamtsumme seiner einzelnen Verfehlungen darstellt, dann impliziert die Möglichkeit, dass ein Mensch (und nicht jeder Verdammte) in der Hölle weiter sündigen kann, andersherum auch die Möglichkeit, dass dieser Mensch seine Gesinnung ändern kann. Einen Beweis dafür liefert, wie ich meine, das Beispiel von Lazarus, der mit Abraham spricht. Dieses Schriftbeispiel vorausgesetzt, sündigen nicht alle Menschen in der Hölle weiter. Einige sind vielmehr zutiefst bestürzt über ihre irdischen Entscheidungen und wollen „raus“. Bei seinem Gespräch mit Lazarus tadelt Abraham diesen nicht dafür, dass er Gottes Offenbarung in der Natur oder durch das Gesetz nicht angenommen hat, sondern spricht nur über die Kluft, die zwischen ihnen liegt. Daher ist die Behauptung, dass die Sünde bei Lazarus nach wie vor eine Herzensgesinnung war, und er lediglich versucht, der Höllenpein zu entgehen, eine Schlussfolgerung, die sich nicht aus dem Dialog ergibt.
Aufgrund dieser drei Einwände frage ich mich deshalb: wie angemessen ist die Vorstellung eines Ortes ewiger Qualen überhaupt?
In Seiner Gnade,
Trey
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Dr. craig’s response
A [
Vielen Dank für Ihre tiefsinnige Frage, Trey! Zunächst ist es wichtig, den Kontext meiner These klarzustellen. Ich versuche, dem nicht nur von Ungläubigen, sondern auch von Annihilationisten[2] erhobenen Einwand gegen die Höllenlehre zu begegnen, wonach die Hölle insofern mit der Gerechtigkeit Gottes unvereinbar sei, als die Strafe in keinem Verhältnis zum Verbrechen stehe. Selbst Sünden wie Mord und Grausamkeit, so die Kritiker, verdienen keine ewige Strafe, da solche Sünden von endlicher Bedeutung seien, wohingegen eine immerwährende Bestrafung von unendlicher Strenge zeuge.
Meine Erwiderung auf diesen Einwand bedient sich eines Doppel-Arguments mit der Form Selbst wenn…, aber in Wirklichkeit… D.h., ich argumentiere zuerst ex concessionis, konzediere also die vom Opponenten gemachte Annahme, dass keine von Menschen begangene Sünde eine unendliche Bestrafung verdient, und versuche zu zeigen, dass auch unter dieser Voraussetzung der Einwand nicht schlüssig ist. Dann argumentiere ich, dass wir die vom Opponenten vorausgesetzte Annahme nicht machen müssen, und schlage eine andersartige und, wie ich finde, bessere Lösung des Problems vor. Deshalb dürfen Sie den ersten Teil meiner Erwiderung nicht so aus dem Zusammenhang herausnehmen, als ob es ihren zweiten Teil gar nicht gäbe.
Was nun den ersten Teil meiner Erwiderung anbelangt, ist mir beim Nachdenken über das Problem klargeworden, dass daraus, dass jede einzelne der von uns begangenen Sünden nur eine endliche Strafe verdient, nicht folgt, dass keine einzige eine unendliche Strafe verdient. Wenn nämlich jemand unendlich viele Sünden begeht, würde die Summe seiner Sünden auch eine unendliche Strafe verdienen. Natürlich begeht niemand in seinem irdischen Leben unendlich viele Sünden. Mir kam aber der Gedanke, dass jemand im Jenseits, wenigstens potentiell, unendlich viele Sünden begehen könnte, wenn er ewig weiter sündigt. Und wenn man an die Verdammten in der Hölle denkt, ist es überhaupt nicht unplausibel anzunehmen, dass diese tatsächlich weiter sündigen. Statt Reue zu empfinden, wird ihr Hass und ihre Ablehnung Gottes immer noch unerbittlicher.
Ich finde es erstaunlich, dass im Buch der Apokalypse, wenn die Schalen des Zornes Gottes zum Urteil über die Menschheit ausgegossen werden, die Gerichteten keinerlei Reue zeigen, sondern umso mehr Gott verfluchen: „Und die Menschen wurden versengt von der großen Hitze und lästerten den Namen Gottes, der Macht hat über diese Plagen, und bekehrten sich nicht, ihm die Ehre zu geben.... und die Menschen zerbissen ihre Zungen vor Schmerzen und lästerten Gott im Himmel wegen ihrer Schmerzen und wegen ihrer Geschwüre und bekehrten sich nicht von ihren Werken.... Und ein großer Hagel wie Zentnergewichte fiel vom Himmel auf die Menschen; und die Menschen lästerten Gott wegen der Plage des Hagels; denn diese Plage ist sehr groß“ (Offb 16, 9-11, 21). Ob in diesem Leben oder im nächsten, Gott zu hassen und zu verwerfen ist Sünde, denn es ist unsere moralische Pflicht, Ihn zu verehren und zu lieben. Sünde kann nicht ungestraft bleiben, weil Gott vollkommen gerecht ist, und deshalb müssen die im Jenseits begangenen Sünden ebenfalls bestraft werden. Da das Sündigen ewig weitergeht, gilt dasselbe auch für das Bestrafen. Selbst wenn wir also einräumen, dass jede Sünde nur eine endliche Strafe verdient, setzt die Hölle sich unaufhörlich selbst fort.
Betrachten wir nun Ihre Einwände. Erstens, kann das Sündigen im Jenseits weitergehen und tut es das wirklich? Also, warum nicht? Die Menschen sind moralisch verpflichtet, Gott zu verehren, und daran scheitern bedeutet, wie Sie es formulieren, das Ziel zu verfehlen. Mit Sicherheit misslingt es den Verdammten, ihre moralische Pflicht gegen Gott zu erfüllen. Sie sagen: „…dann müssen wir auch annehmen, dass die Erlösten irgendwie weiter „ihr Ziel erreichen“, sei dieses nun Gott oder vollkommene Gerechtigkeit“. Gewiss ist, dass die Seligen nicht länger sündigen und in diesem Sinn weiter ihr Ziel erreichen, wobei die Annahme, dass sie moralische Vollkommenheit erlangen – eine Eigenschaft, die einzig und allein Gott zukommt –, nicht erforderlich ist. Weit davon entfernt, zu misslingen oder nachzulassen, würde die Gotteserkenntnis der Seligen, denke ich, grenzenlos weiterwachsen. Daher sehe ich hier kein Problem. (Vgl. dazu auch im Fragen-Archiv #47 über den Zustand der Seligen.)
Ihr zweiter Einwand beruht auf einem Vergleich mit einem Menschen, der zu einer Haftstrafe verurteilt worden ist. Ich weiß zwar nicht viel über Strafrecht, zweifle aber ernsthaft daran, dass jemand, der im Gefängnis einen anderen Häftling (oder einen Wärter!) umbringt, in den Augen des Gesetzes ungeschoren davonkommt. Mit Sicherheit wird er für ein solches Verbrechen rechtlich belangt und zur Verantwortung gezogen – jedenfalls will ich das hoffen! Sie sagen, 100 Jahre zusätzliche Haft seien eine reine Formalität, wenn bereits ein strenges Urteil über ihn gesprochen worden sei. Dabei vergessen Sie jedoch, dass wir dem Opponenten seine Annahme zugestehen, wonach unsere Sünden nur eine begrenzte Strafe verdienen. Eine angemessene Analogie wäre jemand, der nur eine kurze Haftstrafe absitzen muss, im Gefängnis aber stets neue kleine Verbrechen begeht und dadurch seine Haftzeit ständig verlängert. In diesem Fall würde es nämlich einen großen Unterschied ausmachen, ob er im Gefängnis neue Verbrechen begeht oder nicht! (Nebenbei bemerkt, sind Analogien eine schwache Form der Argumentation, da sie nichts beweisen können; sie dienen nur der Veranschaulichung. Daher rate ich Ihnen, solche Argumente in der Apologetik zu vermeiden.)
Ihr letzter Einwand basiert auf dem Gleichnis Jesu von Lazarus und dem reichen Mann. Gewiss zeigt der reiche Mann im Hades ein reumütiges Herz. Das Problem, Trey, besteht hier aber darin, dass es ein Fehler ist, Gleichnisse bei der Interpretation so überzustrapazieren, dass man daraus eine christliche Glaubenslehre entnehmen will. Es ist ein bekanntes Prinzip der Hermeneutik (bzw. der literarischen Interpretation), dass Gleichnisse im Allgemeinen dem Zweck dienen, einen zentralen Punkt zu veranschaulichen, in diesem Fall, dass Menschen, die nicht auf Moses und die Propheten hören wollen, sich auch nicht von Wunderzeichen bewegen lassen. Und es ist eben schlechte Exegese, wenn man aus den nebensächlichen Details von Gleichnissen eine Lehre ableiten will. Der reiche Mann aus dem Gleichnis ist fast eine Karikatur, weshalb es ein schlimmer Fehler wäre, seine Situation einer Theologie der Hölle zugrunde legen zu wollen.
Nichtsdestoweniger stimme ich Ihnen voll darin zu, dass wir die Zurückweisung Christi durch einen Menschen nicht als Gesamtsumme seiner Einzelsünden betrachten können. Die Vorstellung, dass die Verdammten durch Reue und das Abbüßen einer zeitlich begrenzten Haftstrafe der Hölle entkommen, ist mir auch unbehaglich (das klingt nämlich sehr nach Fegefeuer). Das ist der Grund, warum ich einen Schritt weiter gegangen bin und eine zweite, bessere Lösung vorgeschlagen habe: Die Ablehnung Christi als Herrn und Erlöser ist, insofern sie der Verwerfung Gottes selbst gleichkommt, eine Sünde von unendlicher Schwere und Größe und verdient somit auch eine unendliche Strafe. So gesehen werden Menschen nicht deshalb in die Hölle geschickt, weil sie Mord, Diebstahl und Ehebruch begangen, sondern, weil sie Gott verworfen haben. Überdies kann man, wenn Gott mittleres Wissen besitzt, behaupten, dass Er den Verdammten das Ausscheiden aus diesem irdischen Leben nicht eher erlaubt, als bis er weiß, dass ihre Ablehnung Ihm gegenüber unwiderruflich ist. Die Verdammten sind daher für ihr Schicksal verantwortlich und können Gottes Gerechtigkeit nicht anfechten.
William Lane Craig
(Übers.: M. Köhler)
Link to the original article in English: /do-the-damned-in-hell-accrue-further-punishment
[1] Deutsche Übersetzung unter /german/Wie-kann-Christus-der-einzige-Weg-zu-Gott-sein
[2] Der Annihilationismus vertritt die Sichtweise, dass die Seele eines nicht erretteten Menschen nach dem Tod irgendwann zerstört wird und aufhören wird zu existieren, also nicht auf ewig in der Hölle leiden wird. (Anm. d. Übers.)
- William Lane Craig