#56 Freiheit und die Fähigkeit, das Böse zu wählen
January 14, 2016Ein Bekannter fragte mich vor Kurzem, warum es notwendig sei, dass wir das Böse wählen können, damit wir freien Willen haben, während es nicht notwendig ist, dass Gott das Böse wählen kann, um freien Willen zu haben. Er ist der Meinung, dass es auf diese Frage keine Antwort gibt, und hat somit einen logischen Widerspruch innerhalb des christlichen Theismus ausgemacht, der gegen dessen Wahrheit spricht.
In meiner Antwort stellte ich sein Verständnis von Freiheit sowie seine Annahme infrage, dass echte Willensfreiheit die Fähigkeit voraussetzt, das Böse zu wählen. In Bezug auf letzteres Thema habe ich Folgendes geschrieben:
"Bei deinem Einwand gehst du davon aus, dass es eine Voraussetzung für die Willensfreiheit ist, sowohl Böses als auch Gutes tun zu können. Ich sehe keinen Grund, dies als wahr hinzunehmen, nicht nur in Bezug auf Gott, sondern auch auf Menschen. Zwar ist es faktisch wahr, dass es zu unserer Willensfreiheit gehört, das Böse wählen zu können, doch ist es nicht notwendigerweise wahr. Damit unser Wille frei ist, müssen unsere Entscheidungen nur nicht von Faktoren bestimmt werden, die außerhalb unserer Willenskraft sind. Man kann auch dann freien Willen haben, wenn man nur Gutes und nichts Böses wählen kann.
William Lane Craig führt ein aufschlussreiches Gedankenexperiment an, das zeigt, dass man nicht B wählen können muss, damit die Entscheidung für A frei und sinnerfüllt ist:
>>Stellen Sie sich einen Mann vor, in dessen Gehirn insgeheim Elektroden implantiert wurden und der sich nun zwischen A und B entscheiden muss [lassen wir um des Beispiels willen A für Gut und B für Böse stehen]. Die Elektroden sind nicht aktiv, solange der Mann A wählt, doch wenn er B wählen würde, würden die Elektroden angehen und ihn zwingen, A zu wählen. Wenn die Elektroden anspringen und bewirken, dass er A wählt, ist seine Entscheidung für A ganz klar keine freie Entscheidung. Doch nehmen wir an, der Mann möchte wirklich A tun und wählt es aus eigenem Willen heraus. In diesem Fall ist seine Entscheidung für A völlig frei, auch wenn der Mann buchstäblich nicht in der Lage ist, B zu wählen, denn die Elektroden springen in diesem Fall nicht an und haben keine Auswirkungen auf seine Entscheidung für A. Seine Entscheidung wird dadurch frei, dass es keine kausal bestimmenden Faktoren gibt, die ihn zu A zwingen. Diese Vorstellung libertärer Freiheit hat den Vorteil, dass sie erklärt, wie es sein kann, dass Gottes Entscheidung, Gutes zu tun, frei ist, auch wenn es unmöglich ist, dass Gott sich für die Sünde entscheidet – nämlich dadurch, dass seine Entscheidung nicht von anderen kausalen Einschränkungen bestimmt ist. Somit erfordert die libertäre Willensfreiheit nicht, sich anders entscheiden zu können, als man sich entscheidet.<<
Eine Einschränkung der Wahlmöglichkeiten ist nicht dasselbe wie keine Wahl zu haben. Wenn A, B und C gute Entscheidungen sind und D, E und F böse, widerlegt jemandes Unfähigkeit, D, E oder F zu wählen, nicht die Tatsache, dass er sich für A, B oder C entscheiden kann. Wenn ich in den Supermarkt gehe, um Eiscreme zu kaufen, sind dort vielleicht nur 15 von 100 Geschmacksrichtungen erhältlich. Dass ich 85 dieser Geschmacksrichtungen nicht wählen kann, spricht nicht gegen die Tatsache, dass ich eine der 15 Optionen vor mir wählen kann. Genauso bedeutet Gottes Unfähigkeit, Böses zu tun, nicht, dass Gott keinen freien Willen hat. Wenn überhaupt, bedeutet es, dass seine freien Wahlmöglichkeiten eingeschränkter sind als unsere.“
Zwar erscheint es mir richtig, dass die menschliche Freiheit nicht die Fähigkeit voraussetzt, sich für das Böse zu entscheiden, doch steht dies im Konflikt mit der Theodizee des freien Willens (die ich immer überzeugend fand). Nach der Theodizee des freien Willens ist es logisch unmöglich, dass Gott eine Welt erschafft, in der Menschen den freien Willen haben, das Böse jedoch nicht tun können. Demzufolge sei die Fähigkeit, das Böse zu wählen, nicht nur faktisch vorhanden, sondern notwendigerweise vorhanden. Doch wie ich bereits argumentiert habe, bin ich der Meinung, dass Gott uns als Wesen mit freiem Willen hätte erschaffen können, ohne dass wir uns für das Böse entscheiden können.
Ich stehe vor einem Dilemma. Im Laufe meiner Erwiderung auf den Einwand meines Freundes habe ich die Lösung des Problems des Übels (nämlich die Theodizee des freien Willens) „widerlegt“. Zudem kann ich nicht erklären, warum Gott uns nicht als Menschen mit freiem Willen und ohne die Möglichkeit, das Böse wählen zu können, erschuf, wo er das doch konnte (vor allem angesichts der Tatsache, dass wir in seinem Bilde erschaffen sind und er das Böse nicht wählen kann). Liegt es daran, dass wir endlich sind? Wenn ja: Da wir notwendigerweise endlich sind, würde das bedeuten, dass unsere Fähigkeit, das Böse zu wählen, ebenfalls notwendig ist. Zwar rettet das die Theodizee des freien Willens, doch widerspricht es meinem Argument, dass die Fähigkeit, Böses zu wählen, nicht notwendig ist, um echte Willensfreiheit zu haben.
Wo ist das Problem? Liegt es in meinem Argument, dass die menschliche Freiheit nicht die Fähigkeit voraussetzt, das Böse zu wählen? Liegt es in meinem Verständnis der Theodizee des freien Willens? In beidem? Ich würde Ihre Antwort sehr zu schätzen wissen.
Jason
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Dr. craig’s response
A [
Ich glaube, ich kann Ihr Dilemma auflösen, Jason! Doch zuerst möchte ich sagen, dass Sie sehr gut auf die Frage Ihres Freundes geantwortet haben. Ich würde nur eine Kleinigkeit ändern wollen.
Und ich möchte auch sagen, dass die Illustration, die ich angeführt habe, ursprünglich nicht von mir stammt, sondern das Geistesprodukt des Philosophen Harry Frankfurt ist, dessen Arbeit so einige Illustrationsdebatten dieser Art ausgelöst hat. Bedenken Sie auch, wie hilfreich Frankfurts Analyse der libertären Freiheit für das Verständnis davon ist, wie Christus freiwillig der Versuchung widerstehen konnte. Als zweite Person der Dreieinigkeit war Christus makellos (also nicht imstande zu sündigen). Dennoch hat er der Versuchung freiwillig widerstanden. Wie ist das möglich? In seinem erniedrigten Zustand (dem menschgewordenen Zustand vor der Auferstehung) erlebte er kognitive Grenzen, die einem echten menschlichen Bewusstsein entsprechen, und spürte somit auch die Anziehungskraft der Versuchung. Dieser widerstand er freiwillig durch seine eigene Macht ohne kausalen Einfluss von außen.
Wie ist das nun mit der Behauptung der Theodizee des freien Willens vereinbar, nach der es „für Gott logisch unmöglich ist, eine Welt zu erschaffen, in der die Menschen den freien Willen genießen und dennoch nicht in der Lage sind, diesen Willen dafür zu verwenden, das Böse zu wählen?“ Beachten Sie, dass die Theodizee des freien Willens keine solche Behauptung enthält. Es ist mit der Theodizee des freien Willens vereinbar, dass es mögliche Welten, wie Sie sie beschreiben zwar gibt, sie aber andere vorrangige Nachteile haben, aufgrund derer ihnen Welten vorzuziehen sind, in denen Menschen sowohl das Böse als auch das Gute wählen können. Der Atheist muss beweisen, dass Gott notwendigerweise eine Welt ohne Böses (aus welchem Grund auch immer) gegenüber allen Welten mit Bösem bevorzugt, wenn der Atheist beweisen will, dass Gott und das Böse logisch unvereinbar sind.
Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass es zweifelhaft ist, dass Gott eine Kreatur schaffen kann, die sich freiwillig nur für das Gute entscheiden kann. Eine solche Fähigkeit scheint mir nur zu einer Wesensart gehören zu können, die moralisch vollkommen ist, und nur Gott ist moralisch vollkommen. Ein freies Wesen mit einer Wesensart, die von weniger als moralischer Vollkommenheit gekennzeichnet ist (Achtung: diese moralische Vollkommenheit unterscheidet sich von bloßer Unschuld!), hat nicht die Kraft, immer das Gute zu wählen. Wenn Gott ein Wesen schaffen würde, das die Fähigkeit hat, immer und ausnahmslos das Gute zu wählen, hieße das, dass er einen anderen Gott erschafft, was logisch unmöglich ist, weil Gott essentiell unverursacht ist; und Allmacht bedeutet freilich nicht, das logisch Unmögliche herbeiführen zu können.
Das heißt nicht, dass es logisch unmöglich ist, dass Menschen tatsächlich immer das Gute wählen und nie sündigen. Das ist eine logisch mögliche Welt. Es heißt vielmehr, dass Menschen die ihnen innewohnende Fähigkeit haben, das Böse zu wählen, oder besser gesagt, nicht die ihnen innewohnende Fähigkeit haben, immer ausschließlich das Gute zu tun. Selbst wenn sie nicht sündigen, können sie es doch.
In Ihrer Reaktion auf diesen Standpunkt sagen Sie: „Da wir notwendigerweise endlich sind, würde das bedeuten, dass unsere Fähigkeit, das Böse zu wählen, ebenfalls notwendig ist. Zwar können wir damit an der Theodizee des freien Willens festhalten, doch widerspricht es meinem Argument, dass die Fähigkeit, Böses zu wählen, nicht notwendig ist, um echte Willensfreiheit zu haben.“ Nein, tut es nicht! Sie hinterfragten in Ihrer Antwort an Ihren Freund „sein Verständnis von Freiheit sowie seine Annahme, dass echte Willensfreiheit die Fähigkeit voraussetzt, das Böse zu wählen“ Diese beiden Infragestellungen bleiben bestehen. Sie müssen also nur den Satz in Ihrem ersten Absatz abändern, in dem Sie behaupten, dass Menschen die Fähigkeit haben könnten, nur das Gute zu wählen. Sie haben in Ihrer Antwort auf den Einwand Ihres Freundes aufgezeigt, dass Willensfreiheit per se nicht die Freiheit, Böses zu tun, voraussetzt, und haben erklärt warum die Freiheit, bedeutsame moralische Entscheidungen zu treffen, bei endlichen Personen wie Menschen notwendigerweise die Fähigkeit impliziert, sich für das Böse und auch das Gute zu entscheiden.
(Übers.: J. Booker; L:RN)
Link to the original article in English: /freedom-and-the-ability-to-choose-evil
- William Lane Craig