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#307 Vom Umgang mit unannehmbaren Aspekten des Christentums

January 14, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

Ich befinde mich in einem etwas ungewöhnlichen Dilemma. Ich bin überhaupt nicht gegen die Vorstellung von Gott und auch nicht gegen sein großartiges und herausforderndes Konstrukt für die Rettung der Menschheit. Ich habe nicht einmal etwas dagegen, dass er so sehr auf Anbetung besteht! Das Ungewöhnliche ist, dass ich, anders als so viele Agnostiker und Nicht-Gläubige, keinen Hass gegen Gott empfinde wegen seiner Handlungsweise beispielsweise an den Amalekitern, oder wegen der Praxis der Beschneidung, oder vieler anderer „Stolpersteine“. Mir ist einfach nicht klar, wie ich mich Jemandem hingeben soll, der solche (für mein Empfinden) unannehmbaren Dinge diktiert, ohne dabei das Gefühl zu haben, eine Art intellektuellen Selbstmord meinerseits zu begehen. Wie kann ich dieser Gefühle Herr werden?

Ich möchte hier auch erwähnen, dass ich Ihre meisterhaften Fähigkeiten des Debattierens und der logischen Argumentationsführung sehr schätze. Sie bleiben stets liebenswürdig und respektvoll, auch wenn Sie mit unberechtigten Angriffen und Beleidigungen konfrontiert werden. Ich danke Ihnen.

Steve

<ul><li>United States</li></ul>

Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Vielen Dank für Ihre ermutigenden Worte, Steve! Sicherlich hat das Christentum Aspekte, die manche mehr oder weniger unannehmbar finden werden. Ich nehme an, dass Sie an Ihrem Fall so ungewöhnlich finden, dass diese Streitpunkte des Christentums in Ihnen keine emotionale Reaktion hervorrufen wie bei so vielen anderen Nicht-Gläubigen, sondern einfach eine Quelle intellektueller Verwirrung sind, was ein Hindernis für eine Hingabe als Christ ist. Wie kann man also mit diesen Unstimmigkeiten umgehen?

Zunächst muss man diese Dinge in die richtige Perspektive bringen. Ich habe bemerkt, dass Menschen, die mit einem Thema zu kämpfen haben, zur Kurzsichtigkeit neigen. Sie sehen nur noch diese eine besondere Frage bzw. das Problem. Sie schaffen es nicht, einen Schritt zurückzutreten und das große Bild zu betrachten. Wie eine Person, die ihren Daumen vor ihr Gesicht hält und diesen dann als größer als das Empire State Building sieht, sind sie so sehr auf Ihr spezielles Problem fokussiert, dass es alles andere im Hintergrund des Bildes überragt. Das ist ganz offensichtlich ein Fehler. Unser Ziel sollte es sein, nicht ein Weltbild ganz ohne Schwierigkeiten, sondern vielmehr das Weltbild mit den wenigsten Schwierigkeiten zu finden. Die ungelösten Probleme müssen in der richtigen Proportion innerhalb des auf Beweisen beruhenden Kontextes des gesamten Weltbildes gesehen werden.

Ich möchte Sie also ermutigen, die Argumente und Beweise zugunsten des christlichen Theismus zu rekapitulieren. Schauen Sie sich die acht Argumente an, die ich in meiner Eröffnungsrede meiner Diskussion mit Alex Rosenberg vorgebracht habe[1] (und fügen Sie noch das ontologische Argument hinzu). Erwägen Sie diese zusammen mit den Problemen des metaphysischen Naturalismus, die ich in meiner zweiten Rede der gleichen Debatte erwähnt habe. Meiner Meinung nach liefern sie uns sehr gute Gründe für die Annahme, dass christlicher Theismus wahr ist.

Nun könnten Sie jedoch einwenden, dass wir dennoch keinen guten Grund zu der Annahme haben, dass Gott beispielsweise die Beschneidung oder die Auslöschung der Amalekiter geboten hat. Genau so ist es! Meine Argumentation zielt auf etwas ab, was C.S. Lewis „Christentum schlechthin“ nannte, soll heißen, die groben Umrisse eines christlichen Weltbildes, das Dinge beinhaltet wie die Existenz Gottes und seine entscheidende Selbstoffenbarung in Jesus von Nazareth. Der Glaube, dass Gott die Beschneidung oder die Auslöschung der Amalekiter befohlen hat, ist nicht Bestandteil der Kernaussagen des Christentums. Daher stellen sie auch kein grundlegendes Hindernis für einen Glauben an ein christliches Weltbild dar.

Was zeigen also diese Schwierigkeiten? Nun, wenn sie unüberwindbar sind, wären sie allenfalls ein Hindernis für den Glauben an die Unfehlbarkeit der Bibel. Sie würden davon ausgehen müssen, dass Gott nicht wirklich solche Dinge befohlen hat. Als Christ müssten Sie Ihre Einstellung zur Bibel insofern abändern, dass ihre Inspiration durch Gott nicht in jedem Punkt ein Garant für ihre Unfehlbarkeit ist. Das muss nicht unbedingt den Glauben an ihre Inspiration oder allgemeine Verlässlichkeit und noch viel weniger an die Wahrheit des Christentums als solches untergraben. Ich möchte Sie also ermutigen, es nicht zuzulassen, dass diese Unstimmigkeiten im christlichen Glauben ein Hindernis zwischen Ihnen und Gott aufrichten, denn sie sind keine so große Sache!

Sind diese Hindernisse aber in jedem Fall unüberwindbar? Ich glaube nicht. Nehmen wir z.B. die Beschneidung. Mir scheint es sehr subjektiv zu sein, ob man Probleme mit diesem Vorgehen hat oder nicht. Sie finden das offensichtlich abstoßend, aber das geht den meisten Amerikanern einschließlich meiner selbst nicht so. Ich identifiziere mich überhaupt nicht mit Ihrer Ablehnung der Beschneidung. Es fällt mir daher schwer zu glauben, dass es sich hierbei um etwas handelt, das objektiv abzulehnen ist. Wenn aber das Unannehmbare daran einfach einer subjektiven Meinung entspringt, dann bildet das kein Hindernis für die Annahme, dass Gott den Juden befohlen hat, sich auf diese Art und Weise von den Völkern des Altertums abzuheben. Heutzutage gibt es sogar noch weniger Gründe für diese Prozedur als im Altertum, dennoch wird sie weiterhin in vielen Ländern praktiziert, ohne dass die meisten Leute es ablehnen.

Der offensichtliche Befehl zur Auslöschung der Amalekiter wiederum stellt ein sehr ernstes moralisches Problem für Anhänger der biblischen Unfehlbarkeit dar. Ist es doch sehr schwer zu verstehen, wie derselbe Gott, der sich in der Bibel als guter und liebevoller Gott geoffenbart hat, solch einen furchtbaren Befehl geben konnte. Ich habe in den Fragen der Woche #16 und #225 bereits versucht, ehrlich mit diesem Problem zu ringen[2]. Ich warte noch auf eine ähnlich ehrliche und vernünftige Antwort auf meinen Lösungsvorschlag. Ich habe eine moralische Theorie aufgestellt, die es uns erlaubt, gleicherweise beides zu bestätigen, sowohl, dass Gott gut und liebevoll zu allen ist, als auch, dass er den israelischen Armeen befohlen hat, die Kanaaniter zu vertreiben und alle zu töten, die es nicht mehr geschafft haben zu fliehen. Die einzigen Antworten auf meine Lösung, die ich gelesen habe, waren einfach wütende Denunziationen und falsche Darstellungen meiner Position. Da ist ein eklatanter Mangel an Bereitschaft, sich intellektuell mit meinem Lösungsvorschlag auseinanderzusetzen. Wenn also Ihr Problem mit der Auslöschung der Amalekiter nicht emotionaler, sondern rein intellektueller Art ist, wie Sie sagen, dann lade ich Sie ein, meine Lösung für dieses Problem näher zu betrachten. Meiner Meinung nach können wir aufgrund dieser Lösung bestätigen, dass es kein Hindernis für die Annahme gibt, dass Gott tatsächlich einen solchen Befehl gegeben hat.

Ich weiß nicht, welche weiteren Unstimmigkeiten Sie im Christentum finden, jedoch möchte ich Sie wirklich ermutigen, dem von mir hier aufgezeigten Muster zu folgen. Versuchen Sie, diese in der richtigen Perspektive innerhalb des auf Beweisen beruhenden Kontextes eines christlichen Weltbildes zu sehen. Bemühen Sie sich um intellektuelle Lösungen dieser Probleme, wenn es sich nicht um rein subjektive Probleme des persönlichen Geschmacks handelt. Wenn Sie keine Lösung für das Problem finden können, halten Sie entweder an der Wahrheit trotz dieser Spannung fest und erwarten Sie später eine endgültige Lösung für das Problem, oder geben Sie diese minimalen Teilaspekte auf, die Sie aufgeben müssten, um ansonsten an einem konsistenten christlichen Weltbild festhalten zu können. Erlauben Sie den Problemen nicht, sich zwischen Sie und eine persönliche Beziehung zu Gott zu stellen.

(Übers.: J. Bothner)

Link to the original article in English: /how-to-deal-with-disagreeable-aspects-of-christianity



[1] Vgl. /media/craig-vs-rosenberg-purdue-university - W.L. Craigs erste Rede mit den acht Argumenten beginnt bei 17m20sec (Anm. d. Übers.)

[2] Frage 16: "Das Abschlachten der Kanaaniter", siehe /german/qa16
Frage 225: "The Slaughter of the Canaanites re-visited" (bislang nur auf Englisch), siehe /the-slaughter-of-the-canaanites-re-visited

- William Lane Craig