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#202 Das „mittlere Wissen“ und die Hölle

January 14, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

zunächst möchte ich Ihnen für diese Website und für Ihre Arbeit danken. Hinter mir liegt eine Zeit, in der ich meinen christlichen Glauben hinterfragte, und bei meinen Nachforschungen bin ich auf Ihre Website gestoßen und so in Kontakt mit Ihren Debatten und Schriften gekommen. Ich bin Ingenieur, und von daher schätze ich es, dass Sie an das Christentum mit Logik und Vernunft herangehen.

Ich habe mich mit einer Glaubensfrage gequält, die Sie in der Vergangenheit einmal aufgegriffen haben – das Problem der Hölle. Für mich ist diese Frage nie ausreichend beantwortet worden, zumindest nicht im Hinblick auf einen ganz speziellen Einwand, den ich habe, und der geht so:

„Wie kann Gott wahrhaft gut sein, wenn er Engel, das Universum und den Menschen im Bewusstsein schuf, dass für eine solche Welt auch eine Hölle erforderlich sein werde, ja, wenn er weiß, dass der Großteil der Menschheit in alle Ewigkeit zur Hölle geht?“

Ich glaube, der Einwand ist wirklich berechtigt, denn auch wenn jemand aufgrund seines freien Willens in die Hölle verdammt wird, ist doch klar: Wenn Gott sein „mittleres Wissen“ gebraucht, muss er gewusst haben, dass diese Person sich freiwillig gegen ihn und damit für die Hölle entscheidet. Dennoch hat der diese Person/Welt/Hölle geschaffen. Dieses Schicksal ist so schrecklich, und die Zahl der Menschen, die verdammt werden, so groß, dass aus meiner Sicht die einzige moralisch vertretbare Wahl gewesen wäre, das Universum und die Menschheit erst gar nicht zu erschaffen – oder dem Menschen keinen freien Willen zu geben.

Ich behaupte, die Hölle ist ein solch schreckliches Schicksal, dass deren Erschaffung als Ort ewiger bewusster Qual (sei diese geistig, wie Sie sagen oder nach traditioneller Auslegung körperlicher Natur) selbst moralisch falsch ist. Aus meiner Sicht jedenfalls ist es nicht zu rechtfertigen, jemanden auf ewig in bewusst erlebte Höllenqualen zu schicken. Ich bin ja selber weit entfernt, in der Liebe vollkommen zu sein, aber selbst ich würde ein solches Schicksal nicht einmal den schlimmsten Vertretern unserer Spezies wie Hitler, Stalin, Pol Pot, usw. wünschen.

In Ihrer Debatte mit Prof. Dr. Bradley – so scheint es mir – umgehen Sie diese Vorstellung, indem Sie sagen: „Warum sollten die Ungläubigen ein Vetorecht über Gottes Schöpfung haben?“ Darauf sage ich: Sie haben nicht um ihre Erschaffung gebeten, und wären sie vor der krassen Wahl gestanden, sich für die Nichtexistenz oder für eine ewige und bewusst erlebte Qual entscheiden zu können, sie hätten sich zweifellos für die Nichtexistenz entschieden. Ich habe mir auch Ihre Debatten über die Existenz Gottes angehört, und daraus geht für mich hervor: Sie deuten die Ablehnung bewusster Qualen als Beispiel zugunsten der Existenz objektiv-moralischer Werte, und doch ist das genau das, von dem Christen glauben, dass Gott es den Ungläubigen antut!

Ich bin sehr gespannt darauf, was Sie auf diese Fragen antworten bzw. ob Sie diese Fragen überhaupt für beantwortbar halten.

Das Problem hat mich so beunruhigt, dass ich darüber beinahe vom Glauben abgefallen bin. Durch Gespräche mit Pastoren meiner Kirche und auch durch Ihre Debatten konnte ich diese Schwierigkeiten überwinden und beim Glauben bleiben. Antworten habe ich auf diese Frage allerdings keine gefunden (weshalb ich mich an Sie wende); es blieb mir nur, so zu reagieren, wie Sie das in Ihren Debatten tun, wenn unleugbare Hinweise auf die Nichtexistenz Gottes auftauchen: in einem anderen Bereich Belege für die Existenz Gottes suchen, die insgesamt plausibler sind als die Belege gegen die Existenz Gottes.

Meine Schlussfolgerungen sehen so aus:

1) Das Problem der Hölle (und meine nachfolgende Behauptung) beruht darauf, dass man zunächst mal von der Grundannahme ausgeht, dass das Christentum wahr ist.

2) Geht man von der Wahrheit des Christentums aus, so muss man auch zustimmen, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist und sein Opfer der einzige Weg ist, zu Gott zu kommen und der Hölle zu entgehen.

3) Gott hat durch Christus der Menschheit nicht nur ein Opfer gebracht, sondern noch bevor er unsere Welt erschaffen hat, muss er logischerweise Christi Opfer schon geplant haben.

4) Gott war, noch bevor er unsere Welt erschuf, zu einem solch qualvollen Opfer bereit, daher ist es plausibel anzunehmen, dass Gott einen sehr guten Grund gehabt haben muss, diese unsere Welt dennoch zu erschaffen.

Ich sehe dies als Möglichkeit zur logischen Versöhnung zweier gegensätzlicher Positionen: Da haben wir einerseits einen Gott, der vollkommen gut ist und der dennoch andererseits Wesen erschafft, die er am Ende zur Hölle schickt. Ich würde gerne Ihre Meinung zu meiner Schlussfolgerung erfahren. Halten Sie sie für logisch gültig? Ist sie von theologischer Relevanz, da sie mir als Schluss erscheint, anhand dessen man alle Einwände „mit einer Klappe“ erschlagen kann?

Wenn ich jetzt auch einen Weg gefunden habe, das Problem zu umgehen, so habe ich dennoch keine Antwort darauf. Neben der Befragung von Gelehrten wie Ihnen liebäugele ich jetzt damit, die Lehre von der völligen Auslöschung der Seelen ("Annihilation") als gültige biblische Lehre zu betrachten. Dazu habe ich ein recht überzeugendes Buch gelesen, das aber so stark von allem abweicht, was ich bisher gehört habe, dass ich lieber noch weiter nachforschen möchte, bevor ich es als gültige Übersetzung bzw. Interpretation betrachte. Wenn Sie Hinweise auf entsprechende Bücher oder Artikel hätten, wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Danke,

John

<ul><li>United States</li></ul>

Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Antwort Prof. Craig

Eine äußerst tiefsinnige und schwierige Frage, John. Ich denke, Ihre Antwort auf den Einwand ist ein guter Griff. Sie unterminieren oder übertrumpfen den Einwand nicht nur[1], sondern bringen eine, wie ich sagen möchte, überwältigende Antwort auf die Schlussfolgerung des Arguments, eine Überlegung nämlich, die wesentlich stärker für den christlichen Glauben spricht als der Einwand gegen diesen Glauben. Es gibt noch lange keinen Grund, das Christentum fahrenzulassen, nur weil wir einen Einwand mal nicht entkräften können; die Verteidigung desselben ist vielmehr vernünftig, wenn es gute Gründe für die Wahrheit des Christentums gibt, die schwerer wiegen als der berechtigte Einwand. Sie können also getrost davon ausgehen, dass Gott gute Gründe hatte, eine Welt zu schaffen, in der sich die Menschen freien Willens auf immer von Gott lossagen können, auch wenn Sie die Gründe dafür nicht kennen. Das scheint mir eine vollkommen vernünftige Antwort zu sein, wenn man die guten Argumente und Hinweise auf die Wahrheit des Christentums und das innere Zeugnis des Heiligen Geistes bedenkt.

Aber dringen wir etwas tiefer in die Materie ein und gehen wir vom schlimmsten Fall aus. Angenommen, der besagte Einwand trifft – was müssten Sie dafür aufgeben? Die Existenz Gottes? Die Auferstehung Jesu? Wohl kaum! Es scheint, als müssten Sie die biblische Irrtumslosigkeit aufgeben, jedenfalls dort, wo von der Realität der Hölle die Rede ist. Das wäre zwar ziemlich schräg, aber noch kein Grund, vom Glauben abzufallen!

Vielleicht bräuchten Sie aber die biblische Irrtumslosigkeit nicht aufzugeben. Wie Sie sagen, kann man immer noch zum Annihilationismus seine Zuflucht nehmen, wie so manche evangelikale Kreise das auch getan haben. Dann scheint Ihr Problem gelöst zu sein.

Aber angenommen, Sie haben Ihre Zweifel am Annihilationismus als korrekter Auslegung der neutestamentlichen Texte zum Thema Hölle, was dann? Dann beachten Sie, dass der Einwand die Lehre vom „mittleren Wissen“ voraussetzt. Denn er geht davon aus, dass Gott, bevor er sich zur Schöpfung entschloss, wusste, wie die einzelnen Menschen auf seine Gnade reagieren würden. Angenommen, er besaß dieses Wissen nicht; in diesem Fall ist der Einwand bedeutungslos. Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, dass das „mittlere Wissen“ eine heiß umstrittene Lehre ist, der sich der bibeltreue Christ keineswegs anschließen muss. Sie können den Einwand also völlig umgehen, indem sie das „mittlere Wissen“ ignorieren. Wie ich hoffe, können Sie langsamerhand schon etwas unbeschwerter atmen.

Aber angenommen, Sie glauben wie ich, dass Gott über dieses „mittlere Wissen“ verfügt. Wie Sie ja schon selbst erwähnt haben, lautet meine Antwort in diesem Fall: Wer Gottes Liebe und Vergebung und seine Rettungsversuche aus freien Stücken ablehnt und sich so gegen Gottes Willen selbst verdammt, sollte auch kein Vetorecht haben, wenn es um die Frage geht, ob es recht sei, wenn Gott eine Welt erschafft, in der eine Unzahl anderer Menschen seine Gnade aus freien Stücken annehmen und also gerettet werden. Weshalb soll die Glückseligkeit und Freude derer, die gerettet werden, von dem verhindert werden können, was böse und unbelehrbare Menschen freiwillig tun? Warum sollte man ihnen erlauben, ein unvergleichbares Gut (etwa die Erschaffung der Erde oder die ewige Gemeinschaft der Erretteten mit Gott; AdÜ) zu verhindern?

Sie sagen, die Ungläubigen „haben nicht um ihre Erschaffung gebeten, und wären sie vor der krassen Wahl gestanden, sich für die Nichtexistenz oder für eine ewige Qual bei Bewusstsein entscheiden zu können, sie hätten sich zweifellos für die Nichtexistenz entschieden“. Diese Antwort scheint die Stoßrichtung meiner Antwort zu übersehen. Selbstverständlich würden es die Verdammten vorziehen, gar nicht erst erschaffen worden zu sein! Das ist offensichtlich! Aber meine Frage lautet, warum Menschen, die Gott aus freien Stücken ablehnen, das Recht haben sollten, die Glückseligkeit und Freude derer zu verhindern, die Gottes Rettung freiwillig annehmen? Auf keinen Fall sollten diese Menschen das Vorrecht erhalten über jene, die sich für Gott entscheiden und ihn lieben! So lange Gott jedem seiner Geschöpfe prinzipiell eine für die Errettung ausreichende Gnade erweist und auch die Erlösung jedes Menschen wünscht, sehe ich nicht, inwiefern es von einer geringeren Liebe Gottes zeugen sollte, wenn er sich entscheidet, eine Welt zu erschaffen, auch wenn in dieser nicht alle Menschen errettet werden, als wenn er auf die Erschaffung einer Welt mit freien Geschöpfen überhaupt verzichtete. (Beachten Sie, dass wir davon ausgehen, dass es für Gott nicht möglich wäre, eine Welt zu erschaffen, in der jeder Mensch errettet wird, ohne dass dabei gravierende Nachteile in Kauf genommen werden müssten.) Wenn darin aber kein Mangel an Liebe zu sehen ist, wo ist dann das Problem?

Sie sagen, die Erschaffung der Hölle sei „selbst eine moralisch verwerfliche Tat“. Ah, da liegt der Hase im Pfeffer! Ihr Einwand wendet sich gar nicht wirklich gegen das Konzept des „mittleren Wissens“, sondern basiert auf der Ansicht, die Hölle sei mit Gottes Wesen unvereinbar. Das wirft ein völlig anderes Licht auf die Dinge. Wie ich anderswo zu zeigen suchte, ist die Realität ewiger Strafen keineswegs unvereinbar mit Gottes Liebe oder Gerechtigkeit (siehe Q&A 35, 55, 172). Sie sollten sich im Hinblick auf Ihre Frage mit diesen Antworten beschäftigen.

Gott wünscht auch niemandem die Hölle, John. Er hat keinen Gefallen am Tod des Gottlosen (Hes 33,11). Wer Gott aber aus freien Stücken ablehnt, hat sein schreckliches Schicksal verdient: schließlich weist er das ewige Leben von sich. Nicht Gott, sondern er selbst ist verantwortlich für die Realität der Hölle. In theoretisch möglichen Welten (und seien sie auch für Gott nicht machbar), in denen jeder entweder stets das Richtige tut oder sich Gott um Vergebung zuwendet, gäbe es auch keine Hölle. Sie existiert nur in denjenigen Welten, in denen rebellische Geschöpfe die Liebe Gottes absichtlich mit Füßen treten und sich so auf ewig von Ihm trennen.

(Übers.: I. Carobbio; L: RN)

Link to the original article in English: /middle-knowledge-and-hell



Anmerkungen

[1] Zur Erläuterung: Gegen eine Überzeugung kann es zwei Arten von Anfechtungsgründen geben: 1. unterminierende Gegengründe (solche, die gegen den Rechtfertigungsgrund der Überzeugung sprechen), und 2. übertrumpfende Gegengründe (die gegen die Überzeugung selber sprechen).

Angenommen, man hat die Überzeugung, das eigene Fahrrad steht vor dem Supermarkt. Die Rechtfertigung dafür sei, dass man sich erinnert, dass man es vor 10 Minuten dort abgestellt und abgeschlossen hat.

Ein unterminierender Anfechtungsgrund könnte sein: man findet den Fahrradschlüssel nicht in seiner Tasche. Man glaubt also, man könnte doch vergessen haben, das Fahrrad abzuschließen oder den Schlüssel mitzunehmen). Damit ist die Rechtfertigung hinfällig.

Ein übertrumpfender Gegengrund könnte sein: Man geht hinaus und sieht: das Fahrrad ist weg. (Damit ist dann sowohl die Überzeugung widerlegt als auch die Rechtfertigung entkräftet).

Gegen diese (unterminierenden ober übertrumpfenden) Anfechtungsgründe könnte es ihrerseits unterminierende oder übertrumpfende Anfechtungsgründe geben, etc.

Ein überwältigender Grund kann ein Grund sein, der so starke Überzeugungskraft hat, dass er von vorneherein in der Lage ist, potentielle Gegengründe zu entkräften, die da noch kommen mögen. Wer z.B. persönlich im Wald ein Rhinozeros sieht, kann (wenn er sich mit Tierarten gut auskennt) durch diese Erfahrung so stark in der Überzeugung gerechtfertigt sein, dass Rhinozerosse nicht ausgestorben sind, dass er auch durch anderslautende Berichte in der Zeitung nicht davon abgebracht wird.

Um dies auf die Theologie zu übertragen: Eine Erfahrung mit Gott könnte so "überwältigend" sein, dass sie in der Lage ist, Argumente gegen die Existenz Gottes zu entkräften.
Eine Einführung in das Thema "Erkenntnistheoretische Rechtfertigung" findet sich z.B. in Thomas Grundmann: Analytische Einführung in die Erkenntnistheorie, Berlin 2008: Walter de Gruyter, Kap. 4, S. 223-276.
(Anm. d. L.)

- William Lane Craig