#47 Können Menschen im Himmel noch sündigen?
January 14, 2016Sehr geehrter Prof. Craig,
Es ist jetzt gut zwei Jahre her, da habe ich einen Ihrer Vorträge bei der „Two-Tasks“–Konferenz in Baltimore besucht. Ihr unermüdlicher Einsatz für die gute Sache ist bewundernswert! Möge Gott Sie weiterhin stärken und Ihre persönliche Beziehung zum Ihm vertiefen.
Ich habe da eine Frage zum Problem des Bösen, die meiner Auffassung nach bis heute nicht recht beantwortet worden ist. Wieder und wieder hat mir diese Frage Kopfzerbrechen bereitet; ich fürchte, meine christliche Apologetik ist hier angreifbar.
Sie lautet zusammengefasst etwa so:
"Wie kann Gott sicherstellen, dass es unter den Geretteten im Himmel keine Sünde mehr geben wird?"
Einige mögliche Antworten lassen ich gleich folgen. Diese Antworten entstammen eigenem Nachdenken, allerdings unter dem Einfluss einiger populärwissenschaftlicher Texte. Einige Skeptiker haben sich diese Frage auch schon gestellt. Welche dieser Antworten ist wohl die beste, biblischste und philosophisch die kohärenteste Antwort? Oder könnten Sie selbst eine alternative Antwort geben, auf die ich bisher nicht gekommen bin?
(Vorbemerkung: wenn ich "wir" sage, meine ich die Geretteten / Erwählten.)
Antwort 1: Es gibt KEINEN freien Willen im Himmel. Die Geretteten sind und bleiben unwandelbar gut, und sie haben im Himmel nicht die freie Wahl zu sündigen, und werden auch nicht versucht zur Sünde oder zum Bösen.
Einwand: Es heißt doch, dass die Geretteten im Himmel Gott auf ewig lieben und ihn verehren werden. Aber kann man denn Gott lieben und ihn verehren ohne freien Willen? (Wenn ja, dann funktioniert aber die "Free Will Defense" gegen das Problem des Bösen nicht mehr[1]). Kann man dann aber noch von Liebe sprechen, wenn der Mensch keinen freien Willen hat?
Antwort 2: Es GIBT im Himmel einen freien Willen. Wir werden auch im Himmel weiterhin die Fähigkeit haben, uns für das Böse zu entscheiden. Aber in unserem verherrlichten Körper und mit unserem erneuerten Wesen verabscheuen wir das Böse (wir haben keine bösen Triebe oder Neigungen), und daher entscheiden wir uns nie für das Böse. Wenn wir über Gott selber nachdenken, wird diese Antwort plausibler: Gott ist frei, verabscheut das Böse, und ist vollkommene Liebe. Vielleicht sollte man "freien Willen" enger definieren als die prinzipielle Fähigkeit, sich für etwas zu entscheiden, auch wenn man das aufgrund der eigenen Natur nie tun würde.
Einwand: Wenn dem so wäre, warum hat Gott dann nicht Adam schon so geschaffen, dass er keinerlei Neigung zum Bösen hatte? Inwiefern unterschiede sich Adams Wesen vor dem Sündenfall dann vom Wesen der Menschen später im Himmel gemäß Antwort 2?
Antwort 3: Es gibt KEINEN freien Willen im Himmel. Allerdings darf man sich den Himmel nicht losgelöst von der Entscheidung betrachten, die man auf der Erde getroffen hat und die zum ewigen Leben geführt hat. Wir hatten während unseres Lebens auf der Erde den freien Willen, und Gott hat die freie Entscheidung, die zur Errettung führt, nämlich Christus anzunehmen, einfach nach dem Tod auf ewig versiegelt oder zementiert. So lebt auch die Liebe im Himmel noch weiter, denn Gott bestätigt unsere freie Willensentscheidung, die wir während unseres irdischen Lebens getroffen haben, nämlich Gott zu folgen und ihn zu lieben. (Dieser Gedanke ist vermutlich leicht angreifbar, ich habe ihn noch nicht zu Ende durchdacht).
Vielen Dank im Voraus.
Gary.
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Dr. craig’s response
A [
Bei Fragen wie dieser sind wir auf Spekulationen angewiesen, daher gibt es womöglich mehrere plausible Antworten. Insoweit wir es mit Skeptikern zu tun haben, wären sie am Zug, hier eine Inkohärenz nachzuweisen, und das scheint mir sehr schwierig zu erreichen.
Ich persönlich neige zu einer Sicht, die in die Richtung von Antwort (3) geht. Gott hat uns sozusagen mit einer "epistemischen Distanz" geschaffen, die uns die Freiheit erlaubt, gegen Ihn zu rebellieren und uns von Ihm zu trennen. Diese Welt ist eine Art "Tal der Enscheidung", in dem wir uns entscheiden können, ob wir auf ewig mit Gott leben wollen oder ihn ablehnen wollen und uns so unwiderruflich von ihm trennen. Wie im Zusammenhang mit der Frage der "Verborgenheit Gottes" von vielen Philosophen betont wurde, hätte Gott uns seine Existenz in überwältigender Weise offenbar machen können, wenn er das gewollt hätte. Während dieses Lebens "sehen wir jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild", wie der Apostel Paulus sich ausdrückt; aber eines Tages (im Himmel) werden wir ihn "von Angesicht zu Angesicht" sehen (1. Kor. 13,12). Einige Theologen im Mittelalter sprachen von der "seligen Gottesschau", die den Gesegneten im Himmel zuteilwerden wird. Dort wird der Schleier weggenommen werden, und wir werden Christus in all seiner Herrlichkeit und Majestät sehen. Die Schau Christi, der Quelle der unendlichen Güte und Liebe, wird so überwältigend sein, dass sie alle Neigungen zur Sünde beseitigen wird. Ich denke dabei an Eisenspäne in unmittelbarer Nähe eines ultrastarken Magneten. Die Späne werden so stark vom Magneten angezogen, dass sie einfach keine Möglichkeit mehr haben, sich von ihm zu lösen. So wird es den Erlösten im Himmel ergehen.
Etwas Ähnliches dürften die Engel derzeit erleben. Sie waren schon von Anfang an so geschaffen, dass sie Gott sehr klar erkennen konnten, ihm also epistemisch (die Erkenntnis betreffend) schon recht nahe standen. Sie hatten dann eine gewisse Zeit, sich für oder gegen Gott zu entscheiden. Diejenigen, die sich für Gott entschieden hatten, wurden dann mit der "Seligen Gottesschau" versiegelt, so dass sie nicht mehr von Gott abfallen konnten. Die gefallenen Engel sind der Satan und seine Knechte, die Dämonen.
Für mich ist diese Frage damit zufriedenstellend beantwortet. Wenn man aber die Lehre vom mittleren Wissen vertritt, könnte man sich auch einer Version von Antwort (2) anschließen, die ebenfalls haltbar ist: Gott habe durch sein mittleres Wissen genau gewusst, welche Erlösten und Verherrlichten im Himmel aus freien Stücken unter seiner Gnade bleiben würden, obwohl sie weiterhin die Freiheit hätten zu sündigen. Gott hat beschlossen, eine Welt zu schaffen, in der alle, die gerettet würden, genau solche Personen sein werden. Also würde jeder, der in den Himmel kommt, aus freien Stücken bei Gott bleiben. Sie könnten zwar abfallen, werden es aber einfach nicht tun. Interessanterweise könnte die Schöpfung so einer Welt beinhalten, dass Gott viele sonst sehr unerwünschte Eigenschaften der Welt in Kauf nehmen muss, wie etwa viel an natürlichem und moralischem Übel. Vielleicht wäre es nur in so einer Welt der Fall, dass alle, die sich aus freien Stücken Gott zuwenden und gerettet werden, dann auch im Himmel aus freien Stücken bei Gott bleiben würden. Diese Sichtweise wäre offensichtlich relevant für das Problem vom Bösen.
Ich persönlich ziehe Antwort (3) vor, denn es erscheint mir richtig, dass die ungetrübte Schau Christi so überwältigend attraktiv ist, dass die Freiheit, sich ihr zu entziehen, schlichtweg nicht mehr vorhanden ist.
(Übers.: R. Nolte / I. Carobbio)
Link to the original article in English: /can-people-in-heaven-sin
[1] Die "Free Will Defense" wurde u.a. von dem christlichen Religionsphilosophen Alvin Plantinga formuliert und ist ein Argument gegen die logische Version des Problems des Bösen.
Zunächst zur Einteilung der verschiedenen Arten des "Problems des Bösen": Das Problem des Bösen kann eingeteilt werden in das intellektuelle Problem des Bösen, das sich der Thematik argumentativ nähert, sowie das emotionale Problem des Bösen, das sich mit der emotionalen Abneigung Gottes angesichts des Leides in der Welt befasst.
Das intellektuelle Problem des Bösen wiederum kann in das logische und das probabilistische Problem des Bösen unterteilt werden. Nach der logischen Version besteht ein direkter logischer Widerspruch zwischen der Existenz des liebenden und allmächtigen Gottes und der Existenz des Bösen. Denn die Existenz eines allmächtigen Gottes (der das Böse verhindern kann) und all-gütigen Gottes (der das Böse verhindern will) sei logisch nicht vereinbar mit der Existenz des Bösen in der Welt; man müsse also schließen, dass Gott entweder nicht allmächtig oder nicht all-gütig ist. Beides ist mit der christlichen Gottesvorstellung nicht vereinbar. Nach der probabilistischen Version besteht zwar kein direkter Widerspruch, jedoch sei Gottes Existenz angesichts der Existenz von Übel, Leid und Bösem eher unwahrscheinlich.
Die Free Will Defense möchte also eine Antwort auf die logische Version des Problem des Bösen geben. Nach der Free Will Defense ist es zumindest denkbar, dass Gott zwar allmächtig ist (also alle logisch möglichen Dinge tun kann), aber dennoch nicht eine Welt schaffen kann, in der Menschen sowohl einen freien Willen haben (also zwischen gut und böse wählen können), als auch freiwillig immer das Gute tun. Denn freier Wille impliziert die Möglichkeit, sich auch für das Böse entscheiden zu können.
Vgl. den Artikel auf dieser Webseite /german/Das-Problem-des-ubels, der sich ausführlich mit den drei Versionen (logisch, probabilistisch, emotional) befasst.
(Anm. d. Ü.)
- William Lane Craig
