#22 Muss ein Atheist allwissend sein?
January 14, 2016Sehr geehrter Prof. Craig,
ich habe bereits einige christliche Philosophen erklären hören, dass der Atheismus nicht haltbar ist, weil man philosophisch / logisch ein absolutes Negatives nicht vertreten kann. Außerdem müsste man allwissend sein, um absolute Gewissheit zu haben, dass es keinen Gott gibt. Wie sollen wir reagieren, wenn jemand dasselbe über Theisten sagt? Müsste ein Theist nicht allwissend sein, um gewiss sein zu können, dass Gott existiert? Danke!
Annissa
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Dr. craig’s response
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Ich habe auch schon miterlebt, wie mit diesen beiden Behauptungen in populärwissenschaftlich-apologetischen Diskussionen hantiert wurde, und ich finde keine von ihnen überzeugend.
Die erste Behauptung kommt ironischerweise für gewöhnlich von atheistischer Seite, die sich in der Diskussion damit von jeglicher Beweislast befreien wollen. Normalerweise wird dabei behauptet, dass eine universell negative Aussage nicht bewiesen werden kann und die Behauptung „Es gibt keinen Gott“ daher nicht beweisbar ist. Meistens wird zudem eine zweite Behauptung als Grund dafür angeführt, dass eine universell negative Aussage nicht bewiesen werden kann: Egal, wie viel Wissen man erlangt hat, es wird immer etwas geben, was man noch nicht weiß, und vielleicht gehört dazu genau die Ausnahme der Regel. Man könne also nie beweisen, dass es keinen Gott gibt. Paradoxerweise wird das irgendwie nicht als Eingeständnis dafür interpretiert, dass der Atheismus nicht zu verteidigen ist, sondern als Demonstration dafür, dass er keine Verteidigung benötigt.
Leider wird das Argument an verschiedenen Stellen falsch verstanden.
Erstens: Negative, universell quantifizierte Aussagen können bewiesen werden. Das tun wir ständig. Wenn wir Aussagen über „alles“ oder „kein“ treffen, sprechen wir darüber, was in Bezug auf einen bestimmten Bereich zutrifft. Wir sagen, dass alle Elemente oder kein Element dieses Bereichs diese Eigenschaft haben bzw. hat. Wenn das Gebiet nicht zu groß ist, kann ich selbstsicher universell quantifizierte positive oder negative Aussagen treffen. Ich bin mir z. B. ziemlich sicher, dass „kein US-Senator Muslim ist“. Oder wenn ich ein typisches Musterstück oder eine repräsentative Stichprobe aus einem bestimmten Bereich habe, kann ich auf Basis der Indizien der Stichprobe induktive Schlüsse für das Ganze ziehen, auch wenn der ganze Bereich zu groß wäre, als dass ich ihn erforschen könnte. Wenn ich also zum Beispiel alle Mikroben auf der Erde als meinen betrachteten Bereich nehme, kann ich selbstsicher behaupten: „Keine Mikrobe hat ein Gehirn.“
Darauf könnte nun jemand einwenden, dass es zugegebenermaßen stimmt, dass negative universelle Aussagen manchmal bewiesen werden können; im Falle Gottes ist der Bereich aber trotzdem zu groß und unsere Stichprobe zu klein, als dass wir zu einer negativen Schlussfolgerung kommen könnten. Doch die Verfechter dieses Arguments scheinen zu denken, dass man feststellt, ob Gott existiert, indem man eine Art universelle Studie durchführt und nach der Existenz von etwas Ausschau hält, das auf die Beschreibung Gottes passt. Allerdings gibt es andere Wege als induktive Studien, um zum Wissen zu gelangen, dass negative, universell quantifizierte Aussagen wahr sind.
Wir können beispielsweise aufgrund der essentiellen Eigenschaften der Dinge wissen, dass negative, universell quantifizierte Aussagen wahr sind, wie in diesem Fall: „Kein Wassermolekül besteht aus CO2.“ Selbst wenn etwas wie Wasser aussähe und sich so verhielte, wäre es kein Wasser, sondern eine wasserähnliche Substanz. Auch wenn wir beweisen können, dass etwas logisch unmöglich ist, wissen wir, dass es nicht existiert, z. B.: „Es gibt keine verheirateten Junggesellen.“ Viele Atheisten haben diese Methode schon ausprobiert, um zu beweisen, dass Gott nicht existiert. Sie behaupten dabei, dass die Vorstellung eines allmächtigen und allwissenden Wesens widersprüchlich ist.
Oft führen Atheisten auch deduktive Argumente gegen Gottes Existenz an, die Gottes Existenz ohne induktive Studie ausschließen. Ein Atheist könnte beispielsweise folgendermaßen argumentieren:
1. Wenn Gott existiert, existiert kein unnötiges (sinnloses, überflüssiges) Übel.
2. Unnötiges Übel existiert.
3. Also existiert Gott nicht.
Wenn die Prämissen dieses Arguments wahr sind, folgt daraus, dass Gott nicht existiert.
Es ist also keineswegs unmöglich, negative, universell quantifizierte Aussagen zu beweisen, und durch die Geschichte hindurch haben schon viele Atheisten versucht, mit nicht-induktiven Argumenten zu belegen, dass es keinen Gott gibt.
Zweitens: Die Aussage, dass „Gott nicht existiert“, ist keine universell quantifizierte Aussage. Wenn ein Theist behauptet, dass „Gott existiert“, wird das Wort „Gott“ als Eigenname verwendet, und nicht als Gattungsbegriff. Seine Behauptung gleicht nicht der Aussage „Hunde existieren“, sondern der Aussage „Bello existiert“. Um zu beweisen, dass Gott nicht existiert, braucht man nicht zu beweisen, dass es überhaupt keine Götter gibt. Wir interessieren uns für ein bestimmtes Wesen, nicht für alles andere, was man sich in der Welt schon vorgestellt und was man schon angebetet hat. Die Behauptung „Gott existiert nicht“ ist also eigentlich eine singuläre Behauptung wie „Sherlock Holmes existiert nicht“ oder „Harry Potter“ existiert nicht. Niemand ist der Meinung, dass negative, singuläre Behauptungen nicht bewiesen werden können.
Ob diese Behauptung also von einem Atheisten in dem Versuch aufgestellt wird, sich der Beweislast zu entziehen, oder von einem christlichen Apologeten, der zu beweisen beabsichtigt, dass der Atheismus inhärent unbeweisbar ist – meines Erachtens ist die Behauptung falsch. Natürlich gibt es keine absolute Gewissheit, aber das ist auch wirklich ein Ablenkungsmanöver, da wir schließlich bei fast nichts absolute Gewissheit haben. Die Forderung nach absoluter Gewissheit wird nur zu Skeptizismus führen, den kein Mensch in seinem Alltag zur Leitschnur nehmen kann.
Nun zu Ihrer Frage, ob dieses Argument für den Theisten nicht nach hinten losgeht: Mir scheint so, ja. Auf den ersten Blick scheint es vielleicht eine Asymmetrie zwischen dem Theisten und dem Atheisten zu geben. Wenn Sie wissen, dass Gott existiert, spielt es keine Rolle, welche Fakten außerhalb Ihrer Wissensdomäne liegen – Sie wissen trotzdem, dass Gott existiert. Doch wenn Sie nicht wissen, dass Gott existiert, dann liegt dieser Fakt vielleicht einfach nur außerhalb Ihres Wissensbereichs. Ein veranschaulichendes Beispiel: Wenn Sie goldenen Marmor finden würden, würden Sie wissen, dass goldener Marmor existiert, unabhängig davon, welche Fakten außerhalb Ihres begrenzten Wissensbereichs liegen; doch wenn Sie keinen goldenen Marmor gefunden haben, ist das kein guter Grund dafür, der Meinung zu sein, dass goldener Marmor nicht existiert, denn vielleicht liegt der Beleg für seine Existenz außerhalb Ihres begrenzten Wissensbereichs.
Der Schwachpunkt an dieser Argumentation ist, dass es nicht nur sein könnte, dass ein Atheist nichts von Gottes Existenz weiß, sondern dass es auch sein könnte, dass er sicher weiß, dass Gott nicht existiert, und dann wüsste er das auch unabhängig davon, welche Fakten außerhalb seines Wissensbereichs liegen. Es muss also weder der Theist noch der Atheist allwissend sein, um zu wissen, was er zu wissen behauptet.
Diese Antwort geht aber vielleicht an der eigentlichen Sache vorbei. Die Sache, möchte man vielleicht behaupten, ist, dass der Theist auf Basis seines begrenzten Wissens zum Glauben berechtigt sein könnte, dass Gott existiert, während der Atheist auf Basis der begrenzten Belege, dass Gott nicht existiert, niemals zum Glauben berechtigt sein kann, dass Gott nicht existiert.
Doch wie wir gesehen haben, besteht kein guter Grund, der Meinung zu sein, dass das der Fall ist. Mit diesem Argument geht man davon aus, dass man wissen kann, ob Gott existiert oder nicht, indem man eine Art induktive Studie durchführt und schaut, ob Gott sich irgendwann im Schleppnetz verfängt. Vielmehr scheinen die Beweislage eines Theisten und eines Atheisten symmetrisch zu sein. Außerhalb des Wissensbereichs eines Atheisten könnte der Beleg dafür liegen, dass Gott existiert; doch genauso gut könnte außerhalb des Wissensbereichs des Theisten der entscheidende Beweis dafür liegen, dass Gott nicht existiert.
Unterm Strich haben wir keine andere Wahl, als auf Basis des Wissens und der Belege, die wir haben, zu urteilen – wie in allen anderen Bereichen des Lebens auch.
(Übers.: J. Booker).
Link to the original article in English: /must-the-atheist-be-omniscient
- William Lane Craig