#349 Das Moralargument für die Existenz Gottes
January 14, 2016Sehr geehrter Prof. Craig,
ich bin ein agnostischer Atheist (bzw. was ich genau bin, weiß ich eigentlich nicht, jedenfalls glaube ich nicht an Gott oder Götter). Ich habe Ihr „Weihnachtsgeschenk für Atheisten“ in der Druckausgabe von FoxNews gelesen[1]. Es hat mich auf Sie und Ihre Sichtweisen hingewiesen. Ich gebe zu: Meine erste Reaktion war ziemlich emotional („Wie kann er es wagen!“), doch diese Emotionen machten bald verschiedenen Fragen und Gedanken Platz. Weil ich nun Ihre Antwort auf die Frage eines anderen Atheisten gelesen habe, möchte ich noch auf zwei Gedanken zurückkommen, die Sie dort erwähnt haben. Sie sagen: „Ich hoffe, die Argumente und Materialien, die ich angeführt habe, bewegen Sie dazu, Ihren Atheismus zu überdenken. Wie wäre das, wenn es Gott wirklich gäbe?“ Ihre Argumente und Gedanken haben mich tatsächlich bewogen, meinen Atheismus zu hinterfragen; und mir scheint, der Atheismus (oder welche Glaubenstradition auch immer) hat wenig Sinn für mich, wenn man ihn nicht ständig hinterfragt. Ja, das wäre schon was, wenn es Gott tatsächlich gäbe; ich weiß zwar nicht wirklich, was das genau wäre, bezweifle aber, dass die Verifikation der Existenz Gottes mich zwänge, dem moralischen Diktat der Bibel oder irgend einer anderen Religion zu folgen – mein subjektives Moralverständnis führt mich immer wieder dazu, viele der Anordnungen Gottes selbst für unmoralisch zu halten. So ist Ihr Argument zur Objektivität der Moral in den Fokus meines Denkens gerückt.
In Ihrer Antwort auf Frage 16 (Thema: Die Ausrottung der Kanaaniter) fassen Sie Ihr Argument zugunsten einer objektiven Moral recht prägnant zusammen:
P1: Wenn es Gott nicht gibt, gibt es auch keine objektiven moralischen Werte.
P2: Es gibt objektive moralische Werte.
K: Daher gibt es einen Gott.
Mit dieser Analyse habe ich so meine Probleme. Das erste besteht darin, dass ich gar nicht an objektive Moralvorstellungen glaube. Doch selbst wenn ich deren Existenz einräume, versagt Ihre Logik hier. Ihre erste Aussage oben besagt nur, was im Hinblick auf die objektive Moral zuträfe, sollte Gott nicht existieren. Es sagt nichts über Gottes Eigenschaften aus, wenn eine objektive Moral doch existiert. Kurz gesagt, Sie tun so als sei die erste Aussage (P1) eine „Genau-dann-wenn-Aussage“, dabei handelt es sich jedoch nur um eine einfache „Wenn-dann-Aussage“. Die zweite Aussage (P2) erfüllt das „wenn“ in Ihrer „Wenn-dann-Aussage“ nicht, und daher ist Aussage 3 (Konklusion K) keine gültige logische Schlussfolgerung.
Wie ich schon angedeutet habe, glaube ich nicht an objektive Moralvorstellungen. Bei der Lektüre Ihrer Schriften zu diesem Thema ist mir aufgefallen, dass Sie sich auf Argumente konzentrieren, wie Skeptiker und Atheisten sie immer wieder bringen, nämlich dass bestimmte Handlungen, die der Gott der Bibel anordnet oder auch stillschweigend billigt, unmoralisch seien. Ihre Argumente hinterfragen die Richtigkeit dieses Eindrucks; Sie untersuchen, inwiefern Gott existiert und stets die Grundlage einer objektiven Moral ist.
Mein Problem ergibt sich aus der Vorstellung, Gott existiere jenseits jeglicher Subjektivität. Nach dem Wörterbuch von Webster bedeutet Objektivität etwa: „auf Fakten, nicht auf Gefühlen oder Meinungen gegründet“. In jedem Bericht über Gott, von dem ich gehört oder gelesen habe, wird er als jemand dargestellt, der nicht ohne Gefühle ist, und es scheint, als seien auch die Gebote, die er gibt, von solchen Gefühlen geleitet. Er ist ja ein „eifersüchtiger Gott“, ein rachesüchtiger Gott. Er ist ein Gott, der geliebt werden will und der jede Beleidigung seines Namens ernstnimmt. Obgleich ich die Christen verstehe, die Gott als Grundlage oder Basis der Moral sehen, kann ich nicht begreifen, wie ein Gott, der sich dermaßen von seinen Gefühlen leiten lässt, als „objektiv“ bezeichnet werden kann.
Selbst wenn ich von einem Schöpfergott ausgehe, leitet sich doch daraus nicht ab, dass Gott objektiv sei oder Autorität in Sachen Moral habe. Ist es möglich, dass ein Schöpfer seiner Schöpfung wirklich objektiv gegenübersteht? Bedeutet Schöpfersein, dass man moralische Autorität hat? Ich bestreite das.
Ich behaupte, die Moral ist immer subjektiv, da sie von ihrem Wesen her ein Teil der conditio humana ist. Es gibt Lebenslagen, in denen es kein objektiv „richtig“ oder „falsch“ gibt, auch wenn es viele Situationen geben mag, die zugunsten des „größeren Allgemeinguten“ offenbar etwas Unmoralisches rechtfertigen.
Dwight
<ul><li>United States</li></ul>
Dr. craig’s response
A [
Ich freue mich, dass Ihnen der Beitrag auf FoxNews gefallen hat, Dwight! Ich freue mich auch sehr darüber, dass Sie hier nachfragen und Ihre ursprüngliche emotionale Reaktion überwunden haben, um der Frage vernünftig und leidenschaftslos nachzugehen! Ja, wenn Gott existierte, dann „wäre das etwas“, und die wichtigste Frage des Lebens hieße dann: „Wie komme ich in eine richtige Beziehung zu dieser Person, der ich jeden Moment und Augenblick meines Seins verdanke?“
Was nun das Moralargument anbetrifft, akzeptieren Sie die Prämisse (1), behaupten aber, meine Logik „versage“ an dieser Stelle, so dass aus (1) und (2) nicht gültig auf (3) geschlossen werden könne. Da haben Sie allerdings etwas missverstanden, Dwight. Die logische Schlussfolgerung ist einwandfrei. Ich lege die Ableitung der Schlüsse hier symbolisch dar:
1. ¬ p → ¬ q (Prämisse)
2. q (Prämisse)
3. ¬ ¬ q (doppelte Verneinung, aus 2)
4. ∴ ¬ ¬ p (modus tollens, aus 1, 3)
5. ∴ p (doppelte Verneinung, aus 4)
Ich habe bei der Darstellung dieses Arguments die beiden Prämissen 3 und 4 mit den doppelten Verneinungen weggelassen, denn diese kann man sich sehr einfach hinzudenken. Das Argument für die Existenz Gottes ist also gültig. Die einzige Frage ist also: Sind die Prämissen wahr?
Wir sind uns ja in einer Sache einig: Wenn Gott nicht existiert, gibt es auch keine objektiven moralischen Werte und Pflichten. Was Sie sich aber selbst fragen sollten: Warum glauben Sie, es gibt keine objektiven moralischen Werte? Sie könnten sagen, weil es keinen Gott gibt. Aber wie können Sie das wissen? Welches von beiden halten Sie für plausibler oder besser begründet: die Existenz objektiver Moralvorstellungen oder die Nichtexistenz Gottes? Sie bräuchten schon ziemlich eindrucksvolle Argumente für den Atheismus, damit diese mehr Evidenz haben als die moralische Erfahrung. Aber haben Sie diese wirklich?
Sie argumentieren, ein Gott, der subjektive Empfindungen hat, könne nicht die Grundlage objektiver Moralvorstellungen sein. Aber das ist ein Missverständnis. Ich habe gesagt, objektive Moralvorstellungen sind in Gottes Wesen verankert, nicht in seinem Willen, und dieses Wesen bringt er in Form der Zehn Gebote, die unsere moralische Verpflichtung darstellen, zum Ausdruck. Gott mag durchaus subjektive Empfindungen haben, doch die sind nicht die Basis moralischer Werte oder Pflichten. Weit davon entfernt, mit objektiven Moralvorstellungen und -pflichten unvereinbar zu sein, sind subjektive Gefühle wie Mitleid, moralische Entrüstung, Sympathie usf. genau genommen Teil eines Wesens vollkommener Güte und moralischer Integrität.
Ich vermute, Ihr Problem ist eher, dass Sie einige dieser moralischen Empfindungen nicht teilen, die Gott zugeschrieben werden und dass Sie aus diesem Grund leugnen, dass er das Fundament der Moral ist. Doch so geraten Sie in eine merkwürdige Situation, denn Sie haben ja gesagt, Sie glauben nicht an die Existenz objektiver Moralvorstellungen und -pflichten. Warum also die Entrüstung über einen eifersüchtigen, rachelüsternen und egozentrischen Gott? Wenn Sie davon ausgehen, dass es keine objektiven moralischen Werte gibt, dann ist an solchen Gefühlslagen ja nichts Falsches! Dann können Sie gegen die theistische Moral lediglich einwenden, dass eine auf dem Theismus basierende Moral irgendwie inkonsistent oder selbstwidersprüchlich ist. Doch das Beweisziel meines Kommentars zur Ausrottung der Kanaaniter, den Sie erwähnen, liegt ja genau darin, zu zeigen, dass hier kein Widerspruch und keine Inkonsistenz vorliegt. Es scheint mir, Sie glauben im Grunde doch an die Existenz objektiver Moralvorstellungen.
Lassen Sie mich zuletzt noch auf etwas hinweisen. Da Gott das höchste Gut ist, stehen wir in der moralischen Pflicht, ihn zu lieben und zu verehren; er wäre böse, wenn er sich nicht darum kümmerte, ob seine Geschöpfe ihren moralischen Verpflichtungen nachkommen oder nicht.
Vielleicht liegt die Schwierigkeit darin, dass Sie sich Gott nur als Schöpfer vorstellen, und Sie haben Recht, dass Schöpfer zu sein noch nicht heißt, moralische Autorität zu haben. Doch die theistische Gottesvorstellung ist viel umfassender als die bloße Vorstellung eines Schöpfers und Designers des Universums. Er ist auch das, was Plato „das Gute“ nannte, also Paradigma, Musterbeispiel und Ort moralischer Werte. Daher wird er völlig zurecht als Grundlage objektiver moralischer Werte und Pflichten angesehen.
(Übers.: I. Carobbio)
Link to the original article in English: /the-moral-argument-for-god
[1] http://www.foxnews.com/opinion/2013/12/13/christmas-gift-for-atheists-five-reasons-why-god-exists.html
- William Lane Craig
