#9 Die kausale Prämisse des kalam-kosmologischen Argumentes
September 29, 2015Sehr geehrter Prof. Craig,
Sie formulieren das Kosmologische Argument folgendermaßen:
(1) Was anfängt zu existieren, hat eine Ursache.
(2) Das Universum begann zu existieren.
(3) Also hat das Universum eine Ursache.
Mich verwirrt die erste Prämisse. Die angeführten Belege für (1) scheinen creatio ex nihilo, also die Schöpfung aus dem Nichts, zu untergraben. Der Aufforderung, (1) zu verteidigen, entgegen Sie meistens so etwas wie „Sein kann nicht aus dem Nicht-Sein entstehen“, „Von nichts kommt nichts“, usw. (1) ist also wahr, weil: (A) Etwas kann unmöglich aus dem Nichts entstehen. Sie behaupten, die Begründung (A) sei offensichtlich, und nennen sie „ein wesentliches Prinzip der Metaphysik“. Wenn sie „unmöglich“ sagen – in welchem Sinne ist dann „Unmöglichkeit“ bzw. „Möglichkeit“ hier zu verstehen? Damit kann nicht die physikalische Möglichkeit gemeint sein, denn die Naturgesetze gelten sicher nicht für die Schöpfung. Soweit ich das verstehe, muss „Möglichkeit“ hier so viel wie logische Möglichkeit bedeuten. Aber wenn es logisch unmöglich ist, dass etwas aus dem Nichts entsteht, dann ist es auch für Gott nicht möglich, etwas aus dem Nichts entstehen zu lassen. Gott kann ja logische Gesetze nicht brechen, stimmt’s?
Mir scheint, als wollten Sie eigentlich so etwas sagen wie: (B) Etwas kann unmöglich aus dem Nichts entstehen – ohne Ursache. Doch in B steckt nichts von der Selbstverständlichkeit und intuitiven Kraft, die in A steckt. Wir finden es nicht rätselhaft, dass etwas ohne Ursache aus dem Nichts entsteht, sondern bloß, dass etwas aus dem Nichts entsteht.
Das wird von Ihrer eigenen Verwunderung über die ex-nihilo-Lehre belegt. Soweit ich das sehe, wird Ihre Argumentation abduktiv, wenn Sie auf diesen Punkt angesprochen werden. Sie sagen dann so etwas wie: „Ich weiß nicht, wie Gott das Universum aus dem Nichts erschaffen hat; ich weiß nur, dass es doppelt absurd ist, zu behaupten, es sei ohne Ursache passiert.“ Doppelte Absurdität gibt es aber nicht; es gibt nur Absurdität – und beide Erklärungen sind absurd. Es ist erforderlich, dass Gott eine bessere Erklärung darstellt als ein Ereignis ohne Kausalität (wenn das denn tatsächlich die einzige Alternative ist). Ich weiß nicht genau, wie man die notwendigen und ausreichenden Bedingungen für eine gute Erklärung definiert, aber ich glaube, es hat damit zu tun, ob Sachverhalte entwirrt werden. Das heißt, nach einer guten Erklärung sollten wir in Bezug auf das jeweilige Phänomen weniger verwirrt sein. Doch wenn die Vorstellung, dass etwas aus dem Nichts ins Dasein springt, verwirrend bis absurd ist – ist die Vorstellung, dass jemand dabeisteht und sagt: „es entstehe dies und jenes aus dem Nichts…“, dann wirklich weniger absurd?
Ich weiß es nicht.
Außerdem ist das eine radikal andere Art von Kausalität. Welchen Begriff von Kausalität man nun genau verwendet, ich denke, es muss sich letztlich um eine Art „Wirkursächlichkeit“ handeln. Wenn wir Wirkursächlichkeit in der Welt beobachten, dann beobachten wir, wie etwas auf etwas anderes einwirkt, um ein Ergebnis hervorzubringen. Ich glaube, ich kann verstehen, was es bedeutet, wenn ein Mensch z. B. auf einen Steinblock einwirkt, um eine Statue herzustellen. Ich finde, das ist eine absolut verständliche Vorstellung von Kausalität. Doch wenn ein Mensch auf „nichts“ einwirkt, sodass dadurch „etwas“ hervorgebracht wird – um welche Art von Kausalität würde es sich dabei handeln? Wirkursächlichkeit (bewirkende Kausalität) als Schöpfung oder „Hervorbringen“ bedeutet eine Einwirkung auf etwas schon Existierendes. Ganz egal also, welche Art von Kausalität Sie hier meinen – sie unterscheidet sich radikal von allem, was wir sonst unter dem Begriff verstehen. Und je weniger ich diese Vorstellung von Kausalität verstehe, desto weniger bin ich geneigt, die Gotteshypothese als die bessere Erklärung zu betrachten.
William
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Dr. craig’s response
A [
Um Ihre komplexe Frage zu beantworten, William, möchte ich zunächst noch einmal die drei von mir angeführten Gründe dafür aufgreifen, dass ich an die Wahrheit der ersten Prämisse des kalam-kosmologischen Argumentes glaube. Zuallererst einmal ist die kausale Prämisse in der metaphysischen Intuition verwurzelt, dass etwas nicht aus dem Nichts entstehen kann. Wenn man behauptet, dass etwas einfach ohne Ursache ins Dasein springen kann, dann hat das nichts mehr mit Metaphysik, sondern eher mit Magie zu tun. Zweitens: Wenn etwas wirklich ohne Ursache aus dem Nichts entstehen könnte, ist es unerklärlich, warum nicht einfach irgendetwas anderes, ja warum nicht ständig viele beliebige Dinge ohne Ursache aus dem Nichts entstehen. Und schließlich: Die erste Prämisse wird in unserer Erfahrung täglich bestätigt, was die Atheisten, die wissenschaftliche Naturalisten sind, am allermeisten dazu motiviert, die Prämisse zu akzeptieren.
Mein erster Grund entspricht Ihrem
(A) Etwas kann unmöglich aus dem Nichts entstehen.
Ich denke, dass das Prinzip ex nihilo nihil fit (von nichts kommt nichts) in der Philosophie so sicher ist wie sonst nichts und dass kein rationaler Mensch es anzweifelt. Doch dieses Prinzip widerspricht in keiner Weise der Lehre creatio ex nihilo (Schöpfung aus dem nichts), was auch die Denker im Mittelalter erkannten, die für beide Prinzipien eintraten. Denn nur im Fall einer Schöpfung gibt es eine Ursache, die den relevanten Gegenstand ins Dasein bringt.
Sie haben gefragt: „In welchem Sinne ist ‚Möglichkeit‘ hier zu verstehen?“ Die Antwort lautet: als „metaphysische Möglichkeit“. Hierbei handelt es sich um eine Modalität zwischen der physikalischen Möglichkeit und der strikt logischen Möglichkeit. Zur Veranschaulichung einige Beispiele: Es ist strikt logisch möglich, dass „der Premierminister eine Primzahl ist“ (kein logischer Widerspruch); aber, ungeachtet dessen, ist so etwas metaphysisch unmöglich (Realisierung unmöglich). Es gibt sehr viele Wahrheiten – wie „alles, was eine Form hat, hat eine Größe“, „Nichts kann komplett rot und komplett grün sein“, „Kein Ereignis geht sich selbst voraus“ usw. – die nicht strikt logisch notwendig, meiner Meinung nach aber metaphysisch notwendig sind. Ich denke, dass die erste Prämisse des kalam-kosmologischen Argumentes eine metaphysische Wahrheit ist.
Was Ihre zweite Begründung angeht –
(B) Etwas kann unmöglich ohne Ursache aus dem Nichts entstehen –
bin ich der Meinung, dass sie logisch äquivalent zu (A) ist. Sie bedingen einander. Nehmen wir einmal an, jemand möchte (A) widerlegen, indem er behauptet: „Etwas kann aus dem Nichts entstehen, wenn es eine Ursache hat!“ Der Fürsprecher von (A) wäre zur Recht der Meinung, dass diese Person ihn nicht verstanden hat. Wenn etwas eine Ursache hat, entsteht es nicht aus dem Nichts. Aus dem Nichts zu entstehen, heißt, keinerlei Kausalitäten aufzuweisen. Punkt. Betrachten Sie es einmal so: Wenn etwas ohne Ursache aus dem Nichts entsteht, entsteht es offensichtlich aus dem Nichts (B -> A). Und wenn etwas aus dem Nichts entsteht, dann entsteht es ohne Ursache aus dem Nichts (A -> B). (A) und (B) sind also logisch äquivalent. Somit kann sowohl (A) als auch (B) dazu verwendet werden, (1) zu belegen.
Es stimmt aber, dass zwei logisch äquivalente Aussagen verschieden starke intuitive Kraft haben. Das mache ich mir in der Formulierung der ersten Prämisse des Moral-Argumentes zu Nutze. Die Aussagen „Wenn Gott nicht existiert, existieren keine objektiven moralischen Werte“ und „Wenn objektive moralische Werte existieren, dann existiert auch Gott“ sind gleichbedeutend, aber die erste ist intuitiv offensichtlicher. Es ist also vielleicht aus dialektischen Gesichtspunkten effektiver, die intuitivere Formulierung zu verwenden.
Aber ist die Lehre creatio ex nihilo absurd? Nein, sie widerspricht (A) nämlich nicht. Das Universum hat eine kreative Ursache. Der Atheist aber, der – wie mein Freund Quentin Smith – behauptet, dass das Universum ohne irgendwelche kausalen Bedingungen ins Dasein sprang, widerspricht (A) sehr wohl.
Wir können etwas Klarheit in die Angelegenheit bringen, indem wir uns Aristoteles‘ Unterscheidung zwischen einer Wirkursache (causa efficiens) und einer Materialursache (causa materialis) in den Sinn rufen[1]. Eine Wirkursache ist eine Ursache, die eine Wirkung an etwas hervorruft, das schon existiert; eine Materialursache ist das, woraus etwas gemacht wird. Michelangelo ist die Wirkursache der Statue David, der Marmorblock ihre Materialursache.
Wenn etwas von selbst aus dem Nichts ins Dasein springen würde, hätte es überhaupt keine kausalen Bedingungen, weder Wirkursache noch Materialursache. Wenn Gott hingegen etwas ex nihilo schafft, fehlt nur eine Materialursache. Das ist zugegebenermaßen auch schwer zu begreifen, aber wenn das Entstehen ohne Materialursache schon absurd ist, dann ist das Entstehen ohne Materialursache und ohne Wirkursache – wie ich sagte – doppelt absurd, also doppelt so schwierig zu begreifen. Deshalb steht es dem Nicht-Theisten, der mit dem Anfang des Universums konfrontiert wird, gar nicht offen, zu sagen, dass ein spontaner Ursprung ex nihilo möglich ist, und creatio ex nihilo nicht.
Und – wenn ich mir erlauben darf, in Ihrem Namen zu sprechen – mir scheint, als argumentierten Sie eigentlich folgendermaßen: Die Begründung, die ich für die erste Prämisse anführe, (A), unterstützt eigentlich eine stärkere Prämisse, nämlich folgende:
1‘. Was anfängt zu existieren, muss sowohl eine Wirkursache als auch eine Materialursache haben.
Aber dann würde das kalam-Argument so aussehen:
1‘. Was anfängt zu existieren, muss sowohl eine Wirkursache als auch eine Materialursache haben.
2. Das Universum begann zu existieren.
3. Also hatte das Universum sowohl eine Wirkursache als auch eine Materialursache.
(3) verträgt sich, wie Sie richtig sagten, nicht nur nicht mit creatio ex nihilo, sondern – und das ist noch schlimmer – ist auch noch inkohärent. Denn das Universum wird hier als die gesamte materielle Realität definiert. Die gesamte materielle Realität kann keine vorhergehende Materie haben. Denn wenn sie das täte, hätte sie nicht wirklich angefangen zu existieren! Derjenige, der (1‘) akzeptiert, kann also (2) nicht akzeptieren. Sie akzeptieren (A) offensichtlich, weil – um Sie zu zitieren – „etwas nicht aus dem Nichts ins Dasein springen kann“, und deshalb akzeptieren Sie auch (1‘). Also lehnen Sie eigentlich Prämisse (2) ab. Materie und Energie, oder das Universum, müssen ewig sein.
Was ich in Frage stellen möchte, ist Ihre Begründung der stärkeren Behauptung (1‘). Warum sollte man meinen, dass eine Wirkursache ohne Materialursache unmöglich ist? Wir haben ja gesehen, dass (A) eben nicht (1‘) begründet. (A) begründet die Behauptung, dass es irgendeine Art Ursache dessen geben muss, was beginnt, aber es besteht kein Grund zur Annahme, dass das eine Materialursache sein muss. In Ihrem letzten Absatz berufen Sie sich als Begründung für (1‘) auf unsere normale Erfahrung, der zufolge wir sehen, wie Wirkursache und Materialursache zusammen wirken. Doch warum sollte man meinen, dass diese gängige Verkettung immer der Fall sein muss?
Vielleicht wäre es an dieser Stelle hilfreich, sich mit Fällen zu befassen, in denen es eine Wirkursache ohne eine Materialursache geben könnte. Ich habe mich sehr intensiv mit abstrakten Objekten wie Zahlen, Mengen, Propositionen usw. auseinandergesetzt. Viele Philosophen glauben, dass diese immateriellen Objekte notwendigerweise und ewig existieren. Doch gibt es viele abstrakte Objekte, die kontingent und nicht-ewig zu existieren scheinen, wie z. B. der Äquator, der Massenmittelpunkt des Sonnensystems, Beethovens Fünfte Symphonie, Leo Tolstois Anna Karenina uvm. Keines dieser Objekte ist physisch. Tolstois Roman und dessen gedruckte Ausführungen sind beispielsweise nicht identisch, denn Letztere könnten alle vernichtet und durch neue Bücher ersetzt werden. Genauso wenig kann Beethovens Fünfte mit einer Reihe von Tintenflecken oder einer Vorführung der Symphonie identifiziert werden. All diese Dinge haben angefangen zu existieren. Der Äquator existiert beispielsweise erst, seitdem die Erde existiert. Doch wenn sie angefangen haben zu existieren: hatten sie dann eine Ursache oder sind sie einfach aus dem Nichts entstanden? Es ist sinnvoll, diese Frage zu stellen, obwohl diese Entitäten immateriell sind und somit keine materielle Ursache haben. Viele Philosophen würden sagen, dass sie in der Tat eine Ursache hatten: Tolstoi, zum Beispiel, hat Anna Karenina geschaffen. In solchen Fällen (und davon gibt es unzählige), haben wir es in der Tat mit effizienter Kausalität ohne materielle Kausalität zu tun. Vielleicht stimmen Sie nicht darin überein, dass solche abstrakten Objekte existieren; doch meiner Meinung nach muss man sagen, dass die Ansicht, die unsere Philosophen-Kollegen vertreten, an sich kohärent ist.
Die Beispiele für literarische und musikalische Erschaffung sind suggestiv. Könnte Gott in analoger Weise das Universum ins Dasein gedacht haben, wie auch Tolstoi es mit Anna Karenina tat? Das ist eine provokative Vorstellung.
Sie behaupten, sich auf Gott als Ursache des Universums zu berufen, sei keine bessere Erklärung. Da frage ich mich: Besser als was? Ich denke, wir stimmen beide darin überein, dass die Alternative des spontanen Entstehens aus dem Nichts unmöglich ist. Der Atheist kann also nur noch Prämisse (2) des kalam-Argumentes abstreiten. Doch wenn wir gute Belege für den Anfang des Universums haben, was meiner Meinung nach auch der Fall ist, dann macht die Gott-Alternative doch allemal eine noch bessere Figur.
William Lane Craig
(Übers.: J. Booker)
Link to the original article in English: /causal-premiss-of-the-kalam-argument
[1] Zur Erläuterung: Aristoteles unterschied insgesamt vier Ursachen:
Wirkursache (causa efficiens), Materialursache (causa materialis), Formursache (causa formalis) und Zweckursache (causa finalis). Bei einer Statue wäre der Bildhauer die Wirkursache, der Marmor die Materialursache, die „Form“ der Statue die Formursache, und z.B. die Verschönerung des Hauses (oder der Verkauf mit Gewinn) die Zweckursache. Für die hiesige Fragestellung ist jedoch nur die Unterscheidung zwischen den beiden erstgenannten Ursachen von Bedeutung.
(Zu den vier Ursachen gemäß Aristoteles, vgl. http://plato.stanford.edu/entries/aristotle-causality/#FouCau).
Es mag ungewohnt klingen, von einer „Materialursache“ zu sprechen, denn das Material „verursacht“ ja eigentlich nichts, sondern ist das, woraus etwas besteht. Im heutigen alltäglichen Sprachgebrauch meinen wir mit „Ursache“ eigentlich fast nur nur die „Wirkursache“ (causa efficiens), und manchmal auch die Zweckursache ("causa finalis"), nicht aber die "Materialursache".
In Anlehnung an Aristoteles spricht man jedoch auch von einer „Materialursache“, um zu verdeutlichen, dass für die Beschreibung eines Gegenstandes (oder für die Erklärung seiner Existenz) auch das Material, aus dem der Gegenstand besteht, ein relevanter Faktor ist.
(Anm. d. Übers.)
- William Lane Craig
