#19 Einen Nicht-Christen heiraten
September 29, 2015Sehr geehrter Prof. Craig,
in Ihrem Artikel über das Scheitern[1], den ich sonst hervorragend finde, schreiben Sie, dass es Sünde ist, einen Nicht-Christen zu heiraten:
"Mit dem Scheitern im christlichen Leben meine ich ein Versagen in der Beziehung eines Gläubigen mit Gott und in seiner Nachfolge. Christen könnten zum Beispiel eine Enttäuschung und ein Scheitern erleben, weil sie sich weigern, auf Gottes Ruf zu antworten, oder weil sie einer Versuchung nachgeben oder wenn sie einen nichtchristlichen Partner heiraten. Ein Scheitern dieser Art beruht auf Sünde. Es ist im Wesentlichen ein geistliches Problem, eine Frage des moralischen und geistlichen Versagens."
Ich würde gerne wissen, wie Sie sich so sicher sein können, dass es Sünde ist, jemand Ungläubiges zu heiraten.
Mir fällt gewiss kein Beispiel dafür ein, dass Jesus das gesagt hat. Paulus‘ Aufforderung, „nicht in einem fremden Joch mit Ungläubigen zu ziehen“, bezieht sich offensichtlich auf die Art von Ungläubigen, die z. B. Götzen anbeten, und nicht z. B. auf einen Agnostiker, der um Glauben ringt.
Persönlich glaube ich, dass das Wort „fremd“ hier entscheidend ist – natürlich sollte ein Christ seinen Glauben niemals dem des Ungläubigen unterordnen. Und wenn Paulus hier wirklich von Eheschließung spricht, widerspricht er ganz klar der Aussage in 1. Korinther 7:
„Den Übrigen aber sage ich, nicht der Herr: Wenn ein Bruder eine ungläubige Frau hat, und diese ist einverstanden, bei ihm zu wohnen, so soll er sie nicht entlassen; und eine Frau, die einen ungläubigen Mann hat, der einverstanden ist, bei ihr zu wohnen, soll ihn nicht entlassen. Denn der ungläubige Mann ist geheiligt durch die Frau, und die ungläubige Frau ist geheiligt durch den Mann.“
Was sagen Sie dazu?
Judith
<ul><li>- country not specified</li></ul>
Dr. craig’s response
A [
Wie Sie richtig vermutet haben, Judith, denke ich hier an Paulus‘ Anweisungen in 2Kor 6,14ff. Ich denke, wir beide stimmen darin überein, dass es Sünde ist, etwas bewusst wider ein biblisches Gebot zu tun. So schreibt Jakobus: „Wer nun Gutes zu tun weiß und es nicht tut, für den ist es Sünde“ (Jak 4,17). Damit ist die einzige Frage die, ob Paulus Christen wirklich gebietet, keine Ungläubigen zu heiraten.
Sehen wir uns also an, was Paulus sagt: „Werdet nicht verschiedenartig zusammengejocht“ (V. 14). Was könnte noch klarer sein?[2] Das Wort für „Ungläubiger“ an dieser Stelle ist apistos. Das ist jemand, der ohne Glauben ist. Die meisten Ungläubigen waren damals an der Anbetung heidnischer Götter beteiligt (1Kor 10,27). Doch apistos heißt nicht „Götzendiener“. Das Word für Götzendiener ist eidololatres (1Kor 6,9). Ungläubig sind alle, die keinen rettenden Glauben haben, also unter anderem auch Götzendiener.
Sehen Sie sich einmal an, wie Paulus das Wort „Ungläubige“ in seinen anderen Briefen verwendet. In 1Kor 14,22-25 verwendet er „Ungläubiger“ beispielsweise als Synonym für „Außenstehender“, also für jemanden, der außerhalb der christlichen Gemeinschaft steht. In 1Kor 6,6 verbietet Paulus, dass Christen einander strafrechtlich verfolgen, und drückt dabei sein Entsetzen darüber aus, dass Dispute vor Ungläubige, und nicht gläubige Geschwister, gebracht werden. In 1Kor 16 spricht er die Situation an, dass jemand einen Ehepartner hat, der, wie Sie schon sagten, ein Ungläubiger ist, also jemand, der nicht gerettet ist (V. 16). Ich denke, es ist offensichtlich, dass ein Ungläubiger jemand ist, der keinen rettenden Glauben hat und damit nicht Teil des Leibes Christi ist.
Gibt es also einen Widerspruch in Paulus‘ Aufforderungen in 1Kor 7,12-16? Überhaupt nicht! Paulus spricht hier Paare an, bei denen beide ungläubig waren, von denen inzwischen aber einer Christ geworden ist und somit mit einem oder einer Ungläubigen verheiratet ist. Dass es um eine solche Situation geht, wird an Paulus‘ darüber stehendem Prinzip deutlich, das auch auf Sklaven und Unbeschnittene angewandt wurde: „Wie Gott es jedem einzelnen zugeteilt hat, wie der Herr jeden einzelnen berufen hat, so wandle er! (…) „Jeder bleibe in dem Stand, in dem er berufen worden ist.“ (V. 17 und 20). Wenn man also verheiratet war, als man berufen wurde, soll man seinen ungläubigen Ehepartner nicht verlassen. Man soll verheiratet bleiben, wie man es auch war, als man zur Nachfolge Christi berufen wurde, es sei denn, der ungläubige Ehepartner möchte die Trennung.
Doch Paulus verbietet gläubigen Christen, Ungläubige zu heiraten. Warum? In 2Kor 6,15 schreibt er: „Oder was hat der Gläubige mit dem Ungläubigen gemeinsam?“ Vielleicht ist man an dieser Stelle versucht, die Frage mit „Also, wir beide sind richtig sportbegeistert und gerne an der frischen Luft“ oder „Wir lieben es beide, uns mit Finanzen und Handel zu beschäftigen“ zu beantworten. Doch Paulus hätte so eine Antwort als klares Zeichen dafür angesehen, dass man den Bund der Ehe nicht verstanden hat. In Paulus‘ Augen war der gemeinsame Glaube an Christus von zentraler Bedeutung für die Ehe. Nimmt man ihr das weg, verliert sie damit ihr Herzstück. Dass bei so wenigen unserer christlichen Ehen heute Christus das Zentrum ist, zeugt auf beschämende Weise davon, wie sehr wir uns die weltliche Sicht der Ehe angeeignet haben. Es überrascht daher nicht, dass die Scheidungsrate unter Christen genauso hoch ist wie bei Nicht-Christen.
Für mich ist es ein Privileg, seit über dreißig Jahren mit einer Frau verheiratet zu sein, deren erste und größte Liebe dem Herrn Jesus Christus und dem Dienst für ihn gilt. Unser beider Wille, ihn zu kennen und ihm zu dienen, hat uns eng zusammengeschweißt. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, mit jemandem verheiratet zu sein, der diese erste Liebe nicht auch hat. Sie hat uns durch die Höhen und Tiefen unseres Lebens getragen.
Ich kenne Ihre persönliche Situationen nicht, Judith, doch wenn Sie in Erwägung ziehen, einen Mann zu heiraten, der nicht glaubt, möchte ich Sie innig bitten, das nicht zu tun, ganz egal, wie sehr Sie ihn lieben. Tun Sie Gottes Willen, geben Sie Ihm Zeit, im Herzen Ihres Freundes zu wirken, und streben Sie in der Zwischenzeit danach, eine Frau nach Jesu Vorstellungen zu sein, in der sich sein Charakter entfalten kann.
Wenn Sie aber bereits einen Mann geheiratet haben, der nicht glaubt, dann sollten Sie Ihre Sünde bekennen, die Vergebung des Herrn in Anspruch nehmen und dann die biblischen Gebote in Bezug auf die Art und Weise halten, wie sich eine gläubige Frau, die mit einem Nicht-Christen verheiratet ist, verhalten sollte (1Petr 3,1-6).
William Lane Craig
(Übers.: J. Booker)
Link to the original article in English: /marrying-a-non-christian
[1] Siehe /german/Scheitern
[2] Die verwendete englische Bibelübersetzung ist hier viel klarer als die deutsche: „Do not be mismatched with unbelievers“ – Anm d. Übers.
- William Lane Craig
