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#4 Glaubenszweifel bei Christen

September 29, 2015
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

Ich studiere im dritten Jahr Philosophie an der Universität von Kentucky und bin seit meinem vierten Lebensjahr Christin. Vor ein paar Jahren habe ich Lee Strobels Der Fall Jesus gelesen und war davon sehr beeindruckt; ich finde, damit kann man den Glauben hervorragend weitergeben.

Ich schreibe Ihnen, weil ich anfange, im Glauben zu wanken. Es fing mit meiner besten Freundin an, die unheimlich brannte für Gott, aber je mehr säkulare Literatur sie las und sich den anscheinend vorhandenen Problemen des Christentums ausgesetzt sah, desto skeptischer wurde sie auch.
Besonders schwer fällt ihr, zu glauben, dass ein selbstloser, anständiger und moralisch guter Mensch, der nicht an Jesus glaubt, in die Hölle kommt, während ein fleischlicher Christ, der Jesus und seinen Nächsten nur halbherzig dient, in den Himmel kommt. Mir persönlich machen einige meiner agnostischen Freunde sehr zu schaffen – vor allem einer. Er schwört mir, dass er Gottes Willen tun würde, wenn er nur wüsste, was dieser ist. Warum aber sollte Gott zulassen, dass das Christentum für ihn keinen Sinn ergibt? Er findet es nicht fair, dass Gott ihn geschaffen hat, wo er doch wusste, dass es meinem Freund so schwer fallen würde, an ihn zu glauben, und dass er so dafür Sorge getragen hat, dass er unweigerlich in die Hölle kommt.

Als meine beste Freundin mir sagte, dass sie sehr angefochten ist, war ich der Meinung, das sei nur vorübergehend, und dachte darüber nach, welche Bücher ich ihr empfehlen könnte. Doch dann kam mir ein Gedanke, der davor nie wirklich eine Option gewesen war – was, wenn das Christentum nicht wahr ist?

Intuitiv glaube ich nach wie vor, dass es wahr ist, doch ich brauche dringendst Ihre Hilfe – ich weiß ja von Ihrem starken Glauben sowie von Ihrem stark philosophischen Hintergrund. Was würden Sie mir, meiner besten Freundin und unseren nichtgläubigen Bekannten raten, um über das Christentum aufzuklären und unseren Glauben neu aufflammen zu lassen? Mein Vater, ein ehemaliger Pastor, schlägt vor, ich soll die Bibel selbst lesen, weil sie überführt, und Nichtgläubigen sagen, sie sollen auf einen Ruf Gottes warten. Doch habe ich mich gefragt, was Sie dazu sagen würden.

Jegliche Hilfe/Ermutigung, die Sie mir zum Christentum als einzig wahrem Weg mitgeben könnten, würde ich sehr zu schätzen wissen.

Natalie

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Glaubenszweifel bei Christen

Ihr durchdachtes Schreiben spricht ein ganzes Knäul sehr tiefgehender Themen an, die wir zunächst voneinander trennen müssen, um Klarheit über Ihre Frage zu bekommen.

Erstens: Ihre Bemerkung, dass Sie zuvor nie in Erwägung gezogen hätten, dass das Christentum nicht wahr ist, sagt mir, dass Sie von Ihrem lediglich geerbten Glauben aus Ihrer Kindheit zu einem erwachsenen Glauben übergehen, der wirklich Ihr Glaube ist. Sie sollten damit rechnen, dass Zweifel irgendwann ins Spiel kommen werden, wenn Sie im Glauben reifen – obwohl Sie schon Christin sind. Dieser Prozess kann sehr schmerzvoll sein, aber er ist ein wichtiger Teil des geistlichen Heranreifens. Seien Sie also nicht bekümmert; da müssen Sie durch.

Zweitens: Lassen Sie die Dinge nicht größer werden, als sie sind. Nach meinem Eindruck blähen sich bei zweifelnden Leuten die Zweifel völlig unverhältnismäßig auf, sodass ihr Glaubenssystem eher aussieht wie eine von diesen Karten, die die Größe eines Landes gemäß seinem wirtschaftlichen Reichtum und nicht seiner geographischen Fläche darstellen. Die Zweifel nehmen einen unproportionalen Teil im Glaubenssystem ein. Vergessen Sie nicht, dass wir nach der Weltanschauung mit den wenigsten Schwierigkeiten suchen, nicht nach der ohne Schwierigkeiten. Sie haben Der Fall Jesus von Lee Strobel gelesen. Werden alle Belege, die in diesem Buch ausgeführt werden, von den Schwierigkeiten zunichte gemacht, auf die Ihre Freunde hingewiesen haben? Oder sind die Schwierigkeiten, die dadurch entstehen, dass man diese Belege abweist, größer als jene, auf die Ihre Freunde hingewiesen haben? Achten Sie darauf, dass letztere im großen Ganzen nicht überproportional viel Raum einnehmen.

Glaubenszweifel bei Christen – zwischen wesentlichen und unwesentlichen Lehren unterscheiden

Drittens: Denken Sie einmal über die Behauptung nach, das Christentum sei nicht wahr. Das Christentum ist eine Weltanschauung mit vielen Facetten. Stellen Sie sich also die Frage, welche Facette des Glaubenssystems von den Schwierigkeiten in Frage gestellt wird, mit denen Sie zu kämpfen haben. Jene, dass Gott existiert? Müssten Sie diese Überzeugung aufgeben, wenn die Einwände Ihrer Freunde stichhaltig wären? Dass Jesus von den Toten auferstanden ist? Wird diese Überzeugung durch die Einwände in Frage gestellt? Wohl eher nicht. Das Problem, das Ihnen anscheinend zu schaffen macht, ist die Lehre vom christlichen Partikularismus oder Exklusivismus, dem zufolge man nur durch Jesus errettet werden kann. Selbst hier hat der christliche Partikularist aber eine Bandbreite an Optionen, aus denen er wählen kann – vom Universalismus über verschiedene Arten von Inklusivismus bis hin zu einem engen Restriktivismus. Auf dieser Website finden Sie ausführliches Material zu diesem Problem (siehe „Scholarly Articles: Christian Particularism“[1] oder „Popular Articles: How Can Christ Be the Only Way to God?“[2]). Wenn die Einwände Ihrer Freundin zutreffend sind, welche dieser Optionen müssten Sie übernehmen? Sie sind alle mit der Existenz Gottes vereinbar, der Inkarnation, Jesu stellvertretender Sühnung, seiner Auferstehung von den Toten und vielen anderen Überzeugungen. In welcher Hinsicht ist das Christentum also nicht wahr, wenn die Einwände Ihrer Freunde zutreffen?

Bei der Betrachtung eines Einwandes gegen das Christentum ist es also wichtig, dass wir uns darüber im Klaren sind, welche Facette der christlichen Weltanschauung der Einwand infrage stellt. Die Bedenken Ihrer Freunde sind zu vage, als dass wir genau feststellen könnten, was sie in Frage stellen. Sie studieren doch Philosophie. Setzen Sie sich mal hin und versuchen, die Einwände Ihrer Freunde in logisch zulässigen Argumenten zu formulieren, die zu einer Schlussfolgerung führen. Gehen Sie dann zu ihnen und fragen sie: „Ist das euer Argument?“ Wenn ja, fragen Sie sich selbst: "Welche Belege oder Beweise gibt es dafür, dass jede dieser Prämissen wahr ist? Welche Alternativen stehen mir offen?“ Was ich damit sagen will: Selbst wenn die Einwände Ihrer Freunde gut wären, müssten Sie unter Umständen nur kleine Änderungen in Ihrem christlichen Glaubenssystem vornehmen. Nur weil man als Christ vielleicht den Partikularismus anzweifelt, heißt das nicht, dass das die wesentlichen Lehren des christlichen Glaubens entkräftet.

Glaubenszweifel bei Christen – ein falsches Verständnis der christlichen Lehre können Zweifel verschärfen

Doch lassen wir uns über diese Einwände nachdenken. Jeder von uns, der geliebte Freunde oder Bekannte hat, die wunderbare Menschen sind, aber nicht an Gott glauben, können mit Ihrer Freundin mitfühlen. Doch wenn man einmal genau darüber nachdenkt, was sie sagt, wird klar, dass sie die Errettung allein aus Gnade nicht verstanden hat. Niemand hat es verdient, in den Himmel zu kommen; wenn Gott uns nach unseren Verdiensten beurteilen würde, wären wir alle verdammt, ganz egal wie selbstlos, anständig und moralisch gut wir sind. Niemand von uns kann sich den Himmel verdienen. Deswegen kann die Errettung nur ein unverdientes Geschenk der Gnade Gottes sein. Wenn man das nicht verstanden hat, dann hat man die Essenz des Christentums nicht verstanden. Wenn man also die Gnade Gottes ablehnt, fällt man auf seinen eigenen Verdienst zurück, und niemand ist gut genug, dass er es verdient hätte, in den Himmel zu kommen.

Es überrascht nicht, dass Zweifel im Leben eines sogenannten fleischlichen Christen vorherrschen. Dazu möchte ich sagen, dass jemand, der behauptet, Jesus zu kennen, bei dem aber keine Früchte der Wiedergeburt sichtbar werden, überhaupt keine Grundlage für Heilsgewissheit hat. Nehmen wir einmal an, wir sprechen über einen echten Gläubigen, der versucht, ein christusgemäßes Leben zu führen, aber immer und immer wieder sündigt. Was soll Gott der Ansicht Ihrer Freundin nach mit einem solchen Menschen tun? Ihn in die Hölle schicken, weil er die Anforderungen nicht erfüllt? Natürlich nicht – er ist aus Gnade durch den Glauben gerettet, nicht aus eigenem Zutun. Ihre Freundin wird daraufhin mit Sicherheit sagen: „Wenn Gott ihm vergibt, dann sollte er auch dem moralisch anständigen Nichtgläubigen vergeben“. Aber das hat er doch! Die Schuld für alle seine Sünden ist bezahlt; der anständige Nichtgläubige lehnt nur die Bezahlung ab. Gott möchte ihn erretten; doch der moralisch anständige Nichtgläubige weigert sich, gerettet zu werden. Er lehnt Gottes gnädiges Angebot der Vergebung durch Christus ab und fällt so auf seinen eigenen Verdienst zurück, welcher nicht ausreicht. Trotz seines anständigen Lebens zeigt der Nichtgläubige, der bis zu seinem Tod ungläubig bleibt, dass er ein Herz hat, das gegen Gott gerichtet ist und der Überführung durch den Heiligen Geist widersteht.

Natürlich spreche ich hier von Nichtgläubigen, die das Evangelium gehört haben; was das Problem mit denjenigen angeht, die es nie gehört haben, siehe oben genannte Artikel.

Glaubenszweifel bei Christen – Wird das Christentum durch Verwirrung oder Missverständnisse widerlegt?

Denken wir nun über den Einwand Ihres agnostischen Freundes nach. Sein Einwand scheint wesentlich radikaler und weitreichender zu sein. Er gibt Gott die Schuld für seinen eigenen Unglauben. Er scheint so zu argumentieren:

1. Wenn Gott existieren würde, würde das Christentum für mich Sinn ergeben.

2. Das Christentum ergibt für mich keinen Sinn.

3. Also existiert Gott nicht.

(Wenn das nicht sein Argument ist, weiß ich auch nicht, was er sagen will.)

Nun, sind die Prämissen dieses Argumentes wahr? Da Prämisse (2) einfach seine eigene Darstellung seines psychologischen Zustandes ist, sollten wir sie meiner Meinung nach für bare Münze nehmen. Aber natürlich hätten wir gerne, dass er uns hierzu noch mehr sagt. Warum ergibt das Christentum für ihn keinen Sinn? Was hat er dagegen unternommen? Welche Bücher hat er gelesen? Hat er darüber gebetet?

Fragen dieser Art werden relevant, wenn wir uns daran machen, die Wahrheit von (1) zu bewerten. Warum sollte man meinen, (1) sei wahr? Die Antwort Ihres Freundes scheint mir zu sein, dass Gott nicht zulassen würde, dass das Christentum für ihn keinen Sinn ergibt, und zwar vermutlich weil Gott ihn liebt und seine Errettung möchte. Wir, die wir keine Calvinisten sind, würden ihm da zustimmen – Gott liebt ihn wirklich und möchte seine Errettung. Doch folgt daraus, dass Gott nicht zulassen würde, dass das Christentum für Ihren Freund keinen Sinn ergibt? Überhaupt nicht. Zum einen kann es sein, dass das Christentum für ihn Sinn ergeben wird, wenn er weiter studiert und den Herrn sucht. Es gab eine Zeit, in der das Christentum auch für mich keinen Sinn ergab; aber irgendwann dann doch. Für einen großen Teil seines Lebens ergab das Christentum für C. S. Lewis keinen Sinn ergab; aber nach einiger Zeit dann doch. Dein Freund ist wahrscheinlich ein junger Mann. Er sollte Gott nicht allzu schnell aufgeben. Eine Zeit des Suchens durchzumachen, kann wirklich gut für ihn sein. Hier haben wir also die Gretchenfrage: Sucht Ihr Freund Gott denn wirklich? Schürft er, um das Christentum zu verstehen? Oder ist sein Unglaube das Resultat von schuldhafter Gleichgültigkeit? Ist er in eine Sünde verwickelt, von der er weiß, er müsste sie aufgeben? Wenn er Gott wirklich sucht, wird er noch zum Glauben kommen, sodass (2) falsch sein wird. Wenn sein Unglaube schuldhaft ist, dann ist das das Resultat seines eigenen freien Willens und (1) ist vielleicht nicht wahr, weil Gott seinen freien Willen nicht überstimmen wird.

Man könnte auch aus anderen Gründen der Ansicht sein, dass (1) vielleicht falsch ist. Hier trifft man aber auf sehr tiefgehende Fragen, was das „mittlere Wissen“[3] Gottes angeht. Wenn Sie das weiterverfolgen möchten, sehen Sie sich die DVD von meiner Debatte mit Theodor Drange über die Frage „Existiert Gott?“[4] an. Ich hoffe aber, ich habe genug gesagt, um zu zeigen, dass es keine guten Gründe dafür gibt, Prämisse (1) für wahr zu halten. Daher ist es kein gutes Argument.

Der Ratschlag Ihres Vaters erinnert außerdem daran, dass Zweifel nicht nur ein intellektuelles Problem sind, sondern auch eine geistliche Dimension haben. Wenn man die Zeugnisse von Leuten liest, die vom Glauben abgefallen sind, fällt einem auf, wie sehr moralische und spirituelle Faktoren eine Rolle spielen. Kümmern Sie sich also auch um Ihr Glaubensleben, während Sie sich durch Ihre Zweifel arbeiten: gemeinsame Anbetung, Gebet, Bibelstudium, Dienen, Geben usw. Nehmen Sie die Verheißung aus 2. Petrus 1,5-11 in Anspruch. Mehr Material zum Umgang mit Zweifeln finden Sie in meinem Kapitel über Zweifel in Hard Questions, Real Answers (Crossway, 2003) oder Gary Habermas‘ The Thomas Factor (Broadman & Holman, 1999)[5]. Der Herr stärke Sie und rüste Sie aus!

William Lane Craig

(Übers.: J. Booker)

Link to the original article in English: /christian-doubt


Anmerkungen

[1] Bislang nur in englischer Sprache – Anm. d. Übers.

[2] Deutsche Übersetzung liegt vor bei www.reasonablefaith.org - Translations - German - Popular Articles - "Wie kann Christus der einzige Weg zu Gott sein?" (Anm. d. Übers.)

[3] Eng. „middle knowledge“; ein "mittleres Wissen" Gottes bedeutet, dass Gott wissen kann, welche freien Entscheidungen Individuen jeweils unter verschiedenen Umständen treffen werden – Anm. d. Übers.

[4] Orig. „Does God Exist?“ – Anm. d. Übers.

[5] Beide in englischer Sprache – Anm. d. Übers.

- William Lane Craig