#253 Evolutionstheorie und Theismus
September 29, 2015Sehr geehrter Prof. Craig
Ich möchte Ihnen zunächst für alles danken, was Sie sowohl durch Ihre Veröffentlichungen als auch und durch Ihre gesamte Karriere hindurch für den christlichen Glauben und für Jesus getan haben.
Dennoch habe ich immer noch zwei Fragen in Bezug auf die Evolution und Gottes Rolle darin.
Frage 1) Stephen Meyer, ein amerikanischer Gelehrter, Biologiephilosoph und Vertreter des Intelligent Designs, sagt: “Evolution ist ein zweckfreier ungerichteter Prozess. Niemand, nicht einmal Gott, kann einen ungerichteten Prozess lenken oder einem sinnlosen Prozess Sinn verleihen“. Er hat theistische Evolution auch als Oxymoron bezeichnet. Und dennoch ist er unter vielen Biologen nicht allein. In den USA gibt es einen Trend, so zu denken. Eine Meinungsumfrage des Pew Research Center im Jahre 2009 fand heraus, dass „87%“ der Wissenschaftler behaupten, die Evolution beruhe auf einem natürlichen Prozess, wie natürliche Selektion, Gendrift und wahllose Mutation. Und macht das Ihrem Theismus wirklich nichts aus?
Frage 2) Wenn Sie Evolution akzeptieren: an welchem Punkt wurden die Menschen dann zu Menschen? Griff Gott sozusagen an dem Punkt der Geschichte ein, als er sich entschied, dass diese Kreatur besonders ist? Weil in der Evolution eine Spezies immer dieselbe ist wie ihre Elternspezies, gibt es keinen einzelnen Zeitpunkt in der Geschichte irgendeiner Spezies, wo man sagen kann: „Das ist eine neue Spezies“. Warum hat Gott diese eine Kreatur bevorzugt, im Gegensatz zu den sehr ähnlichen
Homo sapiens heidelbergensis,
Homo sapiens neandertalensis,
Homo floresiensis,
Homo habilis,
Homo georgicus,
Homo erectus,
Homo ergaster,
Homo antecessor usw.?
Viele dieser Arten wiesen menschliches Verhalten auf und mögen ebenfalls die Frage „Warum?“ gestellt haben. Stört dies Ihren Theismus auch nicht?
Andrew
<ul><li>United Kingdom</li></ul>
Dr. craig’s response
A [
Nein, Andrew, keiner der Punkte ist störend für den Theismus, so scheint mir.
Zu Frage 1) Ich stimme mit Steve Meyers Aussage nicht überein, weil die Termini “nicht gelenkt“ und „ziellos“ von Theisten und Biologen, welche die Evolution vertreten, nicht einheitlich verwendet werden. Wäre dies der Fall, dann wäre die Evolutionstheorie unglaublich anmaßend, da die Wissenschaft einfach nicht in der Lage ist, mit irgendeiner Berechtigung die Aussage zu treffen, dass es keine gottgelenkte Absicht oder kein Ziel des Evolutionsprozesses gibt. Wie könnte irgendjemand auf der Basis wissenschaftlicher Evidenz behaupten, dass der ganze Plan nicht von einem vorausschauenden Gott in Gang gesetzt wurde, um zu einem Homo sapiens auf dem Planeten Erde zu gelangen? Wie könnte ein Wissenschaftler wissen, dass Gott nicht übernatürlich eingriff, um die entscheidenden Mutationen hervorzurufen, die zu wichtigen evolutionären Übergängen führten, z. B. dem Übergang vom Reptil zum Vogel? In der Tat, wenn man göttliches mittleres Wissen voraussetzt, sind selbst solche übernatürlichen Interventionen nicht notwendig, denn Gott könnte gewusst haben, dass sich unter bestimmten anfänglichen Bedingungen und bei Vorhandensein gewisser Naturgesetze bestimmte Lebensformen durch zufällige Mutation und natürliche Selektion entwickeln würden, und so hat er für solche Gesetze und anfängliche Konditionen gesorgt. Offensichtlich ist die Wissenschaft keineswegs in der Lage, mit guten Gründen zu behaupten, dass der evolutionäre Prozess sich nicht unter der Vorsehung eines Gottes entwickelt hat, der mittleres Wissen besitzt und beschloss, biologische Komplexität durch solche Mittel zu erschaffen. Würde der Evolutionsbiologe also solche Worte wie „ungelenkt“ und „ziellos“ in dem Sinne verwenden, wie sie ein Theist verwendet, wäre die Evolutionstheorie eine Philosophie und keine Wissenschaft (was einige Theisten ja auch genau behaupten).
Aber der Evolutionsbiologe verwendet diese Termini nicht in demselben Sinne wie der Theist. Diese Tatsache, die weder von Kritikern der theistischen Evolution noch Apologeten der naturalistischen Evolution anerkannt wird, wurde mir im Zuge meiner Vorbereitung für meine Debatte mit Francisco Ayala (hier klicken zur Debatte mit Francisco Ayala) über die Haltbarkeit eines Intelligent Designs in der Biologie deutlich. Laut Ayala bedeutet das Wort „zufällig“ für einen Evolutionsbiologen, der sagt, dass die Mutationen, die zu evolutionären Entwicklungen führen, sich "zufällig ereigneten", nicht, dass sie „durch willkürlichen Zufall auftreten.“ Es bedeutet vielmehr, „ungeachtet ihrer Nützlichkeit für den Organismus“.
Dies ist nun von weitreichender Bedeutung! Der Wissenschaftler stellt – trotz gegensätzlicher Darstellungen von populärwissenschaftlichen Vertretern beider Parteien – nicht die anmaßende philosophische Behauptung auf, dass biologische Mutationen zufällig auftreten und der Evolutionsprozess somit ungerichtet oder zweckfrei sei. Er meint vielmehr damit, dass die Mutationen nicht zugunsten des Gastorganismus auftreten. Wenn wir „zufällig“ in der Bedeutung „ungeachtet der Nützlichkeit für den Organismus“ deuten, dann ist Zufälligkeit nicht unvereinbar mit Ziel- oder Zweckgerichtetheit. Nehmen wir zum Beispiel an, dass Gott in seiner Vorsehung eine Mutation in einem Organismus verursacht, die sich nicht zum Nutzen des Organismus vollzieht, sondern aus irgend einem anderen Grund. (Sagen wir, weil dadurch eine leichte Beute für andere Organismen entsteht, die er aufblühen lassen will. Oder es könnte sogar sein, weil der Organismus letztendlich zu einem Fossil wird, das ich eines Tages finden werde und mein Interesse an Paläontologie erweckt, sodass ich die berufliche Laufbahn ergreife, die Gott für mich vorgesehen hat). In einem solchen Fall ist die Mutation sowohl zweckgerichtet als auch in gewissem Maße zufällig.
Wenn hingegen ein Intelligent Design-Theoretiker wie Michael Behe das Wort “zufällig” verwendet, dann meint er „nicht an irgendeinem Ziel orientiert“. Er sagt, „wenn 'zufällig' definiert wird als „nicht an einem Ziel orientiert“, dann, so denke ich, verschwinden die Mehrdeutigkeiten, und der Begriff steht klar im Konflikt mit einem Intelligent Design“ (aus einer persönlichen Kommunikation mit Michael Behe). Richtig! Aber dies ist nicht der Sinn, in dem Evolutionsbiologen (zumindest wenn sie sorgfältig und nicht nachlässig sprechen) das Wort gebrauchen. Meyer und Behe haben recht, dass nicht nur Theisten, sondern Wissenschaftler im Allgemeinen Naturalisten korrigieren sollten, die mit angeblicher wissenschaftlicher Autorität behaupten, dass der Evolutionsprozess „nicht auf ein Ziel ausgerichtet ist“. Doch solch eine Korrektur ist nicht für die Evolutionstheorie relevant, sondern für die Philosophie des Naturalismus, die versucht, die legitime Wissenschaft einseitig für sich einzuspannen.
Was die Pew Studie betrifft, so denke ich, können Sie jetzt erkennen, warum es für den Theismus irrelevant ist, dass „Evolution auf natürlichen Prozessen wie natürliche Selektion, Gendrift und wahlloser Mutation“ beruht. Natürlich beruht sie darauf! Die Aussage, wie Sie sie zitieren, behauptet ja noch nicht einmal, dass sie nur auf solchen Faktoren beruht. Viele Evolutionsbiologen denken, dass zusätzliche nicht-genetische Faktoren ebenfalls eine Rolle spielen. Ich muss sogar sagen, dass ich schockiert bin, dass nur 87% der Wissenschaftler denken, dass Evolution auf den drei Faktoren beruht, die Sie erwähnen.
In einem neueren Bericht des Nationalen Zentrums für Wissenschaftliche Bildung, das für sich damit wirbt, es sei die „führende Institution, die sich dem Ziel verpflichtet hat, die Evolution im wissenschaftlichen Klassenzimmer zu halten und den Kreationismus draußen“, schreibt Daryl Domning:
„In Wahrheit sind viele (vielleicht die meisten) Evolutionisten Theisten der einen oder anderen Sorte. Sie vertreten ihre Ansichten so aufrichtig und berechtigt, wie dies Atheisten tun und haben genauso viel (vielleicht noch mehr!) Anspruch darauf, als Repräsentanten evolutionistischen Denkens zu gelten. Atheisten haben jedes Recht zu glauben, dass Theisten bedauerlicherweise irregeführt sind, weil sie nicht erkennen, dass die Religion seit Darwin ausgedient hat. Doch dies ist ihre philosophische Meinung, nicht eine unfehlbar bewiesene These der Wissenschaft oder Logik.“
Das verleiht doch der Sache ein völlig anderes Gesicht, nicht wahr?
Jedoch auch ungeachtet der Zahlen bleibt der Punkt bestehen, dass der uneinheitliche Gebrauch von Worten viele Menschen dazu geführt hat, fälschlicherweise anzunehmen, dass die Evolutionstheorie für die Teleologie und damit auch den Theismus eine Herausforderung darstelle. Ich sage dir, Andrew, dies ist nur einer mehr von jenen Fällen, die so eindrücklich illustrieren, welche Bedeutung dem sorgfältigen philosophischen Denken über die Wissenschaft zukommt. (Siehe dazu weiter meinen Aufsatz “Naturalism and Intelligent Design,” in Intelligent Design, hrsg. von Robert Stewart [Minneapolis: Fortress Press, 2007], S. 58-71.)
Zu Frage 2) Als ein anthropologischer Dualist, der glaubt, dass Menschen aus Körper und Seele bestehen, denke ich, dass ein hominides Tier, egal wie weit entwickelt, dem eine menschliche Seele fehlt, kein menschliches Wesen ist. So ist es letztlich nicht wirklich entscheidend, ob es eine scharfe biologische Trennungslinie zwischen vormenschlichen Hominiden und menschlichen Wesen gab oder nicht. Auf jeden Fall konnten Anthropologen bis jetzt m. W. noch zu keinem Konsens in Bezug auf den menschlichen Stammbaum kommen. Somit könnten alle Hominiden, die Sie erwähnen, einfach Sackgassen im Stammbaum der Primatenevolution sein, die niemals zum Menschen führten. Waren Neandertaler wirklich menschlich? Gott weiß es! Ich muss nicht genau wissen, wann Menschen im Evolutionsprozess auftauchten, um daran festzuhalten, dass in Gottes Vorsehung tatsächlich ein erstes menschliches Wesen auf die Bühne trat. Auch wenn Ihre Frage ein faszinierendes Rätsel darstellt, denke ich nicht, dass ein Theist in der Lage sein muss, sie zu beantworten, um den Theismus als rational zu erweisen. Vielmehr ist die Existenz eines so unwahrscheinlichen biologischen Organismus wie der Mensch in sich selbst vielleicht ein Indiz, dass der Evolutionsprozess, wenn er zu menschlichen Wesen führte, unter der Aufsicht eines vorausschauenden Designers steht.
(Übers: B. Currlin).
Link to the original article in English: /evolutionary-theory-and-theism
- William Lane Craig