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#201 Naturalistischer Appell an das Nichtwissen

September 29, 2015
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

zu sagen, dass ich Ihre Arbeit schätze, wäre eine Untertreibung. Ich erspare Ihnen einen oder zwei längere Absätze zu diesem Thema, aber ich möchte die Gelegenheit nutzen, Ihnen - und auch allen, die hinter den Kulissen mitwirken - meinen aufrichtigen Dank auszusprechen, dass Sie Ihre Arbeit für Leute wie mich zugänglich machen. Möge Gott Ihre Arbeit wirklich segnen und zulassen, dass sie in der ganzen Welt viel für die Sache Christi bewirkt. Ich für meinen Teil bereite mich gerade vor, in einer Stadt namens Hovd in der westlichen Mongolei eine Klasse mithilfe des Buches "On Guard" zu unterrichten.[1] Ich bin sicher, dass Sie nie vermutet hätten, dass sich Ihre Bücher einmal an diesen Ort verirren würden.

Jedenfalls bahnen sich die Wunder der modernen Technik ihren Weg auch in unsere Ecke der Welt und ermöglichten mir gerade, Ihre Debatte mit Christopher Hitchens sowie Ihre Debatte in der "City of Ideas"-Veranstaltung zu erleben[2]. Ich denke, es ist ziemlich klar, dass diese populärwissenschaftlich ausgerichteten "Neuen Atheisten" nicht in der Lage oder nicht bereit sind, sich in irgend einer Form mit Ihrer Argumentation detailliert auseinanderzusetzen. Jedenfalls scheint die von den Neuen Atheisten benutzte Pauschal-Argumentation, die sich nur oberflächlich mit Ihren Argumenten auseinandersetzt, nach folgendem Schema zu laufen:

Wir stehen erst am Anfang, das Universum und alles, was darin ist, zu verstehen. Unser derzeitiger Kenntnisstand ist noch sehr begrenzt; wir beginnen erst, die Fragen zu entdecken, geschweige denn, die Antworten geben zu können. Dies ist natürlich die Aufgabe der Wissenschaft, und eines Tages, wenn die Wissenschaft weitere Fortschritte erzielt hat, werden all diese unbeantworteten Fragen tatsächlich beantwortet sein. Mit anderen Worten, ja, es gibt Geheimnisse im Universum, die Anzeichen für ein Wesen im Jenseits sein könnten, aber, wie uns die Erfahrung bereits bei anderen Dingen gezeigt hat, von denen wir dachten, dass sie göttlichen Ursprungs seien, werden diese Geheimnisse am Ende gelöst, und es wird dann kein Platz mehr für irgend eine Art "Gott-Hypothese" bleiben. Kurz gesagt, Gott ist für die Wissenschaft nicht notwendig, und sie wird - wenn man ihr nur genug Zeit lässt - alles auf naturalistische Weise erklären.

Ich bin sicher, dass Sie auf dieses Denkschema eingegangen sind, das dort (anscheinend um zu vermeiden, sich detailliert mit den Prämissen Ihrer Argumente auseinanderzusetzen) aufgeworfen wurde. Aber ich erinnere mich an keine definitive Antwort von Ihrer Seite -- vielleicht habe ich sie verpasst. Möchten Sie vielleicht jetzt auf die obige "Argumentation" eingehen?

Vielen Dank noch einmal,

Craig

<ul><li>Mongolia</li></ul>

Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Craig, Ihr Brief hat meinen Tag gerettet! Ich las gerade die brandneue Ausgabe des Buches Operation World und stolperte über folgenden Satz:

"Als Patrick Johnstone im Jahr 1979 gefragt wurde, welche Gebiete am schwierigsten mit dem Evangelium zu erreichen seien, nannte er die Mongolei und Albanien. Heute gibt es mindestens 40.000 mongolische Gläubige. In Albanien darf heute das Evangelium gepredigt werden, und die Kirchen wachsen." (S. 4)

Ich preise Gott und danke Ihnen für Ihre Pionierarbeit! Liebe Leser, wenn Sie nicht wissen, wo die westliche Mongolei ist, werfen Sie einen Blick auf einen Globus oder eine Weltkarte. Es ist vielleicht nicht das Ende der Welt, aber Sie können es von dort aus sehen!

Zu Ihrer Frage: auch ich begegne ständig diesem naturalistischen Appell an das Nichtwissen[3]. Ich glaube, der Trugschluss dieser Argumentation ist, dass davon ausgegangen wird, dass ich mich auf eine Art "Lückenbüßer-Gott" berufe, um die Lücken in unserer wissenschaftlichen Erkenntnis der Welt zu stopfen. Aber das tue ich nicht. Ich führe noch nicht mal wissenschaftliche Indizien bzw. Beweise für Gott an. Vielmehr formuliere ich es so:

"Wissenschaftliche Indizien können eine Prämisse eines Arguments stützen, welches zu einem Schluss mit theologischer Bedeutung führt."

Diese Aussage muss man erst mal einen Moment wirken lassen. Die wissenschaftlichen Indizien, die ich als Begründung für die Prämissen anführe, die religiös neutrale Aussagen sind, kann man in jedem wissenschaftlichen Lehrbuch finden. Nehmen wir z.B. das kalām-kosmologische Argument. Ich behaupte, dass wir gute wissenschaftliche Beweise bzw. Indizien zur Unterstützung der zweiten Prämisse haben:

P2: Das Universum hat einen Anfang[4].

An dieser Aussage ist nichts Unwissenschaftliches, bzw. es spricht nichts dagegen, dass man diese These mit wissenschaftlichen Indizien belegt. Ob das Universum einen Anfang hat, ist genau eine jener Fragen, die die Wissenschaft versucht zu beantworten. Sollen wir glauben, dass die Wissenschaft grundsätzlich nicht in der Lage ist, eine Antwort auf diese Frage zu finden? Warum? Das hieße, dass man eine Art künstliche philosophische Einschränkung definiert, welche Sorte von Antworten die Wissenschaft auf diese Frage überhaupt geben kann.

In ähnlicher Weise ist die zweite Prämisse des teleologischen Argumentes aufgrund der Feinabstimmung des Universums eine religiös neutrale Aussage, auf die wissenschaftliches Beweismaterial grundsätzlich eine Antwort geben kann:

P2. Die Feinabstimmung ist nicht das Ergebnis von physischer Notwendigkeit oder von Zufall.[5]

Richard Dawkins folgt Sir Martin Rees, wenn er die Hypothese der physischen Notwendigkeit als wissenschaftlich plausible Erklärung für die Feinabstimmung ablehnt, und ähnlich lehnt Roger Penrose den Zufall als eine vernünftige Erklärung ab. Keiner dieser Nicht-Theisten begibt sich für die Ablehnung dieser Optionen auf theologischen Boden; ihre Begründungen sind streng wissenschaftlich. Können wir also einfach behaupten, dass sie nicht richtig liegen können, dass die Wissenschaft also kein negatives Urteil über die Hypothesen "Zufall" und "Notwendigkeit" fällen kann? Warum? Dies sind streng wissenschaftliche Aussagen, bei denen empirische Indizien grundsätzlich zur Bewertung herangezogen werden können.

Jetzt kann der Naturalist natürlich behaupten, dass wissenschaftliche Erkenntnisse tatsächlich keine dieser beiden Prämissen unterstützen. Aber dann haben Sie ihn genau dahin gebracht, wo Sie hinwollten: nämlich in eine Diskussion darüber, wie gut die Beweise für diese beiden Aussagen sind! Das ist es genau, was wir diskutieren wollen.

Nun sollte es selbstverständlich sein, dass wissenschaftliche Erkenntnisse immer vorläufig sind und revidiert werden können. Aber das ist kein besonderer Makel, der speziell den wissenschaftlichen Aussagen dieser beiden Prämissen anhaftet. Die Frage wird immer sein: was scheint aufgrund unserer besten Belege tatsächlich der Fall bzw. wahr zu sein? Zum Beispiel: sind die Indizien der heutigen Kosmologie wahrscheinlicher, wenn es einen Anfang des Universums gibt, oder wahrscheinlicher, wenn es keinen Anfang gibt?

Beachten Sie auch, dass es scheinheilig wäre, Belege für diese beiden Prämissen zu verlangen, die über das hinaus gehen, was normalerweise als angemessene Unterstützung von wissenschaftlichen Hypothesen angenommen wird. Wenn es zum Beispiel rational ist, die neo-darwinistische Theorie der biologischen Evolution durch zufällige Mutationen und natürliche Selektion zu akzeptieren, warum ist es dann nicht ebenso vernünftig anzunehmen, dass das Universum einen Anfang hat?

Beachten Sie schließlich, dass einige der Argumente für den Theismus philosophischer Natur sind, beispielsweise das moralische Argument und das ontologische Argument, oder dass sie Prämissen haben, die nicht nur wissenschaftlich, sondern auch philosophisch begründet sind, und die daher immun sind gegen den Einwand, dass wir bislang einfach nur zu wenig wissenschaftlichen Fortschritt erzielt haben, um die Fragen beantworten zu können.

William Lane Craig

(Übers.: GR)

Link to the original article in English: /naturalistic-appeal-to-ignorance


Anmerkungen

[1] Das Buch "On Guard" von W.L. Craig erscheint 2015 unter demselben Titel in deutscher Sprache (Anm. d. Übers.)

[2] Diese "City-of-Ideas"-Debatte fand am 13. November 2010 in Puebla, Mexiko, statt (Anm. d. Übers.).

[3] Ein Appellieren an Nichtwissen gilt als informeller Fehlschluss (argumentum ad ignorantiam) (Anm. d. Übers.)

[4] Das Kalam-kosmologische Argument hat folgende drei Prämissen:
P1: Alles, was anfing zu existieren, hat eine Ursache.
P2: Das Universum fing einmal an zu existieren.
K: Daher hat das Universum eine Ursache.
(Anm. d. Übers.)

[5] Das Argument aus der Feinabstimmung des Universums hat in der Formulierung von W.L. Craig folgende Prämissen:
P1: Die Feinabstimmung des Universums ist entweder eine Folge von Notwendigkeit, von Zufall, oder von Design (intelligenter Planung).
P2: Die Feinabstimmung ist NICHT eine Folge von Notwendigkeit oder von Zufall.
K: Daher ist die Feinabstimmung eine Folge von Design (intelligenter Planung).
(Anm. d. Übers.)

- William Lane Craig