#259 Gibt es objektive Wahrheit?
January 14, 2016Sehr geehrter Prof. Craig,
das Leben ist für mich absurd geworden. Gespräche mit verschiedenen Personen während meiner Schuljahre haben mich gelehrt, dass die meisten nicht denken, es gäbe so etwas wie Wahrheit. Das Wort sei vielmehr nur eine Frage der Auffassung und habe deshalb keine absolute Bedeutung. Am Ende meiner Gespräche ist mir klargeworden, dass alles, was keine wissenschaftliche Tatsache ist, falsch ist und dass dieser Begriff Wahrheit nur ein Bewältigungsmechanismus ist, den Menschen erschaffen haben, damit es so aussieht, als hätte das Leben einen Sinn, aber in Wirklichkeit hat es keinen. Wie gehen Sie als Philosoph und Theologe damit um? Ich bin auf Ihre Antwort gespannt!
Steven
<ul><li>United States</li></ul>
Dr. craig’s response
A [
Steven, Ihre Verzweiflung ist absolut nicht notwendig, sondern beruht vielmehr sogar auf falschen Auffassungen. Die Leute, die Ihnen sagten, „so etwas wie Wahrheit gibt es nicht“ sind keine klaren Denker oder zuverlässige Leiter. Die Position, die diese Leute vertreten, ist selbstreferentiell inkohärent, d. h. sie widerlegt sich buchstäblich selbst.
Stellen Sie sich nur einmal selbst die Frage: Ist die Behauptung,
1. Es gibt keine Wahrheit
selber eine wahre Behauptung? Wenn nicht, dann besteht kein Grund zur Sorge, oder? Wenn andrerseits (1) wahr ist, dann folgt, dass (1) nicht wahr ist, da es ja keine Wahrheit gibt. Wenn also die Behauptung (1) falsch ist, ist sie falsch; und wenn (1) wahr ist, ist sie ebenfalls falsch. Somit ist die Behauptung (1) auf jeden Fall falsch. Die Position, die Ihre Freunde vertraten, ist einfach in sich inkohärent.
Bitte tun Sie diese Antwort nicht einfach als logische Spitzfindigkeit ab. Die Position, die Ihre Freunde Ihnen vermittelten, widerlegt sich selbst und ist einfach töricht.
Ihr restlicher Brief macht sogar deutlich, dass Sie implizit diese sich selbst wiederlegende Ansicht ablehnen, denn im weiteren Verlauf bestätigen Sie eine ganze Reihe von Behauptungen, die wahr sein sollen:
2. Das Wort “Wahrheit” ist nur eine Frage der Auffassung und hat darum keine absolute Bedeutung.
3. Alles, was keine wissenschaftliche Tatsache ist, ist falsch.
4. Wahrheit ist nur ein Bewältigungsmechanismus, den Menschen geschaffen haben.
5. Das Leben hat in Wirklichkeit keinen Sinn.
Wenn (1) wahr ist, dann können (2)-(5) nicht wahr sein. Da nun aber (1) sich selbst widerlegt, müssen Sie die Position fallen lassen und einfach die Wahrheiten (2)-(5) behaupten.
Doch dann ist das Problem, dass (1) als Rechtfertigung für die Behauptungen (2)-(5) genannt wurde. Wenn Sie also (1) aufgeben, welche Gründe bestehen dann noch, (2)-(5) für wahr zu halten?
Auch (2)-(5) haben ihre eigenen selbstreferentiellen Probleme. Nehmen wir (2): Diese Behauptung ist ein wahres Durcheinander. Zweifellos ist das Wort „Wahrheit“ nicht eine Frage der Auffassung. Das Wort „Wahrheit“ ist ein deutsches Wort mit acht Buchstaben. Als einzelnes Wort macht es keine Aussage, behauptet also nichts und kann deshalb nicht eine Frage der Auffassung sein. Ebenso, was soll es bedeuten, dass „Wahrheit“ keine absolute Bedeutung hat? Dieses Wort hat ganz eindeutig eine Bedeutung, (die man im Lexikon findet,) was auch daraus hervorgeht, dass wir es gerade diskutieren. Wenn es eine Bedeutung auf Deutsch hat (anders als, sagen wir mal, „zliibckk“), dann verstehe ich nicht, was damit gemeint ist, wenn man sagt, die Bedeutung sei nicht absolut. Natürlich ist die Bedeutung des deutschen Begriffes „Wahrheit“ relativ, nämlich in Bezug auf die deutsche Sprache. Es hat beispielsweise keine Bedeutung im Englischen (im Gegensatz zu dem Wort „truth“). Zweifellos ist mit der Behauptung (2) eigentlich eher etwas anderes gemeint, z.B.:
2*. Was wahr ist, ist personenbezogen und nur eine Frage der Meinung.
„Wahr für dich“, wie man sagt, „aber nicht wahr für mich“. Doch dann tauchen wieder dieselben selbstreferentiellen Probleme auf. Wenn (2*) wahr ist, dann ist (2*) in sich selbst nur eine Frage der Meinung und personenbezogen. Aber dann ist es nicht objektiv wahr, dass Wahrheit nur eine Frage der Meinung ist. Es ist nur deine Auffassung, dass Wahrheit eine Frage der Meinung ist, also was soll’s? Das Problem liegt darin, dass Relativisten behaupten wollen, (2*) sei objektiv wahr; aber in diesem Fall ist (2*) falsch. Also noch einmal, die Behauptung widerlegt sich selbst.
Oder nehmen wir einmal Behauptung (3). (3) ist keine wissenschaftliche Tatsache. Es gibt keine Experimente, die man durchführen könnte, um sie zu beweisen, noch wird man sie als Behauptung in irgendeinem wissenschaftlichen Lehrbuch finden. Es handelt sich um eine philosophische Aussage über die Natur von Tatsachen. Aber sie sagt aus, dass alles, was keine wissenschaftliche Tatsache ist, falsch ist. Aber daraus folgt dann, dass (3) selbst auch falsch ist! Wachen Sie auf, Steven! Wie konnten Sie diesen Widersprüchlichkeiten gegenüber blind sein?
Wie ist es dann mit (4)? Wahrheit und Falschheit sind Eigenschaften von Aussagen. Eine Aussage S ist wahr, wenn und nur wenn das, was S besagt, wirklich zutrifft. Zum Beispiel ist „Schnee ist weiß“ wahr, wenn und nur wenn Schnee weiß ist. So ist Wahrheit offensichtlich kein Bewältigungsmechanismus, da Bewältigungsmechanismen keine Eigenschaften von Aussagen sind. Das ist nur verworrenes Denken. Was mit der Aussage (4) eigentlich besagt werden soll, muss so etwas sein wie
4*. Wir denken nur, dass S wahr sei, weil dies zu denken uns befähigt, das Leben zu bewältigen.
Nun scheint mir Aussage (4*) auf den ersten Blick völlig unplausibel zu sein. Mit Sicherheit fallen Ihnen alle möglichen Aussagen ein, die Sie für wahr halten, ganz abgesehen davon, ob dies Ihnen dabei hilft, Ihr Leben zu bewältigen. Einige der Dinge, die wir für wahr halten, sind sogar ganz deutliche Hindernisse, um unser Leben erfolgreich zu bewältigen! Aber lassen wir das. Wichtiger ist, wenn (4*) wahr ist, dann ist der einzige Grund, weshalb Sie glauben, dass (4*) wahr sei, weil es Ihnen hilft, das Leben zu bewältigen. In diesem Fall tun Sie uns vielleicht leid, aber wir werden uns deshalb über die Objektivität der Wahrheit keine Sorgen machen.
Was (5) betrifft, so ist dies eine in sich schlüssige und wichtige Behauptung. Ich stimme Ihnen zu, wenn Gott nicht existiert, dann ist (5) wahr. Aber wenn es Ihn gibt, dann ist (5) falsch. Welche Beweise haben Sie also, um Ihre Ansicht zu untermauern? Es wird Ihnen recht schwer fallen, für Ihre Ansicht irgendeinen Beweis anzuführen, wenn Sie leugnen, dass die Wahrheit objektiv ist und objektiv erkannt werden kann!
Die Quintessenz, Steven, lautet, dass die Behauptung, das Leben sei absurd, eine massive Behauptung ist. Und diese Bekannten von Ihnen, die Sie zu einem solchen Glauben verleitet haben, haben Sie durch anmaßende aber unreife Argumente und sich selbst wiederlegende Behauptungen getäuscht. Ich bitte Sie dringend, die Benommenheit, die solche Sophismen verursachen, abzuschütteln und damit zu beginnen, klar über solche Fragen nachzudenken!
(Übers.: B. Currlin)
Link to the original article in English: /is-there-objective-truth
- William Lane Craig