#26 Was heißt „vernünftiger Glaube“?
January 14, 2016Sehr geehrter Hr. Prof. Craig,
Was macht den Glauben vernünftig, und wer hat das Recht zu entscheiden, ob der Glaube im Einzelfall vernünftig ist oder nicht?
Kelli
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Dr. craig’s response
A [
Kelli, Ihre entwaffnend einfache Frage stellt sich bei näherer Betrachtung als äußerst tiefgründig und wichtig heraus. Wenn wir unsere Organisation schon einmal „Reasonable Faith“ (dt.: vernünftiger Glaube) genannt haben, dann tun wir in der Tat gut daran zu wissen, wovon wir sprechen.
Ich möchte zunächst auf den ersten Teil Ihrer Frage eingehen, um die Schlüsselbegriffe zu definieren. Wenn ich „vernünftig“ sage, meine ich damit „rational“. Aber wann ist eine Überzeugung rational? Nach Alvin Plantinga, dem wohl bekanntesten christlichen Erkenntnistheoretiker unserer Tage, kann man „rational“ auf zweierlei Weise verstehen.
Erst einmal kann mit "rational" gemeint sein, dass sich jemand mit einer Überzeugung im Rahmen seiner "epistemischen Rechte oder Pflichten[1]" bewegt, wie Plantinga es ausdrückt[2]. Die Idee dahinter: Was man für wahr hält oder nicht, sollte sich im Rahmen gewisser epistemischer Rechte und Pflichten abspielen. Während ich hier am Schreibtisch sitze, scheint vor mir ein Computer zu stehen. Es wäre nicht im Rahmen meiner epistemischen Rechte zu glauben, dass vor mir ein Pferd steht. Eine solche Ansicht wäre daher irrational. Glaube ich aber, dass vor mir ein Computer steht, dann verletze ich keinerlei intellektuelle Pflichten; diese Sichtweise ist rational für mich. Ich bin sogar geneigt zu sagen: ich habe die epistemische Pflicht, dies zu glauben.
Eine zweite Bedeutung von „rationaler Überzeugung“ betrifft die von Plantinga so bezeichnete „noetische Struktur“ einer Person. Die „noetische Struktur“ eines Menschen ist sein System von Überzeugungen. Einige Überzeugungen basieren auf anderen Überzeugungen; sie befinden sich daher „weiter oben“ im epistemischen Gebäude dieser Person. Im Fundament des epistemischen Gebäudes hingegen findet sich eine Reihe von basalen Überzeugungen oder Grundüberzeugungen, die nicht selbst wieder auf anderen Überzeugungen beruhen, sondern die man auf direkte Weise als wahr erkennt, im Rahmen jeweiliger Lebensumstände. Vernünftig ist der Mensch dann, wenn seine noetische Struktur keine Fehler aufweist. Ein fehlerhaftes System von Überzeugungen wäre es, wenn ein Mensch die Überzeugung A aufgrund von B und B aufgrund von A glaubt; seine Überzeugungen geraten augenscheinlich in einen Zirkel. Oder jemand hält eine Überzeugung für grundlegend oder "basal", selbst wenn sie für ihn selbst nicht grundlegend ist (etwa der grundlose Glaube an die Existenz des großen Kürbis-Wesens[3]); oder er leugnet eine Vorstellung, die eigentlich grundlegend für ihn sein sollte (Plantinga ist der Ansicht, der Glaube an die Existenz Gottes sollte für die meisten Menschen berechtigterweise basal sein). Wessen noetische Struktur Mängel aufweist, der ist im Hinblick auf die fehlerhafte Überzeugung irrational. Jemand, der eine Überzeugung hat, die keine epistemischen Mängel hat, ist darin rational, diese Überzeugung zu haben.
Es ist wichtig festzuhalten, dass der Anspruch, eine Überzeugung müsse rational sein, äußerst bescheiden ist. Damit eine Überzeugung für jemanden rational ist, muss sie noch nicht wahr sein; noch weniger ist ein Beweis nötig, dass sie wahr ist, ganz zu schweigen davon, dass man Gewissheit darüber haben müsste, dass sie wahr ist. Die Person muss sich einfach nur innerhalb seiner epistemischen Rechte bewegen; seine noetische Struktur darf im Hinblick auf diese Überzeugung keine Fehler aufweisen. Dennoch kann sich ihre Überzeugung später als falsch erweisen. Isaak Newton beispielsweise hatte guten Grund, an seine Physik zu glauben, auch wenn Physiker dreihundert Jahre später zeigten, dass die Newton'sche Physik bei annähernder Lichtgeschwindigkeit nicht mehr zutrifft. Niemand würde sagen, Newtons Annahmen seien irrational gewesen, selbst wenn sie sich später als falsch herausstellten.
Sagt man also, das Christentum stelle einen vernünftigen oder rationalen Glauben dar, so stellt man damit eine höchst bescheidene Behauptung auf! Diese Behauptung bedeutet nicht, dass der Islam oder der Atheismus nicht auch vernunftgemäße Überzeugungen sein können. Nun halte ich das Christentum freilich nicht nur für vernünftig, sondern auch für die Wahrheit, und ich glaube, dass die beiden anderen genannten Weltsichten nicht wahr sind. Meine Vorgehensweise zeigt, was ich das „Prinzip apologetischer Bescheidenheit“ nenne: Statt extravagante Behauptungen für den christlichen Glauben aufzustellen und damit die Latte so hoch zu hängen, dass sie kaum mehr zu erreichen ist, ist es besser, wenn man sie tief ansetzt, indem man sehr bescheidene Ansprüche formuliert und die Latte dann überspringt, indem man wesentlich mehr demonstriert als man behauptet. Damit nämlich begegnet man dem Ungläubigen unaufdringlich, übertrifft aber doch seine Erwartungen, indem man Belege anführt, die die eigenen, zurückhaltenden Behauptungen mehr als nur stützen.
Was verstehe ich nun unter dem Begriff des „Glaubens“? Auch diesen Begriff kann man auf zweierlei Weise verstehen. Auf der einen Seite kann sich der Begriff auf die Lehrinhalte des Christentums beziehen. In diesem Sinne bedeutet „Glaube“ das für-wahr-Halten der christlichen Weltanschauung. In diesem Sinne kann man die Lehren des christlichen Glaubens beispielsweise denen des Islam gegenüberstellen. Wenn wir vom Glauben in diesem Sinn sprechen, dann meinen wir ein Lehrgebäude. Wenn man also sagt, der Glaube ist in diesem Sinn vernünftig, behauptet man damit, dass es vernünftig ist, diese Lehrinhalte für wahr zu halten.
„Glaube“ kann sich aber auch auf die Handlung des Glaubens beziehen. Der protestantische Reformator Martin Luther unterschied drei Aspekte des Glaubens[4]. Da ist zuerst die notitia, also das Verstehen. Man muss zunächst mal Kenntnis davon nehmen, was behauptet wird (also z.B. was die Bibel sagt), und auch verstehen, was diese Aussagen bedeuten. Danach kommt assensus, also die Zustimmung. Dass eine Behauptung wahr ist, dem muss ich im Verstand zustimmen. Dann habe ich die Behauptung nicht nur verstanden, sondern stimme ihr auch zu. Schließlich kommt die fiducia, das Vertrauen. Rettender Glaube bedeutet nicht nur die verstandesgemäße Zustimmung zu manchen Lehren, sondern das herzliche Vertrauen auf Gott, auf den sich diese Lehraussagen beziehen. Wenn man also in diesem Sinn sagt, der christliche Glaube sei „vernünftig“, dann sagt man damit, es sei rational, an den Gott der Bibel zu glauben und ihm zu vertrauen. Für den intelligenten und gut informierten Menschen ist es also ein vernünftiger Schritt, an den Gott der Bibel zu glauben.
Gegen die verärgerten und lautstarken Verfechter des so genannten „Neuen Atheismus“ bin ich davon überzeugt, dass der christliche Glaube – so verstanden – in eminentem Sinn vernünftig ist.
Unter diesen Voraussetzungen frage ich mich, ob ich Ihre Frage wirklich recht verstanden habe. Vielleicht wollen Sie auch gar keine Klarstellung des Begriffs „vernünftiger Glaube“, sondern fragen vielmehr nach Kriterien zur Feststellung der Vernünftigkeit eines bestimmten Glaubens. Wenn Sie danach gefragt haben, möchte ich Sie auf das erste Kapitel meines Buches Reasonable Faith verweisen (Kap. „de fide“)[5]. Damit ein Glaube vernünftig ist, muss er logisch konsistent sein und den Tatsachen der Erfahrung entsprechen, seien es wissenschaftliche, geschichtliche oder sonst wie geartete Tatsachen. Eine solche systematische Widerspruchsfreiheit, wie das genannt worden ist, ist eine notwendige Bedingung für die Wahrheit einer Weltanschauung, sie kann aber auch als zureichende Bedingung für ihre Vernünftigkeit gelten. Um darüber hinaus noch ihre Wahrheit festzustellen, bedarf es entweder zusätzlicher Argumente, die formallogisch korrekt und nicht-zirkulär sind, und die auf Prämissen beruhen, die plausibler sind als deren Verneinung; oder man muss auf direkte Weise erkennen können, dass die Aussage wahr ist (wie es bei berechtigterweise basalen Überzeugungen der Fall ist). Ich habe andernorts die Auffassung vertreten, dass im Christentum beides vorliegt, im Gegensatz zu anderen Glaubenssystemen, die mir bekannt sind.[6]
Wer entscheidet also, ob der Glaube vernünftig ist oder nicht? Nun, offensichtlich Sie selbst! Jeder von uns entscheidet dies für sich. Wie Pascal sagte, ist das Spiel schon im Gange; Sie müssen Ihren Einsatz machen. Wie werden Sie sich entscheiden?
Wenn ich sage, dass Sie sich entscheiden müssen, meine ich damit keineswegs, dass Ihre Entscheidung darüber bestimmt, was die Wahrheit ist. Wenn Sie sich beim Wandern in den Bergen verirren und sich bei einer Weggabelung für eine Richtung entscheiden müssen, heißt das nicht, dass Ihre Entscheidung den Ausschlag darüber gibt, welcher Weg an das Ziel führt. Im Gegenteil, welches der richtige Weg ist, ist schon vorher durch Tatsachen festgelegt. Aber es ist an uns, die uns bekannten Tatsachen abzuwägen und auf ihrer Basis diese folgenschwere Entscheidung zu treffen, oft von tiefer Sorge und Unsicherheit begleitet.
Aber als Christen wissen wir, dass niemand ganz allein auf sich selbst gestellt ist in seiner Entscheidung, ob er an das Evangelium glauben soll. Denn Gott hat den Heiligen Geist gesandt, um die Welt zu überführen und Leute zu sich zu ziehen. Jesus hat verheißen: "Wenn jemand dessen Willen tun will, wird er innewerden, ob diese Lehre von Gott ist oder ob ich von mir selbst aus rede." (Joh. 7,17) In letzter Instanz wird jedoch Gott selber darüber entscheiden, ob eine Person im Rahmen seiner historischen Umstände eine rationale Entscheidung getroffen hat.
(Übers.: I. Carobbio)
Link to the original article in English: /what-is-reasonable-faith
[1] "Epistemisch" bedeutet: auf das Erkennen bezogen (von griechisch epistḗmē = Wissen).
"Epistemische Rechte und Pflichten" sind also "Rechte und Pflichten" bezüglich dessen, was wir für wahr halten und was nicht.
Aber gibt es überhaupt epistemische Rechte und Pflichten? Ist es denn unmoralisch, etwas Falsches für wahr zu halten? Warum sollte es "Sünde" sein, z.B. der Meinung zu sein, dass 5+5 = 11 statt 10 ist? (Oder dass 187*194=36276 statt 36278?) Allein dadurch, dass man in seinem Kopf eine falsche Überzeugung als richtig erachtet, hat man doch noch niemandem etwas Böses getan? Eventuell können aber die Folgen, die sich aus einer falschen Überzeugung ergeben, anderen schaden. Wenn ein Architekt eine Brücke vor der Konstruktion falsch berechnet, stürzt sie später vielleicht ein. Epistemische Rechte und Pflichten sind also nicht gleichbedeutend mit moralischen Rechten und Pflichten, befinden sich aber evtl. "in deren Nachbarschaft", so Alvin Plantinga.
[2] Alvin Plantinga erörtert das Konzept epistemischer Rechte und Pflichten näher in Alvin Plantinga: Reason and Belief in God, in: Alvin Plantinga, Nicholas Wolterstorff (Hrsg.): Faith and Rationality. Reason and Belief in God, University of Notre Dame Press 1983, S. 29-34.
Plantinga unterscheidet die epistemischen Rechte und Pflichten im Hinblick auf das Erwerben, das Beibehalten oder das Aufgeben von Überzeugungen. Man könne, so Plantinga, die epistemischen Rechte und Pflichten teleologisch deuten (im Sinne eines "intellektuellen Utilitarismus": wir sollen die Überzeugungen erwerben und beibehalten, die es uns erlauben, das Gute für die größte Zahl von Menschen zu maximieren und das Schlechte zu minimieren); man könne sie aber auch tugendethisch oder deontologisch deuten, etc.
Kontext dieser Erörterungen ist die Frage, inwieweit man für den christlichen Glauben Gründe braucht, etwa philosophische Argumente für die Existenz Gottes, oder ob man auch "einfach so" glauben kann, dass der christliche Glaube wahr ist, z.B. basierend auf dem inneren Zeugnis des Heiligen Geistes (vgl. Römer 8,16), und dennoch rational sein kann.
(Anm. d. Übers.)
[3] Gemeint ist der „Great Pumpkin“ aus der Comic-Serie „Peanuts“. Plantinga beschäftigt sich in seinem Aufsatz Reason and Belief in God (im oben genannten Buch Faith and Rationality), S. 74-78 mit der "Great Pumpkin Objection". (Anm. d. Übers.).
[4] Diese Aufteilung des Glaubens in drei Aspekte noticia (Kenntnisnahme und Verstehen), assensus (Zustimmung), fiducia (herzliches Vertrauen) findet seinen Niederschlag z.B. im Heidelberger Katechismus aus dem Jahre 1563, Frage 21: http://www.heidelberger-katechismus.net/8021-0-227-50.html
(Anm. d. Übers.)
[5] William Lane Craig, Reasonable Faith. Christian Faith and Apologetics, Crossway Books 2008 (3. Auflage), S. 29-64. (Anm. d. Übers.)
[6] W.L. Craig führt z.B. hier: /defenders-2-podcast/s4 (lectures 26-30) näher aus, dass ein Christ auf zweierlei Weise wissen kann, dass das Christentum wahr ist. Erstens durch die Argumente der natürlichen Theologie (also durch diskursives Denken und damit indirekt erworbenes Wissen). Zweitens durch das innere Zeugnis des Heiligen Geistes, vgl. u.a. Röm. 8,16, 1. Thess. 1,4.5; Joh. 14,26 oder 1. Joh. 2,20 (also durch direkt erworbenes Wissen).
Der Christ hat also eine "doppelte Rechtfertigung" (eng. "double warrant") für seinen Glauben.
Vgl. auch das in FN 5 erwähnte Kap. 1 im Buch Reasonable Faith. Christian Faith and Apologetics.
(Anm. d. Übers.)
- William Lane Craig