#33 Gott und das fliegende Spaghettimonster
January 14, 2016Sehr geehrter Prof. Craig,
Das kumulative Argument für die Existenz Gottes geht von einigen grundsätzlichen Gegebenheiten aus (Feinabstimmung der Naturkonstanten, wahrnehmungsfähige Seelen, Berichte von Wundern etc.), um auf die Existenz Gottes als bester Erklärung dieser Gegebenheiten zu schließen. Doch da gibt es einige wichtige Einwände. 1) Diese Schlussfolgerung zeigt nicht, weshalb die Existenz Gottes eine bessere Erklärung sein soll als, sagen wir, die Hypothese der Existenz eines sehr mächtigen Fliegenden Spaghettimonsters. 2) Ebenfalls lässt sich aus diesen Gegebenheiten nicht schließen, dass nicht ein böses Wesen – etwa ein mächtiges, bösartiges Wesen wie Satan – die bessere Erklärung wäre als Gott; insbesondere, wenn wir das Böse in der Welt in die Ausgangsgegebenheiten einbeziehen. Wie würden Sie darauf antworten? Vielen Dank,
Vlastimil
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Dr. craig’s response
A [
Ihre Frage ist doch im Grunde genommen die: Wenn die Argumente für die Existenz Gottes erfolgreich sind, welche Schlüsse kann man dann bezüglich des Wesens Gottes ziehen? Die verschiedenen Argumente für Gottes Existenz erlauben uns jeweils Rückschlüsse auf unterschiedliche Eigenschaften Gottes, so dass die Argumentation für Gottes Existenz, wie Sie schon erwähnten, kumulativer Natur ist.
Das Hirngespinst des heiß geliebten „Fliegenden Spaghettimonsters“ geht auf den Wissenschaftler Bobby Henderson zurück. Er verfasste im Sommer 2005 einen spöttischen Brief an den Bildungsausschuss des Bundesstaates Kansas, USA, in welchem er gegen den Gebrauch eines Lehrbuchaufklebers protestierte, der für das „Intelligent Design“ warb. Das Spaghettimonster (besser: „er“, da das Monster eine Person ist) hat es mittlerweile zu internationalem Ruf gebracht (www.venganza.org).
Hendersons Nudelmonster soll die Ansicht parodieren, wonach aus dem Universum auf einen intelligenten Planer geschlossen werden kann. Er schrieb: „Denken wir daran, dass es mehrere Theorien des ‚Intelligent Design‘ gibt. Ich und viele andere Menschen auf der Welt glauben fest daran, dass das Universum von einem Fliegenden Spaghettimonster erschaffen wurde. ER war es, der alles erschuf, was wir sehen und fühlen.“ Henderson gibt an, einiges über das Wesen des Fliegenden Spaghettimonsters zu wissen:
„Es ist vielleicht hilfreich, wenn ich Ihnen ein wenig mehr über unseren Glauben erzähle. Wir haben Befunde, dass ein Fliegendes Spaghettimonster das Universum erschaffen hat. Natürlich war keiner von uns dort, um es zu sehen, aber wir haben schriftliche Berichte davon. Wir besitzen mehrere sehr lange Bände, welche alle Details Seiner Macht erklären. …
Er ist selbstverständlich unsichtbar und kann mit Leichtigkeit durch normale Materie gleiten. … Ich habe eine künstlerische Zeichnung von Ihm beigefügt, wie er einen Berg, Bäume und einen Zwerg erschafft.“

Wie die Zeichnung zeigt, besteht das Monster aus zwei großen Fleischbällchen, die von einer Menge Spaghetti umgeben und mit zwei Augäpfeln ausgestattet sind. Ganz offensichtlich ist das Fliegende Spaghettimonster ein begrenztes, körperliches Objekt, das unseren Sinnen aus einem unerklärlichen Grund unzugänglich bleibt.
Was für ein Spaß! Aber was soll die Parodie eigentlich besagen? Was beweist sie? Bemerkenswerterweise zieht Hendersons Parodie weder Rechtmäßigkeit noch Notwendigkeit infrage, auf einen intelligenten Planer des Universums zu schließen. Die Pointe der Parodie scheint vielmehr darin zu liegen, dass wir über das Wesen des Planers nur wenig (wenn überhaupt etwas) in Erfahrung bringen können. Daher sei es willkürlich, den Planer des Universums als Gott zu bezeichnen, besonders wenn man ihn als den Gott einer ganz bestimmten Religion bezeichnet.
Das Merkwürdige an dieser Parodie ist: ID-Theoretiker (ID = Intelligent Design; AdÜ) wie William Dembski sagen seit Jahren mit Nachdruck genau dasselbe, werden dafür von den Leuten aber für unehrlich gehalten. Dembski bringt seine Sichtweise stets überdeutlich zum Ausdruck: Auf Basis der spezifizierten Komplexität[1] im Universum kann man nicht schließen, dass der Designer unendlich, allmächtig, allwissend, allgütig usw. ist. Genau deshalb wehren sich ID-Theoretiker ja auch so vehement gegen den Vorwurf, Intelligent Design sei nichts als verschleierte Religion. Die Gleichsetzung des Designers mit Gott ist ein theologischer Schluss, der nicht allein auf Basis des Design-Arguments gezogen werden kann.
Dembski schreibt:
„Wenn ID-Theoretiker nicht von Gott sprechen, dann deshalb, weil die Intelligent-Design-Theorie es nicht hergibt, Gott ins Spiel zu bringen. Design-theoretische Überlegungen erlauben es, von bestimmten Mustern in der Natur zuverlässig auf intelligentes Design zu schließen. Es gibt aber keine ununterbrochene Kette an Schlüssen, die uns von endlichen Mustern in der Natur und dem Rückschluss auf Design dann weiterführt zu dem unendlichen, persönlichen, transzendenten Schöpfergott, an den die größten Theistischen Religionen glauben. ... Als Christ glaube ich, dass der Gott des Christentums letztlich die Ursache des Designs im Universum ist. ... Doch kann ich allein aus dem Design in der Physik oder Biologie diesen Schluss nicht ziehen. ... Wenn ID-Theoretiker nicht von Gott sprechen, so nicht deshalb, weil sie zu schüchtern oder hinterlistig sind, sondern einfach weil sie im angemessenen Rahmen ihrer Theorie bleiben.“ (The Design Revolution, S. 26).
Dembski beharrt daher hartnäckig darauf, die Konzepte des „Intelligent Design“ in öffentlichen Schulen nicht religiös zu interpretieren. Er selbst, wäre es ihm eingefallen, hätte sich zur Verdeutlichung seiner Aussage gut und gerne des Fliegenden Spaghettimonsters bedienen können! Ironischerwerise stützt Hendersons Parodie eine der zentralen Behauptungen der ID-Bewegung: Sie ist gerade keine religiöse Lehre! Der Schluss auf einen Planer ist kein verborgener Hinweis auf eine bestimmte Gottheit.
Damit ist nun freilich nicht gesagt, wir könnten auf Basis der spezifizierten Komplexität des Kosmos nichts über den Planer des Universums aussagen. Wir können grundsätzlich folgern: Es gibt ein persönliches und daher selbstbewusstes Wesen mit eigenem Willensvermögen und unvorstellbar hoher Intelligenz, das das Universum erschaffen hat. Wenn die Menschen das wirklich für wahr hielten, blieben ihnen vor Staunen Augen und Mund offen, statt sich in Spott und Hohn zu ergehen.
Zudem ist es durchaus plausibel, sich zur Letztbegründung ein persönliches, unkörperliches Wesen vorzustellen, denn jedes materielle Wesen trüge ja selbst wieder jene spezifizierte Komplexität an sich, die wir zu erklären suchen. Der alte Einwand: „Wer schuf den Schöpfer?“ ist ein starkes Argument gegen den Planer als physisches Objekt (siehe meinen Artikel "Richard Dawkins’ Argument für Atheismus in “Der Gotteswahn”[2]). Daher scheidet das Fliegende Spaghettimonster als Letztbegründung sofort aus.
Wie steht es um die anderen Argumente für Gottes Existenz? Das Kontingenzargument beweist, wenn es erfolgreich ist, die Existenz eines in metaphysischer Hinsicht notwendigen, unverursachten, zeitlosen, sich außerhalb des Raumes befindlichen, immateriellen, persönlichen Schöpfers des Universums (siehe „Argument from Contingency“ im Archiv „Frage der Woche“). Auch dieser Schluss lässt sich nicht mit der Ansicht vereinen, das Fliegende Spaghettimonster sei der Erklärungsgrund aller Dinge, da es (er) als körperliches Objekt (auch wenn er unseren Sinnen unzugänglich bleiben mag) weder in metaphysischer Hinsicht notwendig, noch zeitlos, raumlos oder immateriell ist.
Das Kalam-kosmologische Argument, wenn erfolgreich, liefert uns Gründe, an die Existenz eines ursprungslosen, unverursachten, zeitlosen, raumlosen, unveränderlichen, immateriellen, ungeheuer mächtigen, persönlichen Schöpfers des Universums zu glauben. Ein Wesen mit solchen Eigenschaften hat mit Fliegenden Spaghettimonstern nichts gemeinsam.
Das Moralargument ergänzt das kosmologische und das Design-Argument, indem es uns etwas über das ethisch-sittliche Wesen des Schöpfers des Universums verrät. Es spricht von einem persönlichen, notwendig existierenden Wesen vollkommener Güte, dessen Natur der Maßstab des Guten ist und dessen Gebote unsere moralischen Pflichten begründen. Dieses Argument durchkreuzt jede Vorstellung, wonach die metaphysische Letztbegründung in einem bösen Wesen wie Satan zu suchen sein könnte. Als Privation oder Mangel an Gutem ist das Böse ein Parasit des Guten und kann also nicht als „höchstes Wesen“ fungieren.
Das ontologische Argument schließlich gibt uns Grund zur Annahme, dass Gott, das Wesen, über das hinaus kein größeres gedacht werden kann, metaphysisch notwendig und von höchster Güte ist, also allmächtig, allwissend und allgütig. Das arme Fliegende Spaghettimonster muss davor im Staube kriechen.
Ich glaube, Sie sehen jetzt: Das Fliegende Spaghettimonster ist enorm überbewertet, nicht nur als Wesen, sondern auch als Parodie. Die Parodie zeigt nicht, dass der Schluss auf einen vernünftigen Planer unzulässig oder grundlos ist. Sie zeigt nur: Wir wären im Unrecht, schrieben wir dem postulierten Designer, der der Schluss auf die beste Erklärung ist, beliebige Eigenschaften zu, die sich nicht aus den Belegen ergeben. Vertreter der Natürlichen Theologie haben das immer gewusst. Darum diskutiert etwa Thomas von Aquin im Anschluss an die fünf kurzen Abschnitte seiner theologischen „Summe“, die die Existenz eines Wesens beweisen, dem „jedermann den Namen ‚Gott‘ gibt“, in den darauffolgenden neun Fragen Gottes Einfachheit, Vollkommenheit, Güte, Grenzenlosigkeit, Allgegenwart, Unveränderlichkeit, Ewigkeit und Einheit.
Das Fliegende Spaghettimonster ist dagegen höchst unzulänglich, will man es als Erklärung der genannten Phänomene anführen (einige davon haben Sie ja genannt), die den Argumenten für die Existenz Gottes zugrunde liegen. Diese Argumente zeigen, wenn sie stimmig sind (und ich glaube, dass sie es sind), dass es notwendig ist, von einem allumfassenden Wesen, nämlich dem metaphysisch notwendigen, kraft seiner selbst existierenden, anfanglosen, unverursachten, zeitlosen, nicht räumlichen, immateriellen, persönlichen, allmächtigen Schöpfer und Planer des Universums, auszugehen, also von einem Wesen vollkommener Güte, dessen Natur der Maßstab des Guten ist und dessen Gebote unsere moralischen Pflichten begründen.
Was man eigentlich aus der Parodie des Fliegenden Spaghettimonsters lernen kann ist, wie wenig unser gegenwärtiger Kulturkreis von der großen Tradition der Natürlichen Theologie weiß. Man könnte geradezu in einer fremden Sprache sprechen. Dass Menschen überhaupt auf den Gedanken kommen, der Glaube an Gott sei mit dem grundlosen Glauben an ein Phantasiemonster zu vergleichen, zeigt, wie ungeheuer unwissend man gegenüber den Arbeiten Anselms, Aquins, Leibnizens, Paleys, Sorleys und so vieler anderer Autoren der Gegenwart und Vergangenheit ist. Kein Zweifel: Ein Teil der Schuld liegt auf ebenso ungebildeten Christen, die keine Antwort haben, wenn sie nach dem Grund ihrer inneren Hoffnung gefragt werden und die damit den Eindruck eines willkürlichen und grundlosen Glaubens vermitteln. Eine Teilschuld muss allerdings auch der mangelnden Bildung, der intellektuellen Faulheit und dem Mangel an Neugier zugeschrieben werden. Wenn man das heutige Wiederaufleben der Natürlichen Theologie im Verlauf des letzten halben Jahrhunderts in Betracht zieht, so haben wir keinerlei Entschuldigung für derlei dürftige Karikaturen des theistischen Glaubens, wie ihn das "Fliegende Spaghettimonster" darstellt.
William Lane Craig
(Übers.: I. Carobbio)
Link to the original article in English: /god-and-the-flying-spaghetti-monster
[1] Erläuterung zum Begriff "spezifizierte Komplexität" (engl. "specified complexity"):
Komplexität an sich ist laut William Dembski noch kein Hinweis auf Design; jede beliebige Anordnung der Sandkörner an einem Strand ist hochkomplex, da sie eine bestimmte Position oder Lage von Milliarden von Sandkörnern beinhaltet. Auch eine durch Zufall entstandene Anordnung kann also sehr komplex sein. Erst wenn neben der allgemeinen oder einfachen Komplexität noch ein unabhängig davon bekanntes Muster erkennbar ist (z.B. Fußstapfen im Sand), liegt "spezifizierte Komplexität" und damit ein Hinweis auf Außeneinwirkung vor.
(Anm. d. Übers.)
[2] /german/qa1
- William Lane Craig