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#256 Noch einmal das Problem des Bösen

January 14, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich bin ein ehemals tief überzeugter Christ, der zahllose Stunden mit Agnostikern und Atheisten debattiert hat. In den Debatten habe ich viele Ihrer Argumente und viele meiner eigenen angeführt. Vor kurzem ist mein Glaube jedoch – gelinde gesagt – einer Belastungsprobe unterworfen worden.

Doch ich wollte noch einmal Ihre Antwort auf die Frage dieser Woche zum Thema "das Böse, Schmerz und Leid" aufgreifen[1].

Erstens sagen Sie oft, dass es keinen hinlänglichen Grund dafür gebe, anzunehmen, dass Gott keinen hinlänglichen Grund dafür besitzt, Schmerz und Leid in dieser Welt zuzulassen. Doch die Beweislast, einen bedeutsamen Grund aufzuzeigen, weshalb ein allliebender und allmächtiger Gott unnötigen Schmerz und Leid zulässt, liegt bei Ihnen. Zu behaupten, Gott „könne“ einen bedeutsamen Grund dafür haben, ist so etwas wie ein Ausweichmanöver, finden Sie nicht auch? Wenn Gott zum Beispiel einen hinlänglichen Grund dafür hatte, Hitler und seinen Schergen zu erlauben, Öfen zu bauen, um Menschen loszuwerden, dann sollten wir – was? – uns freuen, dass sie mit Gottes Gütesiegel versehen gebaut wurden? Warum sollten wir diesen Akt denn unbedingt als unmenschlich oder böse verurteilen, wenn Gott doch einen bedeutsamen Grund dafür hatte, es zuzulassen? Mir scheint, wenn Gott einen bedeutsamen Grund dafür hatte, es zuzulassen, dann sollten wir uns freuen, dass Sein Wille geschah.

Ein weiteres Beispiel: Meine eigene Mutter ist vor kurzem gestorben– nachdem die Demenz sie so lange in ihren Klauen hatte, dass am Ende ihr Verstand nicht mehr in der Lage war, die Signale ihres Körpers zu empfangen, um ihr mitzuteilen, dass sie sich zu Tode hungerte. Die Ärzte vertraten alle die Ansicht, dass eine intravenöse Ernährung ihr langes Leiden nur noch verlängern würde. Als frisch zum Agnostizismus Bekehrter fällt es mir schwer, einen bedeutsamen Grund dafür zu finden, warum ein allmächtiger und allliebender Gott einen solchen langsam hinausgezögerten Tod erlauben würde. Bitte bieten Sie mir einen hypothetischen bedeutsamen Grund an! Schließlich liegt die Beweislast bei Ihnen, ein gutes Beispiel für einen hinlänglichen Grund zu nennen, warum solche Dinge geschehen, wenn so ein allmächtiger und allliebender Gott wirklich existiert. Denn schließlich sollten wir uns freuen, dass Gott solche Schmerzen und Leiden erlaubt, wenn er tatsächlich dafür einen bedeutsamen Grund haben sollte.

Für mich wird dadurch auch das gesamte Konzept von Gebet fast lächerlich, denn es ist schwer, sich vorzustellen, dass ein so allmächtiger und allwissender Gott solchen Schmerz und solches Leid sieht, sich aber dazu entscheidet, nur einzugreifen, wenn jemand das richtige Gebet betet. Können Sie sich wirklich vorstellen, dass ein solcher Gott vom Himmel herabschaut und sagt: „Ich sehe, wie Mary außerordentlich leidet, aber ich werde nicht eingreifen, es sei denn, jemand betet für sie, bzw. betet das richtige Gebet?“ Selbst aus unserer Perspektive heraus hat die Antwort mindestens eine 50%ige Chance, „Nein“ zu lauten, und Gott – in seinem Vorherwissen – hätte die Antwort ja schon im Voraus gewusst. So gäbe es keine Möglichkeit, dass ein bestimmtes Ereignis einen anderen Ausgang nähme, auch wenn die ganze Welt in Einigkeit darum beten würde. So scheint mir, dass das gesamte Konzept des Gebetes lächerlich ist, denn ein allmächtiger und allliebender Gott hätte eingegriffen, statt zu erlauben, dass sich solch Schmerz und Leid unnötig über Monate hinziehen. Und wenn es einen bedeutsamen Grund dafür gibt, dass Gott dies zulässt, dann sollten wir, statt Mitgefühl zu empfinden oder traurig zu sein, –ja was? – uns doch darüber freuen, dass Gott ihr erlaubt hat, so lange zu leiden, denn er hatte ja zweifellos einen guten und bedeutsamen Grund dafür, ihre Leiden zu verlängern?! Tut mir leid, aber das passt einfach nicht!

Dies bringt mich zu meinem letzten Punkt: Warum sollte ein Christ seine geistigen Fähigkeiten verlieren, nur um sie dann im Jenseits erneuert zu bekommen? Wenn unser Geist und unser Bewusstsein in jenem großen Jenseits weiter bestehen, dann wäre es doch gewiss derselbe Verstand, den wir jetzt hier besitzen. Wenn es aber keine Erinnerung unseres Bewusstseins an diese Welt in dem Dasein danach gibt, dann haben wir nicht wirklich mehr gute Gründe dazu, uns auf ein segensreiches himmlisches Dasein zu freuen als ein Atheist, der das Nichts erwartet. Zumindest aus unserer gegenwärtigen Perspektive der Realität betrachtet! Warum sollte ich den Himmel vorziehen, wenn das Bewusstsein, das ich dann haben werde, nicht mehr dasselbe ist, das ich in dieser Welt habe? Und wenn das Bewusstsein in dieser Welt getäuscht und so beschädigt werden kann, dass kein rationaler und bewusster Gedanke mehr möglich ist, welche Hoffnung gibt es dann, dass uns in der Welt danach eine Verjüngung erwartet? Ich glaube, die Tatsache, dass die Schaltung unseres Gehirn-„Bewusstseins“ – trotz unserer vorhandenen oder auch fehlenden Glaubensüberzeugungen - durcheinandergebracht oder getäuscht oder unwiederbringlich beschädigt werden kann, Beweis genug dafür ist, dass der Verstand oder das Bewusstsein nicht ewig sind.

David

<ul><li>United States</li></ul>

Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Mein Beileid, David, zu dem erst kurz zurückliegenden Tod Ihrer Mutter! Mein eigener Vater starb auf ähnliche Weise, nachdem er durch die Parkinsonkrankheit nur noch ein Schatten seiner selbst geworden war – und es war schmerzhaft für mich, dabei zuzusehen.

Aber in meiner Arbeit über das Problem des Bösen fand ich es sehr hilfreich, zwischen dem zu unterscheiden, was ich als das emotionale Problem des Bösen und als das intellektuelle Problem des Bösen bezeichne. (Philosophical Foundations for a Christian Worldview, Kapitel 27[2]). Ich kann nicht umhin, mich zu fragen, ob Sie nicht mit dem emotionalen Problem des Bösen kämpfen, David, da Ihre Einwände, wenn man sie rein intellektuell betrachtet, nicht sehr stichhaltig sind, sondern offenbar auf einigen grundlegenden Missverständnissen beruhen.

Zunächst, und dies ist das Grundlegendste, haben Sie eine falsche Vorstellung von der dialektischen Rolle des Problems des Bösen im Dialog zwischen Theismus und Atheismus, und damit auch davon, bei wem die Beweislast liegt. Das Problem des Bösen oder des Leides ist ein Argument zugunsten des Atheismus. Es wird als schlagendes Gegenargument zu der theistischen Behauptung „Gott existiert“ vorgebracht. Der Atheist will aufgrund des Bösen in der Welt beweisen, dass diese Behauptung falsch sei. Somit liegt es auch an ihm, ein Argument dafür zu liefern, dass das Böse in der Welt mit der Wahrheit „Gott existiert“ irgendwie unvereinbar ist.

Philosophen, die Atheisten sind, haben dies verstanden und darum traditionellerweise dahingehend Argumente geliefert, dass das Böse in der Welt die Existenz Gottes entweder logisch unmöglich oder unwahrscheinlich macht und darum Gott nicht existiert. Als derjenige, der ein Argument vorbringt, hat der Atheist die Verpflichtung, die Prämissen für sein Argument zu untermauern. Er kann sie nicht einfach behaupten und dann fordern, dass der Theist sie widerlegt; genauso wenig kann ein Theist, wenn er ein Argument für Gottes Existenz vorbringt, einfach dessen Wahrheit behaupten und fordern, dass der Atheist es widerlegt. Jetzt ist der Atheist an der Reihe, und somit hat er die Beweislast zu tragen. Der Theist kann auf das Argument des Atheisten entweder so reagieren, dass er versucht, ihm zu zeigen, dass die Prämissen des Atheisten falsch sind (ein schlagendes Gegenargument zu einem Gegenargument) oder aber, indem er versucht zu zeigen, dass die Prämissen des Atheisten sich nicht als wahr erwiesen haben (eine schlagende Unterminierung eines Gegenarguments). Im letzteren Fall muss der Theist nicht erklären, warum Gott das Böse eigentlich erlaubt (woher sollte er das wissen?). Er wird einfach zeigen, dass der Atheist nicht in der Lage war, auszuschließen, dass Gott tatsächlich moralisch hinlängliche Gründe dafür hat, Böses zu erlauben.

Nun lautet ein Teil meiner Antwort auf das Argument des Bösen, wie ich sie in meinen Veröffentlichungen verteidigt habe, dass der Atheist Wahrscheinlichkeitsurteile fällt, die mit einem gewissen Grad an Sicherheit zu treffen, unsere Fähigkeiten übersteigen. Beispielsweise haben wir keine Vorstellung davon, wie sich der Lauf der Weltgeschichte entwickelt hätte, hätte Gott Hitler daran gehindert, an die Macht zu kommen. Vielleicht hätte ein Joseph Stalin, (der 11 Millionen Ukrainer verhungern ließ, um seinen marxistischen Staat zu finanzieren), dadurch an Macht und Kühnheit gewonnen und noch schlimmere Gräueltaten begangen und am Ende die Welt sowieso in den Krieg geführt. Vielleicht hätte es inzwischen einen Atomkrieg gegeben. Wer weiß das? Gleicherweise ist niemand in der Lage zu wissen, welchen Einfluss das leidvolle Sterben Ihrer Mutter oder meines Vaters auf den Verlauf der Weltgeschichte haben könnte. Vielleicht möchte Gott, dass wir Menschen für die Krankheiten und Gebrechen, die uns plagen, Heilmittel finden, anstatt, dass Er beständig an der Welt mit wundersamen Interventionen herumbasteln muss, um Menschen zu heilen. Genauso wie Er will, dass wir Klempner, Elektriker und Computerwissenschaftler werden, anstatt, dass Er unsere Probleme magisch durch beständiges wundersames Eingreifen in der Welt löst. Ansonsten blieben wir unreife Kinder, statt uns weiterzuentwickeln zu reifen, moralisch handelnden Menschen. Oder noch spezifischer, Gott könnte in seiner Vorsehung einen Grund gehabt haben, das langsame Dahinsiechen Ihrer Mutter zu erlauben. Vielleicht wusste Er, dass dies Sie dazu veranlassen würde, sich mit Ihrem Glauben auseinanderzusetzen und aus diesem Schmelztiegel als stärkerer und reiferer Christ hervorzugehen. Sie haben keine Vorstellung davon, was Gott durch den Tod Ihrer Mutter vollbringen könnte. Es wäre anmaßend von Ihnen, wenn Sie denken, dass er vergeblich war.

Nun ist Ihre Antwort darauf kein Versuch, dies zu leugnen. Sie geben stillschweigend zu, dass Gott sehr wohl aufgrund seiner Vorsehung Gründe haben mag, die schrecklichen Übel in der Welt zuzulassen. Doch darauf erwidern Sie, dass wir uns dann ja über diese Dinge freuen sollten, was – angesichts Ihres Schmerzes um den Tod Ihrer Mutter – natürlich absurd erscheint. Aber Ihre Schlussfolgerung, David, ist nicht zwingend. Wie Sie wissen, lehrt die Schrift, dass wir in allen Umständen, aber nicht notwendigerweise für alle Umstände danken sollen. Insbesondere danken wir Gott nicht für die Sünde und freuen uns auch nicht darüber. Wir sind froh, dass Gott in Seiner Vorsehung etwas Gutes aus Hitlers sündigem Handeln machen kann, aber weder wir noch Gott freuen uns an dem Bösen. Im Falle des natürlichen Bösen, wie beispielsweise der Krankheit unserer Eltern, kann es uns erleichtern, dass Gott aus ihrem Leid etwas Gutes machen kann. Doch daraus folgt nicht, dass wir froh darüber sind, dass sie gelitten haben.

David, Ihre Sicht von Gebet und Vorsehung ist naiv und beruht auf einer fehlerhaften Argumentation. Wenn Gott mittleres Wissen hat, dann berücksichtigt Seine Vorsehung für eine Welt bereits, welche Gebete in bestimmten Umständen dargebracht werden. Ihre anthropomorphe Gottheit, die vom Himmel herabschaut und in der letzten Minute Entscheidungen trifft, ist eine Karikatur. Mit Ihrer Behauptung, „Gott in seinem Vorherwissen würde die Antwort bereits wissen; somit gäbe es keine Möglichkeit, dass ein bestimmtes Ereignis einen anderen Ausgang nähme, auch wenn die ganze Welt in Einigkeit darum beten würde“, sind Sie der fehlerhaften Argumentation des Fatalismus verfallen! Es ist logisch gesehen fehlerhaft zu behaupten, weil Gott weiß, dass sich bestimmte Dinge ereignen werden, gäbe es deshalb keine Möglichkeit, dass das Ereignis nicht eintritt. Alles, was daraus folgt, ist, dass das Ereignis eintreten wird, nicht dass es eintreten muss, und würde es nicht eintreten, dann hätte Gott es auch so vorhergewusst. (Lesen Sie mehr zum Thema Fatalismus und Vorherwissen in meinem Buch The Only Wise God). Dies ist einer der Fälle, an dem man den realen Wert der Philosophie für das christliche Leben erkennen kann. Aufgrund Ihrer philosophischen Denkfehler werden Sie dazu verleitet, gegen das Gebet als „lächerlich“ anzuschimpfen, und schneiden sich dadurch gerade von der Quelle der Hoffnung und des Trostes ab, die Sie so dringend benötigen. Natürlich sollten Sie Mitgefühl und Schmerz für Leidende empfinden. Worüber Sie sich freuen können, ist die Tatsache, dass dieses Leid nicht das unerlöste Produkt eines blinden Zufalls ist, sondern von einem liebenden und vorsehenden Gott zugelassen wurde, der daraus etwas Gutes hervorbringen kann.

Ihre abschließende Argumentation, David, erscheint mir etwas verwirrt. Natürlich ist die Person im Leben nach dem Tod mit der Person im Leben hier in ihrer Persönlichkeit identisch. Aber warum sollte ihre Geistesverfassung dieselbe sein? Der verstorbene Nobelpreisträger und Neurologe Sir John Eccles erklärte die Beziehung zwischen dem Verstand und dem Gehirn einmal so: Der Verstand benutzt das Gehirn als ein Instrument zum Denken. Genauso wie ein Pianist nicht schöne Musik machen kann, wenn sein Piano kaputt oder verstimmt ist, selbst wenn er die angeborene Fähigkeit besitzt, eine solche Musik zu produzieren, so kann der Verstand auch nicht richtig denken, wenn das Gehirn durch eine Krankheit oder Drogen beschädigt wurde. Doch im Leben nach dem Tod, und insbesondere in der Auferstehung, werden wir von solchen Gebrechen befreit sein. Die wunderbare Hoffnung auf das ewige Leben kann uns den Mut geben, das kurze Leiden dieses irdischen Lebens zu ertragen. Sie fragen, „welche Hoffnung gibt es denn, dass uns in dem Leben nach dem Tod eine Verjüngung erwartet?“ Die Auferstehung Jesu Christi natürlich! Seine Auferstehung, die unserer vorausgeht, ist die Grundlage unserer Hoffnung, – nicht nur auf unsere eigene Heilung und Wiederherstellung, sondern auch auf die Ihrer Mutter und meines Vaters.

David, wenn ich Ihren Brief lese, so habe ich nicht den Eindruck, dass Sie mit natürlicher Theologie oder den historischen Beweisen für die Auferstehung Jesu sehr vertraut sind, trotz Ihrer Eigencharakterisierung als der eines (einst) „tief überzeugten Christen“. Denn das Verteidigungsargument, das ich oben gegen das Argument des Bösen angeführt habe, ist nur die Kehrseite der Münze des starken offensiven Argumentes für die Existenz Gottes und die Auferstehung Jesu. Selbst wenn wir keine Antwort auf das atheistische Argument des Bösen hätten, so denke ich doch, dass diese positiven Argumente und Beweise einfach stärker sind als das Gegenargument, das aus der Existenz des Bösen folgt. Doch scheinen Ihnen die positiven Argumente für den christlichen Theismus nicht bekannt zu sein.

Somit sind die Argumente, die Sie anführen, um den Glauben an Gott zu verwerfen, nicht wirklich gut, David. Ich möchte Sie ermutigen, Ihren Schmerz zu verarbeiten und zur gegebenen Zeit damit zu beginnen, ernsthafter zu studieren, - nicht nur das Problem des Bösen, sondern auch die positiven Beweise zur Unterstützung unserer Hoffnung.

William Lane Craig

(Übers.: B. Currlin)

Link to the original article in English: /the-problem-of-evil-once-more


[1] Vgl. Q&A 255, "Skeptischer Theismus und das Problem des Bösen", /german/qa255 (Anm. d. Übers.)

[2] J.P. Moreland and W.L. Craig: Philosophical Foundations for a Christian Worldview. IVP Academic 2003 (Kapitel 27 über das Problem des Bösen umfasst die Seiten 536-553).

- William Lane Craig