#350 Gott und die Naturkatastrophen
January 14, 2016Sehr geehrter Prof. Craig,
ich hoffe, Sie können mir bei der Lösung eines Problems helfen. Es geht um das Thema Naturkatastrophen. Ich habe mir gerade erst einige Notizen aus der Philosophievorlesung, die ich letztes Semester besucht habe, noch einmal vorgenommen. Als Sprungbrett benutzte ich die Schöpfungstheorie des Kirchenvaters Irenäus[1]. Von da stürzte ich mich in meine Versuche, das Problem der Naturübel mit der Existenz Gottes in Einklang zu bringen, aber jedes Mal lande ich in einer Sackgasse. Hier mein Gedankengang:
Wenn ich die Vorstellungen zahlreicher Apologeten teile, kann ich verstehen, dass Gott das Böse zulässt, um es in einen guten Zweck zu überführen. Das mag manchen Leuten unbequem erscheinen, aber logisch-theologisch ergibt es Sinn. Dort liegt auch nicht mein Problem. Diese Vorstellung wird oft auch bei Naturkatastrophen bemüht. Gott lässt uns heranreifen, lässt uns seelisch wachsen und fügt es, dass wir andere zu ihm führen. Doch ein Wort ergibt für mich dabei keinen Sinn – das Wort „zulassen“. Freilich lässt Gott Böses zu, doch was die Naturkatastrophen betrifft, scheinen mir die Dinge etwas anders zu liegen. Die Natur hat in dieser Sache offenbar kein Wort, da sie ja vorgezeichneten Pfaden entlangläuft, denke ich. Folgt daraus nicht, dass der eine, der ihren Lauf vorbestimmt hat, letztlich auch verantwortlich ist für die Grausamkeiten, die in unserer Schöpfung vorkommen? Ich verstehe, dass Gott Böses zulassen kann, aber was die Naturkatastrophen betrifft, scheint es mir, er bewirke sie geradezu. Wir sind diesem Gedankengang in einer Diskussion zur Willensfreiheit nachgegangen, um zu zeigen: Wenn Gott unsere Handlungen vorherbestimmt hat, ist er letztlich auch für sie verantwortlich.
Der einzige Weg aus diesem Dilemma scheint zu sein, die Naturkatastrophen nicht als etwas Schlimmes zu betrachten. Ich glaube nicht, dass sie alle in die Kategorie „Gericht“ geschoben werden können oder auf Adams Sündenfall zurückzuführen sind, denn Katastrophen sind ja nur das Ergebnis natürlicher Prozesse. Warum bezeichnen wir sie dann aber als „Übel“? Warum jauchzen wir nicht oder bleiben ungerührt, wenn ein Tsunami über Sri Lanka zieht? Warum sind wir überzeugt, dass die Dinge eigentlich ganz anders laufen müssten?
Lassen Sie es mich so ausdrücken. Diese Naturereignisse rufen in uns emotionale Reaktionen wie Trauer, Mitleid, Erbarmen und dergleichen hervor. Das ist ja nach Irenäus’ Theorie der Schöpfung und nach seiner Theodizee-Erklärung alles gut und schön. Wir sollen uns als Personen oder Seelen entwickeln, sollen reifen. Zum Konflikt kommt es, wenn man das Problem so betrachtet: Diese emotionalen Reaktionen sind ja im Hinblick auf etwas Böses, das uns widerfahren mag, durchaus angebracht. Da denken wir doch, die Dinge sollten anders, besser laufen. Der Sinn des „Gesollten“ kommt von Gott, wie Sie in Ihren Büchern sagen. Im Fall der Naturkatastrophen empfinden wir aber ebenso! Auch hier denken wir doch, die Dinge sollten anders laufen! Warum empfinden wir zurecht so, wenn Gott bereits vorherbestimmt hat, was geschehen soll, was diese Vorgänge in der Natur anlangt?
Das macht mir wirklich zu schaffen. Niemand, der über dieses Problem nachdenkt, scheint die Verbindung zwischen einem Schöpfer der natürlichen Vorgänge und den Vorgängen, die für das Naturkatastrophen verantwortlich sind, herzustellen. Wenn man dieser Logik folgt und diese Vorgänge vorherbestimmt sind, ist Gott die Ursache der Naturkatastrophen. Aber das widerspricht so ziemlich allem, was wir über den christlichen Gott wissen, es sei denn, sie sind in Wahrheit nicht „schlimm“. Doch dann spitzten sich die genannten Probleme zu. Die Emotionen, mit denen uns Gott ausgestattet hat, sagen uns: Es sollte anders laufen als nach Gottes Plan. Doch wenn diese Ereignisse nicht schlimm sind, dann sind sie gut und Teil des göttlichen Willens, und unser moralisches Empfinden leitet uns fehl. Wie können wir unseren Moralvorstellungen dann aber trauen? Ich drehe mich hier im Kreis!
Mir ist klar, dass unser Handeln natürliche Konsequenzen hat, wie C. S. Lewis in seinem Buch Über den Schmerz gesagt hat, aber dieses Naturgeschehen können wir ja nicht beherrschen; es steht ganz unter Gottes Kontrolle. Sie selbst bemühen öfter die tektonischen Plattenverschiebungen als Beispiel von Naturkatastrophen, die gute Folgen haben. Doch war es nicht Gott, der die Gesetze initiiert hat, die die Platten sich verschieben lassen? Warum gibt es keine Welt, in der es keine Naturkatastrophen gibt und in der nur das moralisch Böse zugelassen wird? Gott mag seine Absicht auch in der Zulassung natürlicher Übel erreichen, aber wie konnte er sie im Vorhinein festlegen?
Ich wäre für jede Hilfe dankbar. Ich sehe nicht, wie man es vermeiden kann, Gott als Urheber dieser Übel darzustellen, es sei denn, die schlimmen Zustände in unserer Natur seien wirklich auf Adams Sündenfall zurückzuführen.
Nick
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Dr. craig’s response
A [
Sie werden sich vorstellen, dass man über diese Frage endlos diskutieren kann, Nick.
Auf der einen Seite betrifft Ihre Frage nicht so sehr das Problem des Bösen, sondern vielmehr die Lehre von der göttlichen Vorsehung. Sie machen sich Sorgen, dass Gott die Naturkatastrophen nicht nur zulässt, sondern gar deren Ursache ist? Nun, der christliche Theist glaubt nicht, Gott greife jedes Mal direkt ins Weltgeschehen ein und verursache Erdbeben, Tornados, Schlammlawinen oder sonstige Naturkatastrophen. Der direkten Ursache solcher Ereignisse wird man ihn daher schwerlich zeihen können. Man könnte ihn höchstens als „Fernursache“ dieser Ereignisse sehen in dem Sinne, dass er die Naturgesetze festgelegt hat, die unser Universum beherrschen, dazu die ursprünglichen Grenzbedingungen, nach denen diese Gesetze wirken. Stellen wir uns vor, Gott hat das beim Urknall bewirkt und dann nicht mehr auf wundersame Weise ins Weltgeschehen eingegriffen. Sie behaupten, Gott sei deshalb die Ursache aller Naturkatastrophen, die sich im Lauf der Weltgeschichte ereignen.
Ihre Schlussfolgerung setzt voraus, dass die Natur „auf vorgezeichneten Pfaden entlangläuft“. Damit teilen Sie die LaPlacesche Perspektive. LaPlace prahlte, in Kenntnis der Newtonschen Gesetze und mit Wissen um die genaue Lage und Geschwindigkeit jedes Teilchens im Universum könne er den Zustand des Universum rückwärts und vorwärts beliebig ausrechen. Wenn sich die Quantenunbestimmtheit als ontisch und nicht nur als epistemisch[2] richtig erweist, wenn sie also ein Merkmal der Natur ist und nicht nur unserem begrenzten Wissen über die Natur zuzuschreiben ist, ist LaPlaces Prahlerei glatter Unsinn. Diese Art der chaotischen Unbestimmtheit gilt in letzter Zeit als immer stärker erwiesen. Man hat mir beispielsweise gesagt, dass bei einer Billardkugel schon kleinste Abweichungen bei der exakten Feststellung ihres Ortes und ihrer Geschwindigkeit dazu führen, dass wir nach nur zwölf Bandenabprallern einer Kugel keinerlei Angabe über den Ort der Kugel machen können. Die Kugel könnte überall auf dem Tisch sein! Wenn die Quantenunbestimmtheit nun wirklich ontisch ist, kann Gott kein Erdbeben auf eine fixe Zeit hin ansetzen, indem er einfach die Naturgesetze und deren ursprüngliche Grenzbedingungen des Universums festlegte. Wenn sich ein Erdbeben ereignet, dann nur deshalb, weil Gott es nicht verhindert. Er lässt es also zu. Problem gelöst.
Nehmen wir aber an (ich persönlich tendiere jedenfalls dazu), die Quantenunbestimmtheit ist lediglich ein erkenntnistheoretisches Faktum und keines, das dem Sein innewohnt[3]. Was dann? Wäre Gott auch dann die (indirekte) Ursache jeder Naturkatastrophe? Nein. Denn was an den Naturkatastrophen schlecht ist, ist nicht das Eintreten dieser Geschehnisse selbst. Es ist nichts Böses daran, wenn sich eine Kontinentalplatte unter die andere schiebt, genauso wenig ist das Erdbeben an sich schon böse, welches dadurch entsteht. Derlei Naturereignisse sind aus ethischer Sicht neutral; die Moral ist nicht auf Felsen, Regen und Wind anzuwenden. Wenn es etwas Schlechtes an diesen Ereignissen gibt, dann dort, wo Menschen darin verwickelt werden. Wie Sie richtig anmerken, spüren wir, dass etwas nicht so läuft, wie es laufen sollte, wenn Kinder ins offene Meer gespült werden und in Flutwellen ertrinken. (Ich darf übrigens erwähnen, dass hier ein sehr starkes Argument zugunsten des Theismus schlummert, wie mein Kollege Douglas Geivett gezeigt hat. Denn der Naturalist hat keine Grundlage zu behaupten, ein Tsunami, der über eine pazifische Insel hinwegfegt, sei etwas Schlimmes! Schlimm vielleicht für die Insulaner, aber welch eine Wohltat für das maritime Leben rund um die Insel! Wenn Sie nun sagen: So sollte es aber nicht sein, dann erkennen Sie damit stillschweigend an, dass es eine Art Norm gibt, wie die Dinge eigentlich laufen sollten. Sie anerkennen damit einen Entwurf oder Plan, dem sich die Dinge nicht fügen. Das aber bedarf eines kosmischen Planers, der festgelegt hat, wie die Dinge sein sollten.)
Wenn aber das Schlechte darin besteht, dass Menschen in derlei Dinge verwickelt und in solchen natürlichen Geschehnissen verletzt werden, dann ist vor dem Hintergrund der menschlichen Freiheit Gott nicht die einzige Ursache der Naturübel. Denn nicht er hat ja die Menschen dazu geführt, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, also dort, wo sich eine solche Naturkatastrophe ereignet. Freilich darf man auch nicht die Menschen für ihr Unglück verantwortlich machen! Wenn man die Ahnungslosigkeit des Menschen bedenkt, kann man mit Recht sagen, sie seien unglückliche Opfer. Man sagt damit einfach, Gott sei nicht der einzige, der (indirekt) kausal zur Wirklichkeit schlimmer Naturzustände beiträgt. Ich wiederhole es: Gott ließ einfach nur zu, dass sich Menschen an einem Ort aufhielten, als sich eine Naturkatastrophe ereignete. Nicht-Theisten werden zweifellos sagen, was für ein verantwortungsloser Gott! – aber das ist ja nicht der Fokus Ihrer Frage, Nick. Sie wollen nur wissen, ob es vernünftig ist, zu sagen, Gott lasse Naturkatastrophen zu und verursache sie nicht. Die Antwort auf diese Frage ist: Ja, das kann vernünftigerweise gesagt werden.
Darüber hinaus wird der Theist behaupten, dass Gott moralisch ausreichende Gründe dafür hat, diese Katastrophen zuzulassen, so dass nicht gesagt werden kann, er habe falsch gehandelt, indem er sie zuließ. Der Nicht-Theist irrt, wenn er denkt, was nicht geschehen sollte, sollte auch nicht zugelassen werden. Doch Gott kann durchaus gute Gründe haben, schlimme Zustände zuzulassen. Man kann plausibel sagen: Nur in einer Welt, in der sich Naturkatastrophen zuhauf ereignen, kämen die Menschen in Scharen freiwillig zur Gotteserkenntnis und fänden ewiges Leben. In einer Welt, in der es keine solchen Katastrophen gäbe, glichen wir verwöhnten und verhätschelten Kindern, die Gott vergessen; wir wären keine verantwortungsbewussten Akteure – ein Umstand, der sich recht gut mit Ihrer von Irenäus entlehnten Theodizee vereinbaren lässt, nach der die Leiden und Übel in der Welt dazu dienen können, dass der Mensch sich moralisch weiterentwickeln kann. Daher ist es nicht verkehrt, wenn Gott Naturkatastrophen zulässt, genau wie es nicht unrecht von mir ist, mein Kind zum Zahnarzt gehen zu lassen.
(Übers.: I. Carobbio)
Link to the original article in English: /god-permitting-natural-evil
[1] Nach der Schöpfungstheorie und Theodizee des Kirchenvaters Irenäus (130-202 n.Chr.) wurden Menschen nicht perfekt geschaffen. Die Schöpfung erfolgte in zwei Stufen: zunächst wurden Menschen nach dem Bilde Gottes geschaffen, danach wurde ihnen die Ähnlichkeit zu Gott verliehen. Menschen seien nicht perfekt, weil die zweite Stufe noch nicht vollständig vollzogen worden sei. Um die Ähnlichkeit mit Gott zu erreichen, müssten Menschen sich erst noch entwickeln; das Böse und das Leid existieren laut Irenäus, damit Menschen sich durch die Prüfungen zu dieser Ähnlichkeit Gottes weiterentwickeln können. (A.d.Ü.)
[2] Ontisch bezieht sich auf reales Sein oder Existenz; epistemisch betrifft die Erkenntnis von Dingen.
[3] D.h. der genaue zukünftige Verlauf der Ereignisse entziehe sich nur unserer Erkenntnis, weil unsere Erkenntnisfähigkeit begrenzt ist, könnte aber in Wahrheit vielleicht trotzdem determiniert sein.
- William Lane Craig
